Reine Frauensache

Zeitgeschichte Frauen ´68 Frauen sind anders, skandierte der Frankfurter Weiberrat. Und eine Tomate lehrte den SDS-Männern das Fürchten

Wer die Selbstfeier der 68er beobachtet, hat den Eindruck, einem neuen alten Männerbund zu begegnen. Dabei mobilisierte ´68 gerade jenen Teil der neuen sozialen Bewegungen, der die gesellschaftliche Realität der BRD besonders nachhaltig verändern sollte. Noch eine Weile als so genannter "Nebenwiderspruch" in die zweite Reihe gestellt, emanzipierten sich die Frauen nach ´68 von männlich-linker Vorherrschaft. Als Auftakt der neuen Frauenbewegung gilt der legendäre Tomatenwurf auf der Frankfurter SDS-Konferenz im September 1968.

Am 1. Juni 1967, einen Tag vor dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg, suchte Dagmar Seehuber, Mitglied der Kommune 1, illegal einen Arzt auf, um einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. Die Kommunarden - und allen voran der Kindsvater - hatten entschieden, dass sie das Kind nicht bekommen sollte. Es wurde einer dieser Hinterzimmereingriffe, die medizinisch zwar halbwegs gut verliefen, doch eine junge Frau zurückließen, die psychisch völlig verstört und mit dem Erlebnis auf sich alleine gestellt war.

Am gleichen Abend fand in der Mensa der Freien Universität Berlin eine große Veranstaltung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zum bevorstehenden Besuch des persischen Kaiserpaares Reza Pahlavi und Farah Diba statt. Wer auf sich hielt, nahm daran teil. Auch Dagmar Seehuber war dabei, ebenso wie am nächsten Tag vor der Oper, als die Demonstranten von knüppelnden Polizeibeamten durch die Straßen getrieben wurden.

Die fortdauernde Scham

Dagmar Seehuber ging es nicht gut. Sie wurde zwar nicht verletzt, doch sie hatte Unterleibsschmerzen und die Anspannung war so groß, dass sie anfing, hemmungslos zu weinen. Dabei war es ja "nur" eine Frauensache, ein Kind "wegmachen" zu lassen, und eine Frau musste damit irgendwie alleine klarkommen. Auf der politischen Agenda der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition (APO) gab es wichtigere Dinge.

Noch heute sprechen die 68er-Frauen über ihre Abtreibungen Ende der sechziger Jahre nur sehr zögernd und fast nebenbei. Die Drohkulisse des §218 saß damals tief, und sie hatten gelernt, den Eingriff geheim zu halten, unabhängig davon, ob er illegal im Hinterzimmer heimischer Ärzte und Krankenschwestern oder halblegal im Ausland stattgefunden hatte.

Wenige Jahre später skandierten die "Emanzen" dann "ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine" und "mein Bauch gehört mir". Denn bis 1974 stellte der §218 in der alten BRD Abtreibung unter Strafe. Das änderte sich erst Mitte der siebziger Jahre: Obwohl die von der sozialliberalen Koalition beschlossene Fristenregelung vom Bundesverfassungsgericht wieder kassiert wurde, war es zumindest unter bestimmten sozialen Umständen endlich möglich, eine Schwangerschaft legal abzubrechen.

Auch andere Aspekte weiblicher Realitäten, die später mit dem Slogan "das Private ist politisch" umrissen werden sollten, fanden in der Revolte von 1968 keine Resonanz. Als Ulrike Meinhof 1968 bei einem Treffen des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen fragte, "wer schon einmal von seinem Mann geschlagen worden" sei, erhielt sie keine Antwort. Der Themenkomplex war derart mit Scham belegt, dass keine außer Meinhof es wagte, darüber zu sprechen. Ihre Konkret-Kolumnen schrieb die erfolgreiche Journalistin meist aber auch lieber über "harte" politische Themen als über "Frauensachen".

Ungeachtet dieser Vorsicht, die selbst streitbare Frauen wahrten, lag das Wort "Geschlechterkampf" in der Luft. Am 25. November 1968 prophezeite Spiegel-Autor Peter Brügge dem SDS die rosa Zeiten sind vorbei, auch wenn es noch gelänge, den SDS-Bundesvorstand "frauenfrei" zu halten. Antonia Grunenberg aus Frankfurt, die für einen der fünf Sitze kandidieren wollte, wurde von den Genossen derart zugesetzt, dass sie, wie Peter Brügge schreibt, "dem Zusammenbruch nahe, ihren emanzipierten Anspruch aufgab."

Befreit die Eminenzen ...

Der Unmut unter den Frauen wuchs. Schon am 13. September hatte Helke Sander den SDS-Genossen mit der ersten feministischen Grundsatzrede die Leviten gelesen und Sigrid Rüger die Tomate geworfen. Zwei Monate später präsentierte der Frankfurter Weiberrat das "Schwanz-ab-Flugblatt". Pseudo-sexualrevolutionären Parolen im Sinne von: "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" hatten sie den Slogan "befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen" entgegen geschmettert. Highlights der Empörung, die sogar von den linksbürgerlichen Medien wahrgenommen wurden. In der Folgezeit gründeten sich in allen großen Städten Aktionsräte, Weiberräte und SDS-Frauengruppen.

Doch warum, so muss man sich heute fragen, dauerte es so lange? Wie um alles in der Welt war es eigentlich möglich gewesen, dass die männlichen Wortführer dieser Revolte von all dem überhaupt keine Notiz nahmen, was später unter dem Schlagwort "Das Private ist politisch" zusammengefasst wurde? Warum ließen sich die 68erinnen so lange damit hinhalten, nur der "Nebenwiderspruch" zu sein und mit ihrer eigenen Befreiung auf die Zeit nach der Revolution zu warten? Und wie konnte es sein, um noch einmal Peter Brügge zu zitieren, dass das "feminine Missbehagen an den verflucht maskulinen Zuständen dieses Vereins" so lange unter den Teppich gekehrt werden konnte und die Frauen im "intellektuellen Hochfrequenzbereich männlich deutschen Organisationswahns", also im SDS, sprachlos blieben?

Dabei empfanden viele Genossinnen gerade den SDS als einen attraktiven Ort politischer Betätigung, der allen offen stand und zumindest verbal Gleichberechtigung versprach. Und auch innerhalb der Studentenbewegung gab es ja die weiblichen Ausnahmeexemplare wie zum Beispiel Sigrid Fronius, die 1968 als AStA-Vorsitzende der Freien Universität Berlin antrat.

Zunächst jedoch bewegte sich der geschlechterpolitische Diskurs noch ganz in der neulinken, auf die Arbeiterbewegung und die Arbeiterinnen bezogenen Tradition. Wie schon Clara Zetkin marschierten auch die SDS-Genossinnen "Hand in Hand mit dem Mann ihrer Klasse". Erst als die Frauen zu hören bekamen, ihre Forderungen entsprängen "kleinbürgerlichem Aktionswahn", begannen sie, sich neu zu orientieren.

Die "neue Frau", die sich nur auf sich selbst und ihre Kombattantinnen verließ, musste aber erst noch geschaffen werden. "Anpassung galt als positive Eigenschaft", erinnert sich Karin Adrian, Tochter aus gutem Hause, die 1968 als "ledige" Mutter in wilder Ehe in einer Kommune lebte. "Frauen, die sich intellektuell betätigten, waren Blaustrümpfe. Mein Vater meinte sogar, wenn Frauen sich im Beruf entfalten, sind das Mannweiber". Eine "richtige" Frau in diesem Sinne zu sein, galt Ende der sechziger Jahre als oberstes Ziel, und in vielen Ehen wurde die Pflicht zum Gehorsam gegenüber dem Mann eingeübt. Das gesellschaftliche Frauenleitbild beargwöhnte berufstätige Frauen, vor allem, wenn sie gleichzeitig Mütter waren.

Doch wie passte die brave Hausfrau und Mutter mit der rebellischen und aufmüpfigen Grundhaltung der 68er überhaupt zusammen? "Du hast dich damals einfach gar nicht als Frau identifiziert, weil das zu traditionell war", erläutert Helke Sander, damals alleinerziehende geschiedene Mutter und Filmstudentin, die als Mitgründerin des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen und der ersten Kinderläden Geschichte machte. "Wenn Frauen bei einer Gelegenheit zufällig nur mit Frauen zusammen waren, hatte das einen negativen Beigeschmack, und sie suchten schnell nach männlichen Begleitern." Das Thema Gender erledigte der SDS auf seine Weise: "Erst gab es überhaupt keine Frauen im SDS, und dann erkannte man sie nicht als solche." Frauen und Männer sollten gleich sein. Wo also lag das Problem? Und Frauen, die sich "männlich" oder geschlechtsneutral identifizierten, hatten auch keines. Als die Tomate flog, war das nicht wenigen Genossinnen peinlich.

... von ihren psychischen Demenzen

"Es war wesentlich leichter, sich auf politischer Ebene zusammenzuschließen und auch mal Front gegen Männer zu machen, als diese Front innerhalb der Kommune im praktischen Zusammenleben und -lieben zu errichten", meint Christel Kalisch. Sie gehörte jener "Kommune 2" an, deren Mitglieder sich durch gegenseitige Analyse psychisch zu befreien hofften. Die Geschlechterfrage allerdings wurde auch bei solchen Analyse-Sitzungen nicht gestellt. "Ich hätte damit meine eigene soziale und emotionale Basis zerstört", sagt sie, "und das macht man nicht so ohne weiteres."

"Die Psyche war für viele Männer des SDS damals eher Weiberkram", erinnert sich Elke Regehr. Sie gestaltete als Künstlerin der Revolte viele Plakate, Buchtitel und die so genannten Spuckies, briefmarkengroße Aufkleber mit Fotos von Napalm-Opfern und von Vietnamesinnen, die in den Reisfeldern von US-Bombern verfolgt wurden. "Mir missfiel das rigide Primat der Ökonomie in den Vorstellungen von Menschen und von Gesellschaft. Aus sozialistischer Sicht gehörte die Seele zum ›Überbau‹. Angeblich bestimmte die Ökonomie allein die Geschichte. Das materielle Sein bestimmte der Theorie nach das Bewusstsein."

Lange dachte Elke Regehr ebenso und bemalte das große, von ihr angefertigte Transparent, das beim Vietnam-Kongress 1968 hinter dem Podium hing, mit dem Satz "Die Pflicht des Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen". Irgendwann hatte sie jedoch von den marxistischen Theoretisierereien der Genossen die Nase voll und wandte sich dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen zu. "Dort wurde die psychische Dimension nicht ausgeklammert, sondern explizit diskutiert", erinnert sie sich. "Von den Männern im SDS wurden solche Interessen größtenteils belächelt, als ob man sich nicht ganz auf der Höhe des revolutionären Gedankenguts befände."

Die Frauen, die die Revolte in der Revolte anzettelten, befreiten sich von diesem Anspruch und erdreisteten sich, andere Höhen zu erklimmen. Einen wesentlichen Anteil daran hatte der Kampf gegen den §218. Auf dieser Ebene - bedroht von dieser "Frauensache", einer ungewollten Schwangerschaft, über die frau nicht sprechen durfte, funktionierte es nicht mehr, sich geschlechtsneutral oder gar männlich zu identifizieren - versagte das neutrale Genossenklima. Die Grenzen der weiblichen Anpassungsmöglichkeiten wurden sichtbar und spürbar. "Nach und nach bezog ich die anhand von Vietnam viel diskutierten Vorstellungen, dass unerträgliche Situationen veränderbar sind, auch auf mich selbst", fasst Helke Sanders den damaligen, für die ganze Bewegung wichtigen Lernprozess nachträglich zusammen. Wenn es einem kleinen Land in Indochina gelang, sich aus der aufgezwungenen Opferrolle zu befreien, konnte das auch den Frauen gelingen.

Ute Kätzel, Jahrgang 1955, ist Autorin des Buches Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration (2002), für das sie zahlreiche, 1968 aktive Frauen interviewt hat. Der Band ist in einer Neuausgabe kürzlich im Ulrike Helmer Verlag erschienen.

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