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Fälscherexpertise Frag' die richtigen Leute: Die Berliner Kunstfälscher Eugen, Semjon und Michael Posin erklären den Sinn des Kopierens und wie man vermeidet, auf Falsifikate hereinzufallen

Fälschungsskandale gehören zum Kunstbetrieb wie die Messen. Gerade wurde Anklage erhoben in der Sache der fiktiven Sammlung Jägers. Mit geschickt lancierter Geschichte waren Falsifikate etwa von Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Max Ernst verkauft worden; in den Fall verwickelt ist der angesehene Kunsthistoriker Werner Spies, der auf Echtheit erkannte und Kommissionen erhielt.

Der Freitag: Wurde Ihre Expertise schon einmal nachgefragt?

Eugen Posin: Vor einigen Jahren kam einer, der zeigte uns ein Foto von einem offensichtlich gefälschten Picasso aus der Blauen Periode, aus einer Privatsammlung. Ihm waren sieben Millionen versprochen worden, sagte er, und er wollte mit uns teilen, wenn wir das Bild für echt erklärten. Wir haben ihn rausgeschmissen.

Ist es nicht verführerisch, dem Markt, den Kunstkäufern „unbekannte Originale“ zu geben?

Eugen: Wir wollen das nicht.

Michael Posin: Das interessiert uns nicht.

Haben Sie Angst?

Michael: Wir wollen ruhig leben. Viele Leute kennen uns, das Geld kommt sowieso, wenn man unsere Erfahrung hat.

Semjon Posin: Einmal hörten wir, 2002, dass unsere Fälschungen in Antwerpen als Originale verkauft wurden. Das gab für den Verkäufer vier Jahre Gefängnis.

Michael: Es kamen zwei Männer zu uns, und wir bekamen den Auftrag, Turner-Bilder zu kopieren. Das waren die Bilder, die 1995 in der Hamburger Kunsthalle gestohlen worden sind. Unsere Kopien waren visuell perfekt, aber auf neuer Leinwand gemalt. Solche Kopien waren ja bestellt.

Semjon: Dazu gab es unser Zertifikat.

Michael: Dann versuchten diese Idioten, die Bilder im Kunsthandel zu verkaufen. Für zehn Millionen Mark. Und wurden erwischt. Es war ja neue Leinwand.

Können Sie sich schützen?

Eugen: Nein. Wir können nichts machen. Zu jedem Bild gehört ein Zertifikat, auf dem steht, dass wir das Bild gemalt haben, alle Daten des Bildes stehen auch auf der Rückseite.

Michael: Mit einem Küchen­messer kann man Brot schneiden oder jemandem die Kehle durchtrennen.

Erkennen Sie Fälschungen?

Eugen: Ja.

Sie irren nie?

Eugen: Noch nicht passiert. Als Studenten waren wir oft in der Eremitage, da hing so ein El Greco, von dem wir immer dachten, dass der nicht echt ist. Ein Kopf, da hatten wir immer Zweifel.

Und? Haben Sie etwas gesagt?

Eugen: Nein, wir waren doch Studenten. Irgendwann wurde das Schild ausgetauscht und das Bild gilt seitdem nur noch als eines aus dem Umkreis von El Greco.

Michael: Ich habe der Gemäldegalerie in Berlin auch nicht gesagt, dass da vermutlich eine Fälschung hängt. Ich sage jetzt aber nicht, welches Bild es ist.

Sie hätten die Fälschungen aus der vermeintlichen Sammlung Jägers erkannt?

Michael: Mit großer Wahrscheinlichkeit.

Woran hätten Sie etwa den gefälschten Pechstein erkannt?

Eugen: Pechstein hatte einen einmaligen Stil.

Michael: Die visuelle Erfahrung, die wir haben, ist nicht zu unterschätzen. Uns brachte mal jemand eine Raffael-Zeichnung, die sah ganz alt aus, aber wir haben gesehen, dass es eine Fälschung war, weil wir wissen, dass Raffael keine sinnlosen Linien zeichnete, wie sie da zu sehen waren.

Bei der nie existenten Sammlung Jägers kamen die Zweifel, weil der Galerieaufkleber auf der Rückseite dilettantisch war.

Eugen: Natürlich muss man die Rückseite beachten. Wenn die zu perfekt ist, ist das auch bedenklich. Ich werde stutzig, wenn hinten auf einer Leinwand ein Zeitungsartikel so geklebt wurde, dass man genau das Datum lesen kann. Solchen Sachen vertraue ich nicht, das ist ein zu großer Zufall. Auch wenn der Aufkleber der Galerie zu gut erkennbar hinten drauf ist – das würde mich vorsichtig machen.

Beim jüngsten Fälscherskandal haben sich die Experten geirrt. Erst eine technische Analyse hat die Fälschungen enttarnt.

Eugen: Ich verstehe nicht, warum nicht richtig geprüft wurde. Warum hat man nicht vorab eine Expertise für ein paar Tausend Euro eingeholt, wenn man die Bilder für Millionen verkaufen will? Wir verstehen sowieso nicht, wie man glauben kann, dass immer wieder neue, un­bekannte Bilder auftauchen.

Warum glauben Auktions­häuser das?

Michael: Mein Fazit ist: Für eine ordentliche Expertise braucht man neben den üblichen Experten und den technischen Untersuchungen immer einen Künstler, der selber Bilder malt. Nur der Künstler weiß, wie Bilder gemalt, wie Bilder kopiert werden.

Eugen: Mit einer Gruppe, die so zusammenarbeitet, wäre es für Fälscher absolut unmöglich.

Michael: Es gab doch diese Geschichte mit den gefälschten Vermeers...

...einer der größten Fälscher-skandale des 20. Jahrhunderts, bei dem der Fälscher Han van Meegeren neue Vermeers an Göring verkaufte.

Michael: Das verstehe ich nicht. Man sieht doch, dass das nicht von Vermeer sein kann. Die Bilder strahlen 20. Jahrhundert aus.

Woran sehen Sie das?

Michael: An den Händen und den Köpfen. So eine Art zu zeichnen gab es zu Vermeers Zeit nicht.

Ist ein Fälscherskandal wie der aktuelle schlecht für Ihr Image?

Semjon: Mit uns hat das nichts zu tun.

Michael: Wir finden es sehr gut, wenn legal Kopien von wichtigen Bildern entstehen. Damit sie erhalten bleiben. Und die alten Techniken dazu. Das kann doch bald keiner mehr.

Ist es eigentlich leichter, die oft großflächige moderne Kunst zu fälschen als die kleinteilige, farblich aufwendigere alte Kunst?

Michael: Es ist umgekehrt. Moderne Kunst ist schwieriger als alte Kunst.

Weil sie schnell gemalt wurde?

Eugen: Ja, bei alter Kunst kann man sitzen und sitzen und malen. Das dauerte auch bei den Alten Meistern lange.

Michael: Die Expressionisten haben ihre Bilder in kurzer Zeit geschaffen; man muss lernen, die Hand so schnell zu bewegen wie sie. Das ist komplizierter als Bilder in alter Technik.

Eugen: Mir ist es deshalb unverständlich, warum Fälscher immer versuchen, moderne Kunst zu fälschen.

Michael: Es gibt zwei Seiten beim Fälschen. Zuerst müssen Technik und Material stimmen. Die andere ist: Bei Alten Meistern besteht immer die Gefahr, etwas schlechter zu machen. Bei moderner Kunst muss man aufpassen, es nicht besser zu machen.

Wie kopieren Sie ein modernes Bild?

Michael: Wir versuchen ein Bild in der gleichen Zeit zu malen, die der Maler brauchte. Das ist wichtig, sonst sieht man den Unterschied. Bei van Gogh etwa muss man auch die Lebensphasen beachten. Er hat anders gemalt, wenn er krank war. Das muss man lernen und beachten. Das ist wie bei einem Schauspieler, der sich in seine Rolle versetzt.

Eugen: Ohne Stimmung malt man nicht.

Malen Sie Bilder gemeinsam? Einer die Köpfe, der andere den Hintergrund, wie das früher in Werkstätten üblich war?

Eugen: Nein. Das ist Fließband­arbeit, das machen wir nicht.

Michael: Wir malen keine Bilder, wir malen Wirkung.

Eugen: Wir kopieren nicht, wir machen ein zweites Bild. Deshalb kaufen die Leute bei uns. Kopien will niemand. Die Leute wollen Bilder.

Kann man am Ende sehen, wer von Ihnen welches Bild gemalt hat?

Eugen: Nein.

Haben Sie Konkurrenten?

Eugen: Nein, eigentlich nicht. Wir hatten mal eine Kundin, die wollte lieber zur „Konkurrenz“ gehen, weil es für sie günstiger wäre. Wir haben sie gehen und suchen lassen. Sie kam dann wieder zu uns.

Gibt es etwas, das Sie nicht fälschen können?

Eugen: Nein.

Michael: In der Malerei kann man alles fälschen.

Semjon: Man muss sich an die Regeln halten. 70 Jahre gilt der Urheberrechtsschutz, aber sonst? Nein, wir können alles.

Eugen: Außer Jackson Pollocks Drip Paintings, das geht nicht, das hat auch noch keiner versucht.

Und was ist derzeit am gefragtesten?

Eugen: Leider Alte Meister. Vermeer, Rubens.

Leider?

Semjon: Ja, es ist komisch, vor zehn Jahren wollten die Leute vor allem Impressionisten und Expressionisten. Jetzt wollen sie Alte Meister.

Eugen: Seitdem haben wir viel weniger Zeit für unsere eigene Kunst. Alte Meister dauern länger.

Semjon, Michael und Eugen Posin, geboren und ausgebildet in der Sowjetunion, leben seit den achtziger Jahren in Berlin und kopieren alles, was Kunst ist. Ganz legal und mit Zertifikat. In ihrem Ausstellungsraum hängen Vincent van Goghs Sonnenblumen neben Ernst Ludwig Kirchners Straßenszene und Leonardos Mona Lisa und Variationen von Monets Seerosen. Wenn sie Zeit haben, malen sie eigene Bilder.


11:45 23.06.2011

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