Renaissance des Autos? Nein, danke!

Verkehr In Zeiten der Corona-Pandemie erscheint einigen der eigene Pkw sicherer als die Fahrt mit der U-Bahn. Aber so wird das nichts mit der Mobilitätswende
Renaissance des Autos? Nein, danke!
Soll es das wirklich wieder sein?

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Leere Straßenbahnen fegen am Nachmittag durch die Städte, elektrische Roller verstellen nun nicht mehr den Fußweg, und der Freund, der vor wenigen Monaten noch als fanatischer Autogegner galt, überlegt plötzlich lieber das Auto zu nutzen, als mit dem Zug zu fahren. Seit der Corona-Krise hat sich das Mobilitätsverhalten der Menschen in Deutschland sichtlich gewandelt. Laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gingen die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen aufgrund der politischen Einschränkungen je nach Region um 50 bis 80 Prozent zurück. Die Nahverkehrsbetriebe drosselten unter anderem deshalb ihr Angebot. Auch Autos sieht man in den Städten weniger – nach dem Navigationssystemanbieter TomTom hat sich die Kfz-Belastung in den deutschen Städten um mehr als 40 Prozent reduziert. Neben Bus, Bahn und Auto wurden viele Sharing-Angebote zurückgeschraubt - die E-Roller-Anbieter Lime und Bird haben den Betrieb gänzlich pausiert. Und auch BlaBlaCar Co-Gründer Nicolas Brusson rät momentan von Fahrgemeinschaften ab.

Das neue Unbehagen in der U-Bahn

Unsere selbstverständliche Mobilität wird also gegenwärtig in Frage gestellt. Die Corona-Krise zeigt plötzlich auf, wie sehr unsere Mobilität vom Berufs- und Freizeitverkehr geprägt ist. Wege die vorher unerlässlich schienen, können plötzlich auch durch Telefonkonferenzen erledigt werden. Home Office ist schlagartig in vielen Unternehmen möglich. Doch nicht nur unser Bedürfnis mobil zu sein, wurde in Zeiten von Corona hinterfragt – auch welche Verkehrsmittel wir nutzen, wird neubewertet. Denn feststeht: Nicht alle Menschen können von zu Hause arbeiten. Menschen systemrelevanter Berufe müssen mobil sein – die wenigsten möchten jedoch den ÖPNV weiternutzen, weil das Gefühl einer Ansteckungsgefahr zu hoch ist. Jeder Haltegriff im ÖPNV birgt ein grundsätzliches Risiko. Anhängerinnen einer nachhaltigen Verkehrswende sehen sich plötzlich einem Dilemma ausgesetzt: Nach jahrelangem Kampf für die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs trägt dieser nun die Label: „unsicher und unhygienisch“. Inzwischen setzen immer mehr Bundesländer im Zuge der Lockerungen des Lockdown auf eine Maskenpflicht in Bus und Bahn. Einige Medien sprechen allerdings bereits von der Renaissance des Autos.

Und tatsächlich könnte man meinen, dass man jetzt mit gutem Gewissen, den Verbrennungsmotor starten kann. Selbst für kurze Wege kann man aktuell ohne Schuldgefühle das Verkehrsmittel nutzen, dass uns schon seit 100 Jahren beweglich macht. Es bietet entgegen dem öffentlichen Nahverkehr den privaten Raum, in den man sich zurückzieht und mit genügend Distanz an seinen Mitmenschen vorbeirast. Das Gefährt vermittelt die absolute Kontrolle – von Hygiene bis Abstandseinhaltung. Und selbst das Geld spielt aktuell eine geringere Rolle, denn der Benzinpreis liegt sowieso im Keller. Aber ist es nur das Auto, das in Zeiten von Corona seinen Boom erfährt? Brauchen wir nun alle einen PKW in der Stadt, um sicher und virusfrei von A nach B zu kommen?

Licht und Luft

In New York beispielsweise radeln seit Beginn der Corona-Krise mehr Radfahrer*innen durch die Großstadt. Denn mit dem Zweirad, dass es übrigens schon mehr als 150 Jahre gibt, lässt sich ebenfalls bequem der Abstand einhalten. Auch über die Hygiene des Lenkers hat der Radelnde eine gewisse Kontrolle – nur der potenziell gefährliche Ampelknopf muss mit dem Ellenbogen gedrückt werden. Was den Preis angeht, schlägt das Rad wohl so oder so seinen Vierradgegner: Muskelkraft kostet nichts. Mitten in der Corona-Krise erfährt das Fahrrad auch seitens der Politik ungeahnte Wertschätzung: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil empfehlen das Radfahren als gesündeste Alternative für notwendige Alltagsfahrten. Denn zwei wesentliche Vorteile hat das Fahrrad allemal.

Erstens: Radfahren hält fit und trainiert die Lungenmuskulatur. So rieten auch in den letzten Tagen renommierte Virologen zum Fahrrad. „Sie atmen intensiver, das heißt, Sie reinigen Ihre Lunge gut. Und das ist in punkto Virusprotektion optimal", sagt Pneumologe Michael Barczok vom Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdV) dem Spiegel: „Das Fahrrad ist gerade jetzt auch aus diesem Grund ein sinnvolles Fortbewegungsmittel.“

Zweitens: Die Schadstoffemissionen tendieren gegen Null. Dagegen kommt das Auto nicht an, denn auch in Zeiten von Corona werden Feinstaub und giftige Stickoxide mit jedem weiteren Verbrenner in die städtische Luft geblasen. Die feinen Partikel können tief in die Atemwege eindringen, dort länger verbleiben und die Lunge nachhaltig schädigen. Ein italienisches Forscherteam will sogar einen Zusammenhang zwischen der städtischen Luftverschmutzung durch Feinstaub und der Häufung von Coronavirus-Infektionen nachgewiesen haben. So können die Viren bis zu mehreren Tagen auf den Feinstaubpartikeln haften bleiben und sich damit besser verbreiten. Je mehr Feinstaub also in der Luft, desto intensiver die Ausbreitung der Viren. Glasklar ist allemal: Die Verkehrsemissionen schaden nach Umweltbundesamt der Lunge nachhaltig. Und laut Robert-Koch-Institut sind Menschen mit Vorerkrankungen in der Lunge anfälliger für schwere Verläufe mit Covid-19. Auch trotz Corona sterben jährlich je nachdem welche Studie man heranzieht um die 13.000 Menschen an den Folgen des Autoverkehrs.

Autospuren werden zu Fahrradstreifen

In einem Offenen Brief fordern Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Mobilitätsforschung, Psychologie und Gesundheitswissenschaften angesichts der Corona-Pandemie einen sicheren Fußverkehr und sicheres Radfahren zu ermöglichen. Denn um das Abstandsgebot einzuhalten, braucht man Platz.

Einige Städte haben den Vorteil des Fahrrads während der Corona-Krise bereits erkannt: in Berlin wurden im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Autospuren in Fahrradstreifen umgewandelt, damit die vielen Radfahrerinnen den Abstand einhalten können. Pandemiegeeigenete Fahrradinfrastruktur nennt sich so etwas. Auch in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá wurden bis zur Ausgangssperre 117 Kilometer Hauptverkehrsstraße für den Fahrradverkehr frei gegeben. Die Maßnahme sollten das Risiko minimieren, dass die Menschen dicht gedrängt in den Bussen stehen und sich dadurch mit dem Virus infizieren. Daneben setzt auch die Deutsche Bahn auf ihre Fahrräder. In mehreren deutschen Großstädten kann das Fahrrad- und Pedelecverleihsystem für 30 bis 60 Minuten kostenlos genutzt werden. Für Pendler soll dies eine weitere Möglichkeit bieten, mobil zu bleiben. Auch die städtischen Leihräder in Berlin sind jetzt mehrfach am Tag 30 Minuten gratis nutzbar. „Solche Initiativen können die Menschen wirklich zum Umstieg auf das Rad motivieren!“, sagt ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork dazu.

Wiederauflage der Schrottprämie?

Doch natürlich können die Fahrradfahrerin und auch der bisher vergessene Spaziergänger keine hundert Kilometer in kurzer Zeit zurücklegen. Im ländlichen Raum sieht das ebenfalls etwas anders aus. Zumal bei Regenwetter auch das Fahrrad schlecht abschneidet. Und für mobilitätseingeschränkte Menschen ist das Fahrrad nicht die erste Wahl. Dennoch bleiben diesen Menschen zahlreiche Alternativen, die nicht zwangsläufig dem Klima schaden. Verwiesen sei hier nur auf die E-Mobilität oder aber auch auf Sharing-Angebote. Denn wissenschaftlich belegt ist: Wenn einem das Auto nicht mehr gehört, sinkt die individuell gefahrene Kilometerzahl rapide. Seit gestern laufen bei vielen Autoherstellern wieder die Bänder und die Rufe der deutschen Autoindustrie nach Staatshilfen werden immer lauter. Das ruft Erinnerungen an die „Abwrackprämie“, die offiziell als „Umweltprämie“ firmierte, aus Zeiten der Finanzkrise hervor. Am 5. Mai wollen sich Vertreter von Konzernen, Gewerkschaften und Minister zum Autogipfel treffen oder besser zusammenschalten. Eine Wiederauflage der „Schrottprämie“ wäre klima- und verkehrspolitisch der falsche Weg. „Es muss darum gehen, Mobilität neu zu denken - nicht den autobasierten Individualverkehr mit neuen Motoren auszustatten“, sagte Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, der den Bund berät.

Einfluss auf die Emissionskurve

Feststeht, die Corona-Krise hinterfragt die Notwendigkeit von Wegen. Und wer Wege meidet, tut zwangsläufig etwas für den Klimaschutz. Plötzlich muss man für ein Meeting nicht mehr quer durch die Stadt fahren oder durch halb Europa fliegen, sondern trifft sich digital im Videochat. Auch wenn das momentan eher schlecht als recht funktioniert, zeigt sich: Es tut sich was in der Welt. Dennoch sollte auch da fraglich bleiben, ob alle Wege vermieden werden sollten. So nimmt der Online-Handel momentan besonders im Lebensmittelbereich rapide zu. Aus Umweltsicht hat diese Variante der Vermeidung von Wegen jedoch eher negative Folgen. Ein Beispiel: Im Jahr 2019 wurde jedes sechste Packet zurückgeschickt, wie Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bamberg ermittelt haben. Im Worst-Case werden die gleichen Wohnungen von verschiedenen Paketdienstleistern mehrmals täglich angefahren. Das ist so, als würde man mehrmals zum gleichen Supermarkt fahren, das erste Mal Äpfel und das zweite Mal Mehl kaufen und später die Äpfel wieder zurückschicken. Der Flächenverbrauch neuer Logistikzentren ist hier noch gar nicht berücksichtigt. Sollte sich diese Gewohnheit nach der Krise verstetigen, kann die Emissionskurve gleich noch ein Stück nach oben wandern.

Wie nun aber nach Corona das Misstrauen gegenüber Bus und Bahn besiegt werden kann und wie nachhaltig das veränderte Mobilitätsverhalten bestehen bleibt, ist fraglich. Der ADFC schätzt, dass bis zu einem Drittel der Menschen, die während der Corona-Krise notgedrungen auf das Rad umsteigen, auch danach dem Rad treu bleiben könnten. Der renommierte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber teilt der Frankfurter Rundschau auf die Frage mit, inwieweit die Corona-Krise dauerhaft einen Einschnitt im Verhalten der Menschen und Unternehmen für eine Klimaentlastung bringen könnte: „Diese Krise ist nicht gut, sie ist eine schwere Prüfung für unsere Gesellschaft. Wer sich jetzt bloß über den Rückgang von Flügen freut, ist ein Zyniker. Aber es kann niemals schlecht sein, aus Schaden klug zu werden.“

Udo Becker, Professor für Verkehrsökologie der TU Dresden teilt auf eine Presseanfrage mit: „Sie stellen sehr wichtige und interessante Fragen. Und, ganz offen: das fragen wir uns auch, aber wir haben noch keine belastbaren Daten dazu.“ Hoffen wir also, dass diese Daten bald vorliegen, wir daraus klüger werden und nicht die Renaissance des Autos feiern müssen.

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11:00 22.04.2020

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