Michael Marek
Ausgabe 0117 | 09.01.2017 | 12:00 2

Sein Haus, sein Friseur, sein Date

Stadtführung In Chicago hat Barack Obama die längste Zeit seines Lebens verbracht

Sein Haus, sein Friseur, sein Date

All about Obama

Foto: Helen H. Richardson/Denver Post/Getty Images

Windy City, Murder City, Second City, Meatpacking City – Chicago hat viele wenig schmeichelhafte Beinamen. Die Stadt mit den meisten Morden, den korruptesten Politikern, die Stadt, in der die größten Viehschlachthöfe der Welt standen und die nur noch Platz drei unter den US-Metropolen einnimmt. Mit Barack Obama hat sich zumindest das Image geändert. President’s City, denn obwohl Obama auf Hawaii, in Honolulu, aufgewachsen ist, gilt Chicago als die Heimatstadt des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten. Seitdem gibt es in der Millionenstadt am Lake Michigan eine neue Touristenattraktion: Obama-Touren. Sie führen natürlich auch dorthin, wo die Präsidentenfamilie ihr Haus hat.

Greenwood Avenue 5046 im Stadtteil Hyde Park. Unscheinbar sieht die viktorianische, rote Backsteinvilla aus. Sechs Schlafzimmer soll sie haben, einen Weinkeller, alles zusammen für angeblich 1,6 Millionen Dollar. An der rechten Mauerwand hängt einsam ein Basketballkorb, gegenüber liegt die Synagoge. Das kleine Anwesen strahlt Wohlstand aus, aber keinen Protz wie die Hotels und Casinos eines Donald Trump, der nicht nur im Wahlkampf mit der eigenen Boeing 757 unterwegs war und in Chicago einen 98-stöckigen Tower stehen hat. In der Villa sind die Obamas zu Hause, wenn der Präsident nicht im Weißen Haus ist.

Wie im Kino

Betonbarrieren versperren die Einfahrt zur Straße. Männer mit schwarzen Maschinenpistolen, schwarzen Sonnenbrillen und schwarzen Geländewagen patrouillieren auf der Greenwood Avenue. Genau so, wie man es ungezählte Male im Kino gesehen hat. „Als Obama 2008 zum ersten Mal gewählt wurde, gab es Scharfschützen auf dem Dach, um das Haus zu sichern“, sagt Kineret S. Jaffe. Sie kennt jede Ecke im Süden von Chicago, jeden Laden und jede Menge Anekdoten. Die Mittsechzigerin ist Historikerin. Ihre Liebe zu Paris hat sie mit der Wahl ihres Forschungsgebiets verbunden, Frankreich und die Romantik. Seit knapp 30 Jahren wohnt und arbeitet Kineret dort, wo die Obamas leben, die Intellektuellen und Liberalen.

Hyde Park ist das Universitätsviertel Chicagos. Hier lehrte der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, studierte der Literaturnobelpreisträger Saul Bellow, plante der Architekt Frank Lloyd Wright. Doch erst seit Obama zum Präsidenten gewählt wurde, kommen immer mehr Touristen. Zum Straßenbild gehören elegante Villen, schattige Bäume und Multikultiflair für den gehobenen Mittelstand, Professoren, Anwälte, Banker, aber auch Lehrer und Angestellte. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts lebten in Hyde Park fast ausschließlich weiße Familien. Mit Immobilientricks verhinderte man, dass Schwarze in die Gegend ziehen konnten. Alltäglicher Rassismus, sagt Kineret, bis das oberste Gericht der USA 1948 die gängige Praxis für verfassungswidrig erklärte. „Heute gibt es in Chicago keinen anderen Stadtteil, in dem Integration derart gelungen ist“, sagt Kineret. Hier sei verwirklicht, was Obama für die ganzen USA wollte, das friedliche Zusammenleben von Schwarzen und Weißen.

In anderen Stadtteilen von Chicago funktioniert das weit weniger gut. Bürgermeister Rahm Emanuel, immerhin früher Obamas Stabschef im Weißen Haus und einer seiner engsten Vertrauten, musste erst vor kurzem in einem Untersuchungsbericht lesen, dass seine städtische Polizei und Justiz Schwarze systematisch diskriminierten. Das Misstrauen zwischen Chicagos Minderheiten und den Sicherheitsbehörden sitzt tief. Auch für Kineret, die nur ein paar Blocks entfernt lebt, sei es manchmal gar nicht so leicht, in die Synagoge gegenüber von Obamas Haus zu kommen. Wer hier heiraten will, muss seine Hochzeitsgesellschaft dem Secret Service vorstellen. Doch nichts liegt der resoluten Frau ferner, als sich zu beschweren, gehört sie doch – wie die meisten Bewohner in Hyde Park – zu Obamas Unterstützern. Verschmitzt erzählt sie, dass die Leute vom Secret Service immer die Toiletten in der Synagoge benutzten.

Vor einem unscheinbaren Laden in der South Blackstone Avenue 5234 flimmert in Neonleuchtschrift „Hyde Park Hair Salon“. Glasfenster reichen von der Decke bis zum Boden. Drinnen, gleich am Eingang in einer Ecke, ein Friseurstuhl unter einem Glassturz. Auf dem hat Obama höchstpersönlich gesessen und sich viele Jahre die Haare schneiden lassen. Darüber eine Fotografie, links Geschäftsinhaber Ishmael, rechts Friseur Zariff, in der Mitte der US-Präsident. Darüber der Wahlkampfslogan von vor acht Jahren: „Change we can believe in!“

Ein paar alte, abgewetzte Ledersofas stehen in dem langgezogenen Raum, hinten hängen riesige Poster schwarzer American-Football-Stars. Drinnen läuft ein Fernseher, Muhammad Ali schaut in Boxerpose von einem Poster auf gepolsterte Drehstühle. Auch „The Greatest“ ließ sich hier schon die Haare schneiden, so wie Spike Lee, der Filmregisseur. Heute besteht die Kundschaft ausschließlich aus Afroamerikanern. In diesem unscheinbaren Laden wurde Obamas Frisur erfunden, für den „Obama Cut“ ist der Friseurladen bis heute bekannt: ein extrakurzer Putz, besonders hinten und an den Seiten. Ishmael ist stolz auf seinen berühmtesten Kunden. Schrecklich zerlumpt habe Obama ausgesehen, als er seinen Friseurladen zum ersten Mal betrat. Der Text auf dem Obama-Bild mahnt: „Barack, du solltest nächstes Mal etwas früher kommen!“

Obama hat sich dran gehalten, er wurde Stammkunde und der Hyde-Park-Friseursalon zu einer Pilgerstätte. „Einen Rabatt hat unser Präsident nie bekommen“, sagt Ishmael entschieden. 21 Dollar kostet der Schnitt für Erwachsene, die muss selbst der Präsident zahlen. Ob er immer noch vorbeikommt? Ishmael lächelt vieldeutig und schweigt.

Ernsthaft Spaß haben

Gleich um die Ecke der eigentliche Höhepunkt der Tour: das Baskin-Robbins-Eiscafé 1400 East 53rd Street. Den Laden gibt es zwar nicht mehr, doch hier hatten die Obamas ihr erstes Date. Getroffen hatte Barack seine große Liebe im Sommer 1989. Im ersten Jahr als Jurastudent in Harvard arbeitete er in den Semesterferien als Praktikant bei der renommierten Kanzlei Sidley & Austin. Die junge Rechtsanwältin Michelle Robinson wurde ihm als Mentorin zugewiesen. „She had him at hello“, schwärmt Kineret, als wäre sie dabei gewesen. Schon bei der Begrüßung war es um den Mann geschehen. Erste Avancen soll sie zurückgewiesen haben, doch schließlich habe sie sich überreden lassen, ihn ins Baskin-Robbins-Eiscafé zu begleiten. „Ich küsste Michelle, und es schmeckte nach Schokolade“, schreibt Obama in seiner Autobiografie. Hinterher gingen sie ins Kino und schauten Spike Lees Apartheiddrama Do the Right Thing. Fortan waren sie ein Paar. An der Stelle des Baskin-Robbins-Eiscafés befindet sich heute ein Sandwichladen der Subway-Kette. Aber die Geschichte vom ersten Kuss ist auf einem Gedenkstein vor dem Fast-Food-Geschäft verewigt.

„Ich küsste Michelle, und es schmeckte nach Schokolade“

Foto: Scott Olson/Getty Images

Ein Kuss, eine Eiskugel, und schon geht es weiter ins Medici, das Restaurant der Obamas, 1327 East 57th Street. Der Eigentümer kommt aus Deutschland. Die Pizzeria ist vor allem bei Studenten beliebt. Viele haben die Initialen ihres Namens in die Holztische geritzt. Wenn man mit den Angestellten spricht, sieht man an ihren Gesichtern, dass sie schon tausendmal nach dem Lieblingsgericht der Obamas gefragt wurden. Die Antwort fällt entsprechend aus: „Hamburger und Pizza!“

Nebenan befindet sich Obamas Lieblingsbuchhandlung, Street Books. Ein rotes Backsteinhaus, eine kleine Treppe führt nach unten zum Eingang. Das Geschäft im Souterrain ist mit Büchern bis unter die Decke vollgestopft, überall kramen Kunden in den Kieferregalen, an die Decke geschraubt sind graue Abflussrohre. An der Kasse hängt ein Obama-Foto. Der Buchladen wirbt mit dem Spruch „Wo ernsthafte Leser hingehen, um Spaß zu haben“.

Hier signierte Obama auch seine Bücher.Zur Vorstellung der Autobiografie Dreams from My Father (Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie) kamen ungefähr 50 Leute, beim zweiten Buch, The Audacity of Hope (Hoffnung wagen), ging die Warteschlange um den Häuserblock. „Endlich haben wir wieder einen Präsidenten, der gern liest“, sagt Kineret S. Jaffe. Nach dem Ende seiner Amtszeit am 20. Januar wird Obama wieder öfter dazu kommen, in Chicago oder anderswo. Und vielleicht gibt es dann wieder eine Signierstunde, wenn Obamas Memoiren erscheinen.

Ob und wann die Obamas nach Chicago zurückkehren werden, weiß im Augenblick niemand. Vorerst wird der Präsident mit seiner Familie in Washington bleiben, damit die Töchter die Schule dort beenden können. Ganz sicher aber werden die Obamas häufiger in Chicago sein, wie schon während der Amtszeit – ob für eine Rede an der University of Chicago, für eine deutsch-amerikanische Pizza oder einen extrakurzen Haarschnitt.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/17.

Kommentare (2)

Richard Zietz 10.01.2017 | 13:47

Was den Style anbelangt, steht noch zur Amtszeit fest: So locker, so unprätentiös und »normal« wie mit Barack Obama wird es lange nicht mehr.

Auswirken wird sich der gerade vonstatten gehende »Stilbruch« nicht nur politisch. Auch styletechnisch hat das selbstherrliche Rockstar-Gehabe von Trump einen Dammbruch zur Folge, dessen breitengesellschaftliche Auswirkungen sich bereits jetzt allerorten bemerkbar machen. Ob Demokrat, Rep, AfDler, Konkurrenten aus dem anderen Lager oder die breite Palette all derer, die meinen, irgendwie »auch« wichtig zu sein oder was zu sagen zu haben: Die Ära des nachbarschaftlichen, kommunikativen Stils ist zu Ende. Trump hat die Großkotzigkeit, das Flunkern, die Einschüchterung und die Lüge als strategische Option hoffähig gemacht und in den gesellschaftlichen Mainstream eingebracht. Das wird Wellen schlagen – große, kleine, sehr kleinteilige.

Jeder sein eigener »Trump«: in vier Jahren werden wir mehr wissen, was diese Periode des Ultra-Hardcore-Plutokratismus angerichtet hat.

Ansonsten: Video angucken. Wer nach dieser Körpersprache nicht versteht, was gemeint ist, dem ist eh nicht zu helfen.

Ratatörskr 11.01.2017 | 10:08

Leider hat Obama die eigene Saat beim Abgang zertrampelt. Insofern ist er sein eigener Tramp.

Jetzt sucht man schon nach russischen Spionen, die Trump mittels eines Sex-Films (2013?) erpressbar gemacht haben könnten!

Wie pervers wird das Ganze noch? Welche Verhältnismäßigkeit der Politik, in der es immerhin um Frieden oder Kriege geht. Macht geht vor Charakter.

Gibt es einen honorige Politiker, der in Ruhe mit Anstand auch aus dem Amt ausscheiden konnte?