Sandinos späte Bekehrung

Wahl in Nikaragua Der mögliche Sieger Daniel Ortega will die Verelendung des Landes beenden, ohne die sozialistische Programmatik von einst zu beleben

Hinterher beeilte sich Oliver Garza, der US-Botschafter in Managua, eindringlich zu versichern, die Delegation der Frente Sandinista (FSLN) habe sich Anfang Oktober zu ihrer Reise durch die Vereinigten Staaten "selbst eingeladen". Ihm sei allein die Mission zugefallen, "als Privatperson Kontakte zu vermitteln" - Gespräche, die in einem "streng informellen Rahmen" blieben. Schließlich müsse sich Washington ein Urteil darüber bilden, was von einem nikaraguanischen Präsidenten zu erwarten sei, der möglicherweise Ende des Jahres wieder Daniel Ortega heiße. Dazu bestand auf jeden Fall Gelegenheit, denn zur offiziellen FSLN-Delegation, die "inoffiziell" mit der Bush-Regierung verhandelte, gehörte mit Augustin Jarquín immerhin der Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten

Als Ortega zwischen 1984 und 1990 schon einmal das höchste Staatsamt Nikaraguas bekleidete, trug er noch den Ehrentitel Comandante de la Revolución, stimmte bei offiziellen Anlässen eine Nationalhymne an, in der von den USA als dem "Feind der Menschheit" gesungen wurde, und bekam von den Präsidenten Reagan und Bush vorzugsweise Schmähungen und Kriegserklärungen zu hören. Ein neurotischer Antikommunismus wollte im sandinistischen Nikaragua stets ein zweites Kuba sehen, weil das Land nach dem Sturz des Diktators Somoza im Juli 1979 nicht mehr ergeben proamerikanisch war wie zuvor. Die Carter-Administration hatte dem Somoza-Clan, der so brutal und verschlagen herrschte, dass ihm in der gesamten Region nur noch die Clique des Jean-Claude Duvalier auf Haiti das Wasser reichen konnte, bis zum Schluss die Treue gehalten. Ronald Reagan ließ ab 1984 Nikaraguas Häfen verminen, um den Lebensnerv des Landes zu treffen, George Bush sen. verweigerte dem Präsidenten Ortega jede Art der Verständigung.

Als die Sandinisten dann bei den Wahlen im Februar 1990 überraschend klar scheiterten, war neben der ökonomischen Misere die von ihnen eingeführte Wehrpflicht ein Grund der Niederlage. Der jahrelange Krieg mit der von den USA alimentierten Contra-Guerilla hatte das Land zermürbt. Viele Nikaraguaner stimmten letztlich gegen Ortega, weil sie sahen, dass sich an der sturen Feindschaft der Amerikaner nichts ändern würde, solange die Sandinisten regierten. Nach deren Sturz fand sich Nikaragua erst recht im toten Winkel der Weltökonomie wieder. Im Vergleich zur Militärhilfe für die Contras fiel die versprochene Wirtschaftshilfe der US-Regierung ausgesprochen kläglich aus.

Die Sandinistische Befreiungsfront des Jahres 2001 hat allerdings nur noch wenig mit jener von Enthusiasmus sprühenden Bewegung zu tun, die am 19. Juli 1979 unter dem Jubel der Bevölkerung in Managua einzog und einen revolutionären Wandel einläutete, der allein mit der Agrar- und Bildungsreform einzigartig für Mittelamerika war. Ein "geläuterter Sandinismus" hat sich inzwischen auf die Formel verständigt, links sein, das kann - muss aber nicht - "sozialistisch" heißen. Die revolutionäre Vision ist der pragmatischen Realpolitik einer sozialdemokratischen Volkspartei untergeordnet. Ortega und Jarquín wollen im Fall einer Regierungsübernahme von Anfang an krasse Verwerfungen im Verhältnis zu den USA vermeiden, statt dessen "offene und respektvolle Beziehungen" (Jarquín) pflegen. Eine Regierung Ortega würde sämtliche Verträge mit internationalen Finanzinstitutionen ebenso respektieren wie den freien Markt und das private Eigentum, heißt es. Sogar während der Revolution zwischen 1979 und 1990 konfiszierte Besitztümer von US-Bürgern sollen zurückgegeben werden - diesen heiklen Punkt suchten im vergangenen Jahrzehnt alle bürgerlichen Regierungen stets zu umgehen.

Erwartungsgemäß haben die "Bekenntnisse der Bekehrten" den Wahlkampf erst richtig angefacht. Enrique Bolanos, Spitzenkandidat der Konstitutionellen Liberalen Partei (PLC) und Stellvertreter des derzeitigen Präsidenten Arnoldo Alemán, ließ die Sandinisten wissen, sie könnten erst wieder glaubwürdig sein, wenn enteignete Latifundien vollständig zurückgegeben und dafür Entschädigungen an die ehemaligen Eigentümer gezahlt seien. Der 73-Jährige hatte bereits als Vizepräsident unter Alemáns Vorgängerin Violeta de Chamorro die von der FSLN Anfang der achtziger Jahre verfügte Agrarreform erbittert attackiert, ohne jemals zu erreichen, dass die Landvergabe per Gesetz gänzlich annulliert wurde. Die FSLN beließ es mit ihrem Gegenschlag bei dem Hinweis, Bolanos sei alles andere als eine Lichtgestalt in der politischen Arena des Landes, seine Verwicklung in delikate Korruptionsaffären der Regierung Alemán stehe außer Zweifel. Andererseits fiel auf, wie sehr sich Ortega im Wahlkampf bemühte, kleinkarierten Hakeleien aus dem Weg zu gehen und sich stattdessen als weltläufiger Frontmann einer erneuerten Partei zu präsentieren, die Anwalt der sozial Erniedrigten bleibt, ohne einen radikalen Sandinismus zu restaurieren. Ob bei Wahlkundgebungen in Managua, Chinandega oder León, er empfahl sich stets als seriöser Reformer, dem revolutionäre Romantik zwar nicht fremd ist, zur Zeit aber deplatziert scheint.

In den genannten Städten dürfte die FSLN bei der anstehenden Stimmabgabe jenseits der 40-Prozent-Marke landen, denn mit den Kommunalwahlen vor genau einem Jahr hatten die regierenden Liberalen von Präsident Arnoldo Alemán in allen großen Kommunen schwere Niederlagen einstecken müssen. Dabei war der Erdrutschsieg der Sandinisten in Managua - hier kam Frente-Kandidat Henry Lewites auf 44 Prozent - zweifellos von besonderem Wert, konnten doch die Sandinisten in dieser Stadt einmal ihre größten Triumphe feiern. Die Frage, ob dieses Hinterland die Präsidentschaft bringt, beantworten die Meinungsforscher mit vorsichtigen Prognosen. Nach den Umfragen von Demoscopia (Institut in Managua) würden 32 Prozent der Wahlberechtigten Ortega wählen, während Bolanos auf 26 Prozent der Stimmen käme. Der Kandidat des Partido Conservador (PC) Juan Saborios erhielte 17 bis 18 Prozent (s. Übersicht). Bei einer von Demoscopia einkalkulierten Fehlermarge von 2,8 Prozent könnte sich auch ein Stimmenpatt ergeben.

Auf Grund einer Wahlrechtsänderungen vom Januar 2000 genügen beim jetzigen Urnengang bereits 35 Prozent, um zu gewinnen. Allerdings unter der Voraussetzung, der Abstand zum Zweitplatzierten beträgt über fünf Punkte, ansonsten ist eine Stichwahl fällig, bei der sich Daniel Ortega dann gewiss einem antisandinistischen Block des rechtsbürgerlichen Lager gegenüber sehen dürfte. Eine überraschendes Ergebnis der zitierten Umfrage war der Umstand, dass die Zahl der "Unentschlossenen" nur noch bei 14,9 Prozent liegen soll, allerdings besitzen 32 Prozent der Nikaraguaner keine cédula (Personalausweis), um überhaupt wählen zu können.

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00:00 02.11.2001

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