Stand-up-Feminismus

Humor Die US-Komikerin Amy Schumer nutzt ihren Erfolg auch für feministische Botschaften
Solmaz Khorsand | Ausgabe 29/2015 3
Stand-up-Feminismus
Sieht erstmal sehr albern aus, hat es aber in sich: Amy Schumer in Aktion
Foto: Allen Berezovsky/Wire Image/Getty Images

Fick mich! Fick mich! Fick mich! So hört sich zurzeit Feminismus jenseits des Atlantiks an. Kommandiert wird er von einer stämmigen Blondine, die im Bademantel auf einem ausklappbaren Sofa eine Horde Männer in Handtüchern anbrüllt. Ihre Mission: ein feministischer Gang Bang. „Hört zu, Männer! Ihr penetriert nicht unsere Vaginen, sondern wir umstülpen eure Penisse“, erklärt sie. Doch die Männer wollen nicht umstülpt werden. Sie seien kein Stück Fleisch, behaupten sie. Und überhaupt: Anfangs wollte sie doch gar nicht. Erst als einige Männer quengelten, dass besagte Vagina gar nicht ihr Typ sei, verlangte die Blondine nach dem aktivistischen Gerammel. „Es klingt so, als würdest du gerne zum Objekt gemacht werden“, meint ein Teilnehmer. Die Frau hält inne. Der Mann hat recht. Dann explodiert ihr Kopf. Es ist das Ende der Episode „Gang Bang“ aus der Serie Inside Amy Schumer.

Seit drei Jahren läuft Inside Amy Schumer auf dem US-amerikanischen Sender Comedy Central. Lange war die Show ein Geheimtipp unter Nachtschwärmern, die ihren Suff mit der prolligen Blondine ausnüchtern konnten, während sie ihr Publikum mit anzüglichen Witzen durch die Nacht rülpste. Nun hat Inside Amy Schumer den Mainstream erreicht. Und Amy Schumer gilt nicht nur als neuer Star am US-Comedy-Himmel, sondern als feministische Jeanne d’Arc des derben Humors mit tiefer Note. In ihren Clips mimt die 32-jährige New Yorkerin das narzisstische Partydummchen, das für Karriere, Mann und Hollywood keine Demütigung ausschlägt, solange diese zum Erfolg führt.

Aber die Gesellschaftskritik folgt auf dem Fuß. Von der gläsernen Decke über die Vertuschung vom sexuellen Missbrauch im amerikanischen Militär bis hin zur Demontage des einstigen TV-Lieblings und mutmaßlichen Vergewaltigers Bill Cosby – Amy Schumer lässt kein Feld unbeackert. Am liebsten widmet sie sich aber ihren Geschlechtsgenossinnen. Wie sie ihre Minderwertigkeitskomplexe bis zur Perfektion pflegen, wie ihre Körper zur permanenten Kampfzone erklärt werden und wie sie sich seit einigen Jahren mit einer neuen Währung herumschlagen müssen: der „Fuckability“.

Nur wenn Frau fuckable ist – also wenn Mann sie penetrieren will –, dann hat sie auch einen Wert, sehr anschaulich dargestellt in der Episode „Last Fuckable Day“. Darin treffen sich die Schauspielerinnen Julia Louis-Dreyfus, Tina Fey und Patricia Arquette zu einem gediegenen Essen auf einer Waldlichtung. Schumer stößt zufällig beim Joggen auf die Runde und lässt sich einweihen in ihr eigenwilliges Ritual. Gefeiert wird Julia Louis-Dreyfus’ letzter Tag als Beischlafbegehrte. Lange hat Hollywood die 54-Jährige – bekannt aus den Serien Seinfeld und Veep – gewähren lassen. Nun ist es so weit: Sie hat ihr Ablaufdatum erreicht. Endlich kann sie hemmungslos schlemmen, rülpsen und furzen, denn die Rollen, die ihr ab dem heutigen Tag angeboten werden, wird sie ohnehin nur noch in bodenlangen Pullovern als asexuelle Ehefrau und Mutter eines behinderten Kindes absolvieren.

Der Fuckability-Test

Auch Schumers eigene Fuckability steht immer wieder zur Debatte. Hat sie es überhaupt verdient, eine eigene Serie im Fernsehen zu bekommen? Ist sie hübsch genug dafür? Dünn genug? Sind ihre Brüste fest genug und ihr Hintern ausladend genug? Alles Fragen, denen in dem Clip „Focus Group“ auf den Grund gegangen wird. Darin soll eine Gruppe Männer die Show beurteilen. Ihr Fazit: „Ich würde sie schon ficken, aber nur, wenn es keiner erfährt.“ Schumer beobachtet die Szene hinter einer verspiegelten Wand. Sie ist glücklich. „Einige haben gesagt, dass sie mich flachlegen würden“, sagt sie und lächelt zufrieden. Sie hat den Fuckability-Test bestanden.

Inside Amy Schumer ist die einzig konsequent feministische Serie im Fernsehen. Fast jeder Sketch behandelt in gewisser Hinsicht genderpolitische Fragen“, schwärmt Kritikerin Willa Paskin im US-Magazin Slate. Dabei reiht sich Amy Schumer ein in eine junge Tradition weiblicher Comedians, die raffiniert feministische Inhalte unters Volk bringen – und von der Masse nicht nur akzeptiert, sondern auch angehimmelt werden. Egal, ob sie es liebenswert kumpelhaft tun wie die Parade-Freundinnen von nebenan, Tina Fey und Amy Poehler, die Granden der Kult-Comedy-Sendung Saturday Night Live; wabbelig nackt wie Girls-Wunderkind Lena Dunham, die Stimme einer Generation; besoffen derb wie die Enfants terribles des amerikanischen Abendprogramms, Chelsea Handler und Sarah Silverman, die als Erste den Fotzenhumor für ein Millionenpublikum salonfähig gemacht haben, oder dauerbekifft abgeklärt wie Ilana Glazer und Abbi Jacobson aus dem Girls-Nachfolge-Hit Broad City, einer Serie über zwei prekäre Mitzwanzigerinnen in New York.

Weibliche Comedians haben einen großen Auftrag. Ihre Fans wollen nicht nur Künstler sehen, sondern verlangen nach Vorbildern, meint Emily Nußbaum in einem aktuellen Porträt über Amy Schumer im Magazin The New Yorker. Während Schumers männliche Kollegen einfach nur lustig sein können, erwartet man von den Frauen auf der Bühne eine Agenda. Sie sollen den Finger auf jede Wunde legen, mit der frau seit Anbeginn der Zeit zu kämpfen hat. Und die meisten tun das auch. Schumer gilt als besonders begnadet dabei.

Das Feuilleton jubelt und ist überrascht. Denn Schumer ist nicht nur bei Frauen beliebt, sondern auch bei Männern. Der Grund: Sie ist nicht bedrohlich. Sie mimt den Trampel, die Schlampe, den Saufkumpan – und mischt so ihre Botschaft shot-gerecht unter eine johlende Männermasse. „Sneaky Feminism“ – schleichender Feminismus – nennen das die Experten. So ist Schumer ein Wolf im kurzen Glitzerpelz, von dem man sich schon einmal sagen lässt, dass Vergewaltigungen uncool sind.

Auch diesseits des Atlantiks probieren sich Frauen zunehmend im feministischen Fotzenfach. Nach Ladykracher-Mutter Anke Engelke und Hella van Sinnen, der Walküre im Jogginganzug, heißt die jüngste Vertreterin im deutschsprachigen Raum Carolin Kebekus. Als „dreckiges Hirn im putzigen Frauenkörper“ beschreibt die Süddeutsche Zeitung die 35-jährige Kölnerin großväterlich. Eine hübsche Frau, die in ihrem Soloprogramm Pussyterror über Titten und Masturbieren spricht und sich selbst „Mushido“ nennt, gilt in Deutschland dann schon fast als Sensation.

Eher konsensorientiert

Hie und da übt sich Kebekus in Gesellschaftskritik, dann, wenn sie beispielsweise als rappende Nonne in einem Musikvideo dem Herrn für ihre Angst vor Schwulen dankt und dabei einen hölzernen Jesus ableckt – ein Clip, der vom öffentlich-rechtlichen Sender WDR, auf dem ihre Show lief, 2013 kurzerhand aus dem Programm verbannt wurde. Doch das große Ganze bleibt bei Caroline Kebekus trotz Fäkalsprache konsensorientiert, spröde und mitunter langweilig. Ihre Gesellschaftskritik ist nicht vergleichbar mit der Performance der Kolleginnen aus Amerika.

Ansonsten hält frau sich an dieser Front im deutschsprachigen Raum weitgehend zurück. Meist tauchen witzige Frauen im Fernsehen lediglich in männerdominierten Runden auf und versuchen obskure Gegenstände zu erraten, während ihre haarigen Sitznachbarn mit Bauchansatz Genitalwitze zum Besten geben. Die anderen tummeln sich auf kleinen Kabarettbühnen. Der breiten Masse bleiben diese Frauen fremd. Ihr Konterfei ziert keine U-Bahnen wie jenes von Amy Schumer in der New Yorker Subway. Dabei wäre auch hierzulande ein lautes feministisches „Fick mich“ längst überfällig.

Solmaz Khorsand ist Redakteurin der Wiener Zeitung, wo dieser Text zuerst erschien

06:00 20.07.2015

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