Sein vs. Nichtsein

A-Z Rivalen Romney tritt gegen Obama an. Dortmund ärgert die ­Bayern. Joker kämpft mit Batman: Rivalenkämpfe machen die Welt interpretierbar. Unser Lexikon der Woche

Alphatiere

So erbittert wie 1980 ging es in keinem Bundestagswahlkampf davor und danach zu. Strauß gegen Schmidt. Die Nation hatte die Wahl zwischen zwei Alphatieren der Politik: einem bayerischen Katholiken und einem hanseatischen Protestanten, beide blitzgescheite und messerscharfe Formulierer.

Es war nicht nur ein Duell unterschiedlicher politischer Positionen, sondern grundverschiedener Temperamente: Emotion gegen Nüchternheit, cholerische Ausbrüche gegen sophistische Lanzenstiche. Schmidt warnte in einem Wahlspot der SPD vor Strauß: „Der Mann hat sich nicht unter Kontrolle. Und deshalb darf er erst recht keine Kontrolle über unseren Staat bekommen!“ Strauß inszenierte sich in einem Filmchen als Familienvater und behielt diese Maske nicht einmal zwei Minuten auf. Dann ätzte er gegen den „Volksfrontterror auf den Straßen“. Strauß holte bekanntlich nur 34,2 Prozent der Stimmen und verlor die Wahl. Mark Stöhr

Batman gegen Joker

Ohne Batman hätte es den Joker nie gegeben – und umgekehrt. Ihr Ringen um die Oberhand ist exemplarisch und plastisch dafür, wie sehr sich Rivalen jeweils bedingen.

Einst nur ein gewöhnlicher Krimineller, tötet der spätere Joker bei einem Straßenraub Batmans Eltern. Der Junge erlebt den Mord mit und schwört ewige Rache. Durch Kampftraining und technisches Know-how wird er zum Verbrecher jagenden Fledermausmann, der wiederum Joker erschafft: Beim ersten Showdown fällt dieser in einen Behälter mit Chemikalien. Sein Gesicht wird verätzt und nimmt clownhafte Züge an. Zugleich verfällt er vollends dem Wahnsinn und wird zum Meisterschurken, der dem Superhelden nachstellt.

Als ebenbürtige Gegner stellen sich Batman und Joker fortan in unzähligen Comic-Geschichten nach. Tobias Prüwer

Blond gegen Brünett

„Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frauen!“ Ach so? Tatsächlich spaltet sich die Männerwelt in zwei Lager. Blond wird mit Reinheit, Jugendlichkeit und Sexualität assoziiert, während brünett eher für Stabilität, Kompetenz und Selbstvertrauen steht.

Fakt ist: Blonde Menschen ziehen mehr Blicke auf sich, doch wird ihnen häufig auch weniger zugetraut. Dunkelhaarige gelten als geheimnisvoll. Klischees sind doof, aber wer kann sich schon erwehren gegen die Macht optischer Reize auf das eigene Unterbewusstsein? Um noch ein weiteres Klischee zu bedienen, möchte ich als (unechte) Blondine hinzufügen: Blond macht süchtig – aber dass ich mehr Spaß hätte als meine dunkelhaarigen Freundinnen, das könnte ich so jetzt nicht unterschreiben. Sophia Hoffmann

Eastcoast gegen Westcoast

Die Ursprünge des Hip-Hop liegen in New York, doch Anfang der neunziger Jahre hatte sich auch in Los Angeles eine große Szene gebildet, und das einst im Underground entstandene Genre war im Mainstream angekommen. Aufgrund wirtschaftlicher Konkurrenz spitzte sich der Ost-West-Konflikt zwischen dem New Yorker Plattenlabel Bad Boy Entertainment und dem kalifornischen Pendant Death Row Records Mitte der Neunziger zu und eskalierte mit dem Mord an den Protagonisten Notorious B.I.G. und Tupac Shakur. Im September 1996 wurde Shakur von Unbekannten erschossen, im März 1997 sein Rivale. In beiden Fällen gibt es bis heute keine Anklage, aber viel Legendenbildung.

Heute besteht eine inoffizielle „Waffenruhe“ zwischen beiden Lagern, und Notorious‘ Kollege Sean Combs alias Puff Daddy verdiente gut mit der Gedenkhymne „I‘ll be missing you“. SH

Gallagher gegen Gallagher

Ihre Hits hießen „Wonderwall“, „Supersonic“ und „Go let it out“: Die Band Oasis war seit Mitte der neunziger Jahre eine feste Größe der britischen Rockszene und Vorreiter des sogenannten Britpop. Die Brüder Gallagher, Noel (Mastermind) und Liam (Sänger), machten dabei mit ihren Versuchen, einander in Exzentrik zu übertreffen, mehr Schlagzeilen als mit ihrer Musik.

Ihre verbalen Schlammschlachten waren legendär, oft gingen aber auch Gitarren oder Hotelzimmerinventar zu Bruch. Größenwahn und Rockstar-Attitüde standen den beiden immer im Weg, und häufig blieben die Fans auf der Strecke, wenn Konzerte ausfielen oder es Liam mitten im Konzert gefiel, in Gesangsstreik zu treten. 2009 brachte ein Streit das endgültige Aus. Seither machen sich die Brüder mit Soloprojekten Konkurrenz, Liam mit Beady Eye, Noel gründete Noel Gallagher’s High Flying Birds. Von jetzt an findet der Kampf nur noch in den Charts statt. Das 1994 im Song beschworene „Live forever“ kann Oasis aber gewiss sein. Jutta Zeise

Harding gegen Kerrigan

Anfang der Neunziger gehörte Tonya Harding zu den Besten im Eiskunstlauf. Ihr gelang als erst zweiter Läuferin überhaupt der dreifache Axel. Doch dann brachen ihre Leistungen ein. 1994 hätte sie bei den US-Meisterschaften keine Chance gegen Nancy Kerrigan gehabt. Es war das Duell der Eisprinzessin Kerrigan gegen Harding, aufgewachsen in einem Wohnwagen, eine rauchende Asthmatikerin, White Trash.

Im Vorfeld des Wettbewerbs dann der Eklat: Ein Unbekannter schlug Kerrigan mit einer Eisenstange gegen das rechte Knie. Auftraggeber war Hardings Ex-Mann, sie selbst will nichts davon gewusst haben. Doch ihre Karriere war vorbei. Später wurde sie Boxerin und Automechanikerin. Dazwischen stellte ihr Ex-Mann noch ein Sexvideo mit ihr ins Netz. MS

Hase und Igel

Das Märchen kennt jedes Kind: Vom arroganten Hasen, der stolz ist auf seine langen Beine und sich über die krummen Haxen des Igels lustig macht. Sie verabreden ein Wettrennen, der listige Igel postiert seine Frau am anderen Ende des Feldes und gewinnt. Die Moral von der Geschicht’: Man soll sich nicht über unterlegene Menschen erheben.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn legt man die Erstfassung der Erzählung von 1840 zugrunde, auf die die verkürzte Grimm’sche Version zurückgeht, wird das Märchen fast zum Soziogramm. Dann ist der Hase der Großbauer mit den dicken Kartoffeln und der Igel der kleine Habenichts, der nur ein paar armselige Rüben besitzt. Von Klassenkampf ist aber noch keine Rede, ganz im Gegenteil. Am Ende wird dem Leser empfohlen, dass „er sich eine Frau aus seinem Stande nimmt, die geradeso aussieht wie er selber.“ So wie Igelpapa und Igelmama. MS

Ipad3 versus Samsung Galaxy 10.1N

Sie könnten beste Freunde, sogar Zwillinge werden, aber nicht sie entscheiden über ihr Schicksal, das tun für sie ihre Erzeuger. Ihre Beziehung als Erzfeinde ist schon in den Reagenzgläsern der Geheimlaboratorien besiegelt, und das beruht allein darauf, dass eines ein Capulet, das andere ein Montague ist. Und für die zwei Familien ist nichts zu teuer, wenn es um den Kampf geht. Der Streit wird weltweit ausgetragen, mal geht Samsung wegen Patentverletzungen gegen Apple vor, mal umgekehrt, mal geht es um Technologie, mal um Design. Albern wirkt der Konflikt nicht zuletzt deshalb, weil sie zugleich enge Geschäftsbeziehungen unterhalten: Samsung ist Apples größter Zulieferer von Chips, die auch in iPads verbaut werden. Apple wiederum ist Samsungs wichtigster Kunde. Agnes Szabo

Kain und Abel

Es ist ein tragisches Stück Zivilisationsgeschichte, das das Bibel-Buch Moses über Kain und Abel erzählt. Adam und Evas älteste Söhne gerieten über Gottes Gunst in Rivalität. Ackerbauer Kain neidete dem Hirten Abel, dass der Allmächtige dessen Opfer vorzog. So erschlug Kain den Bruder und wurde von Gott mit dem stigmatisierenden Kainsmal bestraft, darf später aber ein ganzes Geschlecht und die erste Stadt gründen.

Mit dem ersten Mord verlor die Menschheit laut Altem Testament ihre Unschuld. Darauf griff der anarchistische Autor Erich Mühsam zurück, als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kain, Zeitschrift für Menschlichkeit herausgab. Neben dem Mythen-Motiv der Brüder im Clinch – vergleiche Romulus und Remus – verweist die Geschichte auch auf die Ablösung des Nomadentums durch Sesshaftigkeit. Landnahme bedeutet also – das ist die Botschaft – immer auch Raub. TP

Kommunist gegen Katholik

Kein zweites Paar steht für den Zwiespalt zwischen Tradition und Aufbruch der italienischen Nachkriegsgesellschaft wie dieses: Don Camillo und Peppone. In den Romanen und Erzählungen von Giovannino Guareschi streiten der katholische Priester und der kommunistische Bürgermeister – beide waren im Widerstand gegen Mussolini aktiv – um die geistig-moralische Vorherrschaft im fiktiven norditalienischen Boscaccio. Berühmt wurden sie durch Verfilmungen. Weil der Ort Brescello als Kulisse herhielt, verewigte man das Duo dort mit zwei Statuen – voneinander separiert. TP

Madonna gegen alle

Madonna wurden in ihrer langen Karriere unzählige Rivalen ersonnen, doch als trüge sie eine schusssichere Weste, perlten deren Ambitionen an ihr ab. Ist die Konkurrenz harmlos, wird sie ignoriert, andernfalls wird sie zum Verbündeten gemacht. So nutzte sie Auftritte/Kooperationen mit Michael Jackson, Britney Spears oder Lady Gaga für die eigene Imagepflege, während sie Häme von Elton John mit erstaunlichem Witz begegnet und Courtney Love schlichtweg ignoriert. Viele sehen allerdings ihre eigene Tochter Lourdes als ihre größte Rivalin an. Es bleibt spannend. SH

Tom und Jerry

Sie stehen für das ewige Wettrennen. In 161 Kurztrickfilmen liefern sich Tom und Jerry aberwitzige Verfolgungsjagden. Kater Tom hat es dabei stets auf die Maus Jerry abgesehen. Von 1940 bis 1967 fürs Kino produziert, wurde das Katz-und-Maus-Spiel in Deutschland populär, weil das ZDF sie in Sammelfolgen ausstrahlte. Das Lied „Vielen Dank für die Blumen“ von Udo Jürgens diente dabei als Erkennungsmelodie.

Ursprünglich setzten Tom und Jerry besonders einer farbigen Haushälterin zu und trieben auch derbe Späße zu deren Ungunsten. Weil man darin später Rassismus sah, wurden Kater und Maus in einen weißen Mittelklasse-Haushalt verlegt. Ganze sieben Folgen der tierischen Rivalität wurden jeweils für den Oscar nominiert, keine andere Zeichentrickserie hat so viel Anerkennung bekommen. TP

Zurschausstellerinnen

Veronica Ferres und Christine Neubauer sind die Verkörperungen des ➝Blond-Brünett-Duells im deutschen Film. Wie Schneeweißchen und Rosenrot personifizieren sie Gegensätze, welche die TV-Macher in Traumquoten überführen. Superweib und Geierwally quasi. Daher engagieren ARD und ZDF für aber auch – nur leicht zugespitzt – jeden Fernsehfilm eine der beiden Schauspieler-Darstellerinnen, die Trümmerfrau, Stasiopfer, Minensucherin oder Managerin spielen.

Die eine – Ferres – darf dann immer betonen, wie echt ihre Tränen sind und wie der Inhalt des aktuellen Films sie besonders betroffen mache. Die andere spricht bevorzugt über Gewicht und dass sie auf ihre Armhaltung achten müsse, damit sie nicht dick wirke. TP

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12:40 19.04.2012

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