So ist das Leben.

Zehnte Folge Der Fortsetzungsroman zum Wahlkampf 2006.

Barbara hatte gleich wieder aus dem Haus hinaus laufen wollen. Sie gingen nach links in eine Stube, in der eine Eckbank und ein großer Tisch gerade Platz hatten. Ein Fernsehapparat war an der Wand hoch oben befestigt. Wie in einem von diesen kleinen Hotelzimmern. Ein Regal mit Büchern rund um die kleinen Fenster auf den Weg zum Gartentor durch den Gemüsegarten. Eine Flinte gegen den Türrahmen gelehnt.

Aber es war nicht die Enge. Es war der Geruch. Die Frau hieß Barbara, sich an den Tisch zu setzen. Und ob Barbara auch einen Kaffee haben wolle. Die Frau ging aus dem Zimmer. Barbara setzte sich auf die Eckbank und überlegte. Es roch nach Spital. Nach Lysol und Urin. Aber es war noch etwas Süßes in diesem Geruch. Barbara atmete durch den Mund. Sie wollte gerade aufstehen, die Bücher genauer anzusehen, da kam die Frau mit Kaffee und Keksen. Wie Barbara denn nun hierher geraten wäre und wie es komme, dass sie auf der Straße dahergekommen wäre, die aus den Feldern käme. Da, wo Barbara hergekommen wäre. Da wäre ja nichts. Und Barbaras Hose hätte diesen langen Riss. Barbara solle doch erzählen, was das alles bedeute.

Barbara schaute in den Kaffee. Was konnte sie dieser Frau erzählen. Dass sie mit einem Arschloch mitgefahren war, weil ihr ein anderes Arschloch den versprochenen Job ohne Angaben von Gründen abgesagt hatte. Dass sie eine Künstlerin war, die von allen Seiten ohnehin nur hörte, dass sie es ja nur durchstehen musste. Dass das so war. Dass das für alle so war. Man ertrug und betrug und arbeitete sich nach oben und dann war man oben und dann konnte man sagen, dass das Leben eben so sei. Barbara sah sich um. "Ja." sagte die Frau. Sie hätte sich ihr Leben auch anders vorgestellt. Sie lehnte sich zurück und schaute auf die Decke hinauf. Sie hatte gedacht, dass es genügen würde, zu arbeiten. Hart zu arbeiten. Und was Barbara zum Papst sage. Barbara schaute die Frau fragend an. Sie wüsste nicht, was sie meine. Ob Barbara denn nicht gehört habe, was der Papst zum Islam gesagt habe. Und für sie, sagte die Frau. Für sie sei das alles noch einmal doppelt so schwierig. Sie sei ja nun eine Deutsche geworden. Aber dass ihr die Katholiken bis in den Ruhrpott nachschleichen würden. Das war nicht zu erwarten gewesen. Und irgendwie wäre es ja auch nicht erstaunlich, dass ein deutscher Katholik so genau wüsste, warum der Islam abzulehnen sei. Ein bayrischer.

Barbara konnte nur nicken. Der österreichische Kardinal würde das nie so gerade heraus sagen. Da könnte man sicher sein. Meinen müsste er es aber genauso. Die Frau schüttelte den Kopf. Da wäre sie nun aus diesem Dorf in der Steiermark geflüchtet. Da hätten die älteren Frauen sich die jungen Kapläne aufgeteilt. Da wären die Frauen beim Paramentensticken gesessen und hätten nur über die Kapläne geredet und welche ihn wie. Und den Kaplänen. Die hätten sich da so durchtreiben lassen und wenn es ein Kind gegeben hatte, dann waren sie versetzt worden. Sie wäre froh gewesen, wie sie da draußen gewesen war. Und jetzt hätte man wieder diese katholische Geschichte am Hals.

Barbara fragte, ob der Tisch und die Bank noch aus der Steiermark wären. Die Frau nickte. Barbaras Handy piepste. Sie solle nur nach ihrer SMS schauen, sagte die Frau. Sie müsse ohnehin nach dem Vater sehen. Die Frau ging aus dem Zimmer und Barbara hörte sie über sich auf und ab gehen und mit jemandem sprechen.

Nadine hatte gesmst, dass sie einem von diesen rechten Politikern beim Servieren ein Abführmittel in den Drink gegeben hätte und dass sie jetzt ein schlechtes Gewissen habe. Aber dann auch wieder nicht. Und dass ihr das Sorgen mache. Das fehlende schlechte Gewissen. Aber es sei ja nun deren Schuld, dass der Vladi weggegangen war. Und sie sei zu erschöpft mit ihren drei Jobs, sich sehr zu grämen. Aber sie habe doch sehr abgenommen und manchmal dächte sie, sie wüsste nun genauer, wie sich ein Burn-Out-Syndrom anfühle. Und überhaupt könne man in Österreich nur in einer schlammigen Depression versinken. In den Medien würde nur darüber gestritten, ob diese Natascha Kampusch nun ein Opfer war oder doch eine Schwindlerin. Und im Grund waren alle dieser jungen Frau die öffentliche Aufmerksamkeit neidig. Und ob Barbara sich an die Wirtin vom Goldenen Reichsapfel erinnern könne. Die, die sich immer aufgeregt hatte, dass immer nur über die Holocaustopfer gesprochen worden war, wo doch bei ihnen auch das Dach gebrannt hatte. Von einer Bombe. Und Nadine musste aufhören. Sie musste sparen. Den Posten für Psychiatrie in der Sonderstrafanstalt hatte die Tochter von einem Magistratsbeamten bekommen. Nadine musste ihre ärztlichen Fähigkeiten erst einmal weiterhin auf ihre Kundinnen im Nagelstudio anwenden.

Barbara hörte von oben ein heftiges Poltern und einen Aufschrei. Barbara saß da und überlegte, ob sie ihre Hilfe anbieten sollte oder davon laufen. Ein Mann kam in die Stube. Wer sie sei und was sie da wolle, fragte er barsch.

Fortsetzung folgt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 22.09.2006

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare