Raus hier

Berliner Abende Zuletzt war ich nur noch hektisch mit dem Finger über den Stadtplan Manhattans gefahren. Kam man mit dem M 5 bis zur George Washington Brücke? Auch ...

Zuletzt war ich nur noch hektisch mit dem Finger über den Stadtplan Manhattans gefahren. Kam man mit dem M 5 bis zur George Washington Brücke? Auch im Jahr 1950? Und wo waren am Times Square damals die Kinos? Wann lief The Barclays of Broadway mit Fred Astaire und Ginger Rodgers? Ich wurde und wurde nicht fertig mit dem Buch. Ich fing an, das Manuskript zu hassen. Ich ging nicht mehr aus dem Haus. Ich starrte auf den Bildschirm. Ich schrieb Sätze auf, die ich sogleich wieder löschte, weil sie sich furchtbar anhörten. Wenn mir gar nichts mehr einfiel, aß ich eine Tafel Schokolade oder die Nuss-Nougatcreme meines Sohnes. Es kam das neue Jahr. Ich verfluchte, jemals diesen Auftrag angenommen zu haben. Über die Korrekturen verging die Hälfte des Januar, aber dann kam der Tag, an dem ich auf SENDEN drückte und das Manuskript von meinem Schreibtisch schob. Ich war wieder frei.

Ich schnürte die Schuhe und fuhr nach Neukölln. Neukölln ist die beste Art, wieder in die Realität zurückzukehren, in der Bücher im Allgemeinen eine untergeordnete Rolle spielen. Schon am S-Bahnhof Greifswalder Straße fiel mir eine Frau auf, die sich sehr nah an einer Wirklichkeit bewegte. Sie lief immer zehn Schritte, drehte sich dann abrupt auf dem Absatz um und lief exakt die gleich großen zehn Schritte zum Ausgangspunkt zurück. Den Blick hatte sie dabei auf Ferne gestellt. Sie hatte eine Mütze, wie sie Bobfahrerinnen zu tragen pflegen, auf dem Kopf, aber selbst zum Skifahren war sie zu zart. Was mich ein wenig befremdete, war, dass sie bei ihrer Arbeit sprach. Und zwar immer nur zwei Sätze: »Hat zu sterben. Stirbt.« Sie schaute niemanden an dabei.

Ich verlor sie aus den Augen, als die Bahn einfuhr. Nach drei Stationen bemerkte ich, dass es nicht die Ringbahn, sondern die S-Bahn nach Grünau war. Ostkreuz stiegen zwei Kontrolleure zu, angezogen wie Sozialhilfeempfänger. Eine Frau hielt ohne ein Wort zu sagen, ihren Personalausweis statt des Fahrausweises hin. Das Ausfüllen des Strafzettels dauerte bis zur Spreebrücke, dann war klar, dass der Computer der BVG sie nie mehr vergessen würde. Ich hatte einmal versäumt, am Anfang des Monats die Abonnementmarke aufzukleben. Wenn man sich die Mühe macht, die BVG am Kleistpark aufzusuchen, um die richtige Monatsmarke vorzuzeigen, muss man weniger Strafe bezahlen. Wie viel, weiß ich nicht, denn als ich den zuständigen Raum betrat, schaute die Frau im Computer nach und schrie entzückt auf: »Sie kommen ja zum ersten Mal!« Zum Dank erließ sie mir die Strafe. Ich kam mir vor wie eine Musterschülerin. Was mich wunderte war, dass sie meine Vorwendebeförderungserschleichungen nicht in ihrem Computer hatte.

Ich stieg mit den Kontrolleuren am Treptower Park aus. Worüber unterhalten sich Kontrolleure den ganzen Tag? Die beiden nuschelten sehr stark, vielleicht verstanden sie sich gegenseitig nicht und taten nur so, damit man sie für zwei Arbeitslose beim Müßiggang hielt. Als die Ringbahn in Richtung Uhrzeigersinn einfuhr, machten sie, nachdem die Türen geöffnet wurden, ihre eingeübten Schritte wie die Kriminalkommissare im Tatort: Schnell eintreten, Rücken zur Wand, Waffe vor, langsam mit der vorgehaltenen Waffe durch die nächste Tür drehen und schreien: Fahrkartenkontrolle. Inzwischen stand dem Dunkelhaarigen der Hosenstall offen. Ich überlegte, ob ich es ihm sagen sollte, aber ich finde Kontrolleure nicht besonders sympathisch. Sollte er sich doch blamieren.

Als ich Bahnhof Neukölln mit dem Fahrstuhl in den Untergrund fuhr, erwartete mich eine Überraschung: die Verrückte mit der Bobfahrerinnenmütze lief auf dem U-Bahnsteig ihre Runden. Diesmal zwischen Fahrstuhl und Stationsanzeige. Die Leute taten so, als würden sie sie nicht bemerken, traten aber auch nicht zur Seite, wenn sie ihr Ziel ins Auge nahm und losschritt. Als es immer mehr Leute wurden, die auf die Bahn warteten und mit ihren Körpern den Weg versperrten, wurden ihre Runden immer kleiner, bis sie nur noch trippeln konnte. Die U-Bahn fuhr ein, und ich verlor sie aus den Augen. Als letzte stiegen zwei Typen ein, die aussahen, als hätten sie Messer unter den Armen und zwischen den Beinen, so heftig hatten sie ihre Muskeln im Fitness-Studio bearbeitet. Sie stellten sich in den Gang und schrieen, mit Stimmen wie aus einem tiefen Brunnen: »Die Fahrausweise bitte mal.« Diese Kontrolleure taten so, als sei es an sich schon eine Straftat, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Ich stieg beim nächsten Halt aus. Erst als die Bahn klingelte, fiel mir auf, dass es eine Station zu früh war. In der nächsten Bahn standen wieder die Muskelprotze und befahlen die Fahrscheinherausgabe. Ich überlegte, ob ich mir den Fahrausweis heute nicht lieber an die Stirn kleben sollte.

Es wunderte mich dann gar nicht mehr, als ich auf dem Platz vor dem Rathaus Neukölln der stur ausschreitenden Bobfahrerin wiederbegegnete, der gerade das »Stirbt« über die Lippen kam.

00:00 31.01.2003

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