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Selbstzerstörung Michael Warschawskis Buch "Mit Höllentempo" kritisiert die Verrohung der israelischen Politik

Manch eine oder einer in Deutschland sorgt sich um das Schicksal Israels. Schließlich bekommen er oder sie nicht selten zu hören und zu lesen, Israel sei in seiner Existenz bedroht, die israelische Gesellschaft lebe in permanenter Angst vor Anschlägen, gegen die sie sich nur durch den Bau einer gigantischen Mauer zu schützen vermöge, und der Staat Israel sei umgeben von Millionen islamistischer, antisemitischer Fanatiker. Der Antisemitismus nehme weltweit und besonders in Europa zu, so dass Israel mehr denn je auf sich allein gestellt bzw. auf die unbedingte Solidarität aller anständigen Menschen angewiesen sei.

Wer sich tatsächlich ernsthaft sorgt um das Schicksal Israels und der israelischen Gesellschaft, der findet in Michael Warschawskis neuestem Buch Mit Höllentempo - Die Krise der israelischen Gesellschaft ganz andere Gründe für diese Sorge - und ganz andere Argumente, wie "Solidarität mit Israel" tatsächlich aussehen könnte. Michael Warschawskis Blick in die Abgründe der israelischen Gesellschaft heute ist der Blick eines Israelis, dem diese Gesellschaft am Herzen liegt, der in Israel zu Hause ist und es bleiben möchte und sich daher sein ganzes Leben lang in dieser Gesellschaft politisch engagiert.

Anders als die falschen "Freunde Israels", die sich gerne für das Israel ihrer Projektionen ins Zeug legen, sieht Michael Warschawski seine Verantwortung darin, die israelische Gesellschaft, wie sie sich derzeit entwickelt, "aus dem Gleis zu bringen", weil sie im Begriff ist, "sich in ihre eigene Zerstörung" zu stürzen. Er bezeichnet es in dieser Situation als einen "Akt der Verantwortung", sich wenn man Israeli ist, zu weigern, daran mitzuarbeiten, und "wenn man Weltbürger ist, das Unmögliche zu tun, um dem Status der Straflosigkeit ein Ende zu machen, der Israel nur ermutigen kann in seiner tollen Jagd nach Massada" - in den Untergang also.

In seinem Buch zeigt Warschawski die verschiedenen Aspekte und Symptome dieser fatalen, selbstzerstörerischen Entwicklung der israelischen Gesellschaft und Politik auf, die unter anderem einen massiven Abbau demokratischer Grundrechte zur Folge hat und in der es die politische Klasse auch nicht mehr für nötig hält, inakzeptable Vorgehensweisen noch irgendwie zu rechtfertigen oder zu verbrämen. In seinen Augen ist es ebenso fatal, auch für Israel selbst, wenn "die Welt" zu diesen Lügen und offenkundigen Rechtsbrüchen schweigt.

Während zu Beginn der israelischen Besatzung, in den Jahren nach 1967 noch Oxymora wie "liberale Besatzung" oder die "Reinheit der Waffen" für das israelische Bewusstsein eine Bedeutung hatten und - so täuschend sie immer gewesen sein mögen - doch von vielen ernst genommen wurden, sind solche Ansprüche einer zivilisierten Gesellschaft und Politik inzwischen weggefegt. Die große Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit akzeptiert die unverhüllt brutale, blutige Besatzung, die vor allem "den Charakter einer Strafexpedition" und von Rachefeldzügen angenommen hat und keineswegs den wohlüberlegter, zielführender Maßnahmen im Sinne der Sicherheit israelischer Bürger vor Anschlägen. Offen vertretenes Ziel ist es vielmehr jede noch so legitime Initiative der Palästinenser im Kern zu ersticken, so die Rebellion der Steine schleudernden Jugendlichen, die den Beginn der Zweiten Intifada markierte.

"Man kann es nicht oft genug betonen", schreibt Warschawski, "bewaffnete palästinenische Einheiten haben sich an den Auseinandersetzungen mit der israelischen Armee erst nach der Ermordung Dutzender jugendlicher Demonstranten durch waffenstarrende ... Soldaten beteiligt. Und die Attentate in Israel haben erst drei Monate später begonnen, nach dem Tod Hunderter von Palästinensern." Es sei der israelischen Führung darum gegangen, "jede Form des Widerstands" zu brechen, "und zwar mit allen Mitteln" und unter Inkaufnahme beliebiger "Kollateralschäden". "Die große Zahl palästinensischer Opfer in der ersten Woche der Auseinandersetzungen, zumeist Jugendliche und Kinder, die oft durch Kugeln aus einer Entfernung getötet wurden, bei der die Soldaten außer jeder Gefahr waren, zeigt, dass der Befehl lautete, zu schießen, um zu töten". Und "Jagdbomber und Panzer sind nicht die üblichen Mittel zur Zerschlagung von Terrornetzwerken, sie sind zu diesem Zweck auch kaum geeignet."

Um die israelische Bevölkerung auf diese völkerrechtswidrige Vorgehensweise einzuschwören, um beispielsweise die Dienst tuenden Soldaten dafür bereit zu machen, Kinder zu erschießen oder dicht bewohnte Gebiete zu bombardieren, bedarf es einer ideologischen Zurichtung, die auch tatsächlich stattgefunden hat. Eine zentrale Rolle dabei spielte die große Lüge um Camp David, die medial äußerst wirksam ventilierte Behauptung vom "großzügigen Angebot" Baraks, das der ewige Terrorist Arafat schnöde abgelehnt habe. Diese Lüge ist längst als solche aufgedeckt worden, doch das ändert nichts daran, dass die Botschaft bei der israelischen Bevölkerung angekommen ist: Die Palästinenser sind unfähig zum Frieden, sie sind keine Partner für Verhandlungen, sie verstehen nur die Sprache der Gewalt. Da sie Millionen Fanatiker der arabisch-muslimischen Welt hinter sich haben, sind sie äußerst gefährlich. Wir dürfen und müssen sie mit allen Mitteln bekämpfen.

Mit Höllentempo zeigt Warschawski, wie die israelische Gesellschaft selbst schweren Schaden nimmt, wenn sie in dieser Weise ihre Nachbarn und ihre Mitbürger - ein Fünftel der Israelis sind Araber - dämonisiert und entmenschlicht, wenn beispielsweise die zumeist jungen israelischen Soldaten seit zwei Jahren gegenüber den vollkommen rechtlosen Palästinensern "die Befugnisse eines Polizeioffiziers, Richters, Strafvollstreckers und, wenn´s ihnen Spaß macht, Erziehers" eingeräumt bekommen und eine absolute Macht über die ihnen ausgelieferte palästinensische Bevölkerung. "Denn die systematische Dehumanisierung des Kolonialisierten führt unvermeidlich zur Dehumanisierung des Kolonisators und seiner Gesellschaft." Das manifestiert sich auch im Alltäglichen: in der wüsten Brutalität, mit der heute zu Tage Alltagskonflikte in Israel "geregelt" werden oder in der Verrohung der Sprache und der Gedanken, wie sie Grafittis und Plakate zum Ausdruck bringen: "Entweder sie oder wir - Transfer" oder "Shoah für die Araber!"

Diese der "Volksseele" entsprungenen Sprüche bezeugen die verheerende Wirkung eines besonders skrupellosen Mittels der israelischen Politik: der Instrumentalisierung des Holocaust. Wenn Arafat mit Hitler gleichgesetzt und die angebliche Bedrohung durch die Palästinenser/die Araber/die Antisemiten dieser Welt in ein Szenario umgedeutet wird, das erneut einen Holocaust heraufbeschwört, so spüren viele Israelis dennoch, dass angesichts der realen Kräfteverhältnisse eine solche Gefahr irreal ist. Und da es nicht funktioniert, sich tatsächlich in der Rolle der Opfer zu sehen, übernehmen sie "statt dessen, in der Regel unbewusst, das Verhalten der Schlächter des jüdischen Volkes: Man kennzeichnet die Palästinenser auf den Armen, man lässt sie nackt durch die Straßen laufen". Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand, dass ein solches Israel von der Welt nur mit Entsetzen wahrgenommen werden kann.

Michael Warschawski gehört zu den wenigen Israelis, die seit vielen Jahren standhaft zusammen mit Palästinensern der Barbarei der Besatzung und der Politik der Separation und der Ungleichheit entgegentreten. Ihr gemeinsames Anliegen, das viele Israelis und Palästinenser teilen, ist es, eine Zukunft des friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens zu ermöglichen.

Michael Warschawski: Mit Höllentempo - Die Krise der israelischen Gesellschaft. Edition Nautilus, Hamburg 2004, 124 S., 10,90 EUR


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00:00 07.01.2005

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