„Raus in die Kälte“

Kraftklub Die Chemnitzer Band bringt endlich ihre zweite Platte heraus. Hier erzählen sie, warum sich die Jungs stärker denn je als politisch verstehen
Juliane Streich | Ausgabe 37/2014

Der Freitag: Auf eurer neuen Platte „In Schwarz“ beschäftigen sich zwei Songs mit Protestkultur. In „Hand in Hand“ geht der Protagonist nur mit auf die Demo, weil er verliebt ist. Bei „Schüsse in die Luft“ steht er allein auf der Straße, weil die anderen RTL 2 schauen.

Felix Brummer: Die Frage ist doch, wofür man auf die Straße gehen sollte. Oder ob es reicht, sich ständig zu empören und auf Facebook mal richtig wütend einen Link zu teilen. Und sich dann mit einem beruhigenden Gefühl ins Bett zu kuscheln. Ich glaube eben nicht, dass das reicht. Die gute alte Demo ist ein super Weg, aber unbequemer. Man muss sich schon mal die Schuhe anziehen und raus in die Kälte.

Wofür soll man denn auf die Straße gehen?

Brummer: Da gibt’s eine ganze Menge. Wo wir herkommen, sind es die Klassiker.

Nazis?

Brummer: Ja. Und das ist absolut lohnenswert.

Würdet ihr euch als eine politische Band bezeichnen?

Steffen Israel: Früher wollten wir unpolitisch sein, dann aber mussten wir einsehen, dass das nicht geht. Eine Band, die eine Meinung hat, kann nicht unpolitisch sein, weil man immer wieder Stellung beziehen und die auch in gewissem Maß äußern muss. Es hat für uns aber keine Priorität, den Leuten zu erklären, wonach sie sich richten sollen.

Brummer: Wir sind nicht Morrissey, wir wollen keine wütenden Reden in die Diktiergeräte der Journalisten sprechen. Aber wir sind fünf sehr politische Menschen. Wir merkten, dass wir gewisse Sachen machen und andere eben nicht. Und nicht aus Karrieregründen, sondern aus moralischen. Zum Beispiel spielen wir auf Antifa-Demos. Und da landet man im Endeffekt bei Politik. Politik klang für uns immer gleich nach Parteien, aber das hat damit ja erst mal nichts zu tun.

Hat euch das Ergebnis der Sachsen-Wahl erschreckt?

Brummer: Ja, und ich fand es echt schräg, dass die Wahlbeteiligung so gering war. Ich habe mit Freunden gestritten, die meinten, dass es falsch sei, überhaupt zur Wahl zu gehen, weil man damit das System anerkennt, wie es besteht. Ich bin eher gemäßigt und sage: Ich wähle. Und wähle dann lieber das kleinere Übel.

Glaubt ihr, die meisten Sachsen haben nicht gewählt, weil sie das System nicht anerkennen?

Israel: Nein, weil Stadtfest war.

Brummer: Aber jetzt haben wir genug über Politik geredet.

Sollen wir über Liebe reden?

Brummer: Auch das ist ein Thema, das fünf Jungs Mitte zwanzig beschäftigt.

Und die Fans. Auf dem neuen Album besingt ihr die verschiedenen Stadien einer Beziehung. Alles selbst erlebt?

Israel: Genau. Nach dem Motto: Baby, ich mach Schluss, weil ich noch einen Song darüber schreiben muss.

Brummer: Im Ernst, man muss ja erst mal was erleben, bevor man drüber schreiben kann. Sich Zeit nehmen, abschalten, wieder mit den alten Freunden abhängen und nicht die ganze Zeit über die Band oder mit Journalisten reden. Dafür brauchten wir Zeit. Für unser erstes Album konnten wir ja auf etwa 15 Jahre Lebenszeit zurückgreifen. Wir wollten ja kein Album darüber machen, wie es ist, auf Tour zu sein.

Israel: Bier her, Bier her.

Brummer: Backstageparty. Backstageparty.

Trotzdem singt ihr auf der Platte von schrecklichen VIP-Partys. Ist Ruhm so schlimm?

Brummer: Man muss natürlich nicht hingehen, aber man landet doch immer wieder da. Der Song handelt aber auch generell von schlechten Partys. Von dem Gefühl: Was mache ich hier? Wieso gehe ich nicht?

Israel: Man könnte ja was verpassen. Also nimmt man einfach noch zwei Drinks.

Bevor ihr im Winter in großen Hallen Konzerte gebt, macht ihr im Herbst erst einmal eine Tour durch kleinere Clubs.

Brummer: Da freuen wir uns am allermeisten drauf. Die neue Platte endlich zu spielen und zwar in Clubs, in denen wir selbst gerne sind. Wir haben ja auch unsere erste Platte bis zum Erbrechen auf kleinen Konzerten gespielt.

Habt ihr eure neuen Songs schon mal live gespielt?

Israel: Das ist wirklich ein großer Unterschied. Beim ersten Album haben wir die Songs ja zuerst live getestet und immer wieder leicht verändert. Jetzt mussten wir sie heimlich produzieren.

Warum diese Geheimhaltung?

Brummer: Weil wir es cooler fanden, dass sie nun alle hören können. Wir haben keinen Bock drauf, dass alles vorher schon im Internet landet. Wir wollen das Ganze mehr steuern. Wir hecken gerne Schabernack aus und lassen uns das ungern verderben. Wir haben uns Gedanken gemacht: Erst kam das Video raus und zum Release haben wir die nächste Aktion geplant. Wir werden in einem Konvoi durchs Land fahren und Spontankonzerte geben. Wir sind Kontrollfreaks. Möglicherweise rutscht das manchmal ins Paranoide ab.

Ein Schabernack war auch, dass ihr die erste Single als die unbekannte, maskierte Band „In Schwarz“ herausgebracht habt.

Israel: Wir finden es witzig, Leute zu veräppeln. Mal ausprobieren: Wie kann man eine neue Band gründen und das so streuen, dass die Medien darüber berichten? Das haben wir von KLF, die ein großes Vorbild von uns sind und mal ein Buch darüber geschrieben haben, wie man einen Hit macht. Und dann ein zweites darüber, wie sie das ganze Geld auf einer Insel verbrennen.

Wollt ihr euer Geld auch verbrennen?

Brummer: Nein. Wir haben einen sehr langweiligen Umgang mit Geld. Wir haben ein Bandkonto, von dem zahlen wir uns jeden Monat ein Gehalt aus.

Israel: Wir können gar nicht richtig Geld ausgeben. Wenn sich jemand von uns einen gelben Porsche kaufen würde, würden sich die anderen schon wundern und fragen: Wieso gelb?

Kraftklub

Die erste Platte der fünfköpfigen Band hieß Mit K und erschien 2012. Sie wurde nicht nur Nummer eins der deutschen Albumcharts, sondern auch von der Kritik gefeiert. In dieser Woche wird nun mit In Schwarz das zweite Album veröffentlicht

Das Gespräch führte Juliane Streich

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06:00 16.09.2014

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