Roter Stern am Himalaja

Nepal Maoistische Rebellen bedrohen das Hindu-Königreich auf dem Dach der Welt

Niemand hat gewagt genau hinzuschauen, als die kleine Kumari, die lebende Mädchen-Gottheit von Nepal, nach alter Tradition mit ihren Fingerspitzen die Macht des Gottes Vishnu auf den frisch inthronisierten König übertrug. So hat auch niemand gesehen, ob sie für einen Augenblick gezögert oder gelächelt hat, bevor sie das magische Wort "Taleju!" aussprach - nach alter Legende wäre das ein böses Omen für den Monarchen. Weissager und königliche Astrologen blicken ratlos in eine bedrohliche Zukunft. Ist das Ende des einzigen Hindu-Königreiches der Welt gekommen?

Verwirrung und Desinformation prägen in diesen Tagen das öffentliche Leben in Nepal. Niemand weiß recht, was vor sich geht, und Gerüchte haben Flügel. Fest steht, das kleine Königreich im Himalaja erlebt die schwerste Krise seiner Geschichte. Die Konstitutionelle Monarchie, erst 1990 auf Druck einer Volksbewegung eingeführt, scheint am Rande ihres Zusammenbruches zu stehen. Die Maoistische Volksbefreiungsarmee ist auf dem Vormarsch. In der mittelwestlichen Stadt Rolpa hat eine 37-köpfige Vereinigte Revolutionäre Volksregierung unter ihrem Chef Baburam Bhattachai, einem promovierten Städteplaner aus Indien, die Macht angetreten. "Hiermit erklären wir, dass die Bevölkerung von Nepal der indischen Marionettenregierung Sher Bahadur Deubas die Unterstützung entzogen hat", verkündet sie auf roten Plakaten. "Die Regierung ist illegal. Zahlt keine Steuern mehr an sie. Tötet Polizisten, wo immer ihr sie findet. Die Armee ist aufgelöst."

Leere Tresore und offene Gefängnisse

Die unerwartete militärische Offensive der die Maoisten ließ die Regierung zittern. Nahe Rolpa, in der wohlhabenden Bezirksstadt Dang, stürmten Guerilla-Einheiten das Armee-Hauptquartier. Die Guerillas leerten die Waffenlager und die Tresore der beiden städtischen Banken. In den folgenden Tagen führten sie parallele Operationen in den Bezirken Surkhet, Pyuthan und Syanja durch, nahmen Regierungsbeamte fest und brachten die Bezirksverwaltungen unter ihre Kontrolle, räumten Polizeistationen, befreiten Gefängnisinsassen und leerten Banktresore.

König Gyanendra hat inzwischen den Notstand verhängt, Bürgerrechte suspendiert, die Maoisten nach zeitgemäßer Lesart zu Terroristen erklärt und den Einsatz der Armee angeordnet. Ein neues Gesetz sieht für terroristische Aktivitäten die Todesstrafe vor. Wer "Terroristen" direkt oder indirekt unterstützt, kann mit lebenslänglicher Gefängnisstrafe und dem Einzug sämtlicher Besitztümer rechnen.

Der erste Schlag allerdings galt der Pressefreiheit. Journalisten wurden verhaftet und mehrere als maoistenfreundlich verdächtigte Zeitungen verboten. Seitdem herrscht strikte Zensur. Das Informationsmonopol liegt bei der Regierung, und ausländische Journalisten dürfen entweder gar nicht erst einreisen oder müssen sich ihre Berichte genehmigen lassen.

Kathmandu hat sich jedoch schnell vom ersten Schock erholt. In Thamel, dem Herzen der Hauptstadt mit seinen eleganten Hotels, alternativen Müsli-Paradiesen, Diskotheken, Bars und Einkaufszentren, geht das Leben wie gewohnt weiter. Niemand will sich stören lassen bei seinem Café-au-lait und seinen Treckingplänen von etwas, das offenbar weit weg in einer anderen Welt geschieht. Dort draußen aber im ländlichen, staubigen, mittelalterlichen Nepal, haben inzwischen massive Land- und Luftangriffe auf Rebellenpositionen in den Bezirken Dang, Rolpa Syangia, Surkhet und Salyan eingesetzt.

Regierung tappt im Dunkeln

Was da allerdings genau passiert, bleibt unklar. Amtliche Meldungen sind nicht nur manipuliert. Die Regierung weiß oft wirklich nicht, was im Lande vorgeht, da sie in den besetzten Gebieten auf keinerlei staatliche Strukturen zurückgreifen kann. Und auch die heimische Presse hat - von den Zensur-Beschränkungen abgesehen - selten direkten Zugang zu den Orten des Geschehens, die schwer erreichbar zwischen Gebirgsketten und dichten Wäldern liegen. Das 147.000 Quadratkilometer kleine Nepal verfügt über 38 Flugplätze mit zum Teil saisonbeschränkter Nutzbarkeit. Orte, die sich nicht per Flugzeug erreichen lassen, zwingen den Reisenden zu langwierigen und oft sehr beschwerlichen Touren durch teilweise straßenloses Gebiet. Und die örtliche Presse befindet sich oft in einem beklagenswerten Zustand. "Die Behörden und die Leute sind sich nicht recht über unsere Möglichkeiten im Klaren", sagt Narain Prasad, der 71-jährige Herausgeber von Yugbodth, der einzigen Zeitung in Dang. "Uns ist gesagt worden, alle Information, kommen von der Regierung in Kathmandu. Sogar die Weitergabe von Information ist untersagt. Warum soll ich da das Gesetz brechen und versuchen, welche zu beschaffen." Dass die Maoisten bei ihrem Einfall in Dang auch sein Haus beschossen haben, hat Prasads journalistischen Eifer nicht eben gefördert.

Bevor die Regierung von Nepal Notstand und Militäreinsatz ansagte, vergewisserte sie sich der Unterstützung Indiens. General Prajwalla S.J.B. Rana, Oberbefehlshaber der Königlich-Nepalesischen Armee, eilte von einem Besuch in Wien direkt nach Delhi zu einem Geheimtreffen mit dem indischen Armeechef General S. Padmanabhan. Er bat um sofortige Lieferung der kürzlich bestellten Jeeps, Nachtsichtgeräte, Maschinengewehre und Munition, und um Helikopter. Indien schenkte ihm auf der Stelle vier und gewährte Freundschaftspreise auf weitere Bestellungen. Schon am nächsten Tag rollten die ersten Lastzüge mit Rüstungsmaterial über die Grenze.

Delhis Angst vor dem Roten Korridor

Aber es geht nicht nur um Hardware. Nepal wünscht strategische Beratung, Geheimdienstkooperation und Hilfe bei der Aufstellung einer 30.000 Mann starken Grenztruppe - wenn möglich sogar direkten Eingriff der indischen Armee. Indien sagte - offiziell jede Festlegung vermeidend - volle Kooperation zu. Diese bereitwillige Unterstützung folgt durchaus eigenen Interessen. Die innere Stabilität Nepals als wohlgesonnener, hinduistischer Pufferstaat an der Grenze zu China dient Delhis Sicherheitsbedürfnissen. Darüber hinaus ist das kleine "Dach der Welt" von großer strategischer Bedeutung für die Machtverhältnisse im südostasiatischen Raum. Und schließlich stellt das Erstarken der Maoisten in Nepal eine direkte innenpolitische Gefahr für Indien dar.

Die lange Grenze zwischen beiden Ländern ist äußerst porös. Die maoistische Rebellen in Nepal sind aufs engste mit der maoistischen People´s War Groups (PWG) in den indischen Staaten Andhra Pradesh, Madhya Pradesh und Chattisharh sowie dem Maoistisch-Kommunistischen Zentrum in Bihar verbunden. In Delhi wächst die Sorge, dass diesseits und jenseits der Grenze die kontrollierten Gebiete zu einer "kompakten revolutionären Zone" zusammenwachsen und so ein "Roter Korridor" zwischen den Nachbarstaaten entsteht. Geheimdienstberichte über eine chinesische und offenbar auch pakistanische Unterstützung der Rebellen geben der Sache zusätzliche Brisanz.

Fast 40 der 75 Verwaltungsbezirke von Nepal scheinen die Maoisten inzwischen zu kontrollieren. In mindestens 23 davon sollen bereits maoistische Volksregierungen eingesetzt sein. Die maoistische Armee steht unter dem Oberbefehl des legendären Rambahadur Thapa alias Badal, der nach einem Atomingenieurstudium in Moskau von libyschen Guerillatrainern ausgebildet wurde. Er scheint die totale Loyalität seiner Truppen zu genießen, denen nach Schätzungen 10.000 Kämpfer, Männer und Frauen, angehören. Ein großer Teil hat eine solide Kampfausbildung in Trainingscamps genossen. Neben der breiten Volksmiliz existieren Elite-Guerilla-Einheiten, die ihre Operationen von versteckte Basen im Dschungel aus führen.

Wie der Fisch im Wasser

Dabei bewegen sich die Rebellen in weiten Teilen des Landes tatsächlich "wie der Fisch im Wasser". In den sechs Jahren seit ihrer Gründung haben sie das Vertrauen der ärmsten und rückständigsten Bevölkerungsschichten gewonnen. Die Maoisten sichern Trinkwasserquellen, helfen Hütten und Straßen zu bauen, schlichten Streit und unterstützen die Forderungen von Waldarbeitern nach mehr Lohn. Es gibt erstaunlich viele Frauen unter ihnen, nach Schätzungen 30 bis 40 Prozent, viele davon in leitenden Funktionen. Das Durchschnittsalter der Guerilleros liegt zwischen 19 und 28 Jahren. Die Anführer haben studiert, meist in Indien, und eine glänzende Karriere gegen das Leben im Dschungel eingetauscht. Die Masse allerdings besteht aus wenig ausgebildeten, meist arbeitslosen Jugendlichen.

Sollten die Maoisten ihr Ziel - eine nepalesische Republik - nicht erreichen, dürften dem Land lange und blutige Auseinandersetzungen bevor stehen, während derer auch die noch junge Demokratie Schaden nehmen könnte. Der König wartet nur darauf, das zehnjährige Experiment beenden und die Zügel wieder fest in seine Hände nehmen zu können. Ob es dazu kommt, ist offen. Im Moment scheint das Einflussgebietes der Maoisten eher größer als kleiner zu werden und sich in Richtung Hauptstadt auszudehnen. Noch aber hat niemand die rote Fahne vor den Palasttoren aufgepflanzt. In einem der Außenbezirk von Kathmandu jedoch wurde unlängst eine Coca-Cola-Fabrik in die Luft gebombt. Hauptaktionär war Paras, der "schwarze Kronprinz" - seit den Palastmassakern im Juni ebenso verdächtigt wie unbeliebt. Und keine 150 Kilometer von den Stadttoren entfernt haben sich mehr als 4.000 Menschen unter roten Fahnen versammelt, um einer jungen Frau im grünen Kampfanzug zuzuhören, deren helle Stimme ohne Mikrofon den weiten Platz ausfüllt und von den nahen Gebirgen zurückhallt.

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00:00 21.12.2001

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