Schlichtes Erfolgsrezept

Medientagebuch Mit dem "Glücksrad" verabschiedet sich eine der ältesten Sendungen des Privatfernsehens

Rolf ist der Champion. Der Big Champion 2002 und der letzte Champion, den es je geben wird - zumindest bei Glücksrad. In dieser Woche wurde bei Kabel 1 noch rasch ein Turnier unter den besten Buchstabenratern des Jahres ausgetragen. Dann, am Donnerstag, kurz vor 20 Uhr, ist das Rad stehen geblieben. Endgültig. Das Glücksrad ist tot.

"Das hier ist nach 15 Jahren die letzte Ausgabe vom Glücksrad - eine Ära geht zu Ende", beschied Moderator Thomas Ohrner mit bebender Stimme. Mit dem Tod der Gameshow geht, jawohl, eine Ära zu Ende. Von den Anfängen des Privatfernsehens bis heute - so lange hat sich kaum eine andere Sendung halten können. Da hält man inne, trauert und verzichtet pietätvoll auf den großen Kübel Hohn und Spott, den Kritiker nicht müde wurden, überm bunten Glücksrad auszuschütten. Von "Legastheniker-Paralympics" war da die Rede, von "Trash-TV" und "Ga-Ga-Gameshow". Alles nicht sehr nett.

Dabei trug Deutschlands bekannteste "Dauerwerbesendung" wie keine zweite zur Demokratisierung des Fernsehens und zur Umverteilung durch Fernsehen bei: Die annähernd 15.000 Kandidaten, auf die es die Show im Laufe ihrer Geschichte brachte, mussten weder besonders viel wissen noch sonderlich geschickt sein. Sie mussten einfach drehen, raten, lösen und konnten dennoch Sach- und Geldpreise im Gesamtwert von über 30 Millionen Euro einsacken. Damit ist jetzt endgültig Schluss.

Und leider muss man feststellen: Nein, das war kein glorreiches Ende, kein feierliches Zugrabetragen. Da konnte Ohrner noch so oft vom Ende einer Ära faseln und jeden noch so kleinen Handgriff mit den Worten "zum letzten Mal" einleiten. Selbst die "zarteste Versuchung, seit es Glücksfeen gibt" (Off-Sprecher) wollte da nicht hintanstehen: "Ich entschwebe jetzt zum allerletzten Mal zur Wand", sprach Katrin Wrobel, die amtierende Miss Germany, rieb sich die Äuglein und entschwebte. "Mensch, die Taschentücher gibt´s am Ende", zeterte ihr Ohrner hinterher. Nein, das war ein mitleidloses Verscharren, die sinnlose Hinrichtung eines Toten.

Keine Gala, kein Best-of und wer zum Abschied gar auf ein sentimentales Wiedersehen mit den einstigen Glücksrad-Granden gehofft hatte, wurde bitter enttäuscht. Wo sind sie, die Frederic Meisners und Peter Bonds? Wo ist Maren Gilzer, die stumme Grand Dame der Buchstabenumdreherinnen, die grazil wie keine Zweite über die Haushaltsgeräte der grünen Gewinnpalette streichelte und so herrlich ironiefrei zwei richtig getippte Bs beklatschte wie eine Kindergärtnerin das Häufchen im Töpfchen? Sie war ebenso wenig Stargast der Good-Bye-Sendung wie ihre Nachfolgerin Sonya Kraus, die "eigentliche" Schauspielerin.

Meisner ist entschuldigt. Schließlich hatte er nach 13 Dienstjahren anlässlich seiner Demisson vor einem Jahr erklärt, er wolle sich jetzt endlich all den Projekten widmen, für die er wegen der täglichen Sendung nie Zeit gehabt hatte. Jetzt hatte er nicht einmal mehr Zeit für eine anständige Beerdigung. Und das, obwohl es der Produktionsfirma Janus TV seinerzeit sogar gelungen war, zu seinem Abschied ganze 30 Sekunden witzige Best-of-Frederic-Schnipsel zu servieren.

Peter Bond war bereits 1998 von der Bildfläche verschwunden. Der ewige "Ex-Pornodarsteller" hatte sich wöchentlich mit Meisner abgewechselt, aber nachdem die Show senderfamilienintern und quotenbedingt von Sat.1 zu Kabel 1 verschoben worden war, hatte er die Kündigung erhalten und das Glücksrad eine Klage: Bond wollte 400.000 Mark Abfindung. Ist Bond noch immer in Ungnade oder sitzt er jetzt für die FDP im Bundestag? Zuletzt hatte er für die Spass-Partei in Mecklenburg-Vorpommern Wahlkampf gemacht. Einige hätten ihn vielleicht trotzdem gern wieder gesehen.

Ein Trauerspiel ohne Trauergäste - nicht mal das Studio-Publikum konnte anständig trauern. Es gibt keines mehr. Und vor den Fernsehgeräten ist es im Laufe der Jahre auch immer einsamer geworden. Zuletzt wollten im Schnitt nur noch zwei Millionen dem Thommy Ohrner zusehen. Für eine 19 Uhr 30-Sendung ist das selbst auf Kabel 1 zu wenig. Und unter den zwei Millionen befanden sich nur maximal 190.000 in der werberelevanten Zielgruppe. Für eine "Dauerwerbesendung" ist das eine Katastrophe.

1988 war das Glücksrad mit seinen für damalige Verhältnisse gigantischen Preisen noch so etwas wie ein Tabu-Bruch gewesen. Bei ARD und ZDF galt noch immer die Schamgrenze, ging es noch immer um klassische Unterhaltung, nicht um maßloses Rafftum - die Gewinne mussten sie schließlich aus dem Gebührentopf finanzieren. Genau hier setzten die jungen Privatsender Ende der achtziger Jahre an. Um sich auf dem neu eröffneten Sendermarkt als anfangs finanzschwache Herausforderer gegen die öffentlich-rechtliche Konkurrenz behaupten zu können, waren sie auf schlichte Erfolgsrezepte angewiesen - und die kamen aus Amerika. Also setzte man auf Serien und Low-Budget-Produktion mit guten Werbemöglichkeiten. Das seit 1975 in den USA kursierende Wheel of Fourtune passte genau in dieses Konzept.

Und das ging auf. Zum fünfjährigen Glücksrad-Jubiläum, 1993, sahen täglich fünf Millionen, wie palettenweise Preise verjubelt wurden. 180 Millionen Mark Werbeeinnahmen brachte die damals profitabelste Sat.1-Produktion ein. Zu dieser Zeit flatterten nach jeder Show bis zu 4.000 Bewerbungen ins Haus. Allerdings gerieten die Zuschauer ab Mitte der Neunziger angesichts der Wasch-, Kaffee- und Bohrmaschinen-Orgie nicht mehr ganz so zuverlässig in Hysterie. Um die Daily Soap "Hausfrau im Quelle-Paradies" noch antändig in Szene setzen zu können, hätten die Gewinnpaletten immer größer werden müssen. Stattdessen rückten auch beim Glücksrad Geldpreise in den Vordergrund. Doch gegen Wer wird Millionär und Co. kann man mit ein paar Tausend Euro Trinkgeld und einer - mit Verlaub - nicht mehr taufrischen Spielidee nur verlieren.

Das Glücksrad hat verloren. Das Rad steht auf Bankrott. Für Kabel 1-Geschäftsführer Andreas Bartl bleibt nur die Erkenntnis: "Offenbar ist das Rad der Zeit nicht mehr zurückzudrehen."

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00:00 01.11.2002

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