Sarrazin, Gelaber und Sex

Debüt Der Musikjournalist Marcus Staiger hat mit „Die Hoffnung ist ein Hundesohn“ eine klasse Kolportage geschrieben
Stefan Mönke | Ausgabe 14/2014 1

Marcus Staiger dürfte vor allem der jüngeren Generation bekannt sein. Er war langjähriger Chefredakteur von „Deutschlands Hiphop-Website Nummer 1“ (rap.de) und Gründer des Berliner HipHop-Labels Royal Bunker, das unter anderem so illustre und zum Teil umstrittene Künstler wie Prinz Pi oder K.I.Z. hervorgebracht hat. Und er ist neben Falk Schacht einer der führenden Theoretiker und Podiumsdiskutanten der Szene.

Als bekannt wurde, dass Staiger plant, einen Roman zu veröffentlichen, waren ihm diverse Vorschusslorbeeren daher sicher. Und um es kurz machen, sein Debüt Die Hoffnung ist ein Hundesohn hat meine Erwartungen sogar übertroffen. Aus ständig wechselnden Blickwinkeln und einem bunten Stimmenwirrwarr hat der Autor eine dystopische Alternativweltgeschichte gestrickt, in deren Zentrum eine erfundene Bundesrepublik Deutschland steht, in der seit 1989 so ziemlich alles anders gelaufen ist, als wir es kennen. Die Wiedervereinigung hat nicht stattgefunden, Helmut Kohl hat bis zum heutigen Tag seinen Posten als Bundeskanzler nicht geräumt, Menschen mit Migrationshintergrund leben in segregierten Ghettos und lernen in eigens für sie eingerichteten Schulen.

Der Roman erzählt aus der Sicht von sechs verschiedenen Personen eine Woche vor der fiktiven Bundestagswahl 2012, in der das erstarrte System ins Wanken gerät. Die Protagonisten des Buchs heißen Sabine, Stefan, Atakan, Klaus, Christoph und Ronald Kotsch der Politik-Profi.

Rechtskonservative Presse

Wir treffen zunächst das Paar Sabine und Stefan. Sie arbeitet in einer Werbeagentur, er ist Journalist beim Boulevardblatt BZ. Das Paar trennt sich unter anderem deswegen, weil sich Stefan während einer Recherche immer weiter in das Millieu einer kriminellen arabischen Großfamilie verstrickt. Deren Oberhaupt, Atakan, meldet sich während des Romans immer wieder zu Wort und philosophiert in einem scheinbar unendlichen Monolog aus zunächst ungeklärtem Anlass seitenweise über seine Jugend, seine Familie, die Deutschen und die Ausländer und ihre Werte und Normen und das gesellschaftliche Große und Ganze. Eine weitere Figur des Romans ist Klaus Jedele. Jedele ist Ende vierzig, Postangestellter, und vertritt in diesem Roman das kleinbürgerliche, rassistische und von rechtskonservativem Rundfunk und Presse agitierte Milieu. Dann ist da noch Christoph, der einer Gruppe Westdeutscher angehört, die sich in Ost-Berlin zusammenschließen, um von dort aus als eine Art Sponti-Szene subversive politische Aktionen im Westteil der Stadt zu planen und durchzuführen. Natürlich mit der Duldung der Sicherheitskräfte im Osten.

Die politische Klasse wird vor allem vertreten durch den Innenminister der Bundesrepublik, Ronald Kotsch, einer Figur, die charakterlich und von der Phonetik ihres Namens her irgendwo zwischen dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Ronald Koch und dem einstigen New Yorker Bürgermeister Ed Koch angelegt ist. Die Figur wird von vielen auch „Teflon-Kotsch“ genannt, weil sie es ohne jeden Skrupel versteht, „effektive“ Politik zu machen und sich aus schwierigsten Situationen immer wieder heraus zu winden. Und dennoch ist Kotsch der ganz große Triumph bisher verwehrt geblieben: die eigene Kanzlerschaft.

Der Roman steuert innerhalb der erzählten Zeit von einer Woche unaufhaltsam einer Eskalation epischen Ausmaßes entgegen. Und auch wenn an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden soll, so kann man festhalten, dass es zu Morden, Massendemonstrationen und dem ganz, ganz großen Chaos kommt.Insgesamt ist dieses Buch eine elektrisierende Mischung aus Politthriller, Jugendroman inklusive Kanak Sprak, Pop-Roman über das Milieu der Berliner Kreativen und hervorragender erotischer Literatur im Stil von Walter Mosleys Johnny-Fry-Romanen.

Damit geht der Autor nicht unerhebliche Risiken ein. So bewegt sich das Narrativ der politischen Intrige, gespickt mit zahlreichen Anspielungen auf Ereignisse aus dem wahren Leben, permanent zwischen glaubwürdiger Fiktion und Klischee. Atakans seitenlanger Monolog in gebrochenem Deutsch mag als besonders authentische Wiedergabe der Berliner Straßensprache gewürdigt werden. Er ist in diesem Umfang und in dieser Detailgenauigkeit aber auch genauso anstrengend wie sein Vorbild. Und die zahlreichen expliziten Sex-Szenen in diesem Roman dürften dem Autor früher oder später zu Unrecht den Vorwurf der Pornografie einbringen.

Zu den genannten Einwänden kommt schließlich noch die Frage: Welcher Leser in Deutschland soll all das gleichzeitig verkraften? Darauf habe ich keine belastbare Antwort. Ich kann aber sagen, dass Marcus Staigers Roman mich sehr gut unterhalten hat und gebe hiermit eine ausdrückliche Leseempfehlung.

Die Hoffnung ist ein Hundesohn Marcus Staiger MfM Entertainment 2014, 324 S., 19,90 € Stefan Mönke ist zwar Germanist, studiert aber nun an der Fachhochschule für Finanzen des Landes Brandenburg in Königs Wusterhausen

 

06:00 16.04.2014

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