Rang 54 und die Angst der Grünen

Erst PISA, jetzt ESI Nach dem Bildungsschock erhält auch die deutsche Umweltpolitik schlechte Noten in einem internationalen Vergleich

Vor kurzem PISA und nun ESI. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Während die PISA-Studie zeigte, dass deutsche Schüler schlecht lesen und schreiben können, offenbart die ESI-Studie, dass es - im übertragenen Sinne - mit den umweltpolitischen Lese- und Rechenkünsten der Deutschen nicht zum Besten bestellt ist, dass die ganze deutsche Nation, ökologisch betrachtet, schlecht dasteht. Bei PISA reichte es zum Rang 20 in einem Feld von 38 vorwiegend reichen Ländern. Bei ESI steht Deutschland auf Rang 54 von insgesamt 142 untersuchten Ländern. Finnland jeweils an der Spitze, Deutschland auf den mittleren Rängen - soweit die Gemeinsamkeiten beider Studien.
Doch während bei PISA inzwischen niemand mehr nur an die Stadt gleichen Namens, sondern an die Misere des deutschen Schulwesens denkt und politisch ein großer Wirbel um neue Prioritäten und Strategien entfacht wurde, erscheint ESI weder auf der Titelseite einer Tageszeitung, noch in irgendeiner Sendung von Radio und Fernsehen, ganz zu schweigen von einer gesamtgesellschaftlichen Debatte. Bei PISA geht es um die Sicherung der langfristigen intellektuellen Kapazität der Nation, bei ESI geht es "nur" um unser aller langfristiges Überleben in der Natur.
ESI - der Environmental Sustainability Index - ist ein Instrument zur Messung der ökologischen Nachhaltigkeit von Staaten. Die ESI-Rangskala basiert auf 20 Kernindikatoren, die insgesamt 68 ökologisch und umweltpolitisch wichtige Variablen repräsentieren. Der ESI ermöglicht auf diese Weise den systematischen, quantitativen Vergleich der ökologischen Nachhaltigkeit von Staaten, und mit seiner Hilfe lassen sich umweltpolitische Entscheidungen fundiert begründen. Der jeweilige Zustand der natürlichen Umwelt und die umweltpolitischen Kapazitäten der Staaten werden auf einer Skala von Null bis Hundert bewertet. Finnland erreicht als führende ESI-Nation 73,7 Punkte, Deutschland nur 52,1 und die Vereinigten Arabischen Emirate als Schlusslicht 25,3 Punkte.
Hinter der ESI-Studie stehen Jahre intensiver methodischer und empirischer Arbeit. Die Autoren sind anerkannte Wissenschaftler der Yale Universität in New Haven und der Columbia Universität in New York - keine akademischen Leichtgewichte also, die sich mit Hinweis auf methodische Schwächen oder verbleibende Datenprobleme ohne weiteres negieren ließen (was bei der PISA-Studie versucht wurde, aber auch nicht gelang).
Das Erscheinen der ESI-Studie fällt mit zwei anderen Ereignissen der Woche zusammen. Erstmals fielen Bündnis 90/Die Grünen im Politbarometer der Bundesrepublik unter die Fünf-Prozent-Marke. Schlechte Note für Deutschland seitens der internationalen Wissenschaft, schlechte Note für die Grünen seitens der deutschen Wählerschaft. Nur ein Zufall? Müssen wir uns vielleicht noch größere Sorgen um die Zukunftsfähigkeit der Deutschen machen als die PISA-Studie das ohnehin nahe legt? Oder tappen die Grünen nur in die Politikfalle: Nur nichts artikulieren, was das eigene ökologische Wahrnehmungsdefizit und das eigene umweltpolitische Versagen belegen würde? Dieser Verdacht scheint nicht ganz unbegründet. Denn soeben ist eine weitere umfangreiche Nachhaltigkeits-Studie fertiggestellt worden, deren öffentliche Präsentation um eine Woche verschoben wurde, weil dem Herrn Umweltminister die Kurzfassung des Berichts und die betreffende Pressemitteilung nicht freundlich genug formuliert gewesen sein sollen.
Die von Trittin hinausgezögerte Studie des Umweltbundesamtes "Nachhaltige Entwicklung in Deutschland - die Zukunft dauerhaft umweltgerecht gestalten" und die ESI-Ergebnisse sind nicht unmittelbar vergleichbar. Nicht, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte. Doch während es bei ESI um den internationalen Vergleich des Zustandes der Umwelt und der jeweiligen Managementkapazität geht, will das Umweltbundesamt (UBA) mit Hilfe von unterschiedlichen Szenarien (Status quo-, Effizienz- und Nachhaltigkeits-Szenario) aussichtsreiche von weniger aussichtsreichen Entwicklungspfaden für Deutschland unterscheiden helfen. Die UBA-Autoren halten ein umfassendes, ganzheitliches Nachhaltigkeits-Szenario in Deutschland für grundsätzlich möglich. Am Status quo orientierte Szenarien würden das Land dagegen ökologisch in die Sackgasse führen, und Effizienz-Szenarien hätten nur partiell ökologisch entlastende Wirkungen.
Soweit, so gut. Und doch erinnert diese Erkenntnis, so wie sie inhaltlich daherkommt, an das bekannte "Pfeifen im Walde". Nur niemanden erschrecken, keine Konfliktstrategie fahren, niemanden wirklich etwas Besonderes abfordern! In den Worten des UBA-Präsidenten klingt das dann so: "Eine dauerhaft umweltgerechte Entwicklung in Deutschland ist möglich, ohne die Gesellschaft als Ganze zu überfordern oder dem Einzelnen unzumutbare Opfer abzuverlangen." Und der Umweltminister meint gar: "Die Bundesrepublik hat im weltweiten Vergleich einen Spitzenplatz im Umweltschutz inne. Wir sind auf dem richtigen Weg."
Nein, meine Herren, wir sind nicht auf dem richtigen Weg. Nebenbei und konfliktlos wird eine Strategie der Nachhaltigkeit in Deutschland nicht entstehen können. Statt die Wirklichkeit zu schönen, hätte man doch lieber die ESI-Studie lesen sollen. Und so bleibt nach dieser umweltpolitisch ereignisreichen Woche eine Frage weiterhin offen: Ob wir die Grünen nach der nächsten Bundestagswahl doch noch brauchen, um dem lese- und rechnungsschwachen Volk die ökologischen Leviten zu lesen.

Environmental Sustainable Index. An Initiative of the Global Leaders for Tomorrow Environment Task Force, World Economic Forum, in collaboration with the Yale Center for Environmental Law and Policy, Yale University, and the Center for International Earth Science Information Network, Columbia University. www.ciesin.org/indicators/ ESI/downloads.html (demnächst auch als Buch verfügbar)

Umweltbundesamt: Nachhaltige Entwicklung in Deutschland - die Zukunft dauerhaft umweltgerecht gestalten. www.umweltbundesamt.de (demnächst auch als Buch verfügbar)

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00:00 15.02.2002

Ausgabe 38/2020

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