Scheitern erlaubt

Adorna light In ihren Vorlesungen flüchtet sich Judith Butler in Sentenzen über eine Moral nach menschlichem Maß

Wer ist Judith Butler? Sie ist, könnte man behaupten, Text zwischen zwei Buchdeckeln. Die leuchteten zu Beginn, beim Unbehagen der Geschlechter, in sattem Lila, bei späteren Büchern wechselten sie zu gelb und pink. Der Einband der neuesten Publikation ist grau. In edlem Format, mit leicht geriffeltem Karton, besserem Papier und größerer Schrift, kommt sie daher wie die großen, gewichtigen Texte der Philosophie und erregt per Buchdeckel den Verdacht, dass das enfant terrible philosophisch gezähmt in Frankfurt angekommen ist. Das muss nichts Schlechtes, aber auch nicht unbedingt etwas Gutes heißen.

Der Band Kritik der ethischen Gewalt enthält die drei Vorträge, die Butler im letzten Jahr im Rahmen der Frankfurter Adorno-Vorlesungen gehalten hat. In ihrem Zentrum steht die Frage: "Kann man Rechenschaft von sich abgeben?", oder anders ausgedrückt: Wie ist Verantwortung möglich, wenn das Subjekt, der Mensch, zersplittert, nicht souverän und sich selbst nicht verfügbar ist? Zwischen den grauen Buchdeckeln also findet sich Butlers Versuch zu zeigen, dass die Postmoderne mit ihrer Kritik am Subjekt nicht - wie allseits gescholten - in einem moralischen Nihilismus enden muss.

Um ihre zentrale Frage nach der Verantwortlichkeit gruppiert Butler Thesen zur Ethik, die mit Fug und Recht "negativ" genannt werden können: Das Subjekt findet sich in einer Welt, die vorgegeben ist und nicht unter seiner Kontrolle. Auch bleibt jede Person sich selbst in einem gewissen Maße undurchschaubar, ist durchkreuzt von unbewussten Prozessen, die ihrem rationalen verantwortungsfähigen Selbst entgehen; eine kohärente, wahre Lebenserzählung, eine absolute Beichte ist nicht möglich. Niemand kann also letztgültig Rechenschaft ablegen, aber, sagt Butler: Gerade "in der Undurchschaubarkeit für sich selbst unterhält das Subjekt einige seiner wichtigsten ethischen Bindungen."

Nichts, so lautet eine weitere der Thesen, läuft ohne Anerkennung. Auch sie macht abhängig und auch der Andere ist nicht durchschaubar. In der Frage "Wer bist du?" sieht Butler den Kern jeder Ethik. Gerade aber unser Bedürfnis nach Anerkennung ist es, das Normen auflöst, unsere eigene Verletzbarkeit macht uns fähig, ein rigides moralisches Urteil über den Anderen aufzuschieben, aufzuheben.

Die logische Unmöglichkeit einer harten und in diesem Sinne "gewalttätigen" Normmoral wird für Butler zur Bedingung der Möglichkeit einer Ethik von menschlichem Maß. In schönster dialektischer Manier beschwört sie die positive Kraft des ethischen Scheiterns. Gerade in der Grenze finden wir das Menschliche, die Anerkennung der Grenzen der Anerkennung verleiht uns "Geduld" gegenüber dem Mitmenschen, es fallen die Worte "Bescheidenheit", "Vergebung", "Großzügigkeit", "Gewaltlosigkeit".

Judith Butler war immer für Überraschungen gut, für Neudeutungen und auch für dunkles Raunen, das sich nicht selten aus ihrer eigenwillig-kreativen Lektüre von Texten der Philosophie und Psychoanalyse ergab. Dieses Buch aber, diese Butler, bleibt in ihrem hohen Ton, der Argumentation und der Zielsetzung durchweg merkwürdig. Was, um Himmels Willen, soll das? Dass wir Verantwortung übernehmen müssen, trotz unzureichender Kenntnis unserer selbst: Früher nannte man das "Geworfenheit". Dass das Ich im Moment des Scheiterns aufleuchtet - prima. Dass normative Starre in ethische Gewalt ausartet - d´accord. Aber nichts von dem ist neu, originell oder wäre zu proklamieren dringend an der Tagesordnung gewesen. Butlers Buch ist in anderen Rezensionen hoch gelobt worden, und vielleicht ist es ungerecht, den Text als akademische Stilübung mit sentimentalem Touch abzutun, denn alles, was Butler sagt, ist wahr. Sie zitiert, was gut und teuer ist, reiht Adorno, Hegel, Kant, Levinas und Foucault wie edle Perlen auf einen Faden. Aber wird unterm Strich mehr herauskommen als ein Betthupferl in Sachen abendländischer Weisheit?

Es flirrt verdeckt ein ungewohnt christlicher Unterton durch Butlers Ausführungen. Hat sie, die Nietzscheanerin, vergessen, dass gerade moralisches Scheitern der Grundsatz ist, auf dem das Christentum sein ambivalentes Verständnis für die menschliche Fehlbarkeit, seine ganze Ökonomie der Schuld und Vergebung aufbaut? Auch der Aufruf zur Gewaltlosigkeit klingt nach Bibelzitat und caritativen Zirkeln. Nicht, dass all diese Aussagen nicht richtig wären. Aber was haben sie in einer kritischen Philosophie zu suchen?

Den Zusammenhang von Ethik und Gesellschaftskritik aufzuzeigen sei ihr Anliegen, sagt Butler. Doch das, gerade das, ist nicht eingelöst. Natürlich ist der Aufruf zu Menschlichkeit und Gewaltlosigkeit politisch motiviert, er richtet sich mehr oder weniger direkt gegen die Kriegspolitik der USA. Doch viel nutzt das nicht. Bei den linken Vertretern philosophischer Gesellschaftstheorie gab es immer den Verdacht, dass Moralphilosophie und Gesellschaftskritik sich nicht vertragen, und dass, wer eine Ethik baut, notwendig im apolitischen Land der großen Sentenzen landet - es sei denn, er heißt Adorno und macht eine Minima Moralia daraus. Es wäre spannend gewesen, zu lesen, wie Butler das Problem löst, doch der Text ist nicht klar, weder im Anliegen noch im Aufbau der Argumentation. Sie wolle kein System entwerfen, sagt Butler. Also Sentenzen.

In der Mitte des letzten Jahrhunderts musste sich der Existenzialismus gegen den Vorwurf wehren, er sei ein Nihilismus. Eigenartige Parallele, auch damals ging eine Frau hin, Simone de Beauvoir, und verfasste Aufsätze zu einer möglichen Ethik, die ihr Compagnon Sartre nie hatte schreiben können. Für eine Moral der Doppelsinnigkeit nannte sie ihr Buch, Butler erwähnt es sogar an einer Stelle, und auch hier ging es darum, eine positive Ethik angesichts der Freiheit, der Fehlbarkeit zu entwickeln. Beauvoirs Buch ist vernünftig - wirklich spannend ist es nicht. Ihm fehlt das, was Adorno "gefährlich denken" nennt. Der Fehler einer "Ethik des Scheiterns" liegt darin, das Negative, die Lücke, das notwendige Unglück affirmieren, in einer positiven Wendung besänftigen zu wollen. In Frankfurt wird man die grau eingebundene Butler mögen, weil man endlich mit ihr diskutieren kann. Aber in lila Buchdeckeln war sie eindeutig aufregender.

Judith Butler: Kritik der ethischen Gewalt, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, 144 S., 14,90 EUR

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00:00 26.09.2003

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