Steinerne Gäste

Fünftes Weltsozialforum in Porto Alegre Die Karawane umkreist ihre Gravitationsfelder und zieht weiter nach Afrika

In Porto Alegre lassen sich jene Menschen treffen, deren e-mails man mitunter seit Jahren erhält, oder viele Prominente hören und erleben, deren Bücher man immer schon lesen wollte. Die Kommunikation, wie sie ein Weltsozialforum anbietet, kann kein Internet ersetzen, auch wenn die Teilnehmer aus mehr als 150 Ländern für ein fast babylonisches Sprachgewirr sorgen.

Aber die Vielfalt der Sprachen ist schließlich ein Kulturerbe, mit dem sich wuchern lässt - und so gibt es zum "linguistic genocide" auf diesem V. Weltsozialforum gleich mehrere Kolloquien, ermöglicht nicht zuletzt von dem so aufopferungsvoll wie honorarfrei arbeitenden Übersetzerkollektiv Babels. Mit einem berührenden Engagement versuchen die wenigen professionellen und die vielen Hobby-Dolmetscher das Knäuel der Sprachen zu entwirren, auch wenn es ihnen viel zu häufig an der erforderlichen Technik fehlt. Engagement allein reicht nicht aus, es müssen auch Mittel vorhanden sein, um dem Engagement die notwendige Infrastruktur zu geben. Wäre es daher nicht sinnvoll, etwa unter Ägide der UNESCO zur Erleichterung der Kommunikation zwischen den Völkern eine Art "Abgabe" von fünf Cent pro Buch oder Zeitschrift in englischer Sprache zu erheben? Daraus könnte ein Fonds gebildet werden, aus dem Übersetzungen in andere und zwischen anderen Sprachen finanziert werden.

Die Welt des Forums bleibt ein Abbild der Welten, aus denen die Menschen kommen

Wie auch immer - auf einem Weltsozialforum dieser Dimension müssen Übersetzungen aller Statements und Interventionen präsent und zugänglich sein, ansonsten wird das Treffen seine Attraktivität verlieren, obwohl die Bewegung keineswegs stagniert. In Porto Alegre haben sich 120.000 Menschen aus allen Weltregionen getroffen, mehr als jemals zuvor. Sie haben weder Mühen noch Kosten gescheut, um beim Weltsozialforum dabei zu sein. Dafür gibt es vor allem ein Motiv - bis heute ist so gut wie keines der Probleme gelöst, die einmal dazu geführt haben, dass eine globalisierungskritische Bewegung von globalen Ausmaßen entstand: Die Welt ist nicht friedlicher geworden. Die amerikanische Supermacht hält den Irak besetzt und droht mit neuen Kriegen. Die Welt ist nicht gerechter geworden. Die hehren Millenniumsziele der Vereinten Nationen zur Halbierung der Armut in Afrika sind hinfällig. Soziale Sicherheit fällt gekürzten Staatshaushalten und neoliberalen Dogmen zum Opfer. Die Zerstörung der Natur des Planeten Erde schreitet voran.

In Brasilien, dem Land der Gastgeber des Sozialforums, erscheinen die sozialen Klüfte noch immer sehr viel tiefer als anderswo, auch unter der Regierung des linken Präsidenten Lula da Silva hat sich daran nichts geändert. Die Arbeitseinkommen bleiben zurück, eine Finanzkrise bei einem gefährlich hohen Zinsniveau von 18 Prozent ist nicht auszuschließen.

Die akute Bedrohung dessen, was im UN-Jargon "menschliche Sicherheit" genannt wird, erklärt den galoppierenden Zuspruch, den ein Weltsozialforum findet, auch wenn das Bedürfnis nach einem besseren Verständnis der Welt manchmal durch seichte und esoterische Angebote befriedigt wird. Gerade auf einem solchen Treffen ziehen die abgehobensten Theorien Tausende in ihren Bann - die Welt von Porto Alegre bleibt ein Abbild der Welten, aus denen die Menschen kommen. Ein Thema wird dabei die Linke in den nächsten Jahren weltweit mehr denn je beschäftigen müssen: die "solidarische Ökonomie". Dazu gehören Genossenschaften im ländlichen Raum wie in Brasilien, demnächst möglicherweise in Venezuela, das fundamentale Recht auf angemessenen Wohnraum, die Vergabe von Mikrokrediten für soziale Projekte, Sinn oder Unsinn von Tauschringen.

Die "solidarische Ökonomie" avanciert deshalb zum globalen Thema, weil neoliberal begründeter Freihandel seine Wohlfahrtsversprechen nicht einlöst. Der "Neoliberalismus von unten" - sprich: die Ausdehnung des Konkurrenzprinzips -, indem jeder, auch im informellen Sektor, seinem Unternehmergeist freien Lauf lässt, ist erst recht gescheitert. Die "solidarische Ökonomie" erweist sich daher als Alternative zur globalen Konkurrenzökonomie. Bei den Debatten darüber in Porto Alegre bestehen kaum Zweifel, diese alternative Wirtschaft kann keine Insel im wütenden Meer des kapitalistischen Weltmarkts sein, sie bedarf staatlicher Hilfe.

Diese Ansätze verschweigt ein Manifest, dessen Urheber für sich beanspruchen, sie hätten damit den "Konsens von Porto Alegre" formuliert, darunter Ignacio Ramonet von der Zeitung Le Monde Diplomatique, der "Begründer" des Weltsozialforums, Samir Amin aus Dakar oder Walden Bello vom Focus on the Global South in Bangkok. Diese Honoratioren haben mit anderen einen Katalog von Forderungen veröffentlicht, von denen sie meinen, darin widerspiegele sich der Konsens der 120.000: Sie verlangen eine Tobin-Steuer, das Ende aller Steueroasen, Schuldenstreichung für die Ärmsten, eine solidarische Vermögensteuer weltweit, den garantierten Zugang zu sauberem Trinkwasser für jeden. Leider wird mit diesem Konsens von oben die Philosophie der horizontalen Vernetzung des WSF missachtet, auch wenn allen Positionen der Prominenten zuzustimmen ist.

Vielleicht haben die Großen des Forums ihren Konsens lanciert, weil im Juli Gespräche mit den Repräsentanten des Weltwirtschaftsforums von Davos in Paris stattfinden sollen. Präsident Lula, der zuerst in Porto Alegre ist, um von dort nach Davos zu fliegen, rät dem WSF - und erntet dafür Pfiffe -, mit den Reichen und Mächtigen der Welt zu reden, wenn es seine Ziele durchsetzen wolle. Das das parallel in der Schweiz tagende Weltwirtschaftsforum von Davos scheint wie der steinerne Gast aus Mozarts Don Giovanni auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre präsent zu sein und umgekehrt. Doch wozu sollen Gespräche führen? Das Weltsozialforum läuft Gefahr, von den federführenden ökonomischen und politischen Machtkonglomeraten vereinnahmt zu werden, auch wenn niemand bestreiten kann, dass nach fünf Jahren Weichen neu gestellt werden müssen.

Soll das Forum in Porto Alegre bleiben? Über 82 Prozent der Bevölkerung dieser Millionenstadt haben sich dafür ausgesprochen. Das ist beeindruckend, nachdem erst vor wenigen Wochen die linke Stadtregierung abgewählt wurde. Doch 2007 soll eine Stadt in Afrika zum Zuge kommen. Es gibt inzwischen kontinentale und nationale Foren in Europa, Asien, Lateinamerika und Afrika. Deshalb erscheint es sinnvoll, nur noch im Abstand von zwei Jahren große Weltsozialforen zu veranstalten.

Eine andere Welt ist möglich, aber sie zu ermöglichen, bleibt mühevoll und langwierig. Das ist wie schon in den Jahren zuvor die entscheidende Erfahrung, die sich aus Porto Alegre mitnehmen lässt.


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00:00 04.02.2005

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