Rundherum schwankender Boden

Haltepunkt Identität In Carsten Probsts Romandebüt "Träumer" entwickelt sich zu wenig

Ausgestoßen sein verbindet. Anders sein auch. Aber dann? - Andreas und Bernhard lernen einander kennen, nachdem sie beide vom Rektor ihrer Schule zur Verwarnung vorgeladen worden sind. Der Träumer und der Rebell; irgend etwas zieht sie zueinander. Andreas, aus dessen Perspektive wir von der Beziehung erfahren, ist vom scheinbar souveränen Bernhard fasziniert, der für den Rest der Welt meist nur ein müdes Lächeln übrig hat und in dieser Gesellschaft allenfalls den Platz eines Künstlers einzunehmen bereit ist. Eine gemeinsame Reise nach Frankreich, wo Bernhard ein Bauernhaus ausbauen will, endet mit Andreas´ abrupter Flucht; doch als ob es für ihn gar kein Entkommen gäbe, begegnet er ihm Jahre später wieder, als er im Studium die ihrerseits rebellische Lisa kennen lernt und erfährt, sie habe einen heiß geliebten Bruder namens Bernhard ...
Bernhard, dessen Nein zur Welt sich über die Jahre zu einem paranoiden Größenwahn ausgewachsen hat, verschanzt sich mittlerweile in einer Wohnung der Mutter in Gratwein, die bald zum Kriegsschauplatz der beiden verbündeten Geschwister gegen den brav bürgerlichen Bruder Robert wird. Und dann werden Lisa und Andreas zu Helfershelfern in einem absurden Spiel. Mit der Attitüde des großen Künstlers rennt Bernhard gegen jede Grenze der "normalen" Welt; schmeißt das Geld der Mutter aus dem Fenster, verwickelt sich in Prügeleien, und bleibt nur dank der ihn überall rettenden Schwester vor der Psychiatrie bewahrt.
Träumer, der Debütroman des Berliner Kulturjournalisten Carsten Probst ist ein Dialogbuch; es lebt vom Hin und Her, oft dem Pingpong der Worte und Sätze. Lisas nimmermüde Rechtfertigungen von Bernhards Aktionen stehen gegen Andreas´ schwächliche Einwände; in Andreas´ Kopf selbst findet die Diskussion statt zwischen Angezogen sein, Verstehen wollen einerseits, einer leisen Ablehnung und Distanzierung andererseits. Andreas ist gefangen in der Falle der eigenen Zögerlichkeit. Fast möchte man sagen: Träumer MUSS ein Dialogbuch sein, was sonst gäbe das Gerüst ab für dies ärgerlich leere Spiel der Haltungslosen? Denn wer sind Andreas und Lisa jenseits von Bernhard; was sind sie außer einer Bezogenheit, einer blinden Betriebsamkeit?
Die Abwesenheit fassbarer Figuren lässt das Schwanken selbst, die Unklarheit über alles zur Grundbewegung des Buches werden. Mehr noch als Bernhards Ver-rücktheit ist es die Haltungslosigkeit der beiden selbsternannten Retter: Haltlosigkeit schlechthin scheint das Thema des Buches, anders gesagt, das Scheitern von Identität auf dreierlei Weise. Aber es fehlt nicht nur der Haltepunkt Identität, auch jener der Zeitlichkeit; ist doch auch die leidenschaftslose Leidenschaft von Andreas und Lisa für Bernhard etwas seltsam Zeitloses, sie wandelt und entwickelt sich nicht, sie ist einfach da, selbst ein Wahn, eine Wirklichkeit, die einzige Wirklichkeit dieses Buches.
All dies müsste nicht gegen das Buch sprechen. Der Versuch, ein erstarrtes Szenario zu fassen oder auch: das Moment des psychischen Ineinander-Verhaktseins dreier Leute zu versprachlichen, könnte einen spannenden Text geben. Wäre nicht über das starre, gleichmütig erzählte Tableau die Folie von Dynamik und Entwicklung gelegt. Sie bleibt aber bloße Behauptung.
Der Ich-Erzähler ist von A bis Z der Bernhard-Nachläufer; Lisa, zu Andreas stets vage und unnahbar, ist von A bis Z die Bernhard-Retterin; Bernhard genauso durchgängig der Untätige, Unberechenbare und Größenwahnsinnige. Reflexionen des Erzählers über die Figuren und ihre Veränderungen wirken auf diesem Boden der rundherum schwankenden Identitäten geradezu komisch: "Alles glich einem stummen mysteriösen Schauspiel nach möglicherweise schon altbekannten, unausgesprochenen Regeln, die für mich im Dunkeln blieben." - schreibt der in Gratwein dem Ablauf des verzweifelten Spiels folgende Ich-Erzähler. Im Dunkeln bleibt für uns Lesende stets das Geheimnis seiner Faszination. "Am Anfang habe ich überhaupt nichts zu verstehen geglaubt, obwohl ich beide, Lisa und Bernhard, einigermassen zu kennen meinte." - Eine Kenntnis, die uns ebenfalls entgeht - "Miteinander waren sie völlig verändert, andere geworden, von Bernhards Entwicklung in den letzten Jahren ganz zu schweigen. Ich würde mich ihnen gegenüber anders verhalten müssen, als ich es gewohnt war. Lisa war nicht mehr beliebig ansprechbar. Ich würde mich beim Reden sogar vorsehen müssen. Sie war nicht mehr die, die ich kannte, sondern umgeben, eingehüllt von einer alten Geschichte, deren Dimension sich mtr allenfalls andeutete. Bernhard leugnete jede Bekanntschaft zwischen uns, und vielleicht wollte ich das nur nicht wahrhaben." Und so weiter.
Als wäre dies nicht genug, gibt es als weiteres Verwirrmoment eine von verschiedener Seite immer wieder behauptete Ähnlichkeit zwischen Andreas und Bernhard. Als wolle der Autor noch einen Schlenker in der Inszenierung von Identitätsproblematik einbauen; dieser Faden aber führt vollends ins Leere.
Vielleicht müsste man abstrahieren. Die Figuren nicht als Figuren denken, sondern als Möglichkeiten im endlosen Denkspiel Identität. Doch auch dies würde das Buch nicht von seiner Redundanz befreien; würde nicht den Eindruck von Auf-der-Stelle-Treten verändern, an einem Ort, den man von Anfang an kennt. Irgendwie anders zu sein reicht eben nicht. Und davon zu erzählen, füllt die Seiten, aber es macht noch kein Buch.

Carsten Probst: Träumer. Roman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002, 149 S., 16,50 EUR


00:00 10.05.2002

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