Restschulen

VERLIERER Lesen, Schreiben und einfaches Rechnen

Wer sich heute mit Schule und Bildung beschäftigt, muß sich auch mit Bildungsökonomie unter den Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft befassen. Für die alten Volkswirtschaften galt der Grundsatz, daß es eine Korrelation zwischen Investitionen im Bildungsbereich und dem Bruttosozialprodukt gab. Deutschland als klassischer Bildungsstandort galt als Paradebeispiel einer gelungen Volksbildung. Sowohl das System der Facharbeiterausbildung, als auch ein gut ausgebautes Hochschulsystem führten dazu, daß Deutschland in diesem Jahrhundert zu den führenden Industrienationen aufstieg. Das hohe qualitative Ausbildungsniveau der Arbeiter und Ingenieure garantierten eine hohe Qualität der Produkte. Made in Germany als Gütesiegel.

Unter den Bedingungen einer globalisierten Ökonomie führt jedoch ein Mehr an Investitionen im Bildungsbereich weder automatisch zu einem höheren Output an Bruttosozialprodukt noch zu größeren sozialen Aufstiegschancen für breite Bevölkerungsgruppen.

Der letzte bildungspolitische Aufbruch in den sechziger Jahren war bedingt durch den Mehrbedarf an qualifizierter Arbeitskraft durch die Industrie. Die Systemkonkurrenz der beiden militärischen Blöcke (Sputnikschock) und der Rüstungswettlauf waren hierfür ursächlich. Die Begabtenreserven der unteren Schichten wurden plötzlich entdeckt. Bildungspolitisch wurden Maßnahmen eingeleitet, die Arbeiterkindern den Zugang zur höheren Bildung eröffneten. Die fehlenden Arbeitskräfte im gesellschaftlichen Unterbau wurden durch den Import von Arbeitskraft aus den Peripherien Europas gedeckt.

Ganz ähnlich waren die Verhältnisse in der DDR, wo eine vergleichbare Bildungsoffensive ebenfalls zu einem sozialen Aufstieg für breite Bevölkerungsgruppen führte. Auch hier ging es nur, weil die schlechtesten Arbeitsplätze mit Ausländern besetzt wurden.

Solche Bildungsoffensiven bleiben Sonderkonjunkturen vorbehalten und lassen sich nicht beliebig wiederholen. Für Bildung unter den Gesetzen der kapitalistischen Ökonomie gilt auch das Gesetz des Grenznutzens. Danach führt ab einer bestimmten Größe ein Mehr an Investitionen nicht zu einem Mehr an Nutzen. Konkret bedeutet dies, daß ein promovierter Taxifahrer oder ein arbeitsloser Mediziner, ökonomisch gesehen, Fehlinvestitionen sind.

Auf einem globalen Markt von Kapital und Arbeitskraft konkurrieren nun weltweit nicht nur die Unternehmer, sondern auch Arbeitnehmer miteinander. Besonders deutlich wird dies im Bereich der Informatik. Während hierzulande noch pädagogische Spielwiesen unter dem Stichwort »Medienkompetenz« diskutiert werden, bilden Staaten der Dritten Welt Heere von Informatikern aus, die einmal zu Hilfsarbeiterlöhnen Rechner programmieren werden. Der indische Computerspezialist erledigt die gleiche Arbeit eines deutschen Kollegen für einen Bruchteil der Kosten.

Gegenüber der Nationalität seiner Angestellten ist das Kapital farbenblind. Die »Global Players« entziehen sich zudem verstärkt ihrer (nationalen) Sozialpflicht. Warum sollte ein Unternehmen noch in die Ausbildung ganzer Generationen investieren? Spezialisten und Fachkräfte lassen sich aus anderen Ländern anwerben. Die Einwanderungsbestimmungen sind so angelegt, daß einem Brain-Drain in die Industriestaaten nichts entgegensteht.

Nationalismus und Rassismus bleiben im Gegenzug als Ideologien für die Deklassierten reserviert. So kann man - wie die CDU - durchaus eine Doppelstrategie fahren: radikale Modernisierung durch Globalisierung bei gleichzeitiger Schürung von Ressentiments gegen die Einwanderer (Doppelstaatler). Den Menschen in den untersten sozialen Schichten wird damit indirekt nahegelegt, den Konkurrenzkampf untereinander mangels anderer Möglichkeiten mit dem Baseballschläger zu erledigen.

Eine globale Ökonomie führt somit zu einer Globalisierung des Bildungssystems: Die Kinder der Einwanderer besuchen die deutschen Schulen, während die deutsche Schule sich gleichzeitig im internationalen Bildungsvergleich messen lassen muß. Konkurrenz wird zum entscheidenden Merkmal des Bildungssystems. Die Schülerschaft konkurriert untereinander um die Chancen auf einem internationalen Arbeitsmarkt, Schulen und Universitäten konkurrieren untereinander um das beste Profil, das heißt um Schüler, Studenten und Mittel; das deutsche Bildungssystem konkurriert mit den Bildungssystemen anderer Länder. Die Frage nach den Kosten des Bildungsstandortes werden immer ungenierter diskutiert, der Zweifel an der Effizienz von verbeamteten Lehrern und Professoren öffentlich ausgesprochen.

Bildung wird tendenziell stärker unter ökonomischen Aspekten betrachtet. Die Publikationen der Weltbank zum Thema Erziehung sind hier äußerst aufschlußreich. In der Praxis führt die allseitige Ökonomisierung zur Einführung von Studiengebühren, der Ausweitung des Privatschulwesens oder dem Sponsoring von Bildungs- und Forschungseinrichtungen durch kapitalkräftige Unternehmen und deren Stiftungen.

Die verschärfte Konkurrenz führt zu einem tendenziellen Fall des Wertes von Bildungsabschlüsen. Wo bei gleichbleibender oder stagnierender Nachfrage von Arbeitskräften immer mehr Menschen versuchen, ihre individuellen Chancen durch das Erreichen höherer Bildungsabschlüsse zu verbessern, sinkt der Wert dieser Abschlüsse. Garantierte der Hauptschulabschluß vor 30 Jahren noch eine Lehrstelle und damit die Existenz als Facharbeiter, so schützt heute nicht einmal ein Doktortitel in Physik vor Arbeitslosigkeit. Ökonomisch gesehen hat damit das Bildungssystem seinen Grenznutzen überschritten. Folglich stagnieren die Investitionen.

Wo Schulen miteinander um Schüler konkurrieren, gibt es Gewinner und Verlierer. Die grünalternativen Mittelklassefamilien mit multikulturellem Lebensstil aus Kreuzberg fahren schließlich ihre Kinder in Schulen am anderen Ende der Stadt, weil sie vor den Realitäten der örtlichen Schule kapituliert haben. Für Schulen in Quartieren mit schlechten Sozialstandards beginnt ein Teufelskreis der Abwärtsentwicklung. Es entstehen öffentliche Restschulen für jene Schichten der Zweidrittelgesellschaft, die ohnehin keine Chance haben, ihre soziale Lage durch das Erreichen von Bildungsabschlüssen zu verbessern. Die aus der Konkurrenzsituation entstehende strukturelle Gewalt, die ganze Schichten ins soziale Abseits drängt, äußert sich hier in der Form von körperlicher Gewalt, Vandalismus und Verwahrlosung. Die Kluft zwischen den Eliteinternaten und den öffentlichen (Rest-) Schulen wird damit ständig größer.

Hier schließt sich nun der Teufelskreis. Horrormeldungen über die Zustände an öffentlichen Schulen beschleunigen diesen Prozeß, der schließlich eine Eigendynamik erhält, die von den beteiligten Lehrern, Schülern und Eltern nicht mehr zu stoppen ist.

»Bildung als Menschenrecht« - unabhängig von ökonomischen Zwängen - wäre einzuklagen und durchzusetzen. Bildungspolitik könnte dem Abwärtstrend entgegensteuern, wenn Politik sich insgesamt dem Primat der Ökonomie und der Logik des Kapitals widersetzen würde. Eine solche Politik ist jedoch noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar. Der Gegensatz von privatem Reichtum und öffentlicher Armut wird sich daher auch in Zukunft verschärfen. Und damit werden sich auch die Probleme im öffentlichen Bildungswesen, vorrangig am unteren Ende der sozialen Skala, verschärfen. Wie die Zukunft aussehen könnte, läßt sich am öffentlichen Schulsystem der USA heute schon besichtigen.

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00:00 19.03.1999

Ausgabe 41/2021

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