Skaska, ein Märchen

Alltag Die Russlanddeutsche Katja glaubte an die deutschen Tugenden. Bis sie nach Deutschland kam

Katja nennt Deutschland Skaska, ein Märchen. In ihrer Heimat an der Wolga hat sie gelernt, dass die Deutschen Ordnung, Pünktlichkeit und Disziplin lieben. Ihre Großmutter erzählt es so, und auch ihr Großvater, dem nur sie die Haare schneiden darf. Zehn Jahre hat er unter Stalin im "Verbesserungslager" verbracht, weil er Deutscher ist. Nach der Entlassung aus den Goldgruben von Magadan hat er sich einen neuen, sauberen Pass gekauft, in dem die Strafe nicht verzeichnet ist, um gute, ehrliche Arbeit zu bekommen. Er hat den Fälscher mit dem Gold bezahlt, das er aus Magadan herausgeschmuggelt hatte. Weder seine Nationalität deutsch noch seinen deutschen Namen hat er je ändern lassen, aller Nachteile zum Trotz.

In der Schule lernt Katja das ABC des Kommunismus - bis Gorbatschows Perestroika der Gültigkeit dieses Alphabets ein Ende setzt. Viele Russen werden jetzt zu Gärtnern, um sich ernähren zu können. Die Kinder der Perestroika, so lautet ein Witz in Russland, erkennt man daran, dass sie als erste nach Bonbons und Konfekt greifen, denn die Versorgung unter Gorbatschow ist so schlecht, dass es zu wenig Süßigkeiten gibt.

Für Katja zählen die deutschen Tugenden. Sie will ihre Chancen nutzen - mit Fleiß. Ihre Mutter noch ist als Deutsche in der Schule als "Hitlers Fahrradspeiche" geärgert worden. Heute ist sie Direktorin einer Schokoladen-Fabrik. Von ihr hat Katja ein beachtliches Organisationstalent geerbt. Als Schülerin schreibt sie ans Deutsche Rote Kreuz, erzählt vom Schicksal ihres Großvaters und bittet um Hilfe. Die Antwort vom DRK kommt als 15-Kilo-Paket, das die Großmutter erst nicht annehmen will, weil sie glaubt, dass es sich um gestohlene Ware handelt. Auch kann sie vor Aufregung ihren Pass nicht finden. Der Großvater bleibt gelassen. "Ich habe soviel gelitten für diese Nationalität; ich soll doch Kompensation haben", sagt er. Er ist ein Aristokrat in seinem Herzen, nur die teuersten Birnen isst er. Wenn es diese nicht gibt und das Geld nicht reicht, dann bitte keine.

Katja studiert die deutsche Sprache und Literatur in Samara und wird eine der besten Studentinnen. Auch hier loben die Dozenten die Tugenden der Deutschen. Aber es werden auch Zweifel geäußert. Fast alle Lehrer haben schon an Weiterbildungsprogrammen in Deutschland oder mit Deutschen teilgenommen. Die Deutschen können besser organisieren als wir, sagen sie, aber sie müssen alles zwanghaft planen.


Endlich kann Katja die Deutschen kennen lernen. Sie studiert ein Semester an einer deutschen Universität. Zu ihrer Überraschung hat sie den Eindruck, dass ihre Ausbildung in Samara anspruchsvoller war als das, was deutschen Germanistik-Studenten geboten wird. Die Prüfungen seien ehrlicher in Russland, man müsse mehr auswendig lernen, erzählt sie. Die Grammatikkenntnisse seien genauer.

Bald nach dem Studium heiratet Katja, siedelt nach Berlin über, sammelt ihre ersten Erfahrungen mit der Integration. Ihr Mann lebt zwar in Berlin, ist aber kein Deutscher, sondern Däne. Deshalb bekommt sie nach ihrer Hochzeit die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung für Deutschland recht schnell. Sie meldet sich beim Jobcenter als Arbeitssuchende an. Sie will kein Geld von der Behörde, nur Arbeit. Seit diesem Tag lacht sie viel über Deutschland. Skaska, ein Märchen.

Das Jobcenter schickt Katja zur Ausländerbehörde, die Ausländerbehörde schickt sie zum Jobcenter. Acht Wochen lang. Der Sachbearbeiter beim Jobcenter ist der Meinung, sie habe keine gültige Arbeitserlaubnis, die Arbeitsvermittlung wird abgelehnt. Die Dame bei der Ausländerbehörde ist der Meinung, sie habe eine gültige Arbeitserlaubnis.

Die Arbeitserlaubnis heißt allerdings nicht Arbeitserlaubnis. Die Arbeitserlaubnis würde Arbeitserlaubnis heißen, wenn Katja einen Deutschen geheiratet hätte. Als Frau eines Dänen aber sei sie innerhalb der EU arbeitsberechtigt. Also auch in Deutschland. Deshalb erhält sie zwar eine Arbeitserlaubnis, aber nicht in Form einer Arbeitserlaubnis. Nur einen Stempel bekommt sie in den Pass, "lt. Freizügigkeitsabkommen". Die Mitarbeiter im Jobcenter kennen aber kein "Freizügigkeitsabkommen". "Polen brauchen doch auch ein extra Papier!", sagen sie. "In freier Form kann ich Ihnen keine Erklärung schreiben", erklärt man Katja bei der Ausländerbehörde, "und Formulare gibt es für solch eine Erklärung nicht."

Einig sind sich die Mitarbeiter beider Behörden nur darin, dass Russland zu den neuen EU-Ländern gehöre. Das nennt man wohl gefühltes Wissen. Etwas Großes, Dunkles aus dem Osten ist dazugekommen.

In Russland helfe in solchen Fällen Korruption, sagt Katja. Persönliche Vorsprachen, Telefonate, Briefe, in Deutschland hilft nichts.

Um ihre Arbeitserlaubnis zu erhalten, soll Katja zu guter Letzt noch zur Gesundheitsbehörde gehen. Dort wird ihr - auch ohne Untersuchung - ein guter Gesundheitszustand bescheinigt.

Mittlerweile hat Katja ohne die Hilfe der Behörden sieben Jobangebote bekommen. Doch auch den Firmen kommt ihre Arbeitserlaubnis "lt. Freizügigkeitsabkommen" nicht geheuer vor. Und niemand will Katja illegal beschäftigen. Die Ausländerbehörde ist theoretisch bereit, den Firmen die Gültigkeit der Arbeitserlaubnis telefonisch zu bestätigen, jedoch sind die Apparate der angegebenen Nummern dauernd besetzt.

Schließlich findet Katja den passenden Gesetzestext selbst im Internet. So kann sie im Bewerbungsgespräch bei einer Handy-Firma glaubwürdig darlegen, im Besitz einer gültigen Arbeitserlaubnis zu sein.

Sie verkauft nun Klingeltöne fürs Handy. Sie liebt diese Arbeit, weil sie Kreativität und Genauigkeit verlangt. Sie muss die neuesten Popsongs, Slangs und Moden kennen, wenn sie viele Klingeltöne verkaufen will. Katja ist für Länder in Osteuropa zuständig, auch dort gibt es Leute, die Klingeltöne kaufen. Das Arbeitsklima in ihrer Firma gefällt ihr so gut, dass sie auch das firmeneigene Fitness-Center nutzt. Junge Leute aus der ganzen Welt arbeiten zusammen! schwärmt sie. Sie muss Werbetexte formulieren, mit Filmfirmen und Fernsehsendern verhandeln. Man arbeitet im Team und arbeitsteilig, so dass jeder aufgeweckte junge Mensch schnell eingearbeitet werden kann.

Etwas überrascht ist Katja, als sie bei einer Bank ein Konto eröffnet. Die Angestellte erklärt ihr: "Wenn ich keinen Job hätte, würde ich gegen Firmen wie Ihre auf der Straße kämpfen! Für die Bank aber sind Sie ein guter Kunde!" Eine rote Bankerin, wundert sich Katja, auch das gibt es in Russland nicht.

Katja findet ihren eigenen Lebensweg nicht komisch. Wenn sie aus dem Fenster guckt, sieht sie die Gebäude, in denen früher die Regierung der DDR und das ZK der SED tagten. Aus Ideen wurden Märkte, das stimmt schon. Mit Lenin begann das Lernen, als Jungpionier, und jetzt verkauft sie eben Klingeltöne.


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00:00 26.01.2007

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