Stirbt der Osten wirklich aus?

Aussichten "Die reine Leere", sagt Kant, "ist dort, wo sich absolut nichts mehr befindet, zum Beispiel in meinem Portemonnaie, speziell an der Stelle, wo die ...

"Die reine Leere", sagt Kant, "ist dort, wo sich absolut nichts mehr befindet, zum Beispiel in meinem Portemonnaie, speziell an der Stelle, wo die großen Scheine stecken sollten." Ganz so leer ist es in den Weilern und Marktflecken zwischen Kap Arkona, Erzgebirge, Frankfurt (O.) und Bleichenrode noch nicht. Vor allem die Alten und Schwachen sind noch da, hilfsbedürftig, aber bodenständig und zäh.
Eines Tages, wenn sich auch der letzte Pfleger in Richtung Westen abgesetzt haben sollte, bleibt ihnen nichts übrig, als sich gegenseitig zu stützen. Schwer wird´s werden, denn viele sind doch schon recht hinfällig.
Es heißt, der Osten leide unter Jugendschwund. In Wirklichkeit schwindet die Jugend nicht, sie verschwindet. Wer kann, sucht sein Heil in der Republikflucht. Wie bei Honecker.
Blitzgescheite östliche Lokalpolitiker denken zurzeit mit Hilfe ihrer Köpfe über eine Rückfuhraktion für jugendliche Republikflüchtige nach. Während Arbeitsämter noch immer Auswanderungsprämien zahlen, wollen sie Prämien für Rückkehrer einführen. Ganz besonders Flexible könnten unter Inanspruchnahme beider Angebote monatlich drei- bis sechstausend Euro verdienen - bequem von unterwegs aus.
Man kann das freilich auch positiv betrachten: Wenn auf einen Ausbildungsplatz zehn Bewerber kommen, sucht sich der Boss selbstverständlich den Besten aus. Das bedeutet, im Osten haben nur die Tüchtigsten eine Chance, der Schrott geht in den Westen. So gesehen ist vielleicht doch noch nicht alles zu spät.
Ein kleines Weilchen dürfte es mit dem Aufbau Ost indes noch dauern. Diesbezügliche Prognosen sind schwierig, zumal sie die Zukunft betreffen. Warten wir eben etwas schneller. Spätestens 2005 werden im Osten 120 Prozent Westtarif gezahlt, vorausgesetzt, dass sich mindestens drei Arbeitnehmer die 120 Prozent teilen.
Bis dahin heißt es durchhalten, haushalten, aushalten! Es wäre doch wirklich jammerschade um die vielen infrastrukturellen Highlights, die seit 1990 in Ostdeutschland entstanden sind: Reitwege mit Leitplanken; Reitwege ohne Leitplanken; Reitwege in Gegenden, wo es keine Pferde gibt; Reitwege mit beleuchteten Leitplanken; Pflanzenkläranlagen, die nicht funktionieren; Radwege, die keiner braucht; Bürohochhäuser, die leer stehen. Auf diese Leistungen können wir stolz sein. Das müssen uns die anderen erst mal nachmachen. Doch wer soll das alles nutzen, wenn niemand mehr da ist?
Angeblich hat der Westen über eine Billion D-Mark an Fördergeldern in den Osten "gepumpt". So ganz kann das nicht stimmen; bei dem starken West-Ost-Gefälle ist das Geld bestimmt von ganz alleine geflossen. Jetzt braucht der Osten Standfestigkeit und Flexibilität. Zur Arbeitsstelle kann man auch pendeln. Was sind schon 180 Kilometer hin und 180 Kilometer zurück? 360 Kilometer! Der grüne Umweltminister fährt immer mit und gibt das Öko-Steuer nicht aus der Hand.
Beweglichkeit bedeutet nicht unbedingt, davonzulaufen. Wer seinen Job verliert, wird umgeschult - vom Sanitärtechniker zum Atomphysiker und vom Atomphysiker zurück zum Sanitärtechniker. Jeder muss sich auf die veränderten Bedingungen einstellen, die Bedingungen stellen sich schließlich auch ein. Niemand konnte wissen, dass das vor sechs, sieben Jahren am Ende des Tunnels gesichtete Licht ein Irrlicht war.
Für die kurze Zeit, bis der Aufschwung greift, müssen im ostdeutschen Bildungswesen drei wichtige Übergangsregelungen umgesetzt werden - 1. Schulschließungen, 2. Schulschließungen und 3. Schulschließungen. Sind alle Schulen bis auf eine wegen Schülermangel geschlossen, geht es nach und nach an die Schließung der Klassen.
Immer mehr der anheimelnden Arbeiterwohnregale stehen leer - leer wie Kants Portemonnaie. "Keine Mieter, keine Miete", schrieb schon der Chef der Wohnungsgesellschaft Nieselwitz (Ost) in seiner Denkschrift Der moderne Stadtumbau - ein Abriss.
Für den modernen Stadtumbau gibt es sogar ein Förderprogramm der Bundesregierung. Wenn der Aufbau Ost schon nicht ganz so schnell vorankommt, der Umbau lässt sich mit der Abrissbirne enorm beschleunigen. Die ostdeutsche Großstadt der Zukunft dürfen wir uns als fast lebendige Collage aus Wald, Heideland und hin und wieder einem Häuschen vorstellen - als Synthese von Funktionalismus und der Liebe zur Natur. Begegnungsstätten laden den Einwohner zur Selbstfindung, zu guten Selbstgesprächen, zur Gründung von Selbsthilfegruppen. Für Menschen, die die Einsamkeit lieben, ein Paradies. Irgendwann zieht es sie zu Millionen in den Osten, und alle Probleme sind gelöst. Auch ohne Aufschwung.

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00:00 01.03.2002

Ausgabe 39/2020

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