Schlesisches Himmelreich

Stille Post Kolumne

Wer in diesen heißen Sommertagen nach Görlitz fuhr und durch die Straße mit den weißen Jugendstilfassaden vom Bahnhof hinunter zur Altstadt schlenderte, dem konnte kaum entgehen, dass er in einer schlesischen Stadt weilte. Schilder empfingen ihn, die auf einen schlesischen Tippelmarkt hinwiesen, was immer das sein mochte, die Bäckereien boten schlesischen Streuselkuchen an und die Gaststätten schlesisches Himmelreich.

Am Untermarkt hat im Frühjahr ein Museum der schlesischen Geschichte seine Pforten geöffnet. Es zeigt die jahrhundertealte blutige Geschichte dieser Landschaft, um die sich polnische Piasten, böhmische Könige und preußische Potentaten stritten. Im Renaissancegebäude des Schönhofs kann der Besucher bis unters Dach steigen, um Salonmöbel aus Schloss Erdmannsdorf im Hirschberger Tal, Proskauer Porzellan oder die Madonna mit dem Jesuskind aus dem Kloster Grüssau zu sehen. Das zweigeteilte Schlesien mit seinen Katholiken und Protestanten, die nach dem Toleranzedikt von 1707 ihre Friedenskirchen bauen durften. Deutsche und Polen des oberschlesischen Industriegebietes waren miteinander verwandt und vereint durch den Dialekt des "Wasserpolnischen" - erst in den Aufständen von 1919 und 1920 gerieten sie aneinander, aufgehetzt durch Nationalisten auf beiden Seiten.

All das, gewachsen auf dem blutgetränkten Boden von Religion und Kultur, hätte dennoch ein fruchtbarer Humus für eine europäische Entwicklung sein können. Aber das NS-Regime wollte ein Europa nach seinen Vorstellungen - ein Foto im Museum zeigt die Siegesparade vom 9. Oktober 1939 in Breslau nach dem Überfall auf Polen. Ein Militärlaster mit lachenden Soldaten fährt an Spalier stehenden Einwohnern vorbei, die lachend auf ein Schild am LKW zeigen: Betriebsauflug. Sechs Jahre später ist ihnen das Lachen vergangen. Ein gigantischer Vertriebenenausflug bringt sie aus ihrer Heimat. Das deutsche Schlesien überlebte in den Landkreisen Niesky, Hoyerswerda und im geteilten Görlitz.

Wer heute über die Fußgängerbrücke die Neiße quert, um nach Zgorzelec zu gelangen, sieht mit Vergnügen die Restaurierungsarbeiten an den ziemlich maladen mittelalterlichen Häusern am polnischen Ufer. Eines hat gerade seine alte deutsche Gedenktafel zurückerhalten, auf der mitgeteilt wird, dass dort der schlesische Mystiker Jakob Böhme gewohnt hat. Der Schuster, dessen erste Schrift Aurora, oder die Morgenröte im Aufgang hieß, und auf dessen Werke sich Hegel und Feuerbach bezogen. Doppelt schade, dass die zusammenwachsenden Stadthälften Görlitz und Zgorzelec keine Chance bekamen, Europäische Kulturstadt 2010 zu werden. Gerade jetzt wäre es wichtig gewesen. Aber konnten die Juroren ahnen, dass bald Zwillinge den EU-Staat Polen regieren würden, die sich mehr als Atlantiker verstehen?

Wir wollen nicht hoffen, dass der in einem deutschen Blatt gezogene Vergleich des polnischen Präsidenten mit einer Kartoffel auch einen historischen Hintergrund hat. Schließlich wurden die Erdäpfel, auf polnisch Ziemniaki, von Friedrich II. in Preußen eingeführt, und damit auch im heutigen Polen. Schon der alte Fritz war eine Hassfigur. Wenn man all das bedenkt, erhält man eine Ahnung davon, wie uneben das deutsch-polnische Pflaster der Versöhnung sein kann. Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk schrieb kürzlich über sein Land: "Es wird von Tag zu Tag zweideutiger und melancholischer. Alle wollen weg, aber die Zwillinge sagen, es sei das beste aller Länder, das beste Vaterland, das gelobte Land. Wir leben in der Gegenwart, wir nehmen die Vergangenheit auseinander, an die Zukunft glauben wir absolut nicht." Die Kaczynskis werden das anders sehen. Vielleicht sagen sie im Traum: Schlesien ist unser. Wie es einst die deutschen Heimatvertriebenen bockig formulierten.

In Görlitz betrachtet man indes die Dinge gelassener. Am Schaufenster eines Altstadthauses steht der Satz: "Aber wenn Görlitz eine lebendige Stadt ist, so muss sie auch eine Unwirklichkeit enthalten". Klingt fast wie Jakob Böhme (1575-1624). Vielleicht sollten die Kaczynskis bald einen Familienausflug an beide Ufer der Neiße unternehmen.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 04.08.2006

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare