Restgeld

Berliner Abende Kolumne

Kann ich mich zu Ihnen setzen?

Der Mann um die vierzig kommt wohl, wie viele jetzt, aus den Medienlofts und Anwaltskanzleien über die Oberbaumbrücke zum Schlesischen Tor, um sich mittags unter junge Touristen, mittelalterliche Kreative und Kreuzberger Ureinwohner zu mischen. Mein Blick fliegt erstaunt über die noch kaum besetzten Tische im Café Cream: Warum nicht!

Paul Haslinger setzt sich.

Haben Sie meinen Namen schon einmal gehört? - Ich verneine.

Haben Sie Kinder? - Abermals nein.

Einem Anflug von Resignation auf seinem Gesicht folgt ein breites Grinsen: Ich habe etwas zu feiern und lade Sie zum Essen ein. Widerspruch zwecklos.

Er sei gerade am Wendepunkt. Von nun an geht´s bergab, trällert Paul, lockert seine Krawatte, Spaß beiseite: 24,35 Euro sind alles, was ich noch habe. Rücklagen aufgebraucht, Überziehungskredit ausgeschöpft, Gürtelengerschnallen nützt nichts mehr. Die letzte Anschaffung war dieser Anzug, auf Ratenzahlung. Niemand vermutet darin einen mittellosen Kinderbuchillustrator, oder?

Ich bestätige das, Paul nickt zufrieden.

Er sei immer gerne mit Freunden gut essen gegangen, manchmal Kino, manchmal via Internet ein Date. Sogar ein wenig Erfolg habe er gehabt, immerhin für den Kinderbuchpreis nominiert. Aber ist das ein erfülltes Leben?

Das Essen wird gebracht.

Als ich eines Tages merke, dass ich auf ein ökonomisches Desaster zusteuere, beschloss ich, mich am Riemen zu reißen, gleichzeitig behielt ich die Hoffnung, dass ein einziger Anruf eines Verlags mich aus meiner Situation befreien wird.

Wie schmeckt es Ihnen? - Ich nicke, gut.

Paul kostet, kritisiert die Nudeln als zu al dente, schiebt den Teller verächtlich weg.

Auf so einen Anruf kannste lang warten!

Zwei abgesagte Essen, schon werden Sie nicht mehr eingeladen. Ein Buch, das sich nicht gut verkauft, du bist weg vom Fenster.

Schließlich begann ich mich für meine Situation zu schämen, schloss mich ein, stellte das Telefon ab, stürzte mich in Arbeit, habe gesprüht vor Ideen. Aber dann erscheint Der Mond ist aufgegangen als illustriertes Kinderbuch und genau daran habe ich die letzten Monate gesessen. Er gabelt ein Salatblatt auf, lacht übermütig: Jetzt habe ich den Salat.

Für seine prekäre Situation sei er recht guter Dinge, wundere ich mich.

Weil ich nun den Wendepunkt erreicht habe, sagt Paul stolz. Wochenlang war ich angespannt, schlief schlecht, skizzierte morgens Szenen aus meinen Alpträumen. Unbrauchbares Zeug, das ich anschließend wieder zerriss.

Nachtisch? Danke, nein. Einen Espresso. Das ist noch im Budget. Also Kaffee.

Schluss mit krampfhaftem Aktionismus, Schluss damit, mir Sorgen zu machen. Von jetzt an warte ich nur noch ab. Zufrieden reibt Paul sich die Hände.

Auf die Katastrophe, den Untergang. Ich leiste nichts mehr. Ich warte ab, bis die Gesellschaft etwas für oder gegen mich unternimmt. Was glauben Sie, wer leitet das erste Verfahren ein? Herr Koch von der Sparkasse? Frau Franz, die Hausverwalterin? Das KaDeWe, weil die Ratenzahlungen für den Anzug eingestellt werden? Ich werde Schuldeneintreiber kennen lernen und Gerichte, ich werde delogiert usw. Ich werde Erfahrungen machen, die mir mein bisheriges Leben mit seinen wenigen Höhepunkten nicht geboten hat. Wenn ich alle Handlungsvorschläge ablehne, weil ich einfach nicht mehr handeln will, lande ich schließlich in der Psychiatrie oder im Gefängnis, verstehen Sie?

Ich nehme ihm sogar ab, dass er vor all dem keine Angst zu haben scheint. Gleichzeitig kommt es mir absurd vor, dass jemand einfach die Hände in den Schoß legt, vor allem jemand -

Jemand, der so gut gekleidet ist? Irgendeinem Penner würden Sie Almosen hinwerfen. Aber ich will kein Schmarotzer sein. Ich warte darauf, dass die Maschinerie anläuft, die einer Menge Menschen Lohn und Brot gibt. Der Schaden, den ich anrichte, wird um einiges geringer sein als die volkswirtschaftliche Wertschöpfung, die mein Verhalten provoziert. Und auf diese Weise werde ich ein nützliches Mitglied dieser Gesellschaft, so wie man es mir von Kindheit an eingetrichtert hat, dass das eines Menschen Aufgabe sei.

Und jetzt ist es soweit, verkündet Paul feierlich, legt alles Geld auf den Tisch, 24,35 Euro.

Ich bedanke mich und wünsche ihm viel Glück. Er lächelt herablassend und geht. Bald verschwindet er in einer Gruppe von Geschäftsleuten, alle in schicker Schale wie Paul.

Soll ich Paul seine Geschichte glauben? Soll ich Paul, vorausgesetzt er zieht das durch, für besonders mutig oder besonders feige halten?

Der Kellner bringt die Rechnung. 18,45 Euro. Ich zahle mit Pauls Geld. Den Restbetrag stecke ich ein.

00:00 23.02.2007

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