Schizophrene Gegenwart

Alltag Erinnerungen an Florena, Sandmännchen, Schrumpelbockwürste und an Begegnungen mit dem Klassenfeind

Im Eiscafé neben dem Kino International an der Karl-Marx-Allee sieht es aus, als hätte es die letzten zwölf Jahre nicht gegeben. Wenn es noch Osten in Berlin gibt, dann hier. Richtiger Osten versteht sich, nicht der vom Prenzlauer Berg. Das Eis schmeckt hier besonders gut, und auf Wunsch bekommt man zur Erinnerung auch Sahne.

Die Erinnerung ist ein Raum, in dem 17 Lebensjahre eine Herberge gefunden haben. Zuweilen auch eine Zuflucht, wenn die neue Zeit mir Furcht bereitet. Ich habe 17 Jahre in einem Staat gelebt, den es nicht mehr gibt. Heute ist das noch der größere Teil meines Lebens. Vielleicht wird es auch immer der entscheidendere sein. Erfahrungen verhalten sich nicht unbedingt proportional zu Lebensjahren. Wenn ich diesen Raum betrete, können sich meine Gefühle nicht entscheiden zwischen einer heimlichen Wehmut und einer tiefen Erleichterung. Nur eines habe ich nie verspürt: einen Phantomschmerz. Und dann ist da Berlin - die Tür zur Gemäldegalerie des ewigen Gestern. Ich kann unmöglich hier leben, ohne dass ich mir jeden Tag diesen toten Staat ins Gedächtnis rufe. Ich hasse Berlin dafür, und ich liebe Berlin dafür. Wer hier zu Hause ist, denke ich, ist dazu verdammt, nie in der Gegenwart zu leben, sondern immer zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das bisschen Zeit dazwischen ist nichts anderes als eine Noterbin der Vergangenheit. Hier ist die Gegenwart schizophren. Diese Stadt macht die Vergangenheit zum Wiederholungstäter. Weltzeituhr Alexanderplatz: Gibt es einen geeigneteren Treffpunkt für Durchreisende oder Geschäftsleute oder Liebende? "Sind Sie ...?" fragt ein Herr eine wartende Dame, die eine Rose in der Hand hält. Sie ist es nicht. Tokio hat uns acht Stunden voraus, und da wüssten sie beide schon, ob die Annonce in der Zeitung hält, was sie verspricht. Sie begegnet ihrer Chiffre-Nummer, der zweiten Rose. Er bleibt allein. Und wer weiß, vielleicht waren sie es ja, die zusammengehörten?

"Wir treffen uns in zwei Stunden an der Weltzeituhr", rief unsere Klassenlehrerin uns noch zu, wenn wir einen Ausflug in die große Hauptstadt der DDR machten. Zwei Stunden genügten, um zu bummeln. Wo sollten wir denn schon hin? Womöglich waren wir vorher im Tierpark. Fütterten Schwäne, belächelten Pinguine und hatten ein bisschen Mitleid mit dem Orang Utan, der traurig durch den Käfig schaute. Einmal waren wir auch im Palast der Republik und durften uns die Gläserne Blume anschauen. Uns wurde gesagt, sie sei außerordentlich schön. Es gab vor der Heimfahrt meist noch das große Eis, bezahlt aus der Klassenkasse - der Topf für das Kollektivgefühl.

Und dann fuhren wir mit der S-Bahn zum Umsteigebahnhof nach Königs-Wusterhausen. Wir waren stolz auf unsere kleinen Errungenschaften, die wir uns gekauft hatten. In Berlin. Wir durchwühlten unsere Taschen und tauschten und begutachteten. Und plötzlich wurde es still, weil wir alle aus dem Fenster schauten. Zu den großen weißen Häusern, die sich unerreichbar über dem Grün einer geteilten Stadt abzeichneten. Unsere Nasen berührten das Glas und malten Abdrücke einer kindlichen Sehnsucht. Einmal Coca Cola trinken, Bravo lesen und Raider essen bis einem schlecht wird. Einmal den Sahnepudding aus der Werbung löffeln, mit Kaugummis Blasen machen und sich die Zähne mit Streifenzahnpasta putzen. Da war der Westen, und wir waren auf einmal alle Orang Utans.

Meiner Schwester brachte ich damals einen sündhaft teuren Lippenstift mit. Marke VEB Exquisit. Die Firma gibt es längst nicht mehr. Aber den Lippenstift gibt es noch. Als Erinnerung, und weil meine Schwester bis heute keinen mehr gefunden hat, der ihre Farbe so sehr traf.

Jede Zeit hat ihren Humor. Wir grillten den Sozialismus auf Witz: "Psst. Was heißt DDR?" flüsterte einem der Banknachbar in der Schule zu. Schulterzucken in weiser Voraussicht, jetzt einen Lacher unterdrücken zu müssen, was die ganze Sache bekanntlich nur noch schlimmer macht. "Deutsche Dackelrennbahn oder Drei Doofe regieren." Vorn saß der Parteisekretär und unterrichtete Russisch. Der forderte eines Tages einen Schüler dazu auf, nach vorn zu kommen und den Namen des neuen russischen Staatschefs Jurij Andropow richtig auszusprechen. Aus einer Laune heraus. Natürlich sprach er ihn nicht richtig aus. Wahrscheinlich sollte sich das R anhören wie das Rauschen der Wolga oder das Rattern eines Schmelzofens in Nowosibirsk. Anfangs saßen wir ängstlich auf unseren Bänken, dann mussten wir hinter vorgehaltener Hand lachen und schließlich ergriff uns die Müdigkeit. Die Prozedur dauerte eine halbe Stunde. Heute, 18 Jahre später, lachen wir über so viel ideologischen Masochismus. Aber damals zitterten unsere kleinen Herzen. Weniger vor Andropow als vor diesem Lehrer. In der ersten Klasse wurden wir mit der Frage geködert, wie viele Sandmännchen wir denn gucken. Wer zu viel Sand in den Augen hatte, schaute also West-Fernsehen. Die sozialistische Pädagogik konnte Kinderherzen zermalmen.

Was ist geblieben vom Gestern, das nicht loslassen will? Ein Klecks Florena, ein Spritzer Fit, eine Waschmaschinenfüllung Spee. Vita-Cola und Halloren-Kugeln. Junge Welt und Neues Deutschland.

Und Berlin, die Stadt, in der es immer ein bisschen mehr gab als im Rest der Republik. Bananen und Apfelsinen. Richtige Apfelsinen. Nicht solche wie im Konsum bei uns zu Hause. Die sogenannten Kuba-Orangen, die so faserig waren, dass man aus ihnen hätte Fußmatten klöppeln können. Und die so wenig Saft hatten wie das Politbüro exzellente Denker. Nur zu Weihnachten gab es die richtigen Apfelsinen, abgezählt für jedes Familienmitglied. Wir waren sechs. Das reichte bis Silvester. Ich erinnere mich an unseren Konsum. Das östliche Pendant zum Tante Emma-Laden. Es roch immer ein bisschen nach Perlonschürzen, billiger Seife, Milch und Brot. "Die Bockwürste will ich nicht, Die sehen ja so verschrumpelt aus!" revoltierte ein Mann an der Fleischtheke. "Quatsch! Wenn Se die warm machen, werden die wieder richtig", beschwichtigte der dicke Verkäufer und drehte die Beschwerde kurzerhand durch den volkseigenen Fleischwolf. So war das damals: Wenn etwas nicht mehr ging, einfach warm machen oder unter kaltes Wasser halten; ganz schwierige Fälle am besten gleich in einen anderen Aggregatzustand überführen. Nur mit dem eigenen Land, da wollte es nicht so recht klappen. Im Improvisieren waren wir alle Helden der Arbeit und ahnten nicht, dass wir selbst in einem großen Provisorium lebten.

Unsere Identität war nichts anderes, als eine Aneinanderreihung von Anpassungen. Träume hatten keinen Gebrauchswert und hätten Platz in einer Streichholzschachtel gefunden. Das Glück war so klein und die Sehnsucht nach Welt so groß.

Die Schlagsahne für den Sonntagskuchen musste am Wochenbeginn im Konsum bestellt werden. Manchmal konnte man schlagen, so viel man wollte und seinen gesamten Frust in den Schneebesen legen, aber Schlagsahne hatte man deshalb noch lange nicht. Allenfalls Muskelkater am anderen Tag. Nur an Festtagen leistete man sich Ananas. Für eine Büchse Exotic im eigenen Saft zahlte man nach langem Schlangestehen im Delikat-Laden elf Mark. Da gab es auch Mon Cheri mit der Piemont-Kirsche. Piemont? Unerreichbar. Ich sagte mir, wenn Nordwestitalien so schmeckt, kann ich auch drauf verzichten. Kindlicher Trost konnte auch in einer Likörpraline liegen.

Der Westen auf ein paar Quadratmetern hieß Intershop, die Enklave für das kleine Glück. Das bisschen Westgeld, das man hatte, hütete man so sicher zwischen Wäschestücken im Schrank, dass man selber suchen musste, wollte man in Cottbus im Intershop einkaufen. Es war ein Laden in einer unscheinbaren Seitenstraße. Die Luft davor war persilgeschwängert. Meine Eltern liefen mit uns Kindern immer erst einmal vorbei und schauten flüchtig rein. Vielleicht war ja jemand drin, den man kannte. Dort auf jemanden zu treffen, hätte einen Vorrat an Angst bedeutet. Nicht weil wir Seife und Schokolade kauften. Der Getroffene hätte sich gefragt, wo die Devisen herkommen.

1985 stand ich dem Klassenfeind zum ersten Mal gegenüber. Um genau zu sein, es war gleich eine ganze Armee: Eine Schulklasse aus Saarbrücken kam zum Schüleraustausch ins Ferienlager Sebnitz, der Stadt der Kunstblumen und inszenierten Missverständnisse. Die von drüben unterschieden sich ja gar nicht von uns. Nach einem Schauer erster Vertraulichkeit tauschten wir bald Geleebananen und Knusperflocken gegen T-Shirts und Kaugummis. Dass wir uns nach diesem Sommer nie mehr wiedersehen würden, gab dem Abschied viele Tränen.

Pionierhemden und FDJ-Blusen, Fahnenappelle, Wehrerziehung und Schießübungen im Sportunterricht. Im Fach Staatsbürgerkunde gute Noten zu schreiben hieß, sich zu prostituieren. Kampfparolen an Wandzeitungen. "Ich gehe hundert Jahre zur NVA", beteuerte ein Schüler aus meiner Klasse. Er hatte sich nicht verschrieben. Erich Honecker lächelte im Klassenzimmer von der Wand und wurde in den Pausen mit Butterbrotpapier beworfen. Probe eines späten Aufstandes in Kniestrümpfen und mit blauem Halstuch.

Meine Großeltern sehe ich heute noch am Tisch sitzen und sagen: "Wenn doch bloß diese Mauer fallen würde. Aber wir werden das wohl nicht mehr erleben." Da trug das Regime schon Totenhemd.

Geschichte denken sich immer nur wenige aus, allen anderen widerfährt sie. Jetzt sollte es umgekehrt sein. Mitten im November ist es dann noch einmal Frühling geworden. Die Träume krochen aus ihren Streichholzschachteln. Sie sind mit uns über ihre jahrzehntelange Geißelung älter geworden und von den meisten ließen sich nur noch ihre Schatten verwirklichen. Aber Schatten können größer sein als Objekte, die sie werfen.

Neue Welt und junges Deutschland. Bananen, Raider und Zahnpasta mit blauen, roten und grünen Streifen. Und Kaugummis, die so große Blasen machen, dass sie einem die Sicht versperren. Ankunft in der tot geglaubten Hoffnung. Nie wieder Kuba-Orangen und in der Küche Tchibo-Duft. Richtige Jeans tragen und Coca Cola trinken. Im KaDeWe banalen Luxus inhalieren. Wir hatten Appetit auf Südfrüchte und richtige Autos. Persil für alle. Gab es für uns eine reichere Ernte als die des Herbstes von 1989?

Die Kinder der Revolution sind groß geworden, die Kerzen abgebrannt, die Kirchen wieder leer. Unter den Linden darf wieder flaniert werden. Darf wieder marschiert werden! Die Gedanken haben fliegen gelernt. Die Gänsehaut ist geblieben. Ankunft in einer tückischen Selbstverständlichkeit. Wir sind zu wissend, um nicht ängstlich zu sein. Ende eines geschichtlichen Betriebsunfalls mit nostalgischem Schleudertrauma.

"Mei weißt, wegen mir könnens die Mauer wieder hochziehen", sagte eine Freundin zu mir in München. Da hatte ich das erste Mal Heimweh nach Berlin und Appetit auf Geleebananen und Knusperflocken. Mit der Freiheit, denke ich, ist es wahrscheinlich so wie mit den Lippenstiften: Den richtigen Farbton findet man nicht.

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00:00 09.11.2001

Ausgabe 42/2021

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