Selbstgebrannter und Gesang

Literatur Freundschaft statt Perfektion: Autorennationalmannschaften aus Deutschland, Polen und der Ukraine trafen sich im Vorfeld zur Europameisterschaft in Krakau und Lviv

Am Anfang ist die Schnapsidee. Die Dichter und Denker Wladimir Sergijenko und Frank Willmann malen sich nach dem Fußballtraining in der Berolina-Vereinskneipe ein Dreiländerturnier zwischen den Autorennationalmannschaften aus Deutschland, Polen und der Ukraine im Vorfeld zur Europameisterschaft aus. Problem: Letztgenannte Mannschaften gibt es noch nicht. Doch die Euphorie des Ukrainers und des Deutschen steckt an. Kreative Kicker sind schnell gefunden, Teams aufgestellt.

Zu Hause ist das Medieninteresse wegen der Boykott-Debatte gewaltig. Die Autoren ziehen es vor, eigene Erfahrungen zu machen und nicht Menschen, die sich auf ihr Fußballfest freuen, zu bestrafen, weil machtbesessene Oligarchen unüberschaubare Kämpfe miteinander austragen. Nach drei Tagen in Berlin – mit Empfang, Lesung, Wettbewerb – sitze ich also im Bus. Zuerst nach Krakau, später nach Lviv, mit hochgradigen Individualisten, die die Liebe zum Mannschaftssport eint. Die DFB-Kulturstiftung macht es möglich, sie unterstützt die deutsche „Autonama“ seit Jahren. In Krakau sieht man am Abend vereint das Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München. Die Polen jubeln ihren Landsmännern in den Reihen des BVB zu.

Vorsichtige Völkerverständigung. Fußball auf Polnisch heißt Piłka nożna – Beinball. Das entspricht im direkten Aufeinandertreffen der schnellen polnischen Spielweise. Die Deutschen kombinieren dafür ­vortrefflich. Polen wird abgefertigt, die Ukraine fast gedemütigt. Kapitän und Dramatiker Christoph Nußbaumeder ist der Motor im Mittelfeld. Drei seiner Pässe erreichen den Berliner Filmemacher Hakan Mican, dreimal Tor. An der Außenlinie lausche ich zwei Ersatzspielern. „Was hat dein Großvater im Krieg gemacht?“, fragt ein Pole einen Ukrainer auf Englisch. „In war people are no humans anymore. But between us, this is history for me, also with the Germans.“

Das beweist sich beim Abendessen, als der deutsche Auswechselspieler Martin Scharfe mit aufgetautem Schulrussisch und unaufgeregter Körpersprache sein Projekt VolksLesen.tv vorstellt, das er in die Ukraine ausweiten will. Er wird an diesem Abend von den Ukrainern gefeiert.

Der Saal lacht sich krank

In Krakau wird auch gelesen, abends, in der liebevoll restaurierten Villa Decius, einer Kulturstiftung zur Verbindung Mittel- und Osteuropas. Dolmetscherinnen führen durch das Programm, die Texte werden übersetzt auf Leinwände geworfen. Viele der Autoren haben zur EM mit Fußballtexten aufgerüstet; mancher gehört zum kreativen Prekariat und kommt mit seinen Einkünften kaum über die Saison.

Heimvorteil Polen. Fußball und Religion haben hier besonders viel gemeinsam. Jan Grzegorczyk liest die ironische Geschichte Die Beichte des Schiedsrichters über verschobene Spiele in der polnischen Liga. Kabarettist Jacek Janowicz stellt als Mönch mit dem Heiligen Buch des Fußballs in der Hand den heimischen Fußball in biblischen Kontext, der Saal lacht sich krank. Leider sind seine Wortdribblings unübersetzbar. Kapitän Zbigniew Masternak erzählt in Diego Armando Goethe von seinem Jugendtraum, Nationalspieler zu werden. Der hat sich ja nun erfüllt. Der deutsche Lesebühnenautor Uli Hannemann erklärt einem Kind pädagogisch wertvoll den FC Bayern München in Die rote Bestie. Jochen Schmidt spielt auf seiner Klaviatur des ewigen Verlierers aus Meine wichtigsten Körperfunktionen. Und die jungen ukrainischen Poeten Pawel Korobchuk, Igor Zarudko und Sergiy Rozhko dichten mit Verve über die emotionale Leere in der Armeezeit, Zusammenstöße mit der Polizei und den Blues der Übergangszeit, die nicht enden will.

Mit Jan Böttcher in die Verlängerung. Der ehemalige Stipendiat der Villa Decius schlägt mit seinem Tagebuchtext Die Ukraine bebt und Foster Wallace hat sich umgebracht eine Flanke nach Lviv ins Jahr 2008. Er beschreibt eine Veranstaltung konkurrierender politischer Parteien und reflektiert gleichzeitig über Literatur und sich selbst inmitten festgefahrener Wertvorstellungen: „Zwei Leinwände / synchron geschaltet / einander auslöschend / und niemand / nicht der wilde Osten und / nicht der wilde Westen / wird dich trösten.“ Um Zugehörigkeiten geht es auch der Ukrainerin Rima. Ich bekunde meine Vorfreude auf die weitere Fahrt gen Osten. „But Lviv is in Europe!“, straft sie mich ab.

Am Grenzübergang zur Ukraine habe ich ein anderes Gefühl. Hier ist Schluss mit EU. Allein der strenge Blick der Grenzerin auf den Grund meiner Ex-DDR-Seele verhindert jeden Anflug von Ostalgie. Unsere gemischte Truppe gibt offenbar Rätsel auf, deren Auflösung zur „Grenzerfahrung“ wird. Der Hattrick-Schütze Hakan ist noch mit türkischem Pass und ohne Visum unterwegs. Er muss zurück nach Deutschland. Die letzten Złoty werden gesammelt. Dann die angebliche Bestimmung, dass polnische Fahrer eine Lizenz brauchen, um Ukrainer zu befördern. Kleiner Nebenverdienst für die Grenzer oder Schikane für Polen? Diesmal 100 Euro. Endlich die Einreise. Die Polen kommen als erste zur Vernunft und schenken ihren Selbstgebrannten aus. Das stärkt und verbindet. Und Singen und Lachen befreit.

Gefühlt gewinnt die Ukraine

Das ukrainische Lviv (deutsch und jiddisch Lemberg, russisch und polnisch Lwow und, fast vergessen, Klein-Wien) ist die Art Stadt, in der man sich verirren möchte. Dazu fehlt die Zeit, das letzte Turnier steht auf dem Kunstrasen der Fußballakademie an. Diesmal werden die Hymnen selbst gesungen, Ehrensache für Polen und Ukrainer. Auch den Deutschen kommt das Lied in diesem Rahmen flüssig von den Lippen. Die deutsche Autonama beweist, dass sie nicht die perfekte Turniermannschaft ist. Zwei Unentschieden stimmen am Ende auch auf dem Feld versöhnlich.

Im prächtigen Potocki-Palast werden die Pokale und Medaillen feierlich überreicht. Jacek ist Torschützenkönig. Deutschland vor Polen und der Ukraine. Die anschließende Lesung gewinnen gefühlt die poetischen Übersteiger aus der Ukraine. Beim abschließenden Essen kreist das Nationalgetränk, Karten werden getauscht – und Umarmungen. Fünf Tage, verschmolzen zu schöner Ewigkeit. Gerade der Mangel an Perfektion führt zu Erfahrungen und Einsichten. Und Freundschaft.

Gabriele Damtew ist Autorin und Expertin insbesondere für ostdeutsche Fußballkultur

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12:00 27.05.2012

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