Ringling? Kenn' ich nicht

Porträt Fast niemand würde Klaus Regling wohl auf der Straße erkennen. Doch er ist als Chef des neuen Rettungsschirms ESM einer der mächtigsten Männer des Kontinents
Ringling? Kenn' ich nicht
Klaus Regling, Chef des ESM
Foto: Peter Parks / AFP / Getty Images

Ringling? Kenn’ ich nicht: Heißt der nicht Reckling? Nein: Regling, Klaus Regling. Ach ja, stimmt, hat der nicht irgendwas mit diesem Rettungsschirm zu tun, diesem Wieheißternochgleich, diesem ESM?

So oder ähnlich beginnen in Europa Gespräche über einen der mächtigsten Männer des Kontinents. Klaus Regling leitet künftig die weltweit größte Finanzinstitution, den seit Monaten debattierten und jetzt auch tatsächlich gestarteten European Stability Mechanism. Aber auf der Straße erkennen würde ihn wohl kaum jemand, und wie es ihn in diese einflussreiche Position verschlagen hat, ist ebenfalls wenig bekannt.

Krawattiert und uniformiert

Wer ihm im Internet und auf Youtube nachspürt, begreift schnell, warum. Der deutsche Finanzbürokrat erscheint dort stets im korrekten Anzug mit Krawatte und spult Folienvorträge ab vor einer kleinen Schar von ebenso Krawattierten und Uniformierten, alle darauf gedrillt, auch bei der eintönigsten Präsentation nicht einzuschlafen. Regling spricht meistens englisch, das er inzwischen fast besser beherrscht als deutsch. Nur das „th“ kommt ihm ab und an noch als scharfes „ssö“ über die Lippen. Ein einziges Mal in drei Stunden Youtube huscht ihm der Anflug eines Lächelns über das strenge Antlitz. Und eine einzige Journalistin soll es geben, die mal einen „gut gelaunten“ Regling vorgefunden hat.

Regling spricht die Sprache des Finanzmarktes, und er denkt auch so. Konkretes wie Arbeitslosigkeit oder Lohn kommt bei ihm nicht vor – oder höchstens mal in Form von Lohnstückkosten. Dafür ist viel von Spreads, Transferzahlungen und Leistungsbilanzen die Rede. Wahrscheinlich sitzt er im Büro gerne vor dem Bildschirm und beobachtet live, wie seine Entscheidungen den Spread nach unten treiben. Sinkende Spreads signalisieren in seiner Welt steigendes Vertrauen der Kapitalmärkte. Mit seinen 62 Jahren wirkt Regling ein wenig wie ein Computerkid: Entscheidend ist nur das, was am Bildschirm Spuren hinterlässt. Nur, was das für normale Menschen bedeutet, wird nicht ganz klar – und ist für Regling wohl auch nicht so entscheidend.

Zuhörer abgehängt

Die Wirtschaftsmedien mögen den Chef des ESM, der seit 2010 schon den Vorgängerschirm EFSF leitet. Sie loben ihn als kühlen Kopf und scharfen Denker. In der Tat kommt bei ihm alles irgendwie logisch daher. Wenn er sich – wie neulich bei den Piraten – mal einer Diskussion stellt, folgen kaum kritische Fragen. Dafür bieten seine gestanzten Sätze zu wenig Angriffsfläche. Der Mann hängt seine Zuhörer ab. Bis sie die glatten Phrasen zu Ende gedacht haben und nachhaken wollen, ist Regling bereits bei der übernächsten Folie.

Dabei haben es einige dieser Sentenzen in sich. So sagte Regling der Süddeutschen Zeitung: „Zudem ist der Niedriglohnsektor in Deutschland unterentwickelt und damit auch der Dienstleistungsbereich. Das führt zu Schwächen in der Inlandsnachfrage.“ Vermutlich meint Regling, dass Otto Normalverbraucher öfter zum Frisör geht, wenn einmal schneiden, waschen und föhnen nur fünf Euro kostet. Aber wie viel Dienstleistungen kann sich dann die Frisörin leisten, die auf Hartz-IV-Niveau verdient? Wenn das Geld nur einmal die Woche für einen Kaffee und ein halbes Hörnchen bei Tchibo reicht, dann entfesselt das eben keine große Nachfrage. Es braucht rund 400 Niedriglöhner, um einen 1.000-Euro-Job in einem Restaurant zu schaffen. Aber so viel Realität kommt in Reglings Theorie eines vom Niedriglohnsektor alimentierten Dienstleistungsmarktes nicht vor.

Die Behörde perpetuiert sich

Reglings Vater, Tischlermeister in Lübeck, hat wohl noch eher handfeste Überlegungen angestellt. Der saß nämlich von 1953 bis 1969 für die SPD im Bundestag und musste sich folglich öfter mal dem Wähler und Normalverbraucher stellen. Sohnemann blieb davon verschont. Klaus Reglung studierte Volkswirtschaft und begann Mitte der siebziger Jahre seine Karriere beim Internationalen Währungsfonds in Washington. 1981 wechselte er ins Bundesfinanzministerium und befasste sich dort auch schon mit der Idee einer Europäischen Währungsunion.

Als Oskar Lafontaine Finanzminister wurde, schied Regling 1998 aus und verdingte sich beim Hedgefonds Moore Capital Group in London. 2001 wurde er Chef der Währungsbehörde der EU-Kommission. 2010 schließlich übernahm er die EFSF, die sich, so lautete damals der Plan, nach drei Jahren selbst überflüssig gemacht haben sollte. Stattdessen wird die Euro-Rettung nun in Form des ESM auf immerdar perpetuiert. Auf 100 Mitarbeiter soll Reglings Stab in der Luxemburger Zentrale bis Mitte nächsten Jahres wachsen.

Verloren im Nebulösen

Die Politik taucht in seiner Welt nur als Spurenelement auf. „Wenn wir die nötigen Anpassungen schnell durchziehen wollen, müssen wir den politischen Einfluss auf das Nötigste reduzieren“, lautet sein Credo, formuliert in einem seiner Vorträge. Auch hier verliert sich das Wichtigste im Nebulösen: Welche Anpassungen? Wem nützen sie? Den Medien hält Regling gern vor, dass sie Botschaften, die ihnen nicht passen, einfach verschweigen – zum Beispiel die frohe Kunde, dass Irland 2012 wieder Leistungsbilanzüberschüsse schreibe und dass damit die Wirksamkeit der Sparprogramme belegt sei. Doch wieder lautet die Frage: Wem nützt’s? Dank Reglings Sparvorgaben haben Unternehmen die Löhne gedrückt, Investitionen gedrosselt und Geld ins Ausland gebracht. Der klamme Staat hat Pech gehabt.

Regling gilt als kühler Rechner. Schon möglich, dass es irgendwo eine Welt gibt, in der sogar Reglings Rechnungen aufgehen. Aber das ist leider nicht die Welt, in der wir leben – geschweige denn leben möchten.

Werner Vontobel ist Ökonom und Journalist. Er lebt in der Schweiz ESM-Chef

13:20 12.10.2012

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