Russische Pilze mit Spreewaldgurken

Cottbus In der schrumpfenden Stadt sind Migranten aus der früheren Sowjetunion inzwischen die größte Minderheit

Ich wiederhole: "Haben Sie fremdenfeindliche oder antisemitische Angriffe erlebt?" Mein Vis-à-vis kratzt sich nachdenklich im kurzgeschorenen Haar: "Eigentlich nicht. Brauchen Sie das unbedingt für Ihren Text?" Er lächelt etwas verschmitzt. Ein kräftiger junger Mann, ein paar graue Streifen im dunklen Haar, freundlicher Blick. Mediterraner Typ, sagt man hier. Wo er herkommt, in der Ukraine, sagt man: Schwarzmeer-Charme. Nun sitzt er als Vizevorsitzender der Jüdischen Gemeinde in seinem winzigen Büro im Altstadtzentrum von Cottbus und kümmert sich um die Pflege jüdischer Kultur und Hilfe zur Integration. Es sind zwei schmale Stockwerke, etwa ein Dutzend kleine Räume, der Eingang liegt in einer Hofecke, nicht auffällig ausgeschildert - aber auch nicht bewacht. Die Türen stehen offen, man spricht sich mit Vornamen an, im engen Vorraum steht den Besuchern ein anachronistischer Aschenbecher zur Verfügung. "Die meisten, die hier Hilfe suchen, haben Sprachprobleme im Umgang mit Behörden oder beim Arzt", erklärt Leonid Rudoj und meint, dass seine Klienten russisch sprechen. "Konflikte mit der deutschen Umgebung?" Er runzelt die Stirn: "Nein." Die jüdischen Migranten und Spätaussiedler lebten ja nicht in Ghettos. Sicher gäbe es manchmal Konflikte wegen Lärm oder ähnlichem. Aber wo gibt es das nicht? "Cottbus ist eine freundliche Stadt", sagt er.


Die Markenzeichen der zweitgrößten Kommune Brandenburgs sind der FC Energie, die Spreewaldgurke und die junge Technische Universität. Traurigen Ruhm bescherten Ausschreitungen von Neonazis, die Cottbus beinahe zum Etikett "No-Go-Area" verhalfen. Ähnlich markant ist die Arbeitslosenquote, die im Januar 2008 bei 15,3Prozent liegt. All das sind Attribute des neuen Cottbus. Die Vorwendestadt war anders. "Kohle hatten wir hier, wir waren der größte Energieproduzent der DDR, dann das Chemiefaserkombinat, Textilien - es gab Arbeit wie Heu". Herr Fuchs hat ein Hörgerät im Ohr und spricht laut: "Die bauten wie bescheuert. Und nun reißen sie es wieder ab." Wir sitzen auf einer Bank. Hinter unserem Rücken drängeln sich um einen kleinen Platz einige Supermärkte, vor uns ragt ein gewagtes Kunstobjekt aus Metallbögen empor, über die ein freches, menschengroßes Kupferreptil kriecht. In der Ferne machen sich Arbeiter an einem Hochhaus zu schaffen, das schon sein Dach und die Fenster losgeworden ist. Neu Schmellwitz, wie die Gegend heißt, haftet der "Ruf" an, Fremde dürften sich nicht auf die Straße wagen. Am frühen Nachmittag sind Kinder mit Ranzen unterwegs, junge Frauen schieben Kinderwagen. Nichts Ungewöhnliches. Nur die Abstände zwischen den fünfstöckigen Häusern sind ungewohnt groß, so dass die Menschen, die durch die zerzausten Brachfelder eilen, kleiner aussehen, als sie sind.

"Ich bin alt, sitze in meinem fünften Stock und gucke fern." Herr Fuchs trägt eine schwarze Prinz-Heinrich-Mütze, diese Uniformkopfbedeckung eines degradierten Beamten oder eines gehobenen Proletariers im Ruhestand. Seine Anworten sind knapp. Vielleicht ist es ihm suspekt, mit mir, einer Russin, zu reden. "Die Aussiedler? Die Russen?" fragt er. "Zwei wohnen in unserem Haus. Ich habe ihnen mein altes Fahrrad geschenkt. Ich frage mich nur: Was wollen die hier? Hier gibt es ja nichts!" Die Satellitenstadt Neu Schmellwitz ist in den siebziger Jahren emporgewachsen, als die Bevölkerung wuchs. Heute lichtet sie sich. Lebten 1989 noch 130.000 Menschen in dieser Stadt, sind es heute noch 102.000. Zöge man die 4.000 Studierenden ab, würde Cottbus nicht mehr den Namen Großstadt verdienen.

Von Neu Schmellwitz bis ins Stadtzentrum fährt man 15 Minuten mit der Straßenbahn. Eine Altstadt mit ruhigen Straßen, eckigen Kirchen, einem Kloster und niedlichen bunten Giebelhäusern erwartet den Besucher. Die Ortsschilder sind zweisprachig, was daran erinnert, dass hier einmal zu 90 Prozent Westslawen lebten, die - nebenbei bemerkt - das Rezept für das Marinieren der Spreewaldsauergurke erfunden haben. Allein des Sorbischen Museums wegen lohnt sich der Ausflug nach Cottbus. Touristen sind hier allerdings eine Seltenheit. In der Fußgängerzone schreibt man Gemütlichkeit groß, im plüschig roten Inneren eines Cafés namens Lauterbach genießt gepflegte Kundschaft gepflegte Getränke. Schräg gegenüber liegt das Zentrum der jüdischen Gemeinde, wo Leonid Rudoj eben Teetassen auf ein Tablett räumt. Die Mittagspause ist zu Ende. "Das ist unsere Geschichtsabteilung", stellt Leonid Diana, Ella, Marina, Natalja und Siegrid vor, die sich um einen großen Tisch tummeln. Bebrillt und gebügelt, im ehemaligen Leben Akademikerin, erforschen sie für einen Euro pro Stunde die Geschichte der Cottbuser Juden. Auf der Tischplatte stapeln sich füllige Ordner, die dokumentieren, dass 1936 334 Juden in Cottbus lebten. Nach dem Kriegsende gab es noch zwölf. Die heutige Gemeinde, die 1998 gegründet wurde, zählt 360 Mitglieder, allesamt aus der ehemaligen Sowjetunion immigriert.


Anders als Diana, Ella und Marina haben die Spätaussiedler aus Russland keine Gemeinde in Cottbus. Schließlich sind sie als Deutsche ausgereist. Dass sie folglich als Deutsche unter Deutschen leben würden, wurde vorausgesetzt. "Leichter gesagt als getan", seufzt Frau Winokurowa, die Hilfe und Beratung für russischsprachige Migranten leistet. In der DDR geboren, in der Sowjetunion studiert und verheiratet, spricht sie fließend russisch, und ebenso russisch empfängt sie Besuch. Zum kräftigen Tee tischt sie dick belegte Schrippen und knackige Pilze auf: "Selbst gesammelt und mariniert!" sagt sie. Die Russen nämlich schätzen sehr, dass die Wälder so nah an der Stadt liegen, und dass es in ihnen so viele Pilze gibt. Tatsächlich sind durch die Fenster ihres Büros in der Hegelstraße die ersten Bäume zu sehen. Wie Neu Schmellwitz ist Sachsendorf ein Neubaugebiet. Auch hier gibt es bunt geschminkte Betonfassaden, ein Highlight ist ein schräges Zelt, das die Umrisse des Berliner Sony Centers karikiert und einem kleinen Markt ein Dach bietet. In der Hegelstraße verlieren sich die heiteren Farben. Ein Hochhaus ist schon fensterlos, ein anderes ist ein Asylantenheim, hier residiert im Erdgeschoss Frau Winokurowa. Sie nimmt einen Schluck Tee, ermuntert, auch von der selbstgemachten Marmelade zu kosten und erzählt von ihrer Arbeit. Seit 16 Jahren führt sie Migranten durch die Behörden-Labyrinthe in ihr neues Leben. Frau Winokurowa wirkt freundlich, sachlich, kompetent. Auf jede Frage hält sie eine Antwort parat. Außer auf eine: was aus ihrem eigenen Arbeitsplatz wird. Die Einrichtung wechselt in Kürze den Träger, der Migrantenstrom aus Russland ist fast versiegt - Frau Winokurowa bangt um ihren Job.

2.675 deutsche Spätaussiedler und jüdische Migranten aus Russland haben das Bundesverwaltungsamt und das Aussiedleramt zwischen 1991 und 2007 Cottbus zugewiesen. Während die Stadt ihren Exodus erlebte, hat sie sozusagen eine kleine Infusion neuer Bewohner bekommen. Die Ankömmlinge aus der früheren Sowjetunion stellen heute mit Abstand die größte Minderheit. Manche sind in die Heimat zurückgekehrt, der Großteil aber ist geblieben.

Was aber bietet ihnen die Stadt? Die Rentner, sagt Leonid Rudoj, genießen die Ruhe und die frische Cottbuser Luft, die Schüler schmieden Pläne. Die mittlere Generation sei beim Job Center. Wie viele hier. So oft man auf dem Straßen das Wort "arbeitslos" hört, so wenig Aufmerksamkeit genießen die "Russen" in der Stadt. Fragt man Passanten nach ihnen, bleiben sie stehen, schauen unbestimmt in die Ferne und fragen: "Die Russen? - Die merkt man gar nicht." In der Tat, nur wer sie sucht, findet sie. Vor der Stadthalle, die als Zweckbau die Antwort der sozialistischen Moderne auf die niedliche Altstadt ist, erstreckt sich ein windiger Platz, auf dem die Jugendlichen, die nationale Embleme tragen, öfter die Zeit tot schlagen. In einer kleinen Straße, die davon abzweigt, liegt das Lädchen Labas. Schmal wie ein Federkästchen, ist es mit bunten Waren vollgestopft: Honig aus sibirischen Wäldern, Bier aus Petersburg, Wodka Putinka in luxuriöser Verpackung. Die Besitzerin erzählt, sie habe mit "Rechten" noch keine Schwierigkeiten gehabt. Aber sie ist froh, dass das Geschäft etwas abseits liegt und nicht direkt am Platz. Eine ältere deutsche Kundin greift zu einem goldverzierten Pralinenset für deftige sechs Euro. "Wir haben alle etwas Russisch gelernt", sagt sie und legt sie auf den Kassentisch. "Manche denken gern an die Jahre zurück."


Diana, Ella und Marina, Natalja und Sigrid - die "Geschichtsabteilung" des jüdischen Gemeindezentrums - haben inzwischen die dicken Ordner mit der jüdischen Vergangenheit auf dem Tisch ausgebreitet, wühlen aufgekratzt in den Papieren und erzählen vom alten Cottbus. Von der alteingesessenen Familie Hammerschmidt, vor deren Haus die Stadt "Stolpersteine" errichten ließ, vom Mäzen Max Grünebaum und der Vorkriegsgemeinde, die eine der reichsten in Deutschland war, mit Rechtsanwälten, Ärzten, Fabrikanten. Diana ist sichtbar stolz auf die alten Cottbuser Juden. Obwohl sie nicht deren Erbin ist. Dass sie und die anderen als russische Juden ausgerechnet in dieser Stadt gelandet sind, ist allein der Entscheidung einer deutschen Behörde geschuldet. Sie haben keine Wurzeln in Cottbus, es ist noch nicht einmal ihre Wahlheimat. Dennoch dulden die Frauen kein schlechtes Wort über die Stadt:

"Hier gibt es alles: Schwimmbad, Theater, Geschäfte, Krankenhaus. Ordnung und keine Korruption!" singen die Frauen im Chor, und Diana erzählt: "In Berlin tun die Deutschen oft, als ob sie mich nicht verstehen. Ich wollte Tee bestellen, da brachten sie mich ins Schwitzen." Hier, in Cottbus, habe sie so etwas nie erlebt. Der Lokalstolz der Frauen geht so weit, dass sie sich fast beleidigt fühlen, als der Begriff "No-Go-Area" fällt. "Es gibt hier Neo-Nazis, aber wo gibt es die nicht? In der Ukraine vielleicht? Oder in Russland?"

Sie erzählen, wie ein Aufmarsch der Nazis vergangenen Sommer ins Leere gelaufen sei: Die Mehrheit der Fenster und Türen entlang der Demonstrationsroute blieb als Zeichen des Protests geschlossen. "Es gibt genug anständige Menschen hier", so Dianas Bilanz: Nur mit der Arbeit sei es schwierig. Dies und nichts anderes sei das Problem dieser Stadt.


Bald ist Feierabend, die Frauen beginnen, die verstreuten Dokumente einzusammeln. Das Projekt wird in einem Monat abgeschlossen sein, sagt Marina. Was sie dann tun wird, weiß sie noch nicht. Gleich werden sie mit der Straßenbahn nach Hause fahren in das zugige Neu Schmellwitz oder in das maronenreiche Sachsendorf. Zu den Eltern, die vor dem russischen Fernsehprogramm sitzen, und den Kindern, die die deutschen Träume der Eltern verwirklichen sollen.

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