Sie rannten um ihr Leben

Kenia Hunderttausende hat die Gewalt nach der Dezember-Wahl zu Flüchtlingen gemacht. Jetzt sollen sie zurückkehren. Ein Heimweg ins Ungewisse

Als Kenia eine Republik der reifen Orangen war, und Raila Odinga vom Orange Democratic Movement Ende 2007 die Präsidentenwahl klar gewann, störte das den bis dahin regierenden Präsidenten Kibaki wenig. Er erklärte sich zum Wahlsieger und stürzte das Land in einen Alptraum der Gewalt.

"Oh Gott aller Kreaturen. Segne dieses unser Land und diese Nation"

Aus der Nationalhymne Kenias

Ein weißes Stück Papier flattert im kühlen Wind, der über das Ausstellungsgelände der nordwestkenianischen Stadt Eldoret weht. Ein paar halbwüchsige Jungen, bis zu den Knien mit hellgrauem Schlamm beschmiert, jagen einem ausgetretenen Fußball hinterher. Der 34-jährige Kisaka Juma ist noch nicht zufrieden, er wird mit dieser Mannschaft wohl nie einen Pokal gewinnen, doch sie erfüllt ihren Zweck im verwundeten Kenia.

"Kleine Jungen überall auf der Welt lieben Fußball. Diese Leidenschaft will ich nutzen. Sie sollen nicht ständig daran denken, was mit ihnen passiert ist", sagt Kisaka Juma. Freunde sollen sie bleiben - die traumatisierten Kinder verschiedener Volksgruppen -, und Kenianer sollen sie werden. Deswegen hat Juma Blätter mit dem Text der Nationalhymne aufgehängt. Von Frieden ist dort die Rede, von Freiheit und Einigkeit, "Gerechtigkeit sei uns Schild und Schutz. Mögen wir in Einigkeit leben", singen die Kenianer zu Feiertagen und Amtseinführungen ihrer Präsidenten

Nicht aus eigener Kraft

Patrick Maina Njure schaut mit ausdruckslosem Gesicht auf den Baumstumpf, der aus seinem Maisfeld ragt. Einst stand da ein Zitronenbaum, einer seiner Nachbarn im Dorf Chepkanga im Nördlichen Rift Valley hat den Baum gefällt, um daraus Feuerholz zu machen. Die Kühe und Ziegen des vermutlich gleichen Nachbarn haben auf Bauer Njures Feld gegrast und die Wurzeln seines Guavenbaumes angefressen. "Der Baum wird eingehen", sagt der stille Mann mit müdem Blick. Der Mais auf dem Nachbarfeld ist fast mannshoch, während Njures Pflanzen noch keine Handbreit über den Boden ragen. Seine vier Kühe sind auch verschwunden.

Njure hat sein Gehöft monatelang im Stich lassen müssen. Er wurde zum Flüchtling im eigenen Land. Am Abend des 30. Dezember 2007 rannten er und seine Frau Ann Muthoni um ihr Leben. Kenias Präsident Mwai Kibaki hatte sich gerade nach einer manipulierten Wahl zum Sieger erklärt, als lodernde Flammen aus den ersten Häusern schlugen und Asche in die erhitzten Gesichter trieb. Njure und seine Frau - beide als Kikuyu aus derselben Ethnie wie Kibaki - wurden von Anhängern der Opposition als dessen Wähler und damit als Feinde betrachtet. In jener Nacht wurden die beiden wie Hunderttausende ihrer Landsleute Opfer einer Treibjagd, in der Wut keine Gnade und Hass keine Grenzen mehr kannte. Patrick Maina Njure konnte von Glück reden, dem Pogrom entkommen zu sein und in einem Flüchtlinscamp Schutz zu finden. Über 1.500 Menschen verloren in jenen Tagen, als der Alptraum kein Ende nahm, ihr Leben. Die Lage beruhigte sich erst, als der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan zwischen Kibaki und seinem Herausforderer Raila Odinga vom oppositionellen Orange Democratic Movement (ODM) einen Kompromiss vermitteln konnte, der Ende Februar zu geteilter Macht und einer Koalition der Vernunft führte - Kibaki blieb Präsident, Odinga wurde Premierminister.

Anfang Mai nun begann die neue Regierung mit der Operation "Heimkehr": Bis Ende Juli sollten alle Flüchtlinge in ihre Dörfer zurück oder umgesiedelt sein. Doch war von Beginn an klar, kaum einer der Vertriebenen würde aus eigener Kraft in der Lage sein, von vorn anzufangen. Die Angst vor der Zukunft, aber auch die Sorge um die Schulbildung der Kinder ließen viele in den Lagern ausharren.

Dort verteilt zwar das Rote Kreuz weiter Mais, Bohnen und Speiseöl, doch sind die Zelte nach Monaten in Wind und Wetter porös. Von den neuen Ministern oder den gewählten Parlamentariern, die im fünf Stunden entfernten Nairobi exorbitante Gehälter ersitzen, ist keiner zu sehen, um sich davon einen Eindruck zu verschaffen.

Nach Angaben des kenianischen Roten Kreuzes lebten am 1. Juli noch 62.753 Binnenflüchtlinge in 89 Lagern, fast die Hälfte davon im Nördlichen Rift Valley um die Stadt Eldoret, dem Epizentrum der Gewalt. Der Regierung zufolge haben bisher etwa 210.000 Menschen die Camps verlassen, nur sind die wenigsten davon tatsächlich heimgekehrt. Längst nicht alle sind Bauern mit Grundbesitz. Und wer über eigenes Land verfügte, dem wurden nicht selten Haus und Stallungen niedergebrannt.

Gäbe es einen sicheren Ort

Die 35-jährige Mercy Wambui lebt mit sieben Kindern wenige Meter von Kisaka Jumas Fußballrasen entfernt in einem Zelt mit nicht mehr als sechs Quadratmetern Grundfläche, geteilt in einen Koch- und einen Schlafteil. Ein Erwachsener kann nicht aufrecht stehen. Seit fast sieben Monaten sind diese sechs Quadratmeter der Zufluchtsort für die ehemalige Kleinhändlerin. Sie hört nicht auf zu reden, die Umstehenden hören zu, stumm beipflichtend, mit gesenkten Köpfen und wissendem Blick. Hin und wieder wirft einer eine Bemerkung ein, damit der Besucherin auch kein Detail entgeht. Mercy hatte ein Geschäft gemietet in Kapsabet, einer Kleinstadt etwa 30 Kilometer weg von Eldoret. Sie musste alles zurücklassen, als der gestohlene Wahlsieg sie einholte.

Im Lager teilt sich Mercy bis heute die Kochtöpfe mit den Nachbarn; regelmäßige Mahlzeiten gibt es nicht. Jeder kann nur kochen, wenn ein Topf frei ist. "Ich wünschte, ich könnte irgendwo anders ein kleines Geschäft eröffnen. Hier, in diesem Lager herum sitzen, das ist das Schlimmste." Gäbe es einen sicheren Ort, um neu anzufangen - Mercy wäre längst nicht mehr da und würde alles tun, den verlorenen Faden des Lebens wieder aufzunehmen.

"Lasst uns alle einstimmig und vor der Welt vereinigt sein, dass wir gemeinsam unsere Nation und den Ruhm Kenias aufbauen", beschwört die kenianische Hymne das kenianische Volk. Aber nicht immer sind die Vertriebenen willkommen: Jahrzehntealte Ungerechtigkeiten in der Land- und Ressourcenverteilung haben für Begierden gesorgt und Ressentiments hinterlassen. Ethnischer Zwist tat ein Übriges. Das Rift Valley wird von den Kalenjin beansprucht, die Kikuyu sollen gehen, hört man.

Bauer Njure, der Kikuyu, ist vor kurzem aus dem Camp in Eldoret in ein Übergangslager gezogen, wirklich nur einen Steinwurf von seinem Land und Hof entfernt. Er lebt in einem mehrfach zerrissenen Zelt und teilt sich zwei Toiletten mit 200 anderen. Von diesen kleineren Lagern aus sollen die Flüchtlinge tagsüber ihre Felder bestellen und das Verhältnis zu den Nachbarn richten. Vielfach ein frommer Wunsch, der bis auf weiteres unerfüllbar bleibt. Die Regierung verteilt Saatgut, aber keinen Dünger, doch ohne den gibt der saure Boden der Gegend nur ein Fünftel des möglichen Ertrags her. Die Flüchtlinge beharren darauf, dass die Regierung ihnen den Wiederaufbau ihre Häuser schuldet - die will zwar umgerechnet 100 Euro Starthilfe pro Familie geben, aber von Schadenersatz nichts hören.

So bleibt Versöhnung schwierig, oft will keine Seite den ersten Schritt tun. Oder wagen. "Ich kann nie wieder vertrauen", sagt einer, der seinen Namen nicht nennen will. "Weil sie das schlechte Gewissen plagt, wollen die Freunde von einst nichts mehr mit uns zu tun haben. Sie sitzen ja auch in den Stühlen und auf den Sofas, die sie uns gestohlen haben. Sie müssten unser Eigentum zurückgeben. Wie sollte es sonst Versöhnung geben?" Früher sei er mit seinem Kleinbus auf der Straße zwischen Eldoret und dem Marktflecken Iten unterwegs gewesen. Entlang der Strecke habe er Chepkanga passiert, immer seien dort Leute zugestiegen. Heute werde sein Gefährt boykottiert, erzählt er bitter.

Kisaka Jumas Fußballer haben Träume wie alle kleinen Jungen, die mit elf Jahren noch nicht wissen, wie viel Träumerei die Wirklichkeit erlaubt. Piloten wollen sie später werden, Ärzte und Anwälte. Fußballer und Farmer. Sie vermissen ihre Freunde. "Wenn wir nach Hause gehen, machen wir Frieden", sagt einer beherzt. Wissen sie, was eine Volksgruppe ist? Ja, sie wissen es. "Aber wir sind Freunde."

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