Sport ist politisch

Roller Derby Claudia macht Vollkontaktsport auf Rollschuhen. Ihre Frauen-Trans-und-Lesben-Mannschaft in Potsdam feierte jüngst einen großen Sieg – gegen Verbandsfunktionäre
Sport ist politisch
„Der erste blaue Fleck ist wie eine Trophäe“, erinnert sich Claudia
Foto: Jens Osborne für der Freitag

Um Sieg oder Niederlage ging es Claudia nie. Deswegen hat die 29-Jährige sich einen Sport ausgesucht, bei dem es um mehr als nur um das Gewinnen geht. „Beim Roller Derby ist der Zusammenhalt im Team wichtig und die Menschen hier bringen ein politisches Selbstverständnis mit“, sagt sie.

Es ist ein Sonntagabend im Frühling, in der Umkleidekabine einer Turnhalle in Potsdam. Claudia sitzt vornübergebeugt auf der Holzbank, das eine Bein auf das andere gelegt. Sie schraubt an ihren Rollschuhen, um den Stopper und die Rollen festzuzurren. Sie ist in Brandenburgs Hauptstadt aufgewachsen, studiert in Berlin Politik und bittet, auf die Nennung ihres Nachnamens in der Zeitung zu verzichten.

Roller Derby gilt Frauen schon lange als Sportart, bei der sie sich für ihre eigenen Belange starkmachen. Die Härte des Sports – aggressiv, stark und gleichzeitig weiblich auftreten zu können – wurde im Umfeld der feministischen Punk-Szene der 1990er Jahre in den USA genutzt, um klassische Rollenzuschreibungen aufzubrechen und mit Genderkategorien zu spielen. Und auch der Sport selbst bestärkte viele in ihrem Sein. „Seit ich mit Roller Derby angefangen habe, fühle ich mich nicht nur körperlich stärker“, sagt Claudia, die sich auch in ihrem Studium mit queeren Themen beschäftigt. Roller Derby vermittele ihr grundsätzlich Selbstbewusstsein. Und die Menschen, die mitmachen, seien politisch, genauso wie der Sport selbst.

Bald fährt Claudia beim anstehenden Heimspiel ihrer Frauen-Trans-und-Lesben-Mannschaft, der „Prussian Fat Cats“, gegen ein Team aus Berlin mit. Es ist ihr erstes Spiel überhaupt. Claudia will sich beim Training gezielt darauf vorbereiten, ihre Beinarbeit und Schnelligkeit verbessern. Und daran, dass sie auf der Fahrbahn von allen Seiten gleich gut dem Druck der anfahrenden Spielerinnen standhalten kann. „Ich hoffe, dass ich das, was ich im Training lerne, auch im Ernstfall umsetzen kann“, sagt sie.

Von der Decke in der Turnhalle strahlt helles Neonlicht auf die Sportfläche. Bunte Hütchen werden auf dem Hallenboden verteilt, um die kreisrunde Fahrbahn für das Spiel zu markieren. Der Track, wie er beim Roller Derby genannt wird, ist auf deutschen Hallenböden nicht eingezeichnet. Zu neu ist der Sport noch immer, der seit der Gründung der ersten Derby-Mannschaft in Stuttgart vor rund zehn Jahren in Deutschland gespielt wird.

Mit leicht gebeugten Knien steht Claudia in Wartehaltung. Von einem der Mannschaftsmitglieder hat sie die Helmhaube mit dem aufgedruckten Stern zugeworfen bekommen – ihn trägt nur die sogenannte Jammerin. Sie kann als Einzige punkten und muss dafür durch den gegnerischen Block brechen; für jede Spielerin, die sie überholt, erhält ihre Mannschaft einen Punkt, pro Runde sind es maximal fünf. Roller-Derby-Spiele enden mit Resultaten wie 161:191 oder 250:133.

Claudias Blick ist konzentriert nach vorne gerichtet. Die anderen haben sich gegenseitig die Arme auf die Schultern gelegt, um einen möglichst undurchdringbaren Block zu bilden. Die Köpfe zusammengesteckt, sprechen sie leise Strategien ab, nicken am Ende einvernehmlich und gehen in Stellung. Anpfiff.

50 Seiten Regeln

Claudia fährt los. Nach einigen Sekunden Schieben und Drücken fällt eine der gegnerischen Spielerinnen im Block zu Boden. Claudia bricht durch die Lücke. Der Druck, der von vornherein auf der Jammerin lastet, weil sie die Punkte holen muss, ist ihr eigentlich zu hoch. Oft ist es Kopfsache, ob man Erfolg hat: Bricht man mehrfach nicht durch den Block, ist die Frustration meist groß. Dabei würde sie sich mit ihrer Körpergröße von etwa 1,65 Metern gut für die Position eignen. Kleine und schnelle Frauen werden grundsätzlich gerne als Jammerin eingesetzt, größere Frauen mit schwerem Körpergewicht gerne zum Blocken; auch wenn es beim Derby gerade nicht darum gehen soll, körperliche Ideale zu erfüllen. Im Training ist daher die Aufstellung der Spielerinnen nicht festgesetzt. Jede fährt jede Position.

Pause. Claudia trinkt aus ihrer Wasserflasche und wischt sich mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn. Einige Mitspielerinnen sind in die Kabine gefahren, um sich die Flasche mit Wasser aus dem Hahn aufzufüllen. Viele tragen schwarze Leggings und Shorts; auf den Armen sind Tattoos zu sehen. Claudia selbst trägt ihre langen, rot gefärbten Haare auf einer Seite über dem Ohr abrasiert. Im Nasenflügel glitzert ein Piercing.

„Es ist gut, seine eigenen Grenzen kennenzulernen und auch zu überwinden“, sagt Claudia. Sie sei oft zu verkopft. Aber am Ende klappt es meistens doch. Die Position im Block bevorzugt sie trotzdem.

Ihre Oberarme unter ihrem kurzen T-Shirt sind gerötet, vom gegenseitigen Anrempeln und Aufeinanderstützen. Claudia trägt Helm, Ellbogen- und Knieschützer. Beim Sprechen ist der lila Mundschutz zu sehen. Schmerz gehört zu diesem Vollkontaktsport auf Rollschuhen dazu. „Oft merkt man es erst nach dem Training, wenn einem etwas weh tut“, sagt Claudia. Vor einigen Wochen hatte sie ihren ersten großen blauen Fleck an der linken Wade. Beim Roller Derby wird damit geprahlt. „Es ist wie eine Trophäe.“ Wie in anderen Sportarten der Pokal.

Punk, Riot, Roller Derby

In Stuttgart gründete sich vor elf Jahren die erste Roller-Derby-Mannschaft Deutschlands. Und dort fand vor vier Jahren dann auch die erste deutsche Meisterschaft statt, aus der der Berliner Verein Bear City Roller Derby als Gewinner hervorging. Die Teams aus Berlin, Stuttgart und Hamburg-St. Pauli sind bislang diejenigen, die europaweit an Spielen teilnehmen. Hierzulande spielen in der 1. Bundesliga außerdem München, Köln, Dresden und Essen.

Sieben weitere Mannschaften spielen in der zweiten Liga; die Delta Quads F(l)ight Crew aus Mannheim führt derzeit die Tabelle an. In der dritten Liga, in der die Prussian Fat Cats starten wollen, spielen Nürnberg, Bremen, Kassel, Leipzig und ein weiteres Team aus Berlin. Der Wettbewerbsgedanke steht für die meisten nicht an oberster Stelle, nach dem Schlusspfiff gibt es oft gemeinsame Partys und die Mannschaften tauschen sich über die sozialen Netzwerke aus. Einige bieten Bootcamps an, in denen sie Techniken und Taktiken verbessern. In Potsdam gibt es immer wieder Schnuppertrainings für Interessierte. Dort hat sich mit „Madstop“ auch eines der wenigen Männerteams gegründet. Viel miteinander zu tun haben Männer- und Frauenmannschaften aber bislang nicht.

Die erste Weltmeisterschaft 2011 in Toronto gewann das Team der USA, wo Vorläufer von Roller Derby aus den 1930er und 1940er Jahren bekannt sind. Ihren Durchbruch feierte die Sportart Ende der 1990er und in den 2000er Jahren, als Protagonistinnen der Riot-Grrrl-Bewegung und der Punk-Szene Roller Derby entdeckten und mit einem feministischen Anspruch kombinierten. Die nächste WM findet 2018 in Manchester statt.

Im Regelkatalog des internationalen Verbandes WFTDA (Women’s Flat Track Derby Association), nach dem in den meisten Teams gespielt wird, ist auf rund 50 Seiten genau festgelegt, welche Formen von Körpereinsatz erlaubt sind und welche nicht. Ellenbogen, Füße oder Knie einzusetzen, ist genauso tabu, wie den Kopf oder die Wirbelsäule einer anderen Spielerin zu treffen. Verstöße werden mit Strafminuten oder Ausschluss aus dem gesamten Spiel geahndet. „Beim Training rammt man seine Mitspielerinnen natürlich weniger stark als im Ernstfall seine Gegnerinnen“, sagt Claudia.

Sie hat sich jetzt ein weißes Achselshirt übergeworfen. Fünf Spielerinnen tragen weiße, fünf schwarze Shirts. So lassen sich zwei Teams bilden, die man sofort erkennen kann. Claudia steht diesmal im Block. Es läuft gut zu Beginn. Dann wird der Druck zu groß. Claudias Block fällt auseinander. „No Pack“, schreit die Trainerin von außen.

Nach zwei Minuten wird abgepfiffen; so lange dauert eine Runde maximal. Davon werden so viele wie möglich gespielt, in zwei Hälften, je 30 Minuten. Alle fahren im Kreis zusammen. Claudias Oberkörper hebt und senkt sich. Ihr Atem geht noch schneller: „Meine Teammates waren plötzlich weg!“, sagt sie und hebt fragend die Arme in die Luft. Die anderen nicken und diskutieren, was genau sie wie verbessern können.

Im Training gilt, was die Frauen-Trans-und-Lesben-Mannschaft sich in den Regeln und Grundsätzen selbst festgelegt hat: Beim Roller Derby ist aktive Beteiligung an Nachbesprechungen, Diskussions- und Entscheidungsprozessen gefragt. Nach fast jeder Übung tauschen sie sich über Vor- und Nachteile aus, bei Teamsitzungen herrscht Konsensprinzip: Alle müssen mit allem einverstanden sein. „Mir ist das wichtig, schließlich soll eine Entscheidung die des ganzen Teams sein“, sagt Claudia.

In manchen Wochen sieht sie ihre Mitspielerinnen fast täglich. Denn die Mannschaft organisiert nicht nur Spiele und Training selbst, sondern verknüpft Roller Derby und Politik im Alltag. Auf der Internetseite der Mannschaft stehen Sätze wie: „Wir skaten gemeinsam für echte Gleichberechtigung und Emanzipation.“ Oder: „Das Team ist dein (Schutz-)Raum, in dem du dich frei von gesellschaftlichen Stereotypen, Konventionen und Leistungsdruck ausprobieren, kennenlernen und neu erfinden kannst.“ Die Spielerinnen erhalten oft Anfragen von queer-feministischen Verbänden und Gruppen, ob sie nicht an deren Veranstaltungen mit einem Infostand teilnehmen wollen. In linksalternativen Zentren in Potsdam organisiert das Team einen monatlichen Kneipenabend, den „Derby-Tresen“, um dort unter anderem feministische Themen zu diskutieren.

Umso fassungsloser war die Mannschaft, als ihr Antrag auf die Aufnahme in den Brandenburgischen Rollsport und Inline Verband (BBRIV) mit der Begründung abgelehnt wurde, das Team trete in der Öffentlichkeit zu politisch auf. In der schriftlichen Erklärung heißt es, für eine Aufnahme müsse die Mannschaft „zukünftig und ab sofort die politischen Äußerungen und Darstellungen auf Facebook und im Internet“ unterlassen. Zur Illustration verwies der Verband auf ein Posting, das Mitglieder des Teams bei einer Demonstration gegen den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche zeigt, wo sie auf Rollschuhen gegen „Lieblingsbonzen“ sowie „Alt-Nazis und Neu-Reiche“ protestierten. „Für uns war klar, dass wir uns das Politische nicht verbieten und uns nicht mundtot machen lassen“, sagt Claudia. Viele im Team waren wütend und enttäuscht. Für die Mannschaft geht es beim Eintritt in den Landesverband nicht nur um etwaige Fördergelder, sondern um die Möglichkeit, in den Liga-Betrieb einzusteigen.

Bislang kann das Team nur Freundschaftsspiele wie neulich in Marburg absolvieren, obschon die Potsdamerinnen seit zwei Jahren versuchen, eine Mannschaft aufzubauen und dreimal pro Woche ein Training zu organisieren. Unterstützung haben sie während der Auseinandersetzung mit dem BBRIV viel erfahren: vom SV Babelsberg 03, in dem sie seit Anfang 2016 organisiert sind, vom Landessportbund Brandenburg sowie vom Dachverband Deutscher Rollsport- und Inline-Verband (DRIV). In einer öffentlichen Stellungnahme auf ihrer Facebook-Seite schrieben die Prussian Fat Cats: „Die Unterstellung, es ginge uns primär um Politik und nicht um den Sport, leugnet die vielen Stunden, die wir schwitzend in Turnhallen verbringen.“

Es folgten zahlreiche Gespräche mit dem Landesverband BBRIV, der dann schließlich einlenkte: Seit vergangener Woche ist die Mannschaft Mitglied. Der Anmeldung zum Liga-Betrieb steht nichts mehr im Wege, nächste Saison soll der Einstieg in die unterste, die dritte Liga folgen.

Bald dritte Liga

Claudia und die anderen Spielerinnen fahren zum Trainingsabschluss noch ein paar Runden. Bei leicht nach vorne gebeugten Oberkörper kreuzt, kreuzt ein Bein das andere. Claudia gewinnt an Fahrt. Elegant gleitet eine Spielerin nach der anderen auf ihren Rollschuhen über die Fläche. Kurz bevor sie in die Kabine gehen, klatschen sich Claudia und ihre Mannschaftskolleginnen ab.

Sie wirkt erschöpft, als sie die Schnürsenkel ihrer Rollschuhe lockert und den Helm abzieht. Der Pony ihrer roten Haare ist verschwitzt und steht nach oben. Ihr Gesicht glänzt. Ganz zufrieden ist Claudia nach dem Training noch nicht mit sich. Sie will weiter an ihren Fahrtechniken arbeiten, sagt sie zum Schluss. Ihr erstes Spiel möchte sie schon gewinnen. Auch wenn Claudia längst gewonnen hat – für sich, allein dadurch, dass sie mitmacht beim Roller Derby.

Am vergangenen Freitagabend ist es dann so weit: Prussian Fat Cats gegen Berlin Rollergirls, die Schiedsrichter stellt Roller Derby Dresden. Gleich zu Beginn liegen die Fat Cats vorne, es läuft gut für Claudia und ihr Team. Nur kurz sieht es danach aus, als ob sich das Spiel noch drehen könnte. Zur Halbzeit haben die Gegnerinnen aufgeholt.

Als dann aber nach 60 Minuten Spielzeit der Schlusspfiff ertönt, freut sich Claudia: Auf der Punktetafel steht 245:202, ihr Team hat gewonnen.

06:00 28.06.2017

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