Salut für den ersten Schnee

Ein Haus am Rande Berlins Wenn alles gut geht, finden Kinder hier ihre Kindheit wieder

Mit dem Kinderreport Deutschland 2007 hat das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW) gerade erschreckende Zahlen vorgelegt. Nach dem von Sozialwissenschaftlern erarbeiteten Bericht leben derzeit 2,5 Millionen Kinder deutschlandweit in Armut - weitere 2,5 Millionen hart an der Grenze zu Armut und sozialem Abstieg.

Elke Busch ist klein und zierlich. Sie ist 32 Jahre alt und zur Zeit nicht gut drauf. Alles rutscht ihr weg. Wir sitzen in einem Einkaufscenter. Ich habe sie nach dem Weg gefragt, nun trinken wir Kaffee. Sie wohnt im Berliner Stadtbezirk Marzahn-Hellerdorf, hat zwei Kinder, einen Freund und keine Arbeit. Ich bin Hartz-Vierer, sagt sie, und dass sie kaum noch jemanden kenne, der eine richtige Arbeit hat, eine, von der man leben kann. Sie hat sich bis jetzt immer noch was dazu verdient, aber das ist nun vorbei. Die Firma braucht sie nicht mehr. Schade. Denn sie könne ja arbeiten, habe einen richtigen Beruf. Doch nun weiß sie nicht mehr weiter.

Zu Hause gibt es Krach mit dem Freund. Der ist auch arbeitslos geworden, ausgerechnet vor Weihnachten. Sie leben sowieso schon von der Hand in den Mund. Elke Busch holt tief Luft - "woll´n Sie das überhaupt hören?" Ja. Sie erzählt, dass die Kinder wieder neue Sachen brauchen, jetzt wenn es Winter wird. Und zu Weihnachten soll es doch ein bisschen schön sein. Und manches kostet eben Geld. "Gucken Sie sich doch um." Ihre Stimme wird dünn. Nein, viel Freude hat die Familie nicht. Sie würde ja nichts sagen, aber es geht um die Kinder - "so zu leben. Nur immer Mangel, das kann doch nicht gut sein." Der große Sohn wollte gern in einen Sportverein. "Geht nicht. Wir haben das Geld für Beiträge und das ganze Drumherum einfach nicht." Oder Klassenfahrten. "Dafür kratzen wir alles zusammen, das fehlt dann woanders." Im Biotop der Armut wachsen Stress und Streit wie giftige Pilze, die junge Frau winkt ab.

Hartz-Vierer. Ein Stempel

Elke Busch ist eine von vielen in Berlin. Sie gehört zu den etwa 50.500 Bürgern in Marzahn-Hellersdorf, die Hartz IV beziehen. Auch ihre Kinder. Insgesamt leben im Bezirk etwa 11.900 Betroffene unter 15 Jahren von Hartz IV - 44 Prozent aller Kinder in diesem Bezirk. Hartz-Vierer, sagt Elke Busch, ist in der Schule ein fester Begriff. "Das ist ein Stempel."

Hartz IV - deutsches Kürzel für Armut. Die Studie des Kinderhilfswerkes zur Kinderarmut (s. Kasten) beschreibt diesen Zustand als komplexen und ziemlich ausweglosen Verelendungsvorgang. Es gibt keine Reserven, keine Rückzugsmöglichkeiten, nur noch Risiken. Ein Leben ohne Balance. Tatsächlich eine Falle. Oder ein Käfig, in dem Erwachsene und Kinder kirre gemacht werden, in dem sie wüten, resignieren oder sich verlieren. Die wenigsten finden von allein heraus.

In der Novembersonne blinken die Birkenblätter wie kleine goldene Segel. Bald wird es dunkel. Die Luft riecht schon nach Winter, die Gartengeräte sind im Keller, und auf der Terrasse haben die Kinder die Stühle ordentlich zusammen gerückt. Ein ruhiger Sonnabendnachmittag in der Gartensiedlung am Rande des großen Wohngebietes. Die unteren Fenster des Doppelhauses sind mit Blumenbildern beklebt. Ich besuche Marlies Nodolski und die Kinder der WAB-Gruppe Weißdorn. Sie sitzen ordentlich am Kaffeetisch, wären aber lieber im Keller, um mit viel Wasser und Trara Tapete von den Wänden zu reißen. Na gut, sagt Marlies. Und schon sind sie weg: Rico, Sascha, Danielle, Gloria und Patrick. Das sind nicht ihre richtigen Namen. Die bleiben geschützt wie die Kinder, die hier zu Hause sind, weil ihr zu Hause nicht mehr gut für sie war. Weil ihre Eltern, ihre Mütter gestolpert, gestrauchelt und gestürzt sind über Sorgen, Schulden, Arbeitslosigkeit, Armut, Angst, Trennung, Ausweglosigkeit. Nichtstun, Egoismus. Verlorene Liebe, Depression, Versagen, Faulheit, Alkohol, Gewalt, Tabletten - bis zum "Scheiß egal". Es gibt viele Worte dafür und keines reicht als Erklärung oder gar als Entschuldigung. Aber manche lassen soziale Ursachen deutlicher werden, individuelle Zusammenhänge klarer, das Spinnennetz zwischen beiden sichtbarer. Dann kann man helfen - den Kindern und den Eltern.

Dieses Haus an der Peripherie Berlins ist so gesehen ein Kinderhaus. Wenn alles gut geht, finden Kinder hier stückchenweise ihre Kindheit wieder. Die Bewohner bleiben solange, bis ihr Zuhause wieder gut für sie ist. Die WAB ist eine zweite Familie. WAB heißt "Wohngruppe mit alternierend innewohnender Betreuung" im Wochenrhythmus. Die Gruppe ist eines der pädagogischen und therapeutischen Projekte von Kilele, einer gemeinnützigen GmbH mit etwa 100 Heimplätzen. Kilele ist anerkannter Träger der Jugendhilfe und arbeitet eng mit dem Jugendamt des Stadtbezirkes zusammen. Kilele heißt - Kinder lernen leben.

Saschas Geschichte

Aus dem Keller dröhnt Musik. Im Treppenhaus patscht und poltert es. Gloria und Patrick haben Küchendienst. Danielle will ihre Ruhe haben und geht duschen. Rico hat seine Spange nicht drin und soll sie holen. Plötzlich stürmt Sascha in den Garten. Rennt und hüpft und fängt lachend die ersten Schneeflocken. Schreit Salut: Ja! Jaa! Jaaa!

Vor zwei Jahren fiel einer Nachbarin auf, dass der damals zehnjährige Sascha und seine kleinen Geschwister vernachlässigt aussahen, in der Mülltonne wühlten und nie in Begleitung ihrer Mutter waren. Sie fragte nach. Sascha, der sich um alles kümmerte und den Zusammenbruch verhindern wollte, konnte die Last nicht mehr tragen. Eine Geschichte, die elend ist und unerträglich. Keine Ausnahme, aber auch nicht die Regel. Eine junge Frau mit drei kleinen Kindern, arbeitslos, dann Hartz IV, hoffnungslos, Zank mit dem Partner, Trennung, Alkohol - keine Rücksicht auf die Kinder. Bequemlichkeit? "Auch. Oder wenn einer keine Aufgabe hat, nirgendwo gebraucht wird. Wenn es keinen kümmert, ob man da ist oder nicht, vielleicht wird man dann so."

Marlies Nadolski kennt viele Geschichten und staunt immer wieder, was Kinder durchmachen und aushalten. Sie sieht die Wunden und die Narben. Die Geschichte von Sascha und seinen Geschwistern könnte gut ausgehen. 2006 wurde der Mutter das Sorgerecht entzogen. Es gab Auflagen: Entzug machen, Umfeld wechseln, einen Hauswirtschaftskurs absolvieren. Mutter und Kinder sollen wieder zusammen kommen. Bis dahin erhalten die Kinder einen Vormund und leben in der Obhut von Kilele. Sascha und seine Geschwister sind in Einzeltherapie. In der WAB lernen sie mit den anderen Kindern, dass die kleinen Pflichten des Tagesplanes machbar sind und Verantwortung auch Bestätigung sein kann. Dazwischen bleibt Zeit für Spaß und Unsinn und Wünsche. Rico wünscht sich viel Geld für Reisen, für Legos und um die Erde besser zu erhalten. Gloria wünscht sich, dass ihre Familie reich ist, denn ihre große Schwester braucht Geld für das Baby und eine Wohnung. Danielle hat nur einen Wunsch: dass ihr herzkranker Vater gesund wird. Patrick wünscht sich eine Familie - und Sascha will ohne seine Mutter nirgendwo leben. Wünsche wie Hinweisschilder. Wenn sie groß sind, möchten diese Kinder keine Kinder, "um keinen Stress am Hals zu haben", sagt Marlies Nadolski.

Von Anfang 2006 bis September 2007 erhielten insgesamt 3.361 Familien des Bezirkes Hilfe zur Erziehung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz. Im gleichen Zeitraum wurden 1.844 Kinder aus Familien herausgenommen und in pädagogische und therapeutische Betreuung gegeben. Dafür gab der Bezirk im Jahr 2006 exakt 32.303.500 Euro aus. Für 2007 sind 33.331.000 veranschlagt. Viel Geld, um gesellschaftliches und familiäres Versagen zu reparieren. Armut kann wie ein Katalysator wirken und zu gravierenden Verwerfungen im Alltagsleben führen. Im Mai machte die Bundesärztekammer auf eine verschlechterte Kindergesundheit aufmerksam. Essstörungen und Bewegungsarmut nähmen zu. 15 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen seien davon betroffen, jeder Fünfte der Sieben- bis Siebzehnjährigen bundesweit habe psychische Probleme. Diese Diagnose gelte bei Kindern aus sozial schwachen Familien ganz besonders. "Da steht Deutschland international am Pranger".

Von 100 armen Kindern schaffen nach der Grundschule gerade einmal vier den Sprung aufs Gymnasium. Das Fazit des UN-Beauftragten Vernon Munoz gegen Ende seiner diesjährigen Deutschlandreise: In kaum einem anderen Industriestaat seien Bildungsweg und Bildungserfolg so sehr von der sozialen Herkunft abhängig.

Nur Kinder. Keine Hartz-Vierer

Ja, das können Thomas Knietzsch, Geschäftsführer, und Gabriele Hegel, pädagogische Leiterin von Kilele nur bestätigen. Leider sei das alles genau so. "Jedes dritte Kind ist verhaltensauffällig. Viele Kinder im Alter von drei und vier Jahren haben Sprachdefizite und Störungen der motorischen Fähigkeiten. Auffällig ist auch die Bildungsferne, die sich bei den Älteren in Sprache, Umgangskultur und in Lese- und Rechtschreibschwäche zeigt. Äußerst erschreckend ist, dass psychische Störungen bei ganz jungen Leuten zunehmen. Wir erleben das hier im Mutter-Kind-Projekt - depressive Stimmungen, Aggressivität, Borderline-Symptome." Viel Verunsicherung und Zerstörung. In Familien, die keine Zukunft haben, geht eine Kindheit früh zu Ende.

Das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf reagiert mit dem Projekt "Sozialraumorientierung". In sechs Problemzonen des Bezirkes wird unter dem Stichwort Prävention ressortübergreifend gearbeitet. Hilfe erfolgt schnell und unbürokratischer. Kinder-, Jugend- und Sozialarbeit gehen direkt auf Bedürfnisse und Interessen vor Ort ein. Eine erstaunliche kulturelle Vielfalt ist entstanden. Kinder sind hier einfach nur Kinder. Keine Hartz-Vierer.

Der große Sohn von Elke Busch hat in einem dieser Projekte ein Zukunftsdiplom gemacht. Da war alles drin, erzählt seine Mutter. Bildung, Ökologie, Kultur, Sport, die Stadt kennen lernen. "Die Kinder waren in der Synagoge Oranienburger Straße, auf einem Reiterhof und im Aquarium Berlin. Auch Eltern konnten mitmachen - und es hat nichts gekostet." Für ihren Sohn hat das einen Extrawert: Es wird im Zeugnis vermerkt. Eine Wertschätzung des Kindes. "Das ist dann Freude", sagt seine Mutter und heult beinahe los.


Jedes sechste Kind

Im Kinderreport Deutschland 2007 wird unter anderem festgestellt, dass 1965 jedes 75. westdeutsche Kind Sozialhilfe bezog - heute hingegen sei es auf ganz Deutschland bezogen jedes 6. Kind. Tendenz steigend.

Kinderarmut ist Elternarmut

In der Studie ist von einer "strukturellen Armutsfalle" die Rede, es wird darauf verwiesen, Kinderarmut sei immer auch Elternarmut und die habe ihre Wurzeln unter anderem im Steuer- und Sozialrecht, das Familien mit Kindern systematisch benachteilige. Selbst ein hart arbeitender Facharbeiter werde samt seiner Kinder zum "Almosenempfänger deklassiert".

Auszehrung und Raubbau

Hartz IV beschleunige den Absturz, verstärke die Hoffnungslosigkeit bei den Betroffenen - die Folgen der Agenda 2010 hätten einen schon lange bestehenden Trend gnadenlos sichtbar gemacht. Einer der Autoren des Berichts, der Darmstädter Sozialrichter Jürgen Borchert, bezeichnet diese millionenfache Lebenslage als Auszehrung - sozial, finanziell-materiell, kulturell, intellektuell, psychisch. Die bittere Wahrheit sei, "dass Deutschland einen in der Welt beispiellosen Raubbau an seinem Nachwuchs betreibt".

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