Waldemar Kesler
10.01.2012 | 11:15

Schwulsein unter Kennedy

Stigmatisiert „Stuck Rubber Baby“ erzählt von Rassismus und Homophobie zu Zeiten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung - und von Orten, an denen man sich über beides hinwegsetzte

Es spricht für die Qualität eines Comics, wenn es zwischen der 17 Jahre zurückliegenden Erstauflage und jetzigem Neuerscheinen mit David Mazzucchellis Asterios Polyp nur ein ebenbürtiges Schwergewicht auf den Markt geschafft hat.

Stuck Rubber Baby hinkte dabei schon zu seinem Erscheinen 1995 der Zeit hinterher: Howard Cruse erzählt von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im Süden der Vereinigten Staaten und von den sechziger Jahren, als Kennedy und Martin Luther King fortschrittlich denkende Amerikaner auf eine andere Politik hoffen ließen. Stuck Rubber Baby ist eins jener Werke, die lange reifen müssen, um ihre ganze Pracht entfalten zu können. Im Gespräch mit dem Freitag erläutert der 1944 in Springville, Alabama, geborene Cruse: „Um halbwegs detailreich über die Strömungen und Schwingungen jener Zeit schreiben zu können, brauchte es viel Nachdenken, eine gehörige Prise Lebenserfahrung und die richtige Plattform – wie die über zweihundert Seiten einer Graphic Novel.“

Howard Cruses verhinderter Held, der junge Tankstellenangestellte Toland Polk, sympathisiert mit der Bürgerrechtsbewegung, die sich in seiner Heimatstadt Clayfield formiert. Beim Militär wurde er wegen „homosexuellen Tendenzen“ ausgemustert und musste erniedrigende Kommentare über sich ergehen lassen. Seitdem neigt er dazu, nicht auffallen zu wollen. Offene Rebellion gegen die Rassentrennung in Clayfield überlässt er seinen Freunden, selbst seine Homosexualität versucht er zu unterdrücken. Er redet sich ein, die Aktivistin Ginger zu lieben, die von einer Musikerkarriere in New York träumt. Ginger verkörpert alles, was Toland als richtig erkennt, sich aber nicht zu leben traut. Sie bricht aus den erstickenden Verhältnissen aus, allerdings kostet ihr Engagement gegen die Segregation sie ihren Studienplatz.

Freiheitsbedürfnis

Das fiktive Clayfield hat ein reales Vorbild: Birmingham, Albama, die Stadt in der Cruse aufwuchs, und die sich in den Sechzigern zum Zentrum der Bürgerrechtsbewegung entwickelte. „In Birmingham sah ich, wie die Rassenkonflikte immer stärker wurden. Das ließ mich über die Wurzeln des Rassismus in meiner Heimat nachdenken. Im Laufe der Zeit kam mir zu Bewusstsein, wie fundamental die Bürgerrechtsbewegung das Leben im Süden der Staaten verändert hat. Das hatte einen nachhaltigen Einfluss auf mich. Seitdem weiß ich, welche immensen Auswirkungen politischer Aktivismus an der Basis haben kann.“

Die gesellschaftlichen Umwälzungen und das Freiheitsbedürfnis, das die Aktivisten aussprechen, führen Toland ständig vor Augen, was er sich nicht eingestehen will: Ein anderes Zusammenleben ist möglich, wenn man dafür kämpft. Als seine Freunde ihn ins Rhombus führen, sieht er in der Schwulenbar erstmals im Leben einen Ort, an dem Schwarze und Weiße, Schwule und Heteros keine Schranken mehr trennen. Der Weg zur schwulen Identität führt bei Toland über das Überwinden von Rassismus: „Rassismus und Homophobie funktionieren natürlich unterschiedlich. Aber sie wirken sich in mancherlei Hinsicht ähnlich aus: Schwarze und Schwule kämpfen buchstäblich um ihr Überleben, wenn sie die Gesellschaft stigmatisiert, beide müssen ihre Ängste und Anfälle von Selbsthass überwinden und sich zusammenschließen, wenn sie das Unrecht bekämpfen wollen. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung beflügelte in den folgenden Jahren andere Proteste wie die gegen den Vietnamkrieg, die Gegenkultur der Hippies, die Emanzipation der Frau und schließlich die Schwulenbewegung. Der Aufruhr und die Begeisterung der Sechziger haben den Acker für solche Bewegungen bestellt, die für Freiheit und Gerechtigkeit gekämpft haben.“

Aufgepumpte Körper

In Birmingham war die Bürgerrechtsbewegung in vollem Gange, als Howard Cruse mit seiner eigenen sexuellen Identität beschäftigt war. Obwohl Stuck Rubber Baby kein autobiografischer Comic ist, war es für ihn naheliegend, den Bürgerrechtsaktivismus und die schwule Untergrundbewegung erzählerisch zusammenzuführen. Trotz aller Aufbruchseuphorie, von der Cruse angesteckt wurde, machte er doch die Erfahrung, dass der schwule Untergrund keinen Anlass zur Sozialromantik gab: „Obwohl mancher Weiße, der regelmäßig Schwulenbars besuchte, Schwarzen gegenüber nicht sonderlich wohlgesinnt war, gab es doch Tendenzen in die andere Richtung. Jeder Besucher des Rhombus 1995, wusste, dass die Leute draußen ihn für Abschaum halten. Jeder Schwarze wusste, dass die weiße Mehrheit glaubte, dass er ungebildet, unverbesserlich, dreckig und kriminell war. Dies gemeinsame Stigma der beiden Gruppen reichte, um sie an einem Ort zusammenzubringen. Nur deswegen ist Rassentrennung kein Thema in den Birminghamer Bars gewesen, in denen ich mich aufhielt. Obwohl sie auf den Straßen überall spürbar war.“

Dieses Stigma kehrt in den Zeichnungen von Stuck Rubber Baby wieder. Die Körper in Stuck Rubber Baby wirken aufgepumpt und von Schwere überladen. Unabhängig von der Hautfarbe der Figuren setzen sich Rassismus und die Homophobie als schwarze Punkte des gesellschaftlichen Stigmas auf der Haut fest. „Da sich die Figuren emotional in ihrem Umfeld aufrieben, mussten die Bilder von diesem Umfeld eine gewisse Härte ausstrahlen. Mit anderen Worten: Die angsteinflößenden Erfahrungen, die Toland im Laufe der Zeit macht, erforderten einen größeren Detailreichtum und mussten eine düsterere Atmosphäre ausstrahlen als die humorvolleren Geschichten, die ich über die Jahre gezeichnet hatte.“

Verhältnismäßig realistisch

Howard Cruse zeichnet sonst im Stil der funny strips: Die Körper erscheinen so biegsam, als ob sie sich überall hindurch lavieren könnten. Für Stuck Rubber Baby erfand er sich als Künstler völlig neu: „Obwohl meine Wurzeln lustig übertreibende Cartoons sind und ich nie behauptet habe, ein Meister des visuellen Realismus zu sein, versuchte ich im Laufe der Jahre, mein Repertoire so zu erweitern, dass die Bilder verhältnismäßig realistisch wirken, wenn die Story es verlangt. Dadurch will ich die Leser dazu bringen, die Geschichte meiner Figuren als aufgezeichnete menschliche Wirklichkeit zu begreifen.“

Tolands Geschichte eröffnet unserem Blick ein historisches Panorama, in dem sich seine persönliche Befreiung abspielt. Sein Coming-Out als Homosexueller ist Teil der Läuterung der ganzen Gesellschaft. Das Kondom, auf das der Titel des Comics sich bezieht, vertrocknet im Laufe seiner sexuellen Selbstverleugnung, so dass Toland es nicht mehr ausgerollt bekommt, als er mit Ginger schlafen will. Da offenbart er ihr in seiner Verzweiflung, dass er schwul ist. Später zeugen sie trotzdem ein Kind, weil die beiden für einen Moment Liebe mit der Bereitschaft verwechseln, sich mit dem abzufinden, was gerade da ist. Sie geben das Baby zur Adoption frei, weil sie wissen, dass es mit ihnen als Eltern keine Zukunft haben wird. Toland ist selbst zu infantil und in sich selbst gefangen, um sich um einen anderen kümmern zu können.

Der dreißig Jahre später in sich ruhende Toland versetzt sich durch die Musik der Freiheitsbewegung zurück in die Vergangenheit, um sich seiner Selbstbestimmung zu vergewissern. Stuck Rubber Baby lässt den Geist der Bürgerrechtsbewegung in die Gegenwart herüber wehen.

Stuck Rubber BabyHoward Cruse übersetzt von Andreas Knigge, Cross Cult 2011, 216 S., 26