Schrecklich hilfswillig

NS-Verbrechen Endlich wird John Demjanjuk in Deutschland der Prozess gemacht. Der Ausgang ist offen - fest steht aber, dass er in sein scheinbar normales Leben nicht zurückkehren wird

Der lange Kampf des John „Ivan“ Demjanjuk gegen die Schatten seiner Vergangenheit, ist vorerst vorbei. Bis zum letzten Augenblick hat er mit allen erdenklichen rechtlichen Mitteln versucht, seine Abschiebung nach Deutschland zu verhindern. Diesen Montag waren alle Rechtsmittel erschöpft. Demjanjuk selbst schien müde, als er von einem Krankenwagen aus seinem Haus in Seven Hills im amerikanischen Bundesstaat Ohio zum Flugzeug gebracht wurde. Seit Dienstag Vormittag ist er in Deutschland. Und damit wieder in dem Land, dem er einst auf so schreckliche Weise behilflich war, sollten die Vorwürfe, die ihm das Landgericht München macht, stimmen.

John Demjanjuks Geschichte ist die eines Mannes, der in finsteren Zeiten versucht zu überleben und dabei eine furchtbare Schuld auf sich lädt. Die vergangenen fünf Jahrzehnte hat er ein – zumindest an der Oberfläche – normales Leben geführt. Der gebürtige Ukrainer emigrierte nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA. Er arbeitete bei Ford, gründete eine Familie, baute sich ein Haus in einem Vorort der amerikanischen Stadt Cleveland. Er versteckte sich nicht. Doch Schuld verjährt nicht. Und seine zwielichtige Rolle als Erfüllungsgehilfe der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie holte ihn immer wieder ein. „Mein Vater hat niemals jemanden weh getan. Weder vor, während, noch nach dem Krieg“ behauptet sein Sohn John Demjanjuk Junior. „Er ist ein guter Mensch, das können Familie und Freunde bestätigen.“

Die Nazis brauchten Helfer

Das sehen sowohl deutsche als auch amerikanische Ermittler anders. Seit März liegt ein internationaler Haftbefehl gegen Demjanjuk vor. Ausgestellt hat ihn die Staatsanwaltschaft München. Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen lautet die Anklage. Demjanjuk soll Wachmann im polnischen Vernichtungslager Sobibor gewesen sein und persönlich fast dreißigtausend Menschen in die Gaskammern gebracht haben. Unter ihnen auch 1939 Deutsche. Demjanjuk bestreitet das. Nicht Täter will er gewesen sein, sondern ein Opfer der Nazis. Und vielleicht ist das aus seiner Sicht sogar nachvollziebar. Vielleicht ist das die psychologische Krücke, mit der er Fordarbeiter, Familienvater und freundlicher Nachbar sein konnte. Wahr ist aber auch, dass es Menschen gibt, die sich an ihn erinnern. Und die erinnern sich an einen fleißigen Helfer der SS-Schergen im Vernichtungslager. Auch einen SS-Ausweis gibt es, dessen Echtheit bewiesen ist.

John Demjanjuk wurde als Ivan Mikolaijewitsch Demjanjuk am 3. April 1920 in der Ukraine geboren. Als Rotarmist kämpfte er gegen die Deutschen, geriet jedoch 1941 in Kriegsgefangenschaft. Es ist die Zeitspanne danach, die für die Ermittler interessant ist. Sie wollen im Gerichtsverfahren beweisen, dass sich Demjanjuk 1942 freiwillig zur SS meldete und als so genannter „fremdvölkischer Hilfswilliger“ anbot. Dies war nicht ungewöhnlich. Die Tötungsmaschinerie der Nazis funktionierte nur mit Helfern. Je weiter die Deutschen gen Osten vordrangen, desto mehr Juden nahmen sie gefangen. Anfangs in Ghettos zusammengepfercht, war ihre Vernichtung spätestens seit der Wannseekonferenz 1942 beschlossene Sache. Helfer für die „Operation Reinhard“ fanden die Deutschen unter den ukrainischen Kriegsgefangenen. Den eigenen Tod vor Augen, boten viele ihre Hilfe an. Im polnischen Lager Trawniki wurden die Freiwilligen zu Wachleuten ausgebildet. Ihre Aufgabe bestand darin, im Schichtdienst die deportierten Juden in die Gaskammern zu führen. Viele übererfüllten den Dienst in einer Art pervertiertem vorauseilenden Gehorsam. Die ukrainischen „Hilfswilligen“ galten als besonders grausame Wachmänner.

Die Ermittler haben viel Arbeit hinter sich und noch Schweres vor sich. Und sie dürfen sich keinen Fehler erlauben. Denn sie arbeiten nicht nur gegen die Zeit. Die jüngsten Zeugen von damals sind heute über 70 Jahre alt. Demjanjuk selbst wird nächstes Jahr 90 und sein Gesundheitszustand ist zumindest labil. Seine Anwälte haben am Dienstag weitere Verzögerungen angekündigt, sie wollen Verfassungsbeschwerde einreichen, sollte ihrem Mandanten ein Prozess zugemutet werden. Notfalls wollen sie auch beim Europäischen Gerichtshof gegen ein Gerichtsverfahren vorgehen. Doch was noch schwerer wiegt: Es ist nicht der erste Prozess gegen John Demjanjuk. Schon 1988 wurde er in Israel zum Tode verurteilt. Es galt als erwiesen, dass er der berüchtigte Aufseher „Iwan der Schreckliche“ aus dem Konzentrationslager Treblinka gewesen sei. Das erwies sich jedoch als Irrtum, das Urteil wurde aufgehoben.

Kriegsgefangener und Chauffeur der Alliierten?

Ivan Demjanjuks Weg nach dem Zweiten Weltkrieg führte ihn zunächst nach Bayern zu den Amerikanern. Kriegsgefangener sei er gewesen, behauptete er und verdingte sich als Chauffeur der Alliierten. 1951 übersiedeln er und seine Frau Vera in die USA. Bei der Einreise gibt Demjanjuk als Mädchennamen seiner Mutter Marchenko an. Seinen Vornamen ändert er von Ivan in John. Bis 1977 erstmals Zweifel an seinen Angaben zu seinem Aufenthalt während des Krieges aufkommen, lebt Demjanjuk unbehelligt in Cleveland.

1981 beginnt Demjanjuks normales Leben erstmals Risse zu bekommen. Ihm wird die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt. Die Behörden sahen es als erwiesen an, dass Demjanjuk ein Nazi-Kollaborateur war. Israel stellt einen Auslieferungsantrag, da verschiedene Überlebende des KZ Treblinka in Ivan Demjanjuk einen grausamen Aufseher, „Iwan den Schrecklichen“, wiedererkannt haben. 1986 wird Demjanjuk an Israel ausgeliefert. Obwohl seine Anwälte argumentieren, dass es sich bei der Anklage um eine Verwechslung handle, wird Demjanjuk aufgrund der Zeugenaussagen 1988 zum Tod durch den Strang verurteilt.

1993 tauchen plötzlich Beweise auf, die Demjanjuk entlasten. Der Fall wird durch das israelische Oberste Gericht wieder aufgerollt. Die 36 Zeugenaussagen ehemaliger KZ-Aufseher aus Treblinka belasten einen Namensvetter Demjanjuks: Ivan Marchenko soll der berüchtigte Aufseher gewesen sein. Diese Zeugenaussagen waren geheime Dokumente des russischen Nachrichtendienstes KGB, die Israel während des Gerichtsverfahrens nicht zugänglich gemacht wurden. Der Oberste Gerichtshof Israels muss das Todesurteil daraufhin aufheben, obwohl während des Prozesses eindeutig bewiesen wurde, dass Demjanjuk in Trawniki zum Wachmann ausgebildet wurde. Aber er war eben nicht „Iwan der Schreckliche“. Demjanjuk kann die Todeszelle verlassen und reist als freier Mann zurück nach Ohio.

In den darauf folgenden Jahren kämpft Demjanjuk um seine Wiedereinbürgerung, während Ermittler in Amerika, Israel und Deutschland nach Beweisen für eine neue Anklage recherchieren. 1998 entscheidet ein Gericht in Cleveland, dass Demjanjuk wieder amerikanischer Staatsbürger werden darf, 2002 wird diese Entscheidung zurückgenommen. Seitdem ist der gebürtige Ukrainer staatenlos. Im November 2008 ­haben die Ermittler endlich ausreichend Dokumente gesichtet und Zeugen vernommen. Demjanjuk soll demnach zwischen 1942 und 1945 als Wachmann im KZ Majdanek, in Flossenbürg und in Sobibor gearbeitet haben. Für seine Beihilfe zur Ermordung tausender Juden in Sobibor reichen die Beweise für eine Anklage in München.

Seit dieser Woche muss Demjanjuk sich nun endlich seiner Vergangenheit stellen. Der Prozess gegen ihn soll noch in diesem Jahr beginnen. Und wie auch immer das Verfahren ausgeht, Demjanjuk wird nie wieder zurückkehren in sein scheinbar normales Leben in Ohio. Die USA nehmen ihn nicht mehr auf. Der 89-Jährige wird als Staatenloser bis an sein Lebensende in Deutschland bleiben müssen.

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12:46 13.05.2009

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