Schlammstaken im Spreewald

Wasserwirtschaft Schon heute stöhnt Berlin unter horrenden Wasserpreisen. Es kommt vielleicht noch schlimmer, denn auch in Sachsen und Brandenburg drohen Konflikte ums knappe Wasser

Mit Fotos von Segelbooten auf einer glitzernden Wasserfläche wirbt der Zweckverband Elstertal für ein neu entstehendes Seengebiet in der Lausitz. Zwischen Berlin und Dresden soll zukünftig das "Lausitzer Seenland" liegen, Europas größte künstliche Wasserlandschaft und Deutschlands viertgrößtes Seengebiet. Die vom Braunkohletagebau durchlöcherte und wüstengleiche Lausitz will sich in den kommenden 20 Jahren zu einer Touristenattraktion mausern, die vor allem Wassersportler anziehen soll.

Im ebenfalls vom Wasser geprägten Spreewald leben bereits heute viele vom Tourismus. Bis zu zehn Millionen Euro jährlich erwirtschaftet die spreewaldtypische Kahnschifffahrt. Zukünftig werden Lausitz und Spreewald allerdings weniger um die Gunst der Touristen konkurrieren müssen, als um die knappe Ressource Wasser. "Das Wasser wird nicht mehr für alle reichen", sagt der Landschaftsökonom Malte Grossmann von der Technischen Universität Berlin, der in den vergangenen drei Jahren die ökonomischen Folgen eines verringerten Wasserangebots im Spreewald untersuchte.

Ende des Tagebaus und die Folgen

Bislang wurde das Grubenwasser aus dem Tagebau in die Spree und ihre Zuflüsse abgepumpt, kam also dem Wasserhaushalt des Spreewalds und Berlins zugute. Die Spree führte auf diese Weise bis zum Zehnfachen ihrer natürlichen Wassermenge, in der Lausitz entstand dagegen ein Grundwasserdefizit von 13 Milliarden Kubikmetern. Mit dem Auslaufen des Tagebaubetriebs fällt nicht nur der zusätzliche Spreezufluss weg, in den nächsten 20 Jahren hat die Lausitz auch noch einen größeren Wasserbedarf, wenn die so genannten "Restlöcher" geflutet werden.

Das Versiegen des in der Lausitz abgepumpten Wassers fällt wahrscheinlich mit einem allgemeinen Rückgang der Niederschläge in der Spreeregion zusammen. Kombiniert man diese Faktoren, könnten bis zum Jahr 2055 den Spreewäldern die Kähne auf Grund und den Berlinern die Kraftwerke heiß laufen. Innerhalb der nächsten 50 Jahre droht der ohnehin schon trockensten Region Deutschlands akuter Wassermangel.

Dies ist eines der Ergebnisse des Forschungsprojekts GLOWA-Elbe, das in den vergangenen drei Jahren die Auswirkungen des globalen Wandels auf das Einzugsgebiet der Elbe untersuchte. GLOWA-Elbe beleuchtete in seinen Szenarien nicht nur klimatische, sondern auch politische und ökonomische Entwicklungsbedingungen. Ziel von GLOWA-Elbe, das im Oktober in die zweite Runde geht, ist es, Vorschläge für die Wasserwirtschaft zu machen, mit einem geringeren Wasserangebot auszukommen.

Nach Angaben der beteiligten Klimaforscher erleben wir bereits heute einen Trend zur Klimaerwärmung. So stieg die Temperatur im Elbeeinzugsgebiet in den vergangenen 100 Jahren um 0,6 Grad Celsius, bis 2055 könnten es weitere 1,4 Grad werden. Die Szenarien für die Niederschlagsentwicklung sind räumlich differenzierter, allgemein ist jedoch mit einem Rückgang zu rechnen. Besonders betroffen wären dabei die Regionen von Spree und Havel. Im Bundesdurchschnitt fallen heute 630 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter und Jahr. Im Einzugsgebiet von Spree und Havel waren es zwischen 1990 und 1999 schon 56 Millimeter weniger. Nach Ansicht der Klimaforschers Frank Wechsung vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) könnten es in 50 Jahren nur noch 500 Millimeter im Jahr sein.

Gerechte Wasserverteilung

Ein verringertes Wasserangebot bedeutet eine akute Gefährdung für die schützenswerten Ökosysteme des Spreewalds. Niedermoore und nasse Erlenwälder drohen vor allem in den Sommermonaten trocken zu fallen und sich in ihrer Artenzusammensetzung zu verändern. "Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, wird sich der ökologische Charakter des Spreewalds wandeln", sagt Frank Wechsung, Projektleiter von GLOWA-Elbe. Dieser Wandel gefährdet auf der Roten Liste stehende Arten, mit einem Verlust zwischen neun und 19 Prozent ist zu rechnen. Der Rückgang von Niedermooren verstärkt wiederum den Treibhauseffekt. In den Torfschichten ist Kohlendioxid gespeichert, das freigesetzt würde, wenn die Torfe austrocknen. In den Sommermonaten könne man nur zentrale Bereiche des Spreewalds mit Wasser versorgen und kleinere Fließe am Rand trocken fallen lassen, schlägt Wechsung vor. So würde man zumindest das Biosphärenreservat erhalten.

"Wir müssen überprüfen, ob das Wasser innerhalb der gesamten Spree richtig verteilt ist", sagt Malte Grossmann. Die zukünftige Wasserverteilung wird Bewirtschaftungsplänen zu entnehmen sein, die bis zum Jahr 2009 feststehen sollen, so ist es in der europäischen Wasserrahmenrichtlinie gefordert. Der Entscheidungsprozess, wem wie viel Wasser zusteht, soll auch für die Öffentlichkeit transparent gestaltet werden. "Die Leute im Spreewald wissen momentan vielleicht gar nicht, dass sie mehr Wasser fordern können", so Grossmann.

Wenn es durch Prioritätensetzung noch gelingt, zentrale Teile des Spreewalds zu erhalten, wird das Wasser in Berlin spätestens ab dem Jahr 2030 knapp. In einem Trockenjahr käme nach den Szenarien von GLOWA der Zufluss nach Berlin komplett zum Erliegen. Im Bereich des Wasserwerks Friedrichshagen am Müggelsee ist dann beispielsweise mit einer Absenkung des Grundwassers zu rechnen. Berlin könnte Wasser sparen, indem es seine Kraftwerke abschaltet, die mit ihrem Kühlwasserbedarf neben den Wasserwerken die größten Verbraucher sind.

Eine andere Lösung, die auch für den Spreewald in Betracht käme, wäre die Überleitung von Wasser aus der Oder über den Oder-Spree-Kanal. "Wir würden unsere Wasserengpässe so allerdings auf Kosten unserer östlichen Nachbarn decken", sagt Wechsung. Was der Wasserimport kosten würde und ob die Oder überhaupt ausreichend Wasser führt, wurde im Rahmen von GLOWA bisher nicht untersucht. Für die Wasserqualität wäre ein solcher Import problematisch, denn der Nachbarfluss führt mehr Nährstoffe mit sich als die Spree.

Im Projekt GLOWA-Elbe steht es noch aus, die Untersuchungen der einzelnen Flusseinzugsgebiete miteinander zu verknüpfen. Dies soll in der zweiten Phase geschehen. Wie das Wasser verteilt wird, bleibt aber am Ende eine politische Entscheidung.


00:00 17.09.2004

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