Schwache Stelle für den König

Alltag II Im Schach muss die Relativitätstheorie immer wieder neu erfunden werden. Eine Hommage

Was fasziniert so an diesem demokratischen Spiel, das Menschen zusammenbringt, die sonst nie ein Wort miteinander reden würden? Alles, weiß der Liebhaber. In einem typischen Schachverein kämpft der Gärtner gegen den Röntgenarzt, der Familienvater gegen ein zwölfjähriges Nachwuchstalent, der spielsüchtige Junggeselle gegen den Rechtsanwalt, der Einsame gegen den Schwätzer, der Emigrant gegen den Wohnungslosen. Verkappte Genies geben Karrieren auf, für andere ist der Schachverein die letzte soziale Heimat. Einer paddelt mit dem Kanu übers Mittelmeer, studiert bei Sonnenaufgang die neuesten Eröffnungstheorien, ein anderer reist mit dem Fahrrad zum Nordkap, die Taschenlampe erleuchtet nachts im Zelt das Steckschach.

Keine Partie kann der anderen gleichen. Wer fleißig ist, viele Eröffnungsvarianten lernt, und auf einen ebenso fleißigen Gegner tritt, kann als mäßig begabter Spieler bis zum fünfzehnten, zwanzigsten Zug "Theorie spielen", also gesicherte Züge machen, die man aus Büchern schon kennt. Aber dann beginnt doch etwas Unwiederholbares, eine Komödie, ein Stummfilm, eine Seifenoper - der Gegner wird durchschaubar, sein Temperament zeigt sich, seine Nervenstärke. Der Pedant neigt nicht zum Opfern, der Nervenarzt zittert in schwierigen Stellungen, der Rammstein-Fan erweist sich als Tüftler. Einer, der fast niemals spricht, spielt plötzlich poetisch und komponiert Stellungen wie Mozart eine Sonate. Im Grunde liefert man mit jedem Zug ein ärztliches Attest ab. Wobei Gesundheit nicht immer eine Qualität ist. Wer sich wohl fühlt, unterschätzt oft die Möglichkeiten des Gegners. Im Schach ist Denken nicht zensierbar. Auch lernt man sich selbst besser kennen, besser als man möchte. Das Vorstellungsvermögen scheitert immer an den eigenen Grenzen - mit Sinn für Dramatik findet die Menschwerdung des Affen in jeder Partie dreimal statt. Oft heißt es Stillehalten, wenn der Gegner die Drohung verschärft. Wie die Maus vor der Adlerkralle fällt man in Schockstarre. Vielleicht patzt der Gegner, man bekommt noch eine Chance, darf Zocker und Hochstapler sein, weil sowieso nichts mehr zu verlieren ist. Der neue Berliner Meister, Ulf von Herman, spielt kühl und sachlich wie ein Chirurg, manche seiner Partien erinnern an Erzählungen von Hannibal Lector. Der Rausch der Sinne ist auch beim Anblick von vierundsechzig Feldern möglich.

Zwei, drei Zeugen finden sich meistens, die über Sinn und Unsinn der Züge debattieren und selber mit Intelligenz und Gemeinheiten glänzen wollen. Schach ist auch insofern ein sehr demokratisches Spiel, als es naturwissenschaftliches, kriminelles und künstlerisches Denken miteinander versöhnt. Der Pyromane schlägt den gleichen Zug vor wie der Stratege. Der Pfau, der für die Galerie spielt, hat währenddessen schon zwei Figuren geopfert. Der Endspielspezialist schlägt die Hände über dem Kopf zusammen angesichts von soviel Leichtsinn. Felderschwächen werden erörtert, und ein sechsjähriges Nachwuchstalent erklärt, "f7, das ist die schwache Stelle für den König, wie beim Drachen unterm Kinn, dort muss man mit dem Degen zustechen!" Demut kann zur gleichen Spielstärke führen wie Skrupellosigkeit. Mancher quält den Gegner gerne, und man merkt es, nur er selber nicht. Ein anderer pflegt den Stil eines Paten, spielt gelassen, besorgt um die Schwächen des Gegners. An Selbstüberschätzung scheitern die meisten gewonnenen Partien.

Die besseren Spieler sehen vor allem Probleme, die es zu lösen oder zu schaffen gilt. Wenn man nichts falsch macht, kann man eigentlich nicht verlieren. Aber ein Fehler muss nicht identisch sein mit einem falschen Zug. Nur Computer denken vom Resultat aus.

Ab einer bestimmten Spielstärke ziemt sich Respekt für das Fußvolk. Im Schach muss die Relativitätstheorie immer wieder neu erfunden werden, denn jede Neuerung in einer Eröffnung widerlegt die gesicherten Erkenntnisse, das Fallgesetz gilt schon längst nicht mehr. Schachspieler lieben Rekorde. Berlin erlebte die größte Schachveranstaltung seiner Geschichte. 1.500 Spieler trafen sich am vergangenen Wochenende, um die letzte Runde der Berliner Mannschaftsmeisterschaften in einem Raum auszutragen. Spielort: Das Hotel Estrel, das ein Herz für Schachspieler hat und die Veranstaltung unterstützte, bei der Vorbereitung half. Der Spielsaal hatte etwa die Größe eines Fußballfeldes. 24.000 Figuren mussten aufgestellt werden. Ein Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde wurde beantragt.

"Wir lernen von den Großen, von der katholischen Kirche", erklärt, halb im Spaß, der Vereinschef der SG Zugzwang 95, "wir werben auch für abstrakte Ideen. Im nächsten Jahr mieten wir zur Eröffnung noch eine Heavy-Metal-Band", skizzierte er die neue Strategie. Kleiner PR-Tipp: Seit der Pisa-Studie grübeln die Fachleute darüber nach, wie man Kindern den Spaß am Denken vermitteln könnte. Wie wäre es mit Schach als Pflichtfach in der Schule? Wer einmal das Glück hatte, einem pfiffigen sechsjährigen Jungen das Spiel beizubringen, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus. Ein dreizügiges Matt denkt er sich abends im Bett aus, damit er einschlafen kann. Und der Vorsitzende des alten Ost-Berliner Traditionsvereins Berolina, für den der Verfasser sich zu einem Remis quälte, ist der Beweis dafür, dass Schach auch jung hält. Seit mehr als 50 Jahren leitet er den Verein, betreut wie eine Mutter 60 verhinderte und zwei wirkliche Genies und hat nebenbei noch die Nerven, in den Mannschaftswettbewerben mitzuspielen. Und schon manche Patzmaus unterschätzte den 73-Jährigen.


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00:00 03.05.2006

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