Selbstbewusst und bildungsorientiert

In Köln zuhause Junge Frauen, die Kopftuch tragen, sind in der Schule oft erfolgreicher als ihre gleichaltrigen Brüder

Fühlen sie sich als Deutsche oder als Türkinnen? Die fünf jungen Frauen, die sich regelmäßig in einem Kalker Familienzentrum treffen, weisen die Frage empört zurück: Ob türkisch oder deutsch, das sei doch wirklich nicht wichtig. Doch kaum haben sie die vermeintliche Provokation abgewehrt, da bricht unter ihnen eine heftige Debatte aus. Einige haben einen deutschen Pass. Ist das ein Verrat an der Heimat? Dürfen sie sagen, dass sie sich in Köln zuhause fühlen, und nicht in dem anatolischen Dorf, aus dem ihre Eltern kommen? "Ich will doch mein Land nicht verraten", meint eine, das könnte ihr Opa übel nehmen.

Die Mädchen kochen zusammen, es gibt Tee und Gebäck, und es wird viel geredet. Sie sprechen nicht den reduzierten Slang, wie man ihn hier in Kalk auf der Straße hört, sondern eine gepflegte akademische Sprache, auch untereinander albern sie auf Deutsch. Sie haben sich dezent geschminkt. All das will nicht zu den Kopftüchern passen, unter denen sie alle ihre Haare verbergen.

Das Kopftuch ist doch mittlerweile zum eindeutigen Symbol der Abgrenzung geworden. In der Türkei dürften sie damit nicht zur Schule gehen. Den Einwand wischen sie sofort vom Tisch: "Die Türkei ist nicht unser Maßstab." Die Religion sei ihnen wichtig, das wollen sie mit den Kopftüchern zeigen. Gerade, weil sie sich nicht auf ihre türkische Herkunft festlegen lassen wollen, möchten sie zeigen, dass sie sich mit ihrer Religion identifizieren.

Sie nennen sich Multikulti-Kreis, doch eigentlich ist ihre Gruppe ziemlich monokulturell. Die eine Kasachin unter ihnen ist auch in der Türkei aufgewachsen und spricht besser türkisch als kasachisch, am besten allerdings deutsch. Man mag in dieser Gruppe wohl aus verschiedenen ethnischen Kulturen kommen, aber zum Islam sollte man sich schon bekennen. Deutsche waren deshalb nie dabei.

Kinder mit Migrationshintergrund sprechen schlecht deutsch, haben miserable Schulkarrieren und landen rasch im gesellschaftlichen Abseits, dieses Bild hat sich nicht erst seit Pisa durchgesetzt. Doch drei der Mädchen gehen oder gingen auf ein Deutzer Gymnasium, eines von ihnen studiert mit 19 Jahren schon im zweiten Semester Wirtschaftsinformatik. Obwohl sie erst auf der Realschule war, hat sie schnell das Abitur geschafft. Diese Mädchen scheinen lebendige Gegenbeispiele zu den Verlierer-Karrieren zu sein, die das Bild von Migranten in der öffentlichen Debatte bestimmen.

"Ich habe erst mit sechs, sieben Jahren angefangen zu sprechen", erzählt die 22-jährige Özlem. "Es war einfach nicht nötig, ich wurde von Großeltern und Eltern rundum verwöhnt. Ich musste nie nach Essen oder Trinken fragen." Am liebsten hätte die Grundschullehrerin sie gleich an die Lernbehindertenschule weiter gegeben. In der Grundschule war sie eine schlechte Schülerin. Özlem wurde an der Gesamtschule angemeldet. Sie erreichte dort die Fachhochschulreife und macht nun eine Ausbildung als Informatikerin. In der Mädchengruppe ist sie die Wortführerin. Sie habe immer noch Probleme mit der Sprache, kokettiert sie. Sie spricht viel und schnell, lässt nichts unwidersprochen und lacht dabei. Ihre Sprache ist komplex, sie beherrscht die Kunst des Wort-Witzes.

Die Mädchen erzählen von ihren Brüdern. Die eine hat fünf, die anderen zwei oder drei. Von denen hat es keiner zum Gymnasium geschafft. Die Mädchen machen Abitur, die Jungen sind Sitzenbleiber und schaffen die Hauptschule nicht bis zum Abschluss. Eine bringt es auf den Punkt: Während sie für die Schule lernen, hängen die Brüder mit ihren Cliquen an der "Kalker Post" ab, der nahe gelegenen U-Bahn-Haltestelle. "Die Jungs haben andere Vorbilder", sagt sie. Man kann beobachten, wie die jungen türkischen Männer ihre tiefer gelegten Dreier-BMWs vor der Kalker Post aufdrehen: "Das sind die Ideale, die in dieser Gesellschaft geschaffen werden. Ein Mädchen könnte auf diese Art nie weiter kommen." Zumal die Eltern ihnen als Mädchen das nie gestatten würden, ihre Nachmittage mit den Jungs auf der Straße zu verbringen.

Diese Jungen seien Opfer einer migrantenfeindlichen Umgebung, meint Fatma. "Wenn ein deutscher Junge in der Grundschule öfter mal dazwischen quatscht, denkt die Lehrerin, der ist intelligent und aufgeweckt, aber ein türkischer Junge gilt dann als frech und störend. Dann haben die Lehrer keine Lust mehr und sagen, der muss auf die Hauptschule."

Nur bei einigen dieser fünf jungen Frauen haben sich die Eltern um deren Schullaufbahn gekümmert. Weshalb sind sie dennoch in der Schule erfolgreich? Sie waren schon als kleine Mädchen in einer Gruppe zusammen, im Islamunterricht. Sie haben immer etwas gemeinsam unternommen, Ausflüge gemacht, an einem Fotowettbewerb teilgenommen und waren in einer Zirkusgruppe. Nur das Feuerspucken mit dem Mehl mochten sie nicht. Treibende Kräfte waren die Eltern von Fatma: als sie noch klein waren, hat deren Mutter ihnen zum Beispiel beigebracht, wie man richtig Eis isst. Fatmas Vater hat studiert, Islamwissenschaft, während die Väter der anderen bei Ford arbeiten. Er hat für Milli Görüs gearbeitet, erfährt man auf Nachfrage. Milli Görüs - das ist eine vom Verfassungsschutz als islamistisch eingestufte Organisation, mit türkisch-nationalistischen Wurzeln. Heute tritt sie als religiöse Gruppe mit einem weit verzweigten sozialen und kulturellen Netz auf. Milli Görüs animiert ihre Mitglieder zum Marsch durch die Institutionen: Sie sollen deutsch lernen, sich bilden, Positionen in dieser Gesellschaft besetzen. Muss sich die deutsche Gesellschaft deshalb von aufstiegsorientierten und bildungsbeflissenen Mädchen bedroht fühlen, nur, weil sie Kopftuchträgerinnen sind? Man weiß doch inzwischen, dass der Marsch durch die Institutionen eher die Menschen anpasst als dass er die Institutionen verändert.

Wichtiger als diese oder jene Gruppierung, ist für die Jugendlichen eine Umgebung voller Anregungen, die die Neugier weckt und den Willen, sich die Welt durch Bildung anzueignen. Warum wir uns so über ihre Kopftücher aufregen, fragen die Mädchen. Andere tragen Punk-Frisuren oder Glatzen - in dieser Gesellschaft könne doch jeder seine Identität und seine Gruppenzugehörigkeit ausdrücken, wie er wolle. Offensichtlich scheint es den türkisch-islamischen Mädchen damit leichter zu fallen, ihre Identität zu finden als ihren Brüdern, die mit ihrem hilflosen Machogehabe auf der Verliererstraße landen.


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00:00 21.07.2006

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