Revolution, aber als Happening

12062020-Olympia Der Kondomhersteller „einhorn“ möchte die Demokratie neu erfinden und eine Bürger*innenversammlung einberufen. Dafür gibt es Hohn und Spott aus dem Netz
Revolution, aber als Happening
Wo kommen all die grauen Wolken her?

Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Wenn Leute sich über die linksgrünen Berliner Hipster auslassen – in ihren Köpfen muss ein Ort entstehen, der so aussieht wie das Büro der Firma einhorn: Eine weitläufige Fabriketage mitten in Kreuzberg, eine Tischtennisplatte, ein Kühlschrank voller Club Mate in der Ecke und Whiteboards mit den Gefühlszuständen der Mitarbeitenden. einhorn produziert vegane und nachhaltige Kondome und Menstruationsprodukte und ist Teil der Bewegung „Entrepreneurs for future“, ein sogenanntes „social entrepreneurship“, also ein Unternehmen, das sein erwirtschaftete Geld in sinnvolle Dinge investiert.

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Doch das unschuldige Image der Firma ist gerade ein wenig angekratzt. Vergangene Woche startete einhorn die Crowdfunding Kampagne „12062020-Olympia“ mit dem Ziel, eine „BürgerInnenversammlung“ im Olympiastadion zu finanzieren. Am 12. Juni 2020 sollen dort 90.000 Menschen zusammenkommen und über die Welt als einen „zukunftsfähigeren Ort“ nachdenken. Am Ende der Veranstaltung sollen mehrere Petitionen beschlossen und von allen unterzeichnet werden – ein riesengroßes „Demokratiefestival“, um Druck auf die Politik auszuüben.

„So billig war die Weltrettung noch nie!“, sagt Charlotte Roche in einem schrillen Mobilisationsvideo für den Anlass. Für nur 29,95 Euro könne man sich ein Ticket sichern und Teil von diesem „Kipppunkt“ sein, nachdem alles anders werde. „Die größte Bürgerversammlung aller Zeiten!“ ruft einhorn-Mitgründer Philipp Siefer in die Kamera, um gegen „Klimakrise, Soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, Diskriminierung und all die Probleme, die uns so auf der Seele liegen“ anzukämpfen.

Demokratisch? Geht so. Alleine der Preis schließe viele aus, fanden Kritiker*innen und einhorn sah sich plötzlich inmitten eines Shitstorms. Kritisch bemerkt wurde auch, dass die Veranstaltung nur eine PR-Aktion für einhorn sei, Demokratie und Unternehmertum schlecht vereinbar. Dass Fridays for Future Berlin sich als „Beraterin“ an die Seite von einhorn gestellt hat, irritierte auch einige Sympathisant*innen von FfF: Jutta Dittfurth sah auf Twitter die Bewegung an den Kommerz ausgeliefert. Die Gruppe hat sich mittlerweile vom Event distanziert und stehe nur noch „kritisch beratend“ zur Seite.

Sehr überrascht

Das Crowdfunding für den Anlass auf der Seite Startnext hob trotz Shitstorm ab: Nach aktuellem Stand hat die Kampagne bereits 500'000 Euro von den benötigten 1.8 Millionen gesammelt. Spender*innen können sich entweder direkt ein Ticket für die Veranstaltung kaufen oder Geld spenden. Das Geld wird benötigt für Infrastruktur, Organisation, Miete, Personal.

Der Gründer und Leiter von einhorn, Waldemar Zeiler passt perfekt in das Büro in Kreuzberg: Wallebart, Cardigan, Hornbrille. Er sitzt am Dienstag auf einer Couch im Büro, neben ihm die Pressesprecherin Anne Wittemann und zwei Vertreter der „Scientists for future“, die „12062020-Olympia“ inhaltlich beraten. Die Organisatoren haben eine Krise-Pressekonferenz einberufen, um dem Shitstorm ins Auge zu blicken. Sie wollten sich erklären, auf Kritik eingehen, Fragen beantworten.

Vorab hatten sie ein Papier veröffentlicht, das die größten Kritikpunkte aufgreifen und aus dem Weg räumen will. Sie rücken darin vom Begriff „Bürger*innenversammlung“ ab, weil sie eingesehen hätten, dass die Besucher*innen des Events nicht repräsentativ seien. Außerdem würden sie 50 Prozent der Tickets als Solitickets gratis verlosen, um möglichst vielen Menschen eine Teilhabe zu ermöglichen.

Eingebetteter Medieninhalt

Trotzdem seien sie „überrascht“, wie vehement und gnadenlos die Kritik war. Wie wenig in der Öffentlichkeit das „Potential“ dieser Veranstaltung erkannt wurde. Wie stark gegen das hipsterige Aussehen von Zeiler gehetzt wurde. Dabei sei das Konzept noch gar nicht ausgearbeitet, vieles offen zur Debatte – ein Experiment, wie Zeiler sagte. Ein Boost für die Demokratie, wie Nicole Hartmann von Scientists For Future ergänzte.

Ab Januar möchte das Koordinationsteam eine Beteiligungsstruktur entwerfen, die es allen Interessierten ermöglicht, mitzubestimmen, welche Petitionen im Juni unterschrieben werden. Das sei der eigentliche Gewinn des Unterfangens: Dass viele Menschen sich über wichtige Themen austauschen und über Lösungen nachdenken. Die Petitionen am Ende seien höchstens die Kristallisationspunkt. Zeiler betonte am Dienstag, dass es natürlich einfacher gewesen wäre, einen TedTalk oder ein Charity-Konzert zu veranstalten. Aber das seien „gelernte Formate“, aus denen 12062020-Olympia ausbrechen will.

Wenig revolutionär

Vielleicht hätten sie bei den gelernten Formaten bleiben sollen, es wäre ehrlicher gewesen. Stattdessen gibt 12062020-Olympia einer – durchaus attraktiven – Eventidee den Anstrich der Revolution. Ungefähr so, wie einhorn als Social StartUp einem gewinnorientierten Unternehmen den Anstrich einer sozialen Bewegung gibt. Und das ist nicht nur heuchlerisch, sondern auch größenwahnsinnig.

Wie das partizipative Verfahren aussehen könnte ist nämlich noch unklar. Dass es die Menschheit einige tausend Jahre gekostet hat, einen solchen – wenn auch defizitären – demokratischen Prozess zu erfinden, das verunsichert die vier nicht. Dass niemand sie gewählt hat – löst anscheinend keine Gewissensbisse aus. Dass die beliebtesten Parteien in Deutschland sich gegen strengere Klimagesetze stemmen, sich regelmäßig rassistisch und diskriminierend äußern, Ungerechtigkeiten reproduzieren – und trotzdem gewählt werden. Das ist für die Regenbogen-Demokratie bei einhorn unangenehmer, langweiliger Realismus, der dem „Potential“, der Utopie im Weg stehe.

Dass ausgerechnet die Petition außerdem nicht die „geballte Kraft der Demokratie“, wie Roche im Video sagt, sondern ein sehr schwaches Instrument ist, vergisst das Projekt auch. Eine Petition muss zwar im Petitionsausschuss verhandelt und parlamentarisch geprüft werden. Bei mehr als 50.000 Unterschriften innerhalb von 4 Wochen darf der Petent sogar vor dem Ausschuss reden.

In der Hälfte der Fälle werden Petitionen aber schon vom Petitionsauschuss abgelehnt und im Bundestag still zu den Akten gelegt. In den Fällen, in denen Petitionen erfolgreich waren, waren sie es in erster Linie, wenn sie große mediale Öffentlichkeit erlangten und so Druck auf die Regierung ausübten. Der Rest ist trockene, bürokratische Gesetzesauslegung, lahmer, eben parlamentarisch-demokratischer Vorgang und hat wenig mit einer revolutionären Idee zu tun.

Die Inhalte der Petitionen sind zudem noch völlig offen, nur es soll eben um die großen Themen „Klimakrise, Soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, Diskriminierung, die uns allen auf der Seele liegen“ gehen. Was die Organisatoren unter diesen Begriffen verstehen, bleibt unklar. Genau so wie die Frage, ob „wir“ wirklich alle dasselbe wollen.

16:11 04.12.2019

Ausgabe 23/2020

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