Stimmung macht Zukunft

Barometer Börsenkurs Der Zukunftsforscher John L. Casti will einen Schlüssel für fundierte Prognosen gesellschaftlicher Entwicklungen gefunden haben

Ein gutes Dutzend wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Bücher hat John Casti schon geschrieben. Die meisten davon - wie Szenarien der Zukunft - wurden internationale Bestseller mit bis zu sechsstelligen Auflagenzahlen rund um den Globus. Doch nun ist der Mathematiker aus den USA überzeugt, dass er den Stoff für einen Megaseller hat. Das Manuskript ist zwar noch nicht fertig, Casti kann sich aber vorstellen, dass sich sein nächstes Buch so gut verkaufen wird, wie all seine anderen Bücher zusammen. Warum? Weil er zu wissen glaubt, wie Geschichte passiert. Und damit auch die Zukunft.

John Casti ist ein viel beschäftigter Mann, und das natürlich rund um die Welt, wie es sich für einen Angehörigen des wissenschaftlichen Jet-Sets gehört. Einen Tag vor unserem Treffen im Café Griensteidl in der Wiener Innenstadt war er in London, zuvor in Santa Fé in New Mexico, seiner eigentlichen Heimat, wo er auch ein Haus und einen Hund hat. Und eine Garage, in der ein roter Lamborghini Countach, Baujahr 1977, steht. "Einen aus der Originalserie, von der 150 Stück produziert worden waren", wie der sportlich wirkende Sechzigjährige stolz anmerkt.

Nach einem Mathematik-Studium begann Castis Karriere bei der legendären US-amerikanischen RAND Corporation, die im Bereich der Militärforschung höchst innovative Projekte und erstmalig systematische Zukunftsstudien durchführte. Im sonnigen Kalifornien hielt es den umtriebigen Forscher aber nicht lange: 1974 heuerte er als einer der ersten Forscher am damals neu gegründeten International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg bei Wien an. Was sich bei diesem Sprung über den großen Teich nicht veränderte, war seine Arbeit in interdisziplinären Forschungsprojekten zur Lösung globaler sozialer und ökologischer Probleme.

1986 wurde Casti Professor an der TU Wien und begann, seine wissenschaftlichen Kenntnisse für Studenten und interessierte Laien aufzubereiten. Mit Paradigms Lost (dt.: Verlust der Wahrheit) schrieb er seinen ersten populärwissenschaftlichen Bestseller, zahlreiche weitere sollten folgen, unter anderem Szenarien der Zukunft, in dem er sich mit der Prognostizierbarkeit des Wetters, der Börsenkurse oder des Ausbruchs von Kriegen beschäftigt. Castis damaliges Resümee: Während wissenschaftliche Vorhersagen in der Astronomie - wo wird der Jupiter in einem Jahr stehen - sehr genau sind, sind sie in komplexen Systemen wie Wirtschaft und Gesellschaft nahezu unmöglich.

Doch nun glaubt er, den Schlüssel gefunden zu haben, wie sich auch unser aller Zukunft prognostizieren lässt. Die Forschungsrichtung dazu heißt Sozionomik, die bereits Ende der siebziger Jahre vom Soziologen Robert R. Prechter entwickelt worden war - und einen Bruch mit den herkömmlichen Annahmen von Ursache und Wirkung fordert. "Während man in der Physik davon ausgeht, dass sich ein Ding nur dann bewegt, wenn es eine externe Kraft gibt, so ist es in der sozialen Welt genau umgekehrt", behauptet Casti. Und dann verrät er die sowohl einfache wie revolutionäre Grundthese dieses Ansatzes: "Es ist die gesellschaftliche Stimmung, die Handlungen bewirkt. Und nicht umgekehrt." Konkret gesagt: Egal, ob Präsidentenwahlen, die Modetrends oder der Beginn von Kriegen - alles Handeln lässt sich für die Sozionomiker und Casti letztlich auf die gesellschaftliche Stimmung zurückführen. Und das ist es auch, was er in seinem nächsten Buch How History Happens, also "Wie Geschichte passiert", zeigen will.

Die Frage allerdings ist, wie man diese gesellschaftliche Stimmung misst, da doch jeder von uns unterschiedlicher Stimmung ist und sich diese Stimmung permanent ändert. Doch auch für dieses Problem hat Casti eine gleich einfache wie überraschende Lösung gefunden: nämlich die Finanzmärkte. "Das beste Barometer für gesellschaftliche Stimmung - also ob sie eher optimistisch oder pessimistisch ist - ist für mich der Aktienindex. Ist der hoch, dann ist auch die gesellschaftliche Stimmung gut. Sinkt er, dann geht auch die Stimmung nach unten." Die Entwicklungen an der Börse sind dabei nicht rein zufällig, sondern sie verändert sich nach regelmäßigen Mustern in den so genannten Elliott-Wellen.

Das wäre alles nicht weiter interessant oder erstaunlich, wenn diese Wellenbewegungen - oder eigentlich: die gemessenen Stimmungsveränderungen - nicht alle möglichen gesellschaftlichen Ausdrucksformen und politischen Handlungen hervorbringen würden, egal, ob nun die Texte von Popsongs, die Mode, Kriege, Präsidentenwahlen. "Nehmen wir nur einmal die Politik und die Entwicklung der Aktienmärkte im Laufe des 20. Jahrhunderts", schlägt Casti vor und breitet vor mir am Kaffeehaustisch eine Graphik mit der Entwicklung der Finanzmärkte aus: "Von 1929 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war man eher pessimistisch - und in dieser Zeit passierten viele schreckliche Dinge. In den späten achtziger- und frühen neunziger Jahren waren die Leute hingegen sehr optimistisch - und das hat auch zu den ganzen positiven Veränderungen wie dem Ende der Apartheid und der kommunistischen Regimes geführt."

Mit der Börse heben sich die Rocksäume

Ähnliches kann Casti auch für die Mode zeigen: "Wenn die Finanzmärkte nach oben gehen, dann gehen auch die Rocklängen nach oben, und die Farben werden heller. Dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt: Wenn die gesellschaftliche Stimmung am Boden liegt, dann nähern sich auch die Rocksäume dem Boden an und man trägt dunkle Farben." Und er hat auch darüber recherchieren lassen, welche Frauen zu einer bestimmten Zeit dem Schönheitsideal entsprechen. "Bei einer Analyse der Centerfolds des Playboy kam heraus, dass zu optimistischen Zeiten die Frauen dünner, blonder und jünger sind. Aber wenn die gesellschaftliche Stimmung umschlägt, dann sind es eher dunkelhaarige, mütterlicher aussehende Frauen, die eher auf einen und auf sich aufpassen."

Das Ganze hat aber auch seine ernste Seite, zumal angesichts der gesellschaftlichen Stimmung, in der wir uns laut Casti und seinen Analysen seit einigen Jahren befinden. Als Beweis dafür legt er eine weitere Graphik vor: die Zusammenhänge zwischen Börsenkursen und der Anzahl der Kriege seit dem Jahr 1700. Der Zukunftsforscher kommentiert: "Immer am Ende eines bestimmten Musters - der so genannten C-Welle - kommt es zu Kriegen." Und wo stehen wir heute? "Am Ende einer B-Welle und dem Beginn einer C-Welle. Im Klartext: In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird es einen größeren Krieg von internationalem Ausmaß geben. Es ist nicht ganz sicher, aber ich würde ziemlich sicher darauf wetten." Ganz sicher ist er sich aber, dass die Mode dunkler wird und die Rocksäume nach unten gehen werden.

John Casti ist von seinem neuen Zukunftsbarometerstudien sehr überzeugt: "Die meisten Zukunftsaussagen, die nur mit gemeinem Hausverstand angestellt werden, irren doch meistens gewaltig." Er jedoch greife systematisch auf Daten zurück, die erstmals vergleichsweise sichere Prognosen zulassen. Zumindest bei seinen Vorträgen über seine verblüffenden Thesen lehnt sich der Zukunftsforscher ziemlich weit hinaus: Wer ihm ein Beispiel nennen kann, bei dem seine Daten irren und eine falsche Zukunft ankündigen und stattdessen der konventionelle Hausverstand richtig liegt, der erhält von ihm 100 US-Dollar. "Und das gilt auch für die Leser dieses Artikels. Meine email-Adresse findet sich im Internet."


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00:00 26.12.2003

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