Stachel gegen die bürgerliche Scheinmoral

CSD 1969: Vor 40 Jahren wehrten sich New Yorker Schwule erstmals gegen ihre Diskriminierung. In Deutschland entstand die Homosexuellenbewegung aus ganz anderen Gründen

Trotz Lebenspartnerschaft und sommerlichen CSD-Umzügen: Es gibt auch in Deutschland immer wieder Angriffe auf Lesben und Schwule. Um nur zwei der jüngsten Beispiele zu nennen: Das vor einen Jahr eingeweihte Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Berliner Tiergarten ist bereits dreimal beschädigt worden, zuletzt im April. Kurz darauf sorgte die Geschichte eines Eisverkäufers im Berliner Homokiez Schöneberg für überregionale Schlagzeilen: Der Italiener wollte zwei Lesben verbieten, sich vor seinem Laden zu küssen. Die beiden Frauen reagierten souverän, erstatteten Anzeige und eine Woche später demonstrierten 1.500 Lesben und Schwule mit einem „Kiss-In“ gegen den homophoben Eisverkäufer.

Schwul-lesbischer Protest bleibt offenbar notwendig. Er hat eine berühmte Entstehungsgeschichte: In einer heißen Sommernacht vor 40 Jahren, am 27. Juni, ging es los. Bei einer Polizeirazzia in einem von der Mafia kontrollierten Stricherlokal mit dem Namen „Stonewall Inn“in der Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village schlugen Schwule und Transen zurück. Noch nie zuvor hatten sie sich gegen die willkürlichen Übergriffe der Polizei gewährt, tagelang gab es Krawalle in der Stadt. Aus den Straßenschlachten wurde innerhalb weniger Wochen eine von Mittelstandshomos dominierte gut organisierte Bürgerrechtsbewegung. Nach dem Vorbild der Black Panther verstanden sich die Lesben und Schwulen der „Gay Liberation Front“ wie eine ethnische Gruppe, die wie andere in der multiethischen Gesellschaft der USA gleichbehandelt werden wollte. Die amerikanische Schwulenbewegung war damit von Anfang an auf die Erlangung von Bürgerrechten angelegt wie Antidiskriminierungsgesetze und die Homoehe (die es dort ironischerweise bundesweit bis heute nicht gibt).

Es begann mit einem Film

Ganz anders in Deutschland. Von dem, was in New York in jener Nacht auf der Straße passierte, bekam man hier zunächst nichts mit. Wegbereiter für die deutsche Schwulenbewegung in Westdeutschland war nicht Stonewall, sondern die Reform des Paragraphen 175 am 25. Juni 1969. Das aus dem preußischen Landrecht stammende und von den Nazis verschärfte Gesetz, stellte sexuelle Kontakte von Männern unter Strafe. In den 1950er Jahren in Westdeutschland noch massenhaft angewendet, so dass sich für Schwule in der BRD eine unheimliche Kontinuität von Nazi-Deutschland ergab, kam das Gesetz in den sechziger Jahren immer weniger in Gebrauch. Der gesellschaftliche Bruch mit den reaktionären Kräften der Nazizeit im Nachkriegsdeutschland, den die Studentenbewegung bewirkte, machte auch die Schwulenbewegung möglich.

Angefangen hat es mit einem Film: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim unter Mitarbeit des Sexualwissenschaftlers Martin Danneckers. Der Film war nach der Reform des Paragraphen 175 vom WDR in Auftrag gegeben worden und hatte 1971 auf den Filmfestspielen in Berlin Premiere. Er führte nicht nur zu heftigen Diskussionen, sondern auch zur Gründung der ersten Schwulengruppen in der BRD, und wurde damit zum Auslöser der Schwulenbewegung.

Mainstream geht auf die Straße

Anders als in den USA war die deutsche Schwulenbewegung anfangs keine Bürgerrechtsbewegung, es ging nicht um Antidiskriminierungsgesetze oder Homoehe. Intellektuell in der Studentenbewegung beheimatet, wurde der „Nebenwiderspruch Homosexualität“ innerhalb eines größer angelegten Plans zur gesellschaftlichen Veränderung angegangen. Praunheims Film machte das klar: Mit mitleidlosem Blick präsentierte er Schwule als verkrachte Existenzen infolge der gesellschaftlichen Umstände. Die Selbstentfremdung der im Zynismus Zuflucht suchenden Tunte konnte durch keine noch so selbst bewusste Identitätspolitik wettgemacht werden. Schwule, die sich befreien wollten, mussten gleich die Befreiung der ganzen Gesellschaft wollen. Drunter ging es nicht.

Homoehe und Adoptionsrecht waren in den siebziger Jahren jedenfalls kein Thema. Im Gegenteil, Schwulsein wurde im Sinne des Philosophen Gilles Deleuze und des Psychiaters Félix Guattari als anti-bürgerlicher, anti-familiärer Impuls begriffen, dessen Freiheitsversprechen sich mit anderen Formen der Minderheitenpolitik verknüpfen ließ, um normative Herrschaftsregimes zu durchbrechen. Das „homosexuelle Verlangen“, von dem Guy Hocquenghems schwulenpolitische Aneignung der Psychoanalyse sprach, sollte als revolutionärer Stachel die bürgerliche Scheinmoral attackieren.

Während sich Teile der Studentenbewegung in den Siebzigern politisch radikalisierten, manifestierte sich die linksradikale schwulenpolitische Haltung höchstens als akademische oder künstlerische Außenseiterposition und konnte die schwulen Massen nicht mitreißen. Dafür ging jetzt der schwule Mainstream auf die Straße. Mit zehn Jahren Verspätung hatte der amerikanische Mythos von Stonewall die Bundesrepublik erreicht. 1979 fand der erste Christopher-Street-Day (CSD) auf dem Berliner Ku‘damm statt, benannt nach der Straße in New York, in der sich das Stonewall-Inn-Lokal befand. Für die Vordenker der Schwulenbewegung wie Martin Dannecker war damit die Bewegung praktisch tot, bevor sie begonnen hatte. Die Debatte über Politik oder Party ist so alt wie der CSD selbst.

Schwulenfeindliche Stereotypen durch Aids reaktiviert

In den Achtzigern hatte man allerdings andere Sorgen. Gerade war das schwule Selbstbewusstsein gesellschaftlich auch sichtbar geworden, Spiegel und Stern lieferten schon mal ein schwules Titelbild, drohte es schon wieder zu verschwinden. Schließlich wurde mit dem Aufkommen von HIV und Aids (das Virus wurde 1984 identifiziert) die ganze Palette schwulenfeindlicher Stereotypen reaktiviert. Deren Grundannahme war stets, Homosexualität selbst als Krankheit zu verstehen.

Unter dieser realen Bedrohung war man dankbar für die liberalchristliche Ethik einer Rita Süssmuth (CDU), der es als Bundesgesundheitsministerin gelang, das Tabuthema Homosexualität im gesundheitspolitischen Diskurs auf vernünftige Weise zu etablieren. Die schrillen Stimmen von Politikern wie Peter Gauweiler (CSU), der HIV-Infizierte in Lager sperren lassen wollte, setzten sich nicht durch. Im internationalen Vergleich wird die Aids-Prävention in Deutschland seitdem als Erfolgsgeschichte gewertet - auch wenn die Infektionszahlen zur Zeit nicht zurückgehen. Das Trauma der ersten Aids-Jahre hatte allerdings seine Spuren hinterlassen.

"Schwul" als Widerstandsformel

Die Schwulen hatten gemerkt, wie verletzbar sie als Minderheit immer noch waren. Nicht zuletzt mit der Erfahrung von Aids verloren deshalb die radikaleren sexualpolitischen Positionen, die das Andere des schwulen Sex stolz feierten – Promiskuität, alternative Partnermodelle – ihren Zuspruch. Als eine Frage des Überlebens wurde Schwulen- und Lesbenpolitik in Deutschland eine Assimilierungsbewegung. Die bürgerliche Gesellschaft war nicht länger das Feindbild, man wollte dazugehören. Was in den USA von Anfang an der Fall war, setzte sich nun tatsächlich auch hier durch: Schwule forderten keine andere Gesellschaft, sondern die gleichen Bürgerrechte. Mit der Gründung des Lesben- und Schwulen-Verbands Deutschland (LSVD) 1990 hatten endgültig die moderaten Kräfte die Meinungsherrschaft der deutschen Schwulenbewegung übernommen. Für die radikale Linke war zeitgleich mit dem Mauerfall damit auch die deutsche Schwulenbewegung endgültig am Ende.

Das Phänomen des CSD als Großveranstaltung ging in den 1990ern allerdings erst richtig los. Das Jahrzehnt, in dem sich auf der Loveparade die Ecstasy-schluckenden Kids versammelten, machte auch den CSD zu einem weiteren Pflichttermin im Festival-Kalender. Einerseits ging es mehr denn je darum, den schwulen Körper als einen selbstbewussten (und gesunden) Körper zu propagieren. Die Umzüge halbnackter Menschen durch deutsche Großstädte waren stets auch ein Beweis, dafür, dass Schwule überlebt hatten. „Politik“ hieß hier auch, sich selbst sichtbar in Szene zu setzen – eine Strategie, die Schwule seit den Tagen von Disco auf dem Dancefloor gelernt hatten.

In der Mitte der Gesellschaft

Auf der Straße ging das spezifisch Schwule beim Feiern allerdings schnell verloren, denn in der postmodernen Spektakelgesellschaft ist aggressiver Hedonismus längst konsensfähig geworden – jedenfalls als Ausnahmezustand mit Festivalcharakter. Bessere Konsumenten als Partypeople gibt es nicht. Zugleich begannen nicht nur schwule Firmen Homos als Käuferschicht zu entdecken. Wenn auch mit größerer Zurückhaltung als in angelsächsischen Ländern, wollen inzwischen auch deutsche Unternehmen, von Beiersdorf bis Deutsche Bank, nicht mehr auf das „Pink Money“ verzichten.

Bei der Kommerzialisierung der Schwulenszene wird der Schwiegersohnschwule zum Liebling der Werbewirtschaft. Eine ähnliche Debatte gibt es gerade auch anlässlich des ColognePride in Köln. Der Kölner Lesben- und Schwulen Tag (Klust), Veranstalter des Kölner CSD, hat in einer freiwillig verabschiedeten Charta Benimm-Regeln für die Straßenparade aufgestellt. Die Figur des Schwulen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, solange er bereit ist, nicht aggressiv als Schwuler aufzutreten. Ole von Beust (CDU), Guido Westerwelle (FDP), und in gewisser Weise auch Klaus Wowereit (SPD), sind dafür die besten Beispiele.

Bei soviel Konsensfähigkeit, die der Bundesrepublik im Herbst möglicherweise einen schwulen Außenminister beschert, lohnt es, sich noch einmal an die Kategorie „schwul“ als Widerstandsformel zu erinnern. In den USA ist das längst geschehen. Dort wurde inzwischen begriffen, dass die Schwulen-und Lesbenbewegung mehr sein muss als eine Bürgerrechtsbewegung mit Assimilationswunsch. Dafür steht die Vokablel„queer“ - „schräg“, „schwuchtelig“ - und wird in dieser Bedeutung stets als ein Instrument zum Angriff auf die heteronormative Gesellschaft eingesetzt, genauso wie auf die Normierungszwänge unter Lesben und Schwulen selbst. Damit ist queer nicht zuletzt auch eine Rückbesinnung auf die Anfänge der Schwulen- und Lesbenbewegung vor 40 Jahren.

Peter Rehberg, 1966 in Hamburg geboren, ist Chefredakteur der Zeitschrift Männer in Berlin. Zuvor unterrichtete er Deutsche Literatur und Queer Studies in den Vereinigten Staaten

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