Schwarzrot ist die Haselnuss

Alltag Zwischen Rhein und Oder siedeln rund 30 Kommunen mit anarchistischem Lebensideal. Ein Bekennerschreiben

"Rühme vor deinen Erzeugnissen deinen Standort", lautet der jüngste Heilsweg zum guten Geschäft. Also bekenne ich mich zum Anarchismus. Prompt hält mich der eine bereits für unfähig, auch nur eine Verabredung zum Kaffeetrinken zu treffen, während mir der andere ohne weiteres zutraut, ihm beim Abschied eine gezündete Briefbombe ins Diplomatenköfferchen zu schieben. Dritte vermissen einen struppigen Bart à la Bakunin oder Bin Laden an mir.

Von solchen Klischeevorstellungen abgesehen, gibt es ungefähr 7.000 Definitionen oder Fraktionen des Anarchismus. Da jeder Anarchist zumindest auf das Recht der Selbstbestimmung erpicht ist, liegt es nahe, meinen Anarchismus ebenfalls selbst zu definieren. Allerdings möchte ich in diesem Zusammenhang auch von den mehr oder weniger anarchistisch orientierten Lebensgemeinschaften oder "Kommunen" sprechen, die zwischen Rhein und Oder anzutreffen sind. Es sind rund 30, mit insgesamt vielleicht 600 Personen, Kinder und Stammgäste eingeschlossen. Sie scharen sich um das interne Zweimonatsblatt Kommuja. Jede Ausgabe wird von einer anderen Kommune gemacht, die Reihenfolge wird auf den jährlichen Kommunetreffen festgelegt. Leitungsorgane oder auch nur SprecherInnen gibt es nicht. Die Kommunen organisieren sich gemäß ihrer personellen und örtlichen Bedingungen selbst, nur in Grundzügen stimmen sie überein. Genießen Sie deshalb meine Ausführungen mit Vorbehalt.

Anarchismus ist Ordnung ohne Herrschaft. Das beginnt bereits bei den primitivsten Vereinbarungen über den Abspüldienst oder das Verschließen der Haustür. Für uns sind Regeln nichts Kostbares an sich. Lieber kommen wir ohne Regel oder ohne Verschärfung der Regel aus. Das fördert sowohl den persönlichen Spielraum wie die Eigenverantwortlichkeit. Eine für alle bindende Wochenarbeitszeit mag Halt geben, lässt dafür aber das Nachdenken über die diversen Tätigkeiten und übers Engagement verkümmern. Sind Kinderhüten oder Zeitunglesen nicht ebenfalls Arbeit? Auch fesselt Halt. Sobald wir merken, dass unsere eigenen Strukturen uns zu knechten anfangen, schaffen wir sie wieder ab. So bleibt die Haustür in Zukunft unverschlossen, weil das Türöffnen bei 30 BewohnerInnen und ständigen Gästen außerordentlich lästig ist. Nebenbei laden verrammelte Türen oder Fenster Einbrecher und andere Unholde geradezu ein.

Lenins bekannter Satz "Vertrauen ist gut, Kontrolle besser!", schmeckt Anarchisten durchweg schlecht. Für uns stellt Kontrolle nur einen Notbehelf dar, während wir das Vertrauen immer vorziehen würden. Argwohn vergiftet jedes Betriebsklima und führt letztlich zum Totschlag. Daraus leitet sich unser Bemühen ab, alle gesellschaftlichen Vorgänge stets überschaubar, durchsichtig und nachvollziehbar zu halten. Lesen das Otto Schilys verbeamtete Schnüffelhunde, lachen sie sich natürlich schief. Unsere Versammlungen sind in der Regel öffentlich, unsere Schwarzen Bretter kann jeder fotografieren. Wir verachten "Insiderwissen". Unsere Transparenz soll in erster Linie nicht Kontrolle ermöglichen, vielmehr Mitwirkung. Wir wünschen Teilhaberschaft.

Mit unserer Abneigung gegen Herrschaft wenden wir uns keineswegs gegen sachliche Kompetenz. Kein Mensch kann oder sollte auch nur alles können. Wir streuen Aufgaben und Verantwortung, um einander zu entlasten. Die erwähnte Transparenz sorgt schon für Aufdeckung, falls Missbrauch getrieben wird. Was wir vor allem ablehnen, ist Hierarchie, also eine vertikale Struktur, die Menschen nach oben/unten, stärker/schwächer, besser/schlechter ausliest. Als Arafat in Atemnöte kam, wurden fünf namhafte Medizinprofessoren eingeflogen und die Hälfte einer Pariser Klinik für ihn reserviert, weil palästinensische Präsidenten erheblich wertvoller sind als palästinensische OlivenpflückerInnen. Unsere Lieblingsform ist der Kreis. Wird in Runden reihum gesprochen, können die Dominierenden nicht dauernd das Wort ergreifen und erlernen vielleicht noch zu Lebzeiten das Zuhören.

Berthold Brecht meinte bekanntlich, gegen die Gründung einer Bank stelle ein Banküberfall nur eine Bagatelle dar. Beides ist allerdings mit Gewalt verbunden. Da persönliche Verfügungsgewalt über Gebäude, Maschinen und sonstiges Vermögen unweigerlich zu Herrschaft führt, fußen unsere Kommunen auf Gemeineigentum. Es kann nur im Konsens veräußert werden. Die meisten Kommunen unterhalten kleine Erwerbsbetriebe, etwa eine Schreinerei oder Schlosserei, ein Architekturbüro, Tagungshaus oder Kulturcafé. Das Schwergewicht liegt auf der Selbstversorgung. Aus eigenen Kräften die Gebäude zu sanieren, Brennholz zu schlagen oder Gemüse anzubauen verbilligt den Lebensunterhalt beträchtlich. Unser Wahlspruch lautet: möglichst wenig Geld benötigen. Statt 20 oder 70 Kilometer weit zu lukrativen "Arbeitsplätzen" zu fahren, abreiten wir lieber in unserem Projekt. Ohnehin lässt uns der geile Ausstoß kapitalistischer Warenproduktion bestenfalls die Haare zu Berge stehen; wir können ihn getrost entbehren. Dass sich benachbarte Kommunen austauschen und unterstützen, versteht sich von selbst.

Auch über das Wirtschaftliche hinaus möchten wir unsere Beziehungen gewaltfrei halten. Daraus erklärt sich unsere Abneigung gegen das angeblich demokratische Mehrheitsprinzip. Zur Befriedung führt das nie, weil sich die Minderheit stets unterlegen fühlt. Nach dem Konsensprinzip dagegen - unserem Weg der Verständigung - suchen wir Lösungen, die von allen getragen werden können. Sicherlich lässt sich ein Apfel nach Proporz aufteilen. Es ist aber auch denkbar, dass der eine die Schnitzen für sein Müsli haben möchte, während der andere auf die Schalen für den Tee aus ist. Solche Lösungen liegen jenseits fauler Kompromisse.

Macht korrumpiert, und Härte macht hart. Ist kein anderer Mensch möglich, können wir die andere Welt vergessen. Zwar sprechen einige Argumente für die Behauptung, dass dass der Mensch - zumal in seiner männlichen Ausprägung - von Natur aus zur Aggressivität neige. Trotzdem ist er kulturell beeinflussbar. Eine Gesellschaft kann also wählen, ob sie Eigennutz, Konkurrenz, Brutalität eher fördern oder eher hemmen möchte. Der Kapitalismus, das versteht sich von selbst, ist ein lupenreines Förderungsprogramm. Dass er mit den Köpfen und Herzen der ostdeutschen Bevölkerung ein so leichtes Spiel hatte, zeigt, wie eng der Staats- oder Maschinensozialismus (Friedrich Georg Jünger) mit ihm verschwistert war. Kommune ist der Versuch zu leben, was wir anstreben.

Manche von uns behaupten sogar, ein Mensch könne nie den anderen, sondern immer nur sich selber verändern. Auch Vorwürfe oder Forderungen sind Gewalt. Führen sie nicht zur Explosion, dann zumindest zur Verstocktheit meines Gegenübers. Das Gewaltsame in der Kommunikation hat unglaublich viele und oft versteckte Formen. Wir drohen, trotzen, schmeicheln, um unsere Interessen oder Meinungen durchzusetzen. Absurderweise verdanken sich diese in zahlreichen Fällen lediglich kulturellen Mustern oder fragwürdigen Launen, haben also verflucht wenig mit dem Anlass und mit unseren wirklichen Wünschen zu tun. Kommune gewährt den Emotionen keinen Saustall; sie hinterfragt sie vielmehr. Das erfordert oft Mut, weil es bedeutet, sich zu öffnen und damit verletzbar zu machen. Wer ein bequemes Leben sucht, sollte anarchistisch orientierte Kommunen meiden.

Treten Gleichheit und Freiheit in Konflikt, zieht der Anarchist die Freiheit vor. Er geht nämlich davon aus, die Menschen seien gerade nicht gleich. Ihre Kräfte sind so verschieden wie etwa ihre Neigungen zu Fleisch oder Gemüse. Daher unsere Vorliebe für das Marx´sche Motto: "Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen." Diesem Grundsatz haben wir politisch oder ökologisch begründeten Konsens abzuringen - etwa den, Wahnsinnsbranchen wie Rindermast auf keinen Fall zu unterstützen. Einheitslöhne oder -taschengelder sind bei uns ähnlich verpönt wie Uniformjacken oder gelbe Mönchskutten. Die Einnahmen wandern in einen Topf und jeder bedient sich daraus - mehr oder weniger verantwortungsbewusst. Dass der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch in meiner Kommune um 500 Euro pro Monat schwankt (in Niederkaufungen sind es 900), kann ich einem festen Aushang am Schwarzen Brett entnehmen. Der Betrag umfasst auch die Wohnkosten, Versicherungen, Tilgungen und dergleichen. Bei rund 20 Leuten kommen wir mit zwei Autos und einer Waschmaschine aus. Was jeder Einzelne von uns in Bahnfahrten oder Zartbitterschokolade investiert, könnte ich im Kassenbuch nachschlagen; allerdings hat es mich noch nie interessiert.

Für uns stellt die Gemeinschaft nichts Wertvolles an sich dar. Sie hat allein der persönlichen Entfaltung eines jeden von uns zu dienen. Am liebsten würden wir überhaupt nicht vergleichen. Das Vergleichen entspringt nämlich einem quantitativen Denken, das zur vertikalen Struktur gehört. Es läuft immer auf Mehr oder Weniger und damit auf Herrschaft hinaus. Hier liegt die enorme Bedeutung der marxistischen Kritik der Wertform, die in der DDR offenbar nur auf Spanisch vorgelegen hat. Letztlich verlangt sie von uns, den Tausch abzuschaffen. Nach ihr sind neben handwerklichen Produkten und Kunstwerken auch die Menschen einzigartig und somit nicht austauschbar. Aus meiner Sicht stellen wir das Individuum im Grunde deshalb über das Kollektiv, weil dieses durchaus langlebig ist, jenes dagegen leider nicht. Niemand wird dir ersparen können zu sterben. Allein.

Henner Reitmeier gehört der Kommune Waltershausen in Thüringen an, die eine ehemalige Puppenfabrik, zuletzt "VEB biggi", bewohnt. Jedes Jahr organisieren Vertreter/innen mehrerer Kommunen eine "Kommune-Info-Tour" , um Einblicke in ihr Leben und Arbeiten zu geben. Die nächste Tour findet vom 29. 1. bis 6. 2. statt und führt von Bremen über Oldenburg, Hannover, Braunschweig, Magdeburg, Potsdam, Berlin nach Neubrandenburg. Näheres unter Tel.: 05605-80070.


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00:00 21.01.2005

Ausgabe 39/2020

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