Rollenspiele mit Goethe

Ein Denkmal ruft Das Nationaltheater Weimar versucht sein Schauspieltheater neu zu erfinden

Weimars Theater lebt, weil seine Bürger und die Touristen es so wollen. Im Jahre 2002 haben sich Stadtrat und Theaterleute gegen Pläne des Freistaats Thüringen gewandt, das Nationaltheater Weimar mit der Erfurter Oper zu fusionieren. Eine als "Weimarer Modell" berühmt gewordene Organisation ist entstanden, die dem Theater das Überleben bis 2008 sichert. Erwartungen erfüllen ohne sie zu bedienen, ist nun die künstlerische Aufgabe des Nationaltheaters Weimar. Denn vor allem sein touristisches Publikum verlangt nach den Stücken der beiden Dichter, die auf einem Denkmalssockel vor dem Theater stehen. Der Ruf nach Goethe und Schiller ertönt hier nicht nur besonders laut, er ist auch mit konventionellen Erwartungen an "Werktreue" verbunden. Vermintes Gebiet, organisatorisch wie inszenatorisch, über das Generalintendant Stephan Märki nun schon in der 6. Spielzeit schreitet.

Das "Weimarer Modell" hat, gegen alle gewerkschaftlichen Widerstände, bisher gut funktioniert. Das Theater besitzt als nicht dem Arbeitgeberverband angehörende, tariffreie GmbH bis 2008 garantierte Zuwendungsverträge. Betriebsbedingte Kündigungen sind ausgeschlossen. Ein Prämiensystem verteilt Mehreinnahmen unter den nicht dem öffentlichen Dienst an- und damit von den jährlichen Tariferhöhungen ausgeschlossenen Mitarbeitern. Ein neues Interesse aller Mitarbeiter an künstlerischer und wirtschaftlicher Entwicklung des Theaters führte zu starker Identifikation, aber auch zu heftigen Diskussionen. So protestierte der Gesamtbetriebsrat gegen eine Räuber-Performance, in der auf Videowänden Gewaltszenen und in einer Bühnenecke die fingierte Folterung einer Frau gezeigt wurden. Hier wurde nicht nur intern räsonniert, sondern tatsächlich öffentlich von den Theatermitarbeitern aller Gewerke diskutiert.

Da das Musiktheater in erfolgreichen Bahnen läuft, widmet sich Intendant Märki derzeit besonders dem Schauspiel und versucht hier ein neues Profil zu entwickeln. Dazu hat er sich eine neue Dramaturgie und den hochbegabten Regie-Absolventen Tilman Köhler nebst fünf jungen Schauspielern von der Berliner Ernst-Busch-Schule geholt. Köhler hat, nach seiner körpersprachlich dynamischen Kleistschen Penthesilea in der kleinen alternativen Spielstätte E-Werk, im großen Haus eine fulminante Inszenierung von Jewgenij Schwarz´ Der Drache hingelegt (in der nächsten Spielzeit wird er Shakespeares Othello inszenieren).

In Weimar spielt man nicht politisches Theater, sondern will Theater politisch machen, indem man zeigt, wie gesellschaftliche, mediale und ideologische Bilder entstehen oder funktionieren. So werden in Felix Ensslins Räuber-Inszenierung Rollenmuster von Hollywoodfilmen zitiert. In dieser Spielzeit dominiert Schiller über Goethe. Neben einer Schillerkonferenz, neben Räuber-Performance und -Inszenierung stand eine Maria Stuart des Intendanten. Dagegen ist Goethes Faust mit Thomas Thieme abgespielt, und Wunschregisseur Andreas Dresen wird wohl erst im übernächsten Jahr (s)einen neuen Faust in Weimar inszenieren können.

Erst einmal kam Goethe mit einem selten gespielten Frühwerk auf die Weimarer Bühne. Die Mitschuldigen ist eine von der Commedia dell´Arte geprägte burleske Typenkomödie. In Weimar spielt man die zweite, dreiaktige Fassung. Die Geschichte von der Wirtstochter Sophie, die einen nichtsnutzigen Mann geheiratet hat und mit der Rückkehr ihres einstigen reichen Geliebten Alcest als Gast im Wirtshaus ihres Vaters konfrontiert wird, kulminiert in einer nächtlichen Verwirrszene, in der alle Personen auf unrechten Wegen sind. Wenn der gehörnte Ehemann zum Dieb wird, gerät die bürgerliche Welt aus den Fugen, "Es wankt das ganze Haus", sagt Sophie, dennoch bleibt bei Goethe am Schluss alles beim Alten.

Nicht so in der Inszenierung von Thirza Bruncken. Bei ihr im- und explodiert die Welt gegen alle Ordnungsbestrebungen von Kleinbürgern, die durch wechselnde mediale Rollenmuster rasen. Die Bühne ist ein aufgeschnittenes, hölzernes Puppenhaus mit großen Schubladen, durch die sich kräftig toben lässt. Zunächst wird die Idylle mit Sophie an Spinnrad, Butterfass und Federhut-Stickerei gezeigt. Dann verwandeln sich die vier Personen vor einer wilden Flut von Videoprojektionen mit Mangas und Comics, mit Aliens und grinsenden Wölfen vermittels Gummimasken unentwegt in neue Figuren. Da trifft eine blondbezopfte Gretel auf ein Monster Alcest, Elvis und Marilyn treten sich in Rocksongs gegenüber, Alcest und Sophie reiten auf dem sexuellen Besenstiel, und Märchen-, Mythen- und Brecht-Zitate begraben Goethes schmale Geschichte unter sich. Die Regisseurin überführt die in der Typenkomödie angelegte Mechanik des Agierens in ausgestellt maschinenhafte Überdrehtheit. Dabei geht es auch um Kitsch und Klischees: ein riesiger Panda schwebt herein und lässt an Bilder und Figuren von Paul McCarthy und Jeff Koons denken. Der intellektuelle Turbo-Slapstick gerät schließlich zur volksbühnenhaften Manschorgie. Leider sind die Darsteller dieser Theaterform körpersprachlich kaum gewachsen, so dass der hoch zielende Abend in ein hampeliges Überdrehtheitsspiel abstürzt. Schlimmer: Goethes farcenhaftem Lustspiel wird seine Komik ausgetrieben.

Als einen Transformationstext mit der Aufforderung "Simultanität rules" bezeichnet die 26-jährige Brandenburgerin Steffi Hensel ihr Stück Utopie unter Palmen, das der gleichaltrige Regisseur Nico Dietrich bei seiner Diplominszenierung im E-Werk auf die offene Bühne brachte. Das Stück handelt vom spanischen Bürgerkrieg, aber vor allem geht es um Bilder, die man sich von der Fremde und den Fremden macht. Auf einer Ebene wird die Utopie von revolutionärer Veränderung als Selbstverwirklichungsmodell verhandelt, auf der anderen das Fremde und die Fremden als Material und Mittel zur Selbsterkenntnis. Dazu kommen weitere Spielebenen: es geht um den Kampf um Malaga, aber auch Wilhelm der II. und der Kopf von Garcia Lorca kommen vor. Die sprachlich und gedanklich prägnanten Kurzszenen spielen zwischen Journalistin, Legion-Condor-Flieger und Interbrigadistem aus Deutschland sowie einer spanischen Anarchistin. Der leere Spielraum mit seinem Laufstegkreuz wird als freischwebende Halle in märkischer Heide vorgestellt: Erlebnis Tropen oder Erlebnispark Tropical Island. Die allzu vorsichtigen vier jungen Darsteller versuchen, indem sie die Regieanweisungen sprechen und so tun, als wenn sie alle spielerischen Verabredungen gerade erfänden, sich mit dem Stück durch unsere Vorstellungswelt zu spielen. Dabei gelingt es ihnen aber nicht ganz, die ineinander geschachtelten Denk- und Sinnebenen des starken Stückes in spielerische Sinnlichkeit zu überführen. Dennoch: der Versuch des Nationaltheaters Weimar, gegen herkömmliche Erwartungen mit neuen Formen neue Wege zu suchen, beeindruckt.

Ende Mai wird Tilman Köhler das gerade beim Stückemarkt des Theatertreffens vorgestellte amoklauf mein kinderspiel 4.0 von Thomas Freyer zur Uraufführung bringen, und Mitte Juni folgt Michael Simon mit Rolf Hochhuths Heil Hitler. Ob man sich solch wagemutiges Programm auch ab 2009 noch wird leisten können, hängt von den Politikern ab.


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00:00 19.05.2006

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