Russische Revolution

Ökoloft Wer Wert auf Mülltrennung und Energiesparen legt, gilt in Moskau als seltsamer Eigenbrötler. In einem Ökoloft proben fünf Bewohner eine andere Lebensweise

Andrej ist auf der Suche nach einem Umweltsünder. Sein schlaksiger Körper beugt sich über eine prall gefüllte Plastiktüte. Die Finger stochern zwischen zerknülltem Papier herum und fördern die knisternde Hülle eines Bonbons zutage. In der Küche des Ökolofts haben sich ein paar Jugendliche versammelt, die lärmend Tassen aus den Schränken räumen. Sie sind hier zu Gast. Andrej schaut mürrisch einen Jungen an, aus dessen Mund ein verdächtiges Schmatzen zu hören ist. „Auch wenn es Bonbon-Papier heißt, gehört es in den Plastikmüll“, sagt Andrej. Aus dem Flur tauchen mehr Leute auf. Die belehrenden Worte des 25-Jährigen gehen in Begrüßungsrufen unter.

An der Eingangstür hängen die Regeln des Ökolofts. Nach „Schuhe ausziehen“ ist Mülltrennung die zweitwichtigste. In der Küche steht ein dreiteiliger Behälter für Papier, Aluminium und Plastik. Doch wenn viele Leute da sind, geht öfters mal was daneben. Dann müssen die Bewohner des Ökolofts, Roman, Andrej, Tatjana, Mascha und Iwan, den Müll neu sortieren. Im Flur stehen zwei Fahrräder, mit denen sie ihn dann zu einer Annahmestelle transportieren. Doch zurzeit stapeln sich 16 Müllsäcke im Keller. Es ist zu kalt zum Radfahren.

Weitere zentrale Regeln des Ökolofts: „Licht aus“ und „Wasser sparen“. Die Räume liegen im kühlen Licht von Energiesparlampen. Läuft der Wasserhahn, läuft auch ein Wasserzähler mit. Darüber hängt ein Infoblatt: „Während des Zähneputzens den Hahn zudrehen.“ Besucher, die zum ersten Mal das Ökoloft betreten, staunen oft über die riesige Dusche mit eingebautem Radio. Andrej erzählt gerne aus Spaß, dass sie nur für die Länge eines Liedes duschen würden, um Wasser zu sparen. „Aber das ist Quatsch. Zwei Lieder dürfen es schon sein.“

Mülltrennung und Energie sparen – für Deutsche ist das nichts Revolutionäres. Wir haben den gelben Sack, Solaranlagen und Biolimonade. Öko ist ein durch alle Schichten waberndes Lebensgefühl. In Russland gibt es nur wenige Ökos – und die werden von der Mehrheit für Spinner gehalten. Wozu ökologisch bewusst leben, wenn das Land vor Rohstoffen strotzt? Und wenn der Preis für deren Pauschalverschwendung so verlockend niedrig ist, dass es egal ist, ob der Fernseher nachts aus ist oder auf Standby? Für die Wasserversorgung zahlen russische Haushalte einen Pauschalpreis, bei dem der Verlust durch Lecks in alten Rohren schon eingerechnet ist. Im Winter bullern die Heizkörper unregulierbar. Die einzige Möglichkeit, die Dauerhitze erträglicher zu machen, sind offene Fenster.

Wie eine Erleuchtung

Eines der größten Probleme ist der Müll. Recycling findet so gut wie nicht statt, Essensreste landen in denselben Containern wie Batterien und Bauschutt. Zwischen 2005 und 2010 ist die in Russland produzierte Müllmenge um 50 Prozent gewachsen. 3,5 Milliarden Tonnen landen jährlich auf den überquellenden Deponien, in Deutschland sind es 37 Millionen Tonnen. Anfang 2010 forderte Präsident Dimitri Medwedjew, es sei Zeit, dem „ökologischen Nihilismus“ ein Ende zu setzen. Bisher sind den Worten aber noch keine Taten gefolgt. Öko sein – in Russland ist das harte Arbeit.

Tatjana leistet solche Arbeit seit Jahren. Sie ist Pressesprecherin des russischen Umweltprojekts Ökoplanet. Die 28-Jährige hat Moskauer Parks gesäubert, Bäume gepflanzt und mit ecowiki.ru eine Webseite aufgebaut, die alle wichtigen Moskauer Ökoprojekte vernetzt. Im Sommer lernte sie auf einem Ökofestival Roman kennen. Der arbeitete als PR-Manager, trug teure Anzüge und verdiente 3.000 Dollar im Monat. Geld, Alkohol und Frauen – das war es, was für ihn zählte. Auf das Ökofestival war er nur durch Zufall geraten. Tatjana erzählte ihm von Müllbergen und Energieverschwendung, dass jeder einzelne etwas tun könne, ja müsse, weil es sonst irgendwann zu spät sei. Roman unterstützte Tatjana bei einigen Projekten und machte ein Praktikum beim WWF. Danach war er überzeugt, seine Bestimmung gefunden zu haben. Die Begegnung mit Tatjana sei für ihn wie eine Erleuchtung gewesen, sagt der 31-Jährige.

Die beiden beschlossen, ein Experiment zu wagen. Sie wollten eine Kommune gründen, deren Bewohner nach ökologischen Prinzipien leben. Die Wohnung fanden sie innerhalb von zwei Tagen in einem bröckligen Altbau in Moskaus Zentrum. Es meldeten sich noch drei Bekannte, die einziehen wollten, darunter die beiden jetzigen Mitbewohner Iwan, Mitarbeiter von Transparency International, und Andrej, Pressesprecher eines russischen Ministeriums, das die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen koordiniert. Die Dritte war Ljolja, die wieder auszog, weil sie kein Fleisch mitbringen durfte. Dafür zog Mascha ein.

Einen Monat verbrachten die fünf mit der Renovierung. Romans Zimmer bemalten sie mit Blattwerk, den Flur verwandelten sie in Alices Wunderland. Darüber prangt ein Gandhi-Spruch: „Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.“ Um sich einzurichten, gingen die Ökos auf die seltenen Flohmärkte oder wühlten unter den erschrockenen Blicken der Moskauer im Sperrmüll. „Wir sehen nicht so aus, als ob wir das nötig hätten. Das irritiert sie“, sagt Andrej.

Noch bevor die Bewohner das Ökoloft im Juni eröffneten, luden sie erste Referenten ein, die zwischen Farbeimern und Kleidersäcken über Mülltrennung und Energiesparen sprachen. Die Zuhörer waren großteils Freunde und Bekannte. Doch nachdem sie im Herbst mehrere Aktionen für die internationale Klimakampagne 350.org organisiert hatten, tauchten zunehmend unbekannte Gesichter im Ökoloft auf, um sich die Vorträge anzuhören. Das Wohnzimmer wurde zum Treffpunkt für all jene Moskauer, die Ökos sein möchten oder es schon sind. Heute gibt es Kurse für ökologisches Make-up und Workshops zur Stofftaschenverschönerung. Die Welt retten und dabei gut aussehen – das zieht auch in Russland besonders junge Menschen an.

„Unser Ökoloft wird langsam zu klein für die vielen Besucher“, sagt Tatjana. Sie hätten schon darüber nachgedacht, einen Treffpunkt außerhalb der Wohnung zu finden, doch dann gehe auch die Authentizität verloren. Tatsächlich ist binnen eines Dreivierteljahrs aus dem in Moskau einzigartigen Wohnprojekt eine Art Erlebnisspielplatz geworden. Jeder, der will, darf sich anschauen, wie es ist, anders als die anderen zu leben. Zu welchem Urteil die Besucher kommen, ist den Bewohnern egal. Sie erwarten nicht viel mehr, als dass sich die Leute ein wenig Gedanken machen. Schon das könne viel bewirken, sagt Roman.

Ihn selbst hat das Leben im Ökoloft zu einem anderen Menschen gemacht. Im September hat er gekündigt. Keine feinen Anzüge, keine Frauen, kein Alkohol mehr. Im Ökoloft lebt er auf sieben Quadratmetern; seine Mitbewohner gaben ihm das kleinste Zimmer. Nachdem sie seine riesigen Umzugskisten gesehen hatten, waren sie der Meinung, er brauche eine Konsumtherapie. Roman verschenkte die meisten Sachen und lernte, sich einzuschränken. Doch das reicht ihm nicht. Er will ein grüner Prophet sein, von dem die Leute so berührt werden, dass sie sich verändern. „Mein Leben besteht aus Stufen, jetzt muss ich die nächste nehmen“, sagt er.

Schon im August möchte er in der Moskauer Umgebung ein Ökohaus eröffnen, in dem zwölf Menschen wohnen und arbeiten können. Interessenten gibt es viele, aber manchen wird nach einem Gespräch mit Roman klar, dass sie nicht zu dem Projekt passen. Denn er erwartet absolute Disziplin: kein Fleisch, kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen. Neben einem ökologischen Bildungszentrum sollen ein Kindergarten und eine Schule entstehen. Derzeit kümmert sich Roman um die Finanzierung. Sie brauchen 300.000 Dollar. Sollte das Geld nicht zusammenkommen, gehe er zurück nach Sibirien, um dort ein Ökohaus, später ein Ökodorf zu bauen, sagt er. Langfristig will er nicht in Moskau bleiben: „Ich möchte einen Baum umarmen und das Rauschen der Blätter hören.“

Es wird lange dauern

Die Verwandlung vom lebenssatten Anzugträger zum nachdenklichen Öko-Messias mit Trotzki-Bärtchen scheint den anderen Ökoloft-Bewohnern nicht ganz geheuer. Der neue Roman bringt besonders seinen früheren Freund Andrej ins Grübeln. Roman sei von einem Extrem ins andere gestürzt. Er wisse nicht, ob das so gut sei. „Aber vielleicht retten auch eher solche Leute die Welt als ich“, sagt Andrej.

Trotz Romans Auszug wird es das Ökoloft weiter geben. Bisher ist es für Andrej, Tatjana, Mascha und Iwan der einzige Ort, an dem sie leben können, wie sie möchten. Sie wissen, dass es in Russland lange dauern wird, bis das, was sie tun, normal ist. „Wenn es soweit ist, wäre es schön, wenn sich die Leute an uns erinnern“, sagt Andrej. Glauben tut er nicht daran.

Antonie Rietzschel, 24, arbeitet derzeit für die Deutsche Allgemeine Zeitung in Kasachstan

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12:00 19.04.2011

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