Sprösslinge in Kampfmontur

Selbsthilfe Wo die Institutionen versagen, müssen sich Eltern rechtsextremer Jugendlicher in der Konfrontation mit ihren Kindern gegenseitig unterstützen

Viele kommen nicht, weil sie sich schämen und Angst haben, gesehen zu werden, andere, weil sie denken, das ist eine Phase, das geht vorbei. Wieder andere wissen gar nicht, was ihre Kinder außer Haus so treiben. Eine Elternselbsthilfegruppe in einer bayerischen Kleinstadt. Seit einem Jahr treffen sie sich regelmäßig. Eltern von Kindern im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, die als rechte Truppe durch die Stadt ziehen, Ausländer und Punker verhauen und zu Kameradschaftstreffen und NPD-Demos fahren. "Es nützt nichts, das zu vertuschen oder zu verschweigen. Ich habe immer gesagt, meine Tochter, die ist da drin, und ich kämpfe dagegen." Brigitte Lentas spricht schnell und mit deutlichen Worten. Sie ist das öffentliche Reden inzwischen gewohnt.

Es fing alles recht harmlos an. Die Tochter Sabrina traf sich mit ihrer Clique am Flussufer. Einer brachte rechte Musik mit, man meinte, etwas gegen Drogenhandel und Arbeitslosigkeit tun zu müssen, und war dann schnell bei der "Ausländerflut" und der drängenden Rettung des deutschen Volkes angelangt. Kameradschaftskader aus Nürnberg und München statteten ihren Besuch ab, die Organisierung begann. Erfolgreich. Anfang letzten Jahres zogen bis zu 70 Jugendliche aus der Stadt und dem Umland in Kampfmontur durch die Einkaufszone. Sabrina in vorderster Reihe.

"Die Kerngruppe hat sich immer in einer Kneipe getroffen. Da sind wir jedes Mal hin, ein paar andere Eltern und ich. Erst haben wir nur da gesessen. Die sollten sehen: Wir beobachten euch. Dann habe ich mir Material besorgt und das durchgearbeitet und das Diskutieren mit denen begonnen. Ich habe sie vorgeführt, ihren ganzen Blödsinn. Auch den NPD-Mann, der ab und zu bei denen saß und dieses dumme Zeug redete." Präsent sein, herausfordern und stören wurde zur Strategie der Elterngruppe.

In Sabrinas Familie prägen weder Stammtischparolen die Weltsicht noch werden Ressentiments gegen Ausländer gepflegt. Ihr Vater ist selbst aus dem Ausland eingewandert. Ihn traf ihre Entwicklung am härtesten. Er konnte das Gerede von den schmarotzenden Ausländern auch mit gutem Willen nicht mehr ertragen. Die Familie trennte sich. Sabrina, damals erst 16 Jahre alt, zog zu ihrem Freund und Gesinnungsgenossen. Aber Kontakt zur Familie blieb. Diese Bindung und die Feststellung, dass die sauberen Kameraden selbst mit Drogen dealten, gaben dann den Anstoß für den Ausstieg, den sie mit Hilfe der Aussteigerorganisation "Exit" bewältigte. Zweieinhalb Jahre hat der zermürbende Prozess gedauert. Sabrina hat jetzt wieder ihre alten Freunde. "Sie sagt heute, sie war wie auf Droge", erzählt Frau Lentas. Und so sah sie auch aus. Völlig verändert. "Dass Leute Angst vor ihnen haben mussten, das fand sie toll."

Statt Jugendclubs Nazi-Lifestyle-Angebote

Frau Lentas ist immer noch in der Selbsthilfegruppe. Sie hat sich viel Wissen über Rechtsextremismus angeeignet. Das will sie weitergeben, und sie will die anderen Eltern beraten und unterstützen, denn Unterstützung ist rar. Von Schulen und Jugendamt fühlen sich die Eltern im Stich gelassen. Außer dem Verbot von Springerstiefeln und Bomberjacken auf dem Schulgelände passierte bisher nichts. Empört hat Brigitte Lentas auch der Vorschlag einer städtischen Sozialarbeiterin, die betreffenden Jugendlichen aus der Innenstadt auszuschließen. "Die meisten wollen das Problem weghaben, weil es rufschädigend ist, sich aber nicht damit auseinandersetzen."

Szenenwechsel: Berlin-Lichtenberg. Ein Bungalow im Schatten endloser Hochhausreihen. "Licht-Blicke - Netzwerk für Demokratie und Toleranz" steht an der Tür. Hier trifft sich regelmäßig die Selbsthilfegruppe "Eltern gegen Rechts". Zwei Blöcke weiter ist ein Einkaufszentrum. Da hängen am Kiosk Die junge Freiheit und Der Landser aus und zentral am Platz betreibt ein Hooligan den Laden "Kategorie C", in dem alles zu bekommen ist, was zum Nazi-Lifestyle gehört. An der S-Bahn, in der Kneipe "Odins Klinge Germanenhof" trifft man einschlägiges Publikum. Es macht Jutta Schmieder wütend, dass es hier keinen Jugendclub gibt, aber leicht zugängliche rechtsextreme Konsumangebote.

Jutta Schmieder und Gerda Solms trafen sich zufällig Mitte 2004, hilfesuchend wegen der rechtsextremen Entwicklung ihrer Söhne, bei "Licht-Blicke" und gründeten die Gruppe. Seitdem kommen zwischen sechs und zehn Eltern. Manche nur ein Mal, andere regelmäßig über lange Zeit. "Eltern müssen erst eine bestimmte Schmerzgrenze erreichen, bevor sie Hilfe suchen. Man ist schrecklich alleine mit dem Problem, aber man denkt immer, man kann das noch Zuhause klären," erläutert Jutta Schmieder. In den Familien gehen die Einschätzungen von der Situation und wie damit umzugehen sei oft auseinander. Die Eltern sind in einer widersprüchlichen Gefühlslage, sie möchten das Kind schützen und gleichzeitig ist es zum Feind geworden. Das größte Hemmnis, mit dem Problem nach außen zu gehen, ist aber das Gefühl, versagt zu haben. "Wenn die Eltern sich dann überwinden, kommen sie zu den Treffen wie zu den anonymen Alkoholikern."

Sie weiß, wovor die Eltern Angst haben. "Entweder wird man in die eine oder die andere Schublade gepackt: rechtes oder überfordertes Elternhaus." Sie kennt das verstehende "Aha!", das sich auf den Gesichtern breit macht, wenn klar wird, dass ihr Sohn ein Scheidungskind ist und sie alleine erzieht, sie kennt die skeptischen Blicke, die fragen: "Ja wovon hat er das denn?", und sie kennt die eigenen Selbstzweifel - Werte, die ihr wichtig sind, nicht richtig vermittelt zu haben. "Diese Menschenverachtung ist so schockierend", sagt sie mit leiser Stimme. "Dass die sich für mehr wert halten, als andere." Zu dem Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, und der Kränkung, dass "ein paar Freunde, die er gerade mal ein halbes Jahr kennt, mehr Einfluss haben, als 14 Jahre Erziehung", kommt die Angst vor den Konsequenzen, wenn man sagt: bis hier hin und nicht weiter, denn "was macht man dann, wenn es doch weiter geht, oder wenn er abhaut?"

Der ständige Streit war furchtbar für sie, aber sie würde es immer wieder so machen: konfrontieren und Grenzen setzen. Auch sie fand wenig Unterstützung. Die Schule zeigte kein Interesse an der Entwicklung ihres Sohnes. Wenn Jutta Schmieder daran denkt, wird sie immer noch wütend. "Die haben mir einen Tadel mit zwei Durchschlägen zum Unterschreiben zugeschickt, weil er auf dem Klo geraucht hat. Aber dass er Hakenkreuze malt, habe ich erst durch Nachfragen erfahren." Der Geschichtslehrerin waren Lars rechtsextreme Positionen durchaus aufgefallen, aber die verwies auf den Lehrplan: Die Themen, die er anspreche, seien darin nicht vorgesehen, also ignorierte sie ihn im Unterricht.

Verwandte, die nicht an den zermürbenden häuslichen Alltagskonflikten um rechte Kleidung und Musik beteiligt waren, nahmen sich Zeit und führten eine intensive Auseinandersetzung mit Lars über Geschichte und Geschichtsmythen. Immer wieder. Hier fand er das, was in der Schule fehlte: ernst genommen werden. Das half.

"Alle Eltern, die zu uns kommen, haben schlechte Erfahrungen mit den Institutionen gemacht, von denen sie eigentlich Hilfe erwartet hätten," sagt Jutta Schmieder, und Gerda Solms erzählt von ihrer eigenen bitteren Erfahrung. Ihr Sohn Matse habe damit angefangen, sich als Retter deutscher Mädchen vor ausländischer Anmache aufzuspielen. Mit rechter Musik sei es weiter gegangen, "und die ersten Klamotten habe ich ihm sogar selbst gekauft, weil ich keine Ahnung davon hatte." Einen Nationalen Freundeskreis hat er dann mit Schulkameraden gegründet und sich deutschnational profiliert. "Ich war damals Elternsprecherin. Als ich dahinter kam, was die so treiben, wollte ich das Thema auf dem Elternabend besprechen. Das wurde von den Tutoren abgeschmettert. Ich solle das nicht so hochspielen, sagte der eine, und der andere meinte, man müsse die jungen Leute auch verstehen, in seinem Haus seien auch Aussiedler eingezogen, die ständig Krach machten. Gerda Solms ist selbst Lehrerin und hat in ihrem Kollegium Austausch gesucht. "Schmeiß ihn raus. Trenn dich von ihm, dann ist er eben nicht mehr dein Sohn, wenn er solche Sachen vertritt", haben einige gesagt.

Ihr Sohn hat sich inzwischen aus der Szene gelöst. Wie in Bayern Sabrina Lentas, so war auch er enttäuscht von den "Kameraden". "Schließlich bekam er auch inhaltliche Zweifel. Freunde von mir haben immer wieder mit ihm diskutiert. Ich konnte ja gar nicht mehr mit ihm reden. Es war ein langer, schwieriger Prozess bis dahin."

Kürzungen im sozialen Bereich verhindern Weiterbildung

Selbsthilfegruppen wie die in Bayern und in Berlin sind eine Rarität in der Bundesrepublik. In Rheinland-Pfalz gibt es noch eine angeleitete Elterngruppe, die beim Landesjugendamt angesiedelt ist, und eine zweite soll gegründet werden. Weitere Gruppen sind nicht zu finden. Vielleicht liegt es daran, dass in der Öffentlichkeit das Bild von solchen Eltern geprägt ist, die ähnlich denken, wie ihre rechtsextrem eingestellten Kinder. Eltern, die wie im Fall der Gruppe Freikorps den Sprössling zum Brandanschlag auf Dönerbuden kutschieren oder Eltern, die in den Pausen von Neonaziprozessen ihre angeklagten Kinder hätscheln und tätscheln, als seien sie die eigentlichen Opfer. Die anderen Eltern sind bis auf kurze Wellen des medialen Interesses in der Öffentlichkeit nicht präsent. Dass es sie in großer Zahl gibt, wurde im Rahmen der ab dem Jahr 2000 etablierten Aussteigerprogramme deutlich. Es riefen mehr hilfesuchende Eltern, Angehörige und auch Lehrer an als aussteigewillige Rechtsextreme. "Darauf war niemand vorbereitet", sagt Andrea Müller von der Bremer Jugendbildungsstätte Lidice-Haus. Seit zwei Jahren werden hier Multiplikatoren für die Elternarbeit weitergebildet. Seiner Erfahrung nach gehen die Hilflosigkeit und das Verharmlosen und Abwiegeln der Professionellen meist auf mangelndes Wissen über aktuelle regionale Szenen, Dresscodes, Treffpunkte und Themen zurück.

Dass es einen großen und ständig wachsenden Bedarf an fachkundiger Elternarbeit gibt, davon ist Andrea Müller überzeugt. Rechtsextreme Organisationen versuchten mit differenzierten Lifestyleangeboten gezielt, immer jüngere Jugendliche an sich zu binden, und unverantwortliche Kürzungen im Jugendbereich machten das rechte Freizeitangebot gerade in ländlichen Gebieten alternativlos. "Das ist eine soziale Katastrophe", sagt Müller. Unter Kürzungen und Stellenstreichungen leidet auch das Angebot an Weiterbildung im Lidice-Haus. Nur wenige Institutionen haben heute noch den Spielraum, Mitarbeiter auf Fortbildungen zu schicken. So werden sich hilfesuchende Eltern wohl weiter selbst helfen müssen.

Alle Namen von den Eltern geändert.


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00:00 24.02.2006

Ausgabe 39/2020

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