„Steht auf und kämpft“

Porträt Michael Braungart ist Chemiker und Mitgründer der Ökobewegung. Er findet, nach Corona muss Fridays for Future radikaler werden

Ein Dienstag in Hamburg, als man sich noch ganz sorglos treffen konnte. Michael Braungart lässt auf sich warten. Im Besprechungsraum seines Umweltinstituts, das im fünften Stock eines geschichtsträchtigen Backsteingebäudes an der Trostbrücke in der Altstadt liegt, steht Kaffee aus der Thermoskanne bereit. Braungart hat EPEA in den achtziger Jahren gegründet, er hatte visionäre Ideen und wollte sie vernetzen, ein „internationaler Innovationspartner für umweltverträgliche Produkte, Prozesse, Gebäude und Stadtquartiere“ sein.

Aus dem Fenster, das nach Westen geht, kann man die Turmruine der St.-Nikolai-Kirche sehen – ein Mahnmal des Zweiten Weltkrieges. Presslufthämmer dröhnen, Abrissbagger wühlen im Beton. Die letzten Teile des klassizistischen Commerzbank-Gebäudes werden gerade zerlegt.

In Braungarts Bücherregalen reihen sich Titel wie Environmental Impact Review, Humanökologie, Gesundes Wohnen, Green Chemistry und Pesticide Manual aneinander. In einem Wandgerüst finden sich gelbe Turnschuhe, Garnrollen, Tücher, Männercremes, Putzmittel und ein verpackter Pyjama: Modell Livergy. Da kommt Braungart mit Elan durch die Tür. Kurzer Händedruck. Sein Ringfinger ist – wegen eines Sehnenrisses – mit einer Metallkappe umhüllt.

Braungart kommt schnell zur Sache. „Dieser Schlafanzug, den Lidl vertreibt, ist mit dem von uns entwickelten weltweit ersten Textildruck ausgestattet, der sich komplett kompostieren lässt“, sagt er und zieht den Pyjama aus der Verpackung. „Hergestellt wird er in Bangladesch, an einem paradiesischen Ort inmitten der absoluten Apokalypse.“

Es sind mittlerweile rund 400 Produkte, an deren Entwicklung und Produktion Braungart und sein 40-köpfiges Institut in der Vergangenheit beratend beteiligt waren. Der Schlafanzug ist eines davon.

Ist die Welt noch zu retten? „Klar, ist die Welt zu retten. Sie geht ja nicht kaputt, sie geht auch nicht zugrunde“, sagt Braungart. Er wirkt vitaler als im Fernsehen, wo man ihn zuletzt in der Talkshow Hart aber fair sehen konnte. Es ging da um den Klimawandel. Er hatte verwirrende Statements abgegeben, Greta schütze die Umwelt nicht, nur weil sie mit dem Zug fährt – das sei kein Schutz sondern nur weniger Zerstörung. „Wenn wir die Zerstörung weiter fortsetzen, dann werden im Worst Case zwei Milliarden Menschen übrig bleiben“, prognostiziert Braungart: „Fast alle Tiere, die uns sympathisch erscheinen, werden sterben, aber die Welt wird es weiterhin noch geben.“ Es ist Braungarts wiederkehrende Botschaft: „Schlecht ist nicht gut, sondern vom Schlechten nur weniger.“ Derjenige, der sage, „keinen Müll mehr produzieren“, der denke letztlich immer noch an Müll und brauche umso mehr einen radikal neuen Denkansatz, um neues Handeln zu ermöglichen und moderne Gesellschaften grundlegend neu zu gestalten. Braungart will weg vom Abfalldenken hin zu Nährstoffen in Kreisläufen. Anfang der neunziger Jahre hat er „Cradle to Cradle“ erfunden, das Kreislaufprinzip (siehe Kasten). Seither ist er eine Größe unter Umwelttheoretikern.

Die alte Angriffslust

Braungart, 1958 geboren, wuchs im schwäbisch-hohenlohischen Jagsttal mit vier Geschwistern auf. Seine Mutter war Lehrerin, „die Einzige von zwölf Kindern, die in ihrer Bauernfamilie studieren durfte“, sagt er. Sein Vater war ein schwäbischer Schulrektor, die bildungsbürgerliche „Eitelkeit“ sei ihm in die Wiege gelegt worden. Er engagierte sich als Jugendlicher in der Anti-Atomkraft-Bewegung und gründete 1978 mit dem Bestsellerautor Herbert Gruhl und anderen die „Grüne Aktion Zukunft“, eine Vorgängerpartei der Grünen. Wie vielen in seiner Generation sei ihm Anerkennung wichtiger gewesen als Geld. Er war Teil dieser damaligen ökologischen Protestbewegung und studierte Chemie. Braungart hatte den Bericht des Club of Rome gelesen, Die Grenzen des Wachstums, und wusste: Bald wird gar nichts mehr existieren, wenn wir so weitermachen. Ausgerechnet die klassische Chemie, die Disziplin, die spätestens nach der verheerenden Chemie-Katastrophe im indischen Bhopal, wo mehr als 25.000 Menschen starben, den Ruf verloren hatte, noch was für die Welt tun zu können. „Ja, und weil dieses schlechte Image lange vorhielt, fehlt uns mittlerweile eine ganze Generation von Chemikern, die in der Lage wäre, die Warenwelt neu zu konzipieren“, sagt Braungart. „Allerdings verstehen diejenigen Chemiker – und das wusste schon der Universalgelehrte Georg Christoph Lichtenberg im 18. Jahrhundert –, die nur Chemie verstehen, gar nichts.“

Seine Frau Monika Griefahn, die einstige Königin von Greenpeace, lernte er Mitte der 1980er Jahre kennen. Als Student protestierte er gegen die Verklappung von Dünnsäuren in der Nordsee, während Monika Griefahn in den Reihen der deutschen Sektion von Greenpeace aktiv war. Braungart baute dort den Bereich Chemie mit auf, promovierte und ließ sich auf Aktionen verprügeln. Dann heiratete er Monika Griefahn. Sie war machtbewusst, wurde Geschäftsführerin der NGO. Gerhard Schröder holte Griefahn später als Umweltministerin nach Niedersachsen – und Braungart gründete sein Umweltinstitut. Um die Jahrtausendwende saß Griefahn für die SPD im Deutschen Bundestag. „Ihr Vater war Viehhändler im Schlachthof von Essen. Sie hatte eine unglaubliche Kraft, aufsteigen zu wollen“, sagt Braungart, es klingt bewundernd. Das Paar bekam drei Kinder. Ihr Sohn verstarb vor einigen Jahren an einem Krankenhauskeim. Wie sehr ihn das mitgenommen hat, will er gar nicht verstecken. „Wenn Sie ihre Eltern verlieren, wenn Ihre Freunde sterben, dann ist das schon schlimm, aber wenn Ihr eigenes Kind stirbt, dann geht alles verloren, Sie verlieren den Boden unter den Füßen. Sie haben einfach keine Kraft mehr, auf Leute zuzugehen.“

Er habe erst jetzt, nach vielen Jahren, wieder zu alter Angriffslust zurückgefunden, meldet sich öffentlich wieder mehr zu Wort. Beispielsweise mit einer deutlichen Kritik an der Klimabewegung Fridays for Future und deren Heldin Greta Thunberg. Den „Klimanotstand“ auszurufen, das findet Braungart ziemlich vermessen. „Man muss sich das mal vorstellen, welche Rechte der Mensch dabei verliert.“ Ohne Donald Trump sei Greta gar nicht möglich gewesen, ohne ihn hätte Endzeitstimmung keine Bedeutungshoheit.

Man muss unvermeidlich an Corona denken, die andere Katastrophe. „Die nimmt im Moment die Vitalität weg, die wir eigentlich brauchen würden, um unser Industrie-System umzubauen“, sagt er, als wir uns später noch einmal unterhalten. „Durch die wirtschaftlichen Folgen werden viel mehr Menschen sterben als durch Corona – hauptsächlich in Schwellen- und Entwicklungsländern. Das steht in keinem Verhältnis“, das ist seine Sicht.

Generation von Narzissten

Schläft Fridays for Future jetzt ein? Die Bewegung könnte durch die Corona-Krise noch radikaler werden, sagt er, „weil Menschen begreifen, dass man Geld nicht essen kann“. Für Braungart wäre das der richtige Weg. Statt zu diskutieren und vor den Rathäusern zu demonstrieren, solle man kämpfen: „Die Zeit des Diskurses ist doch endgültig vorbei. Jetzt gilt es nur noch zu handeln.“ Er gerät in Fahrt: „Wenn ich die Demos von Fridays for Future erlebe, sehe ich eine Generation von Narzissten, die meinen, sie seien die Besten und die Schönsten. Und das Unverschämteste: Die glauben das tatsächlich auch noch.“ Selbstverliebtheit ist ihm selbst nicht ganz fremd, er sei auch ein bisschen Narzisst, räumt er ein. „Für eine Talkshow verschiebe ich eine Reise nach Taiwan. Wie doof ist das denn?“

Die selfiemediale Welt bewirke kaum etwas, sagt er. Es zeige sich das Gegenteil. „In Wahrheit gibt es doch gar kein Interesse an Veränderung. Solange wir forschen können, brauchen wir auch nicht handeln“, sagt er und redet von der deutschen Forschungslandschaft, die sich beispielsweise damit rühme, mit vielen Millionen Euro ein Forschungsschiff in die Arktis zu schicken, um dort den Treibhauseffekt zu erkunden. Als wäre das Phänomen neu. „In Wirklichkeit wollen wir in der Forschung nichts ändern, sondern eigentlich nur Folgeanträge stellen.“

Braungart hat in den neunziger Jahren an amerikanischen Universitäten wie Pittsburgh unterrichtet, heute lehrt er an der Universität Rotterdam und an der Leuphana-Uni in Lüneburg das Cradle-to-Cradle-Prinzip. Er sagt das aus Erfahrung. Es klingt fast zynisch, wenn er über PVC und dessen Folgen für die menschliche Gesundheit referiert. „Die Weichmacher verursachen Unfruchtbarkeit und Schilddrüsenkrebs. Das wissen wir doch alle. Und dann begegne ich Grünen-Chef Robert Habeck in Berlin mit seiner recycelten PVC-Tasche.“ Braungart schüttelt den Kopf. Die Grünen, seien „zur Wellnesspartei verkommen“, sagt er. Dass nun ausgerechnet seine Frau als SPD-Herausforderin um den Bürgermeisterposten in ihrem Heimatort Mülheim an der Ruhr gegen die Kandidatin der Grünen antritt, die die Räumung des Hambacher Forsts zu verantworten habe – er sieht es als kleinen Triumph.

Mit Mülheim schließt sich nicht nur für seine Frau ein Kreis. Es ist der Ort großer Unternehmen wie Thyssen und Lidl, dem Unternehmen, mit dem er das Pyjama-Projekt auf den Weg gebracht hat. Und der, wo am einstigen Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohlenforschung und heutigen Max-Planck-Institut die Fischer-Tropsch-Synthese erfunden wurde, ein großtechnisches Verfahren, bei dem Steinkohle verflüssigt und u. a. zu synthetischen Kraftstoffen verarbeitet wird. Braungart kommt zum Kohlenstoff, dem entscheidenden Stoff in allen Klimadiskursen. „Den holen wir uns einfach aus der Atmosphäre wieder zurück“, sagt er. Und meint: Der Kohlenstoff im Kohlendioxid in der Luft wird von Pflanzen eingeatmet. Pflanzen wachsen, sterben und reichern am Ende den Boden (Humus) mit Kohlenstoff an. Es sind aber auch technische chemische Verfahren denkbar, die in der Lage wären, das CO2 aus der Luft zu extrahieren, allerdings sehr teuer und aufwendig. In Dubai (ausgerechnet) haben er und seine Mitstreiter ein neues Projekt begonnen, bei dem nur noch Kunststoffe produziert werden sollen, die ihren Bedarf an Kohlenstoff allein aus der Atmosphäre ziehen dürfen.

Sein Post-Corona-Szenario? „Es könnte sein, wir werden wie nach der deutschen Wiedervereinigung Umwelt und Gesundheit als eine Art Luxus ansehen und es wird wie nach der Finanzkrise das Bestehende mit Abwrackprämien und anderen Subventionen wiederbelebt“, sagt er. Er hält das für wahrscheinlich. Es gebe aber auch eine kleine Chance, dass Umwelt als Innovationschance begriffen und Cradle to Cradle deshalb sehr zielstrebig umgesetzt wird. Braungart ist noch immer Optimist.

Essbare Möbelbezüge

Kreislauf Das Prinzip von Cradle to Cradle – wörtlich übersetzt „von Wiege zu Wiege“ – basiert auf dem Ansatz einer ganzheitlichen Kreislaufwirtschaft. Prof. Dr. Michael Braungart hat es zusammen mit dem amerikanischen Architekten William McDonough Anfang der 1990er Jahre ins Leben gerufen.

Nach dem Cradle-to-Cradle-Konzept dürfen Waren, Produkte, Häuser und Maschinen nicht in die Mülltonne und auch nicht auf der Deponie landen, sondern sie sollen im Kreislauf des Wirtschaftens, des dauerhaften Benutzens bleiben. Beispiel Kirschbaum: der produziert, ohne die Umwelt zu belasten. Sobald Blüten und Früchte zu Boden fallen, werden sie zu Nährstoffen. Abfall ist Nährstoff, so lautet Braungarts Formel. Dafür bedarf es allerdings kreislauffähiger Produkte. Die meisten unserer Gebrauchsgegenstände sind dagegen nicht mehr biologisch abbaubar, sondern ein Mix aus unterschiedlichen chemisch-technischen Materialien, wie etwa bedruckte T-Shirts aus Synthesefasern, Filterzigaretten, Milchpackungen oder Packband, aber auch Autos oder Häuser. Die Befürworter des Cradle to Cradle wollen Produkte, Verpackungen, Kunststoffprodukte oder Geräte schon bei ihrer Entstehung so kreieren, dass sie leicht in eine Recycling-Wirtschaft integrierbar sind. Braungart hat unter anderem für eine Schweizer Firma ein Patent für „essbare Möbelbezugsstoffe“ entworfen.

Die High-Tech-Kunstfaser Climatex ist kompostierbar, biologisch kreislauffähig und flammhemmend – ausgezeichnet mit dem Schweizer Designpreis und ausgestellt im New Yorker Guggenheim-Museum. In London wurde dem Cradle-to-Cradle-Konzept sogar eine komplette Ausstellung gewidmet.

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06:00 26.05.2020

Ausgabe 27/2020

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