Schweinerei und Revolution

Stiefkind Früher einmal war marxistisches Denken aus der homosexuellen Bewegung nicht wegzudenken. Erinnerung an ein schwieriges Liebesverhältnis

Homosexuelle wollen nichts anderes, als endlich, endlich in die kapitalistische Gesellschaft integriert werden. Diese These könnte als Fazit jener aktuellen Debatten über den gesellschaftlichen Ort der Homosexuellen gelten, die alljährlich das Sommerloch stopfen, damit Politiker entweder bei der schwulen und lesbischen oder bei der homophoben Wählerschaft punkten können. Auch die jeweiligen Vorzeige-Homosexuellen der Bundesparteien, Volker Beck, Klaus Wowereit, Ole von Beust und Guido Westerwelle (in der Reihenfolge ihres öffentlichen homosexuellen Auftretens), passen in den Trend. Kaum noch etwas erinnert daran, dass alles einmal anders war, dass der Mainstream der homosexuellen Emanzipationsbewegungen lange Zeit nicht an der Integration in die kapitalistische Gesellschaft, sondern an ihrer revolutionären Überwindung interessiert war. Hierzu bediente er sich unter anderem marxistischer Theorien. In diesem kurzen Essay möchte ich argumentieren, dass die theoretische und politische Tradition des Marxismus aus der Geschichte homosexueller Emanzipationsbewegungen nicht wegzudenken ist, obwohl diese ungeliebten Stiefkinder vom marxistischen Mainstream nicht anerkannt werden.

1868 saß der spätere Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Johann Baptist Schweitzer, wegen "widernatürlicher Unzucht" mit einem Maurer im Knast. Karl Heinrich Ulrichs verfasste zu dessen Gunsten eine erfolglose juristische Streitschrift. Etwa zur selben Zeit sandte Ulrichs an Karl Marx sein theoretisches Hauptwerk Memnon, das sich, wie auch seine anderen Werke, für die Streichung des § 175 und die gesellschaftliche Anerkennung der Liebe zwischen Männern und zwischen Frauen einsetzte, deren Vertreter er Urninge beziehungsweise Urninden nannte. Marx reichte das Buch an Friedrich Engels weiter, der am 22. Juni 1869 in einem Brief an seinen Freund dazu kommentierte: "Das ist ja ein ganz kurioser ›Urning‹, den Du mir da geschickt hast. Das sind ja äußerst widernatürliche Enthüllungen. Die Päderasten fangen an sich zu zählen und finden, daß sie eine Macht im Staate bilden. [...] Übrigens auch nur in Deutschland möglich, daß so ein Bursche auftritt, die Schweinerei in eine Theorie umsetzt und einladet: introite usw. Leider hat er noch nicht die Courage, sich offen als ›Das‹ zu bekennen, und muß noch immer coram publico ›von vorn‹, wenn auch nicht ›von vorn hinein‹, wie er aus Versehen einmal sagt, operieren." (MEW, Bd. 32, S. 324f.)

In dieser Briefstelle ist eigentlich bereits alles zum Verhältnis von Homosexualität und Marxismus gesagt. Einerseits kamen aus der Mitte der Theoriebildung und der Arbeiterbewegung die allgemein üblichen homophoben Reaktionen mit der ihr gewohnten Fokussierung auf männliche Homosexualität und insbesondere der Aversion gegen analen Geschlechtsverkehr. Andererseits kündigt sich bereits an, dass von dort theoretische und politische Instrumentarien bereitgestellt wurden, in denen sich die Interessen von Homosexuellen artikulieren ließen. Entsprechend Engels´ düsterer Prognose sollten Homosexuelle anfangen, sich zu zählen, sich als ernst zu nehmende Gegenmacht zu begreifen und in verschiedenen politischen Organisationen zusammenzuführen. Genau 100 Jahre später sollten sie schließlich sogar den Mut aufbringen, sich öffentlich "als ›Das‹ zu bekennen" - eine politische und lebensgeschichtliche Praxis, die wir inzwischen als ›Coming-out‹ kennen. Nur in der lokalen Bindung homosexueller Emanzipationstheorie an das deutsche Staatsgebiet hatte sich Engels gründlich geirrt. Solche schweinischen Gedanken entwickelten sich praktisch in allen kapitalistischen Industrienationen.

In der Tat ist marxistisches Denken und Handeln aus der Geschichte der lesbischen und schwulen Bewegungen nicht wegzudenken. Nicht zufällig hatten viele westliche Aktivisten und Aktivistinnen homosexueller Emanzipationsbewegungen einen kommunistischen Hintergrund, wie das 2002 verstorbene Gründungsmitglied der US-amerikanischen Mattachine Society, Harry Hay. Und auch viele homopolitisch engagierte Intellektuelle stehen, sei es ausgesprochen oder unausgesprochen, unter dem Einfluss von Marx. Zum einen weil auf der Höhe dieser Bewegungen in den Siebzigerjahren der Zeitgeist ohnehin marxistisch durchtränkt war und zum anderen, weil Marx gedankliche Werkzeuge anbot, mit denen sich die eigenen Interessen aus einer Position der Ohnmacht erkennen und artikulieren ließ. Die Lebenssituation Homosexueller war mit marxistischen Begriffen als "entfremdet" zu beschreiben. Homosexuelle konnten als eine Klasse und politisch bewusste Schwule und Lesben sogar als leninistische Avantgarde dieser Klasse betrachtet werden, die vorerst nur eine Klasse an sich, aber noch nicht für sich war, da sie noch ein falsches Bewusstsein besaß. Die Unterdrückung der Homosexuellen, so ließ sich die Analogie fortsetzen, begründete jedoch zugleich ihre fortschrittliche Überlegenheit, da sie bereits die Grundlagen für die Aufhebung der alten und die Errichtung der neuen Ordnung menschlicher Selbstverwirklichung legten, deren Durchsetzung in Tateinheit mit der Durchsetzung der Homosexuellenemanzipation erkämpft würde.

So wie die Diktatur des Proletariats den Kommunismus herbeiführen würde, so sollte die radikale Realisierung von Homo-Identität die sexuelle und geschlechtliche Befreiung ins Werk setzen. Dazu fehlte lediglich noch das richtige Bewusstsein, das die schwulen- und lesbenbewegten Avantgarden in Theorie gossen. Das Manifest der revolutionären Homo-Partei, ein US-amerikanisches Flugblatt aus den Siebzigerjahren, erläuterte: "In einer Welt nach einer homosexuellen Revolution werden alle gesellschaftlichen und sinnlichen Beziehungen ›homo‹ sein, und Homo- und Heterosexualität sind dann unverständliche Begriffe." Volkmar Sigusch vom Hamburger Institut für Sexualforschung bezeichnete noch 1990, ganz im Geiste dieser revolutionären Selbstgewissheit, den experimentierfreudigen und erlebnishungrigen sexuellen Handlungsstil vieler Schwuler als "leibhafte Subversion".

Während schwule Revolutionäre mit einigen Ausnahmen das Gewicht auf die sexuelle Praxis legen, ist für lesbische Revolutionärinnen die Kategorie "Geschlecht" von größerer Bedeutung. Durch ihre doppelte Diskriminierung als Frauen und als Homosexuelle würden Lesben mit ihrer Lebensweise die herrschende patriarchale Ordnung in zweifacher Hinsicht in Frage stellen und deren Widersprüche zuspitzen. Der Slogan einer US-amerikanischen radikalen Lesbengruppe brachte das 1974 auf den Punkt: "Eine Lesbierin ist die konzentrierte Wut aller Frauen am Explosionspunkt." Lesben wurden demzufolge auch "frauenidentifizierte Frauen" genannt, da sie das unterdrückte Kollektiv der Frauen sowohl an sich als auch für sich repräsentierten. Ti-Grace Atkinson verglich deshalb die Rolle der Lesben im Feminismus mit der Rolle der kommunistischen Partei für die Gewerkschaftsbewegung.

Diese und ähnliche Positionen schlugen sich mit dem marxistischen Theorem von Haupt- und Nebenwiderspruch herum und versuchten, die homosexuelle Frage in der Hierarchie der Widersprüche aufzuwerten oder daraus gar einen Hauptwiderspruch zu zimmern, indem Herrschaft in letzter Instanz von Geschlecht beziehungsweise Heterosexualität abgeleitet wurde. Die meisten der radikalen Emanzipationsansätze zeigten allerdings durchaus die Bereitschaft, die Kämpfe der Linken gegen verschiedene Unterdrückungsstrukturen (Rassismus, Sexismus, Homophobie, Kapitalismus) zu verbinden und sich in einer gemeinsamen Zielutopie treffen zu lassen. Der Aktivist der französischen Revolutionären Homosexuellen Aktionsfront Guy Hocquenghem versuchte 1972 in seiner Schrift Das homosexuelle Verlangen die homosexuelle Emanzipation in die Idee des Kommunismus zu integrieren. 1977 veröffentlichte Mario Mieli unter diesem Einfluss in Italien seine Elemente einer homosexuellen Kritik, in denen er einen "fröhlichen bzw. schwulen (gay) Kommunismus" propagierte.

Auch wenn in den einzelnen revolutionären Programmen das Was, Wie und Wohin der Befreiung sehr unterschiedlich verstanden wurde und wird, liegt doch ein grundlegender Unterschied zur marxistischen Tradition der Arbeiterbewegung und des Klassengedankens in dem hohen Stellenwert von Individualität und Subjektivität, die für die Mobilisierung der Homosexuellen eine notwendige Voraussetzung waren, während sie dagegen für die Einheit der Arbeiterklasse lediglich als Störfaktor galten.

Sogar noch nach dem Untergang des Realsozialismus und der intellektuellen Entsorgung von Marx finden sich in den Neunzigerjahren im Zusammenhang von Queer Politics unbestreitbar marxistische Positionen wieder, mögen sie auch nur als graue Eminenzen herumspuken, wie schon früher im Werk Michel Foucaults, des Säulenheiligen der Queer Theory. Judith Butlers Verweis auf das subversive Potenzial des Nicht-Intelligiblen entwickelt Adornos Begriff des Nichtidentischen weiter und ihre Theorie der heterosexuellen Matrix arbeitet ausführlich mit Althussers Begriff der ideologischen Anrufung.

Die Offenheit gegenüber dem Marxismus ist den Schwulen und Lesben seitens des marxistischen Mainstreams nicht gedankt worden. Geschlecht und insbesondere Sexualität blieben Nebenwidersprüche. Doch während sich mit der Abschaffung des Hauptwiderspruches aus Kapital und Arbeit die Gleichstellung von Männern und Frauen wenigstens wie von selbst ergeben sollte, sahen die Aussichten für Schwule und Lesben ungleich düsterer aus: das bürgerliche Dekadenzprodukt der Homosexualität sollte sich in einer sozialistischen Gesellschaft überlebt haben, da gesunde Arbeitersexualität natürlicherweise nicht homosexuell sei. Wie schon die frauenbewegten Frauen wurden damit die Lesben und Schwulen vor die Entscheidung gestellt, ihre nebenwidersprüchlichen Laster hintan zu stellen oder sich autonom zu organisieren. (In der DDR konnte das zarte homopolitische Tauwetter Ende der Achtzigerjahre den realsozialistischen Karren auch nicht mehr aus dem Dreck fahren.) Von dieser künstlichen Spaltung in kulturelle Anerkennungskämpfe einerseits und ökonomische Umverteilungskämpfe andererseits hat sich die Linke bis heute nicht erholt.

Abgesehen von einigen wenigen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, wie John D´Emilio und Rosemary Hennessy, interessiert in der emanzipatorischen Forschung zu Homosexualität die Analyse kapitalistischer Verhältnisse kaum (noch) jemanden. Ebenso haben sich die materiellen Grundlagen für eine marxistische Theorie von Sexualität und Herrschaft fundamental verändert. Sexualität spielt im heutigen Kapitalismus sicher eine andere Rolle als zu Zeiten der sexuellen Befreiungsbewegungen. Der fordistische Zwang zur traditionellen Form der Kleinfamilie ist weggefallen und sexuelle Differenz wird als vermarktbar nun willkommen geheißen. In der Annahme, dass Homosexualität und Kapitalismus nicht kooptierbar wären, hatten sich die sexuellen Revolutionäre also gründlich geirrt. Ob die heute unter neoliberalen Bedingungen in den Metropolen der westlichen Industriestaaten praktizierten homosexuellen Existenzweisen viel mit den Utopien der verschiedenen Befreiungstheorien gemeinsam haben, ist allerdings fragwürdig. Und ob Marxismus und (homo)sexuelle Emanzipationsbewegungen gemeinsame Wege gehen werden, hängt auch davon ab, ob der Mainstream-Marxismus dazu bereit ist, seine abartigen Sprösslinge anzuerkennen

Doch auch neomarxistische Ansätze, die in letzter Zeit wieder auf zunehmende Aufmerksamkeit stoßen, zeigen wenig Interesse für Fragen sexueller Politik. Dabei hielte doch zum Beispiel Hardts und Negris Konzept der "Multitude", das aus seiner Verbundenheit mit der Idee einer revolutionären Klasse keinen Hehl macht, ein Plätzchen für nicht-heteronormative Liebes- und Lebensweisen bereit, da es die Zugehörigkeit zur Multitude bewusst offener und vielfältiger formulieren möchte als herkömmliche marxistische Klassenanalysen.

Die heute dominierenden schwul-lesbischen Politikstrategien haben ihrerseits einen bürgerrechtlichen Weg eingeschlagen, der ihnen ihren Teil vom Kuchen sichern möchte und alle übrigen marxistisch und sonstwie inspirierten revolutionären Flausen als "Kinderkrankheit" der Bewegung überwunden zu haben glaubt. Da der gay lifestyle vermeintlich vom Rand in die Mitte der Gesellschaft gewandert ist, scheint sich sein Politisierungspotenzial vorerst erschöpft zu haben. Nur vereinzelte Nostalgiker, wie die Mitglieder des Wissenschaftlich Humanitären Komitees oder die Herausgeberinnen der Zeitschrift Ihrsinn, sehnen sich trotzig nach der Radikalität der frühen Jahre zurück, ohne dem Bedeutungswandel der Sexualität im Neoliberalismus angemessen Rechnung zu tragen.

Die ehemalige Liebe zur Arbeiterbewegung überwintert in der schwulen Community heute allenfalls in der erotischen Ikone des Malochers. Das ist nostalgisch und nicht gerade up to date was die neuesten Entwicklungen der Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse angeht. Aber es hätte sich wohl niemand träumen lassen, dass die Schwulen einmal das Erbe des Proletenkultes verwalten würden. Es steht allerdings zu vermuten, dass die Klassenfrage erneut in die schwul-lesbische Szene Einzug hält, dann nämlich, wenn sich zeigen wird, dass nicht alle sich den neoliberalen Lebensstil leisten können, der den Homos heute ihre gesellschaftliche Anerkennung zu sichern verspricht.

Volker Woltersdorff ist Literaturwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Er arbeitet am Sonderforschungsbereich "Kulturen des Performativen" im Unterprojekt "Grenzen von Geschlecht - Praktiken, Räume, symbolische Formen".


00:00 06.08.2004

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