Schritt aus dem Schatten

Kreatives Erwachen "Waltz with Bashir" ist keine Ausnahme: Seit zehn Jahren kommen gute Filme aus Israel

Vor knapp zehn Jahren saß ich in einem halbleeren Kinosaal des Institute of Contemporary Arts in London, um mir Kippur anzusehen, einen Film des israelischen Regisseurs Amos Gitai. Bevor das Licht ausging, hörte man nur Hebräisch im Zuschauerraum - ich schien fast die Einzige zu sein, die die Untertitel tatsächlich brauchte. Der Film handelte von der katastrophalen ersten Woche des Jom-Kippur-Krieges 1973: Soldaten robbten durch den Schlamm, während über ihnen syrische Bomber angriffen. Meine israelischen Freunde versicherten mir, man müsse das als Allegorie auf das aktuelle Chaos im Libanon verstehen; darüberhinaus war das israelische Kino jenseits der eigenen Landesgrenzen aber praktisch unbekannt. Israel erschien nur in den Fernsehnachrichten auf dem Bildschirm. Es fand nicht einmal im Programmkino seine Nische.

Noch bis vor kurzem galten Filme aus Israel als isolierte Phänomene, die vor diversen Hemmnissen standen: ein winzigkleiner hebräischsprachiger Markt, der Boykott durch die arabischen Nahost-Staaten und ein inländisches Publikum mit einer großen Vorliebe für synchronisierte Filme aus den USA. Doch das vergangene Jahr erwies sich als annus mirabilis für das israelische Kino. Gleich vier Filme - Jellyfish, Die Band von Nebenan, Beaufort und My Father, My Lord - gewannen Preise bei internationalen Filmfestivals, was umso bemerkenswerter erscheint, als sich zwei der vier Filme überhaupt nicht mit dem Thema Nahostpolitik befassen. In den letzten zwei, drei Jahren setzt sich das israelische Kino sowohl mit den komplizierten Rissen auseinander, die sich durch die israelische Gesellschaft ziehen, als auch mit individuellen Sorgen und Ängsten nach dem Scheitern des Oslo-Friedensprozesses, dem Beginn der zweiten Intifada und dem Libanonkrieg 2006. Es mangelte dem Land keineswegs an politischen Filmemachern, sondern vielmehr an Publikum im In- und Ausland, das sich für deren Arbeit interessiert hätte. Seit dem Scheitern von Oslo scheint sich Israel, wie es der Romanautor David Grossman einmal formulierte, zusehends von der Hoffnung zu verabschieden, ein "normales" Land werden zu können, und sich stattdessen in eine "einzige große Story" zu verwandeln. Diese neue Haltung bildet das heutige israelische Kino ab.

Die größte "Story" der jüngeren Geschichte Israels war das Massaker in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila 1982, bei dem christliche Phalange-Milizen bestialische Morde verübten, ohne dass die israelische Führung eingegriffen hätte. Der Libanon ist Teil der israelischen Psyche, ihr Schatten, ihr dunkler Fleck. Auf libanesischem Boden waren mehr israelische Soldaten unterwegs als im Gaza-Streifen oder im Westjordanland. Die Morde von Sabra und Schatila, die in Tel Aviv 400.000 Demonstranten auf die Straße lockten und schließlich zur Gründung der außerparlamentarischen Bewegung Peace Now führten, blieben eine eiternde Wunde.

Sie sind der Antrieb hinter Ari Folmans Film Waltz with Bashir (Freitag 45), einem dokumentarischen Animationsfilm, der sich mit der Verantwortung der jungen israelischen Soldaten beschäftigt, die damals in der Gegend im Einsatz waren. Zu Beginn des Films, der seit Anfang des Monats im Kino läuft, hetzt eine Meute wilder Hunde durch die Straßen von Tel Aviv, um einen schlafenden Israeli mittleren Alters zu zerreißen, der daraufhin aus diesem wiederkehrenden Alptraum erwacht und später seinem Freund, dem Regisseur des Films, davon erzählt. Der Traum ist Auslöser einer Spurensuche mit dem Ziel herauszufinden, warum sich Folman selbst nicht mehr erinnert an die Zeit, als er im Libanonkrieg seinen Militärdienst absolvierte, nicht weit von den Schreckensorten Sabra und Schatila entfernt.

In Waltz with Bashir geht es nicht um das Massaker selbst - nur die letzten Sequenzen zeigen Nachrichtenbilder aus der Zeit. Der Film nimmt auch nicht die Perspektiven Überlebender oder Hinterbliebener ein, sondern die der jugendlichen Soldaten. Er thematisiert Erinnerung und Verantwortung und bedient sich der Animation, um die halluzinatorische Qualität des Erinnerns abzubilden, das in sich ja bereits eine Neuschöpfung darstellt: Die Vergangenheit ist schließlich kein Aktenschrank und auch keine Videokamera.

Beim Kinostart gewann Waltz with Bashir gleich mehrere Ophirs - die israelischen Oscars - und setzte eine verstärkte Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte in Gang, vor allem unter den jüngeren Soldaten, die während der Zweiten Intifada bei den israelischen Streitkräften waren. Schon im Jahr zuvor hatte Beaufort (als bester Ausländischer Film für den Oscar nominiert) die Geschichte eines Krieges erzählt: Er behandelte die letzten Monate vor dem endgültigen Rückzug Israels aus dem Libanon im Jahr 2000. 300.000 Israelis strömten in die Kinos, um den Film zu sehen, der so stark mit der neuerlichen Katastrophe des Libanonkriegs 2006 korrespondierte.

Einen Teil seines internationalen Renommees verdankt das israelische Kino der Tatsache, dass seine Regisseure in den letzten zehn Jahren kaum noch Tabus zu kennen scheinen. Walk on Water (2004) von Eytan Fox erzählt die schwule Liebesgeschichte zwischen einem Israeli und einem Palästinenser, und einer seiner früheren Filme, Yossi Jagger (2002), handelt von der Affäre zweier Soldaten im Libanonkrieg. Eran Riklis´ neuer Film Lemon Tree basiert auf der wahren Geschichte einer verwitweten Palästinenserin, die ihren Nachbarn, den Verteidigungsminister, vor Gericht bringt, weil er den Zitronenhain abholzen lassen will, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreitet. Doch das Leben ist kein Hollywood-Film, wie ein Anwalt es im Film formuliert, und so gibt es auch kein Happyend: Die letzte Einstellung zeigt den Minister vor einer gewaltigen Betonwand, die den Blick auf den zerstörten Zitronenhain dahinter versperrt.

Das politische Kino erzählt jedoch nur die halbe Geschichte. Vergangenes Jahr gewann Jellyfish, eine surreale Komödie über eine Generation orientierungsloser junger Leute in Tel Aviv, die Goldene Kamera als bester Nachwuchsfilm in Cannes. Regie führte der Kurzgeschichtenautor Etgar Keret (dessen Bücher angeblich am häufigsten aus den Filialen der israelischen Buchhandelskette Steimatzky gestohlen werden), das Drehbuch schrieb seine Frau Shira Geffen. Und vor Waltz with Bashir war wohl Eran Kolirins Die Band von nebenan (2007) der erfolgreichste israelische Film: ein Überraschungserfolg im Ausland, der mehrfach ausgezeichnet wurde. Die Geschichte einer ägyptischen Polizeikapelle, die für einen Auftritt in einem palästinensisch-israelischen Kulturzentrum gebucht ist, dann aber am falschen Ort landet, entlarvt die Realitäten des Lebens in den Trabantenstädten am Rand der israelischen Wüste, wo vor allem einfache jüdische Einwanderer aus Nordafrika unterkommen. Der Film, der an eine Fotoserie von Martin Parr erinnert und Bewegung nur äußerst spärlich einsetzt, handelt zwar vom Leben auf beiden Seiten der ägyptisch-israelischen Grenze, doch in seinem Umgang mit den Enttäuschungen des Älterwerdens, dem Scheitern von Ehen und den Sorgen der Pubertät scheint er einen globalen Nerv zu treffen. Er zeigt, dass Kleinstadtleben überall gleich ist, ob nun im Nahen Osten oder in Europa.

Etgar Keret sagte mir, der gegenwärtige Aufwärtstrend des israelischen Films lasse sich vor allem auf drei Faktoren zurückführen: einen Richtungswechsel bei der israelischen Filmförderung, die sinkende Rolle des Fernsehens als Ort für künstlerische Experimente sowie die wachsende Anzahl von Koproduktionen mit Europa. Keret zufolge hat Katriel Schory, ein ehemaliger Dokumentarfilmproduzent, der 1999 den Israel Film Fund übernahm, die Filmbranche mit seiner Risikobereitschaft praktisch im Alleingang neu belebt. "Vor zehn Jahren wäre ein Film wie Waltz with Bashir wahrscheinlich noch gar nicht möglich gewesen", sagt er - nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Animationstechnik. Wie in vielen anderen Ländern hat auch in Israel das Fernsehen sämtliche innovativen Ansätze verbannt: Die Kreativität fällt der täglichen Dosis an Reality- und Comedy-Shows zum Opfer. Den Fernseher schaltet man nur noch ein, um sich von den gescheiterten Kriegen und den scheiternden Regierungen abzulenken. "Seit der Zweiten Intifada entwickelt sich die Gesellschaft in Israel sehr viel reaktionärer und konservativer", so Keret. "Das zeigt sich vor allem im öffentlichen Fernsehprogramm. Also schreiben die Leute immer häufiger Drehbücher, weil man dabei unabhängig sein kann." Schorys größtes Verdienst als Direktor des Israel Film Fund war es, der Welt bisher unbekannte Aspekte Israels zu offenbaren und in seiner Heimat den Blick auf eine weniger vertraute häusliche Realität zu lenken. Lemon Tree, der die andauernde Besatzung thematisiert, war in Israel selbst deutlich weniger erfolgreich, berichtet Keret, weil die Besatzung ohnehin schon den ganzen Tag Thema in den Nachrichten ist.

Nach der Pressevorführung von Waltz with Bashir an einem Montagmorgen in London bleiben die Zuschauer auch noch auf ihren Plätzen, als der Abspann längst zu Ende ist, und man hat das Gefühl, als wäre ein Comic zu echtem Leben erwacht. Der Film wirkt umso realer, weil es ihm sowohl an journalistischer Ausgewogenheit fehlt als auch am heiligen Zorn politischer Aktivisten und engagierter Intellektueller. Waltz with Bashir ist Israels Schritt in die filmische Volljährigkeit, und das nicht, weil israelische Filmemacher plötzlich ihr Gewissen entdeckt hätten, sondern weil sie die Vision und die Kreativität entwickeln, endlich davon zu berichten, wie tragisch und komisch eine Existenz als "einzige große Story" sein kann.

Übersetzung aus dem Guardian von Tanja Handels

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00:00 27.11.2008

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