Sind Sie nun Deutscher oder Türke?

Grenzziehung Tanja Thomas´ Buch über die Konstruktion nationaler Identität in Talkshows

Die sogenannte Kopftuchdebatte wie auch die Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei sind nur zwei aktuelle Beispiele dafür, wie der Diskurs um die schillernde Denkfigur "nationale Identität" in politische Debatten und deren mediale Inszenierung eingewoben wird. In der Diskussion um das Tragen eines Kopftuches in staatlichen Schulen und Jugendeinrichtungen erscheint die Bundesrepublik als ausgewiesen säkulare Nation, frei von religiös-weltanschaulicher Symbolik im öffentlichen Raum. Das Eigene und das Fremde werden allerdings deutlich voneinander getrennt. Kreuze, Kopftücher und Nonnentracht sind in dieser Denkart dann auch nicht vergleichbar - zumindest nicht aus der Perspektive derer, die über die Definitionsmacht und Macht allgemein verfügen, Diskurse in Umlauf zu bringen.

Konkret betrachtet werden das Kopftuch und seine Trägerin als Zeichen mangelnder Integration in die deutsche Nation und darüber hinaus als frauenverachtend kritisiert. Demgegenüber werden Deutschland und die Deutschen als emanzipiert, auf Gleichheit bedacht und als fortschrittlich konturiert. Einmal abgesehen vom auffällig-ärgerlichen Umstand, das die sogenannte Frauenfrage hierbei von Männern ins politische Feld geführt wird, die sich sonst um Sexismus im Land noch keine Sorgen gemacht haben. Die Konstruktion von Frauen als Hüterinnen des national-kulturell-religiösen Volkskörpers ist ein ebenso altes Phänomen wie dessen Funktionalisierung im politischen Diskurs. Weniger symbolisch ist dagegen die EU-Beitrittsdiskussion aufgeladen. Die Türkei wird gegenüber den anderen Staaten, selbstredend besonders Deutschland, als religiös und kulturell fremde, als die ganz andere Nation konstruiert, deren Beitritt die vermeintlich rundum christlich-abendländische EU und Deutschland überfordern würde.

Wissenschaftlichen Nachhilfeunterricht über solche und ähnliche Konstruktionen eines "nationalen Wir" und der Abgrenzung von den "anderen, Fremden" gibt Tanja Thomas in ihrer Dissertation mit dem schönen Titel Deutsch-Stunden - eine Studie über die Konstruktion nationaler Identität am Beispiel verschiedener Fernsehtalks. Dafür wählte sie Promitalks (Nachtcafé), Polittalks (Talk im Turm/Sabine Christiansen/Streit im Schloss) und Daily Talks (Bärbel Schäfer/Jürgen Fliege) aus und analysierte einzelne Sendungen zur doppelten Staatsbürgerschaft, die zwischen September 1998 und Februar 1999 ausgestrahlt wurden. Solche audiovisuellen Beiträge der hyperkommerzialisierten Kulturindustrie eignen sich zur medienwissenschaftlichen Analyse besonders gut, da anhand der auf Interaktion basierenden Sendekonzeptionen der "Herstellungsmodus nationaler Differenz" in den medial inszenierten Gesprächen gut nachvollzogen werden kann.

Zunächst bietet die Autorin einen kritischen Überblick über die Forschungen zu Grenzziehungsprozessen entlang von "Kultur, Ethnie und Nation" und eine Zusammenschau der breitgefächerten Debatte um Rassismus als "Ideologien und Praxisformen". Mit dieser theoretisch versierten Fundierung im Gepäck, verknüpft sie sehr überzeugend verschiedene konstruktivistische Methoden zu einem Ensemble, in dem ethnomethodologische Gesprächsanalysen, machtkritische, diskursanalytische Verfahren mit dem Habituskonzept von Pierre Bourdieu und ökonomiekritischer Einbettung, vom materialistischen Zweig der Cultural Studies inspiriert, eine äußerst produktive und innovative Verbindung eingehen.

In den Talkshows zur doppelten Staatsbürgerschaft - so zeigt sie - werden Selbst- und Fremdbilder in Aushandlungsprozessen abgeglichen und konstrastiert. Die dabei entstehenden Konstruktionen sind diffus, fragil, teils ambivalent, auch in sich unstimmig oder gar widersprüchlich. Die ProtagonistInnen in den Talkshows kommen rhetorisch reichlich ins Schwimmen, wenn sie Worthülsen wie nationale Identität, Nation und andere füllen müssen. Dies ändert aber nichts daran - im Gegenteil, es gehört mit zur Struktur, die Tanja Thomas zu einer zentralen These formuliert -, dass sich damit trotzdem Gebilde zusammensetzen lassen, die "immer wieder zu nationalen Etiketten reduziert werden", die der deutschen Wir-Gruppe zur Gemeinschaftsstiftung dient.

Das Bedürfnis nach eindeutiger nationaler Zuordnung ist groß. Die eingeladenen "fremden" Gäste werden unabhängig davon, ob sie einen deutschen Pass haben oder nicht, immer wieder eingeschworen auf das hermetische, statische und polare: Bist Du oder, etwas vager: Fühlen Sie sich nun als Deutscher oder als Türke? Wer würde eine Deutsche, die in ihrer kleinen Eigentumswohnung auf Mallorca lebt, fragen, ob sie sich als Spanierin fühlt? Der Mechanismus funktioniert nämlich nur anders herum - aus der dominanten Position heraus: Es geht nicht nur um Fragen von Definitionsmacht, sondern auch um die Macht, Diskurse überhaupt anfachen zu können, die - wie die durchgesetzten Bedeutungen - die Wahrnehmung sozialer Welt strukturieren.

Die zentralen Ergebnisse ihrer sorgfältig und transparent gearbeiteten Studie sind ebenso klar wie politisch erschreckend: Die Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft liest die Autorin als weiteren Schritt im Prozess der "Renationalisierung" und das Konzept der Nation "als zentrale Ressource der Schaffung einer "Wir"-Gemeinschaft in Deutschland". Einige der Befunde sind als politische Vorstellung nicht wirklich neu. Aber mit Deutsch-Stunden liegt nunmehr argumentatives Material zu Nation, nationaler Identität und Rassismus in den Medien vor, das verdienstvoll empirisch abgesichert ist.

Anhand der Analyse von Tanja Thomas lässt sich die von der CDU/CSU erneut losgetretene Debatte um den EU-Beitritt der Türkei äußerst aktuell interpretieren: Das "Konkurrieren um das Schlagwort ›Europa‹, in dem die Handlungsträger national bestimmt bleiben", trägt zur "Reproduktion des nationalen ›Wir‹ bei". Die fragwürdigen Thesen von der Unvereinbarkeit von Kulturen werden hier belebt, und es entsteht eine politisch höchst heikle "Vergewisserung über das nationale ›Wir‹". Die Rede darüber, wie auch die Grenzziehung zu den Anderen, den Fremden, soll, so die Autorin, als ein "zentrales strukturierendes Prinzip der Gesellschaft" etabliert werden. Und zwar soll sie von unterschiedlichen Akteuren im vermeintlichen Angesicht von Belastungen und Gefahren, im Namen von Demokratie, Verfassung und innerer Sicherheit selbst formuliert werden.

Wer als nächstes ganz konkret als dessen Feinde aufgebaut werden, bleibt abzuwarten. An einem entscheidenden Prinzip solchen Sprechens wird sich nach Meinung von Leidinger wohl nichts ändern: "wo die ›anderen‹ entindividualisiert und verdinglicht werden, wird eine Priorisierung nationaler ›Wir‹-Interessen sagbar."

Wie solche national-kulturellen Selbstvergewisserungen in Diskursen wie in der aktuellen Kopftuchdebatte an die Diskurse um Frau und Körper angeschlossen werden oder wie durch andere Formen geschlechtsspezifisch ein nationales Wir konstruiert wird - das wären zentrale Fragen für Anschlussstudien.

Tanja Thomas: Deutsch-Stunden. Zur Konstruktion nationaler Identität im Fernsehtalk. Campus, Frankfurt am Main 2003, 438 S., 45 EUR


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00:00 25.02.2005

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