Streit um die Vergangenheit

Kriegsschulden Das Verhältnis zwischen Athen und Berlin ist politisch extrem angespannt. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Recht und Moral
Wolfgang Wippermann | Ausgabe 12/2015 1

Einen Schlips trägt er noch nicht, doch bibelfest ist Alexis Tsipras, der griechische Premier. Vergangene Woche fühlte er sich angesichts „provokativer Worte aus dem Ausland an Jesus Worte über jene“ erinnert, die den Splitter im Auge ihres Bruders sehen, aber nicht den Balken in ihren eigenen. Tsipras meinte, die Deutschen würden die Griechen provozieren und bei ihrer Kritik der griechischen „Splitter“ die deutschen „Balken“ übersehen. Der von Tsipras und anderen Politikern in Athen angeschlagene hohe Ton verblüfft. Aber es geht um Geld, das die als faul und geldgierig beschimpften Griechen nicht haben und die geizigen und fleißigen Deutschen nicht geben. Der Streit darüber wird zum Kampf um Recht und Moral, zwischen Gut und Böse stilisiert. Mit diesem beidseitigen rhetorischen Overkill sollte endlich Schluss sein.

Es geht beim derzeitigen Streit um eine Vergangenheit, die nach deutscher Meinung bewältigt, aber für die Griechen noch immer gegenwärtig ist – die Jahre der faschistischen Besatzung ab 1941. Während dieser Zeit wurde Griechenland systematisch ausgeplündert und gezwungen, eine Zwangsanleihe von 476 Millionen Reichsmark an die Besatzer zu zahlen. Die zerstörten vor ihrem Rückzug 1944 zudem über die Hälfte der griechischen Industrieanlagen und Verkehrswege. Zu den materiellen kamen enorme menschliche Verluste. 50.000 griechische Juden wurden nach Auschwitz deportiert und dort vergast; mindestens 100.000 Zivilisten dem Hungertod preisgegeben, Zehntausende von SS und Wehrmacht ermordet, Dörfer und Kleinstädte dem Erdboden gleichgemacht, ihre Bewohner massakriert.

Die Namen dieser Orte sind heute noch vielen Griechen, aber kaum einem Deutschen bekannt. Während die Verbrechen der Besatzungsmacht im kollektiven Gedächtnis der Griechen verankert sind, haben viele Deutsche keine Ahnung, dass ihre Väter und Großväter schwere Schuld auf sich geladen haben. Schon aus diesem Grund dürfen die in Athen formulierten Reparationsforderungen von deutschen Politikern nicht so kompromisslos abgeschmettert werden, wie das gerade geschieht.

Wolfgang Wippermann ist Historiker und schrieb 2012/13 im Freitag eine Serie über die Geschichte der Bonner Republik

Die mit historischen und rechtlichen Argumenten begründeten Ansprüche werden mit anderen, ebenfalls historisch und rechtlich begründeten Argumenten zurückgewiesen. Es heißt, dass die Nachkriegsdeutschen sehr wohl hohe Reparationsleistungen erbracht hätten. Vor allem an die Sowjetunion. Die hat ihre Besatzungszone im Osten Deutschlands zwar nicht bis auf das sprichwörtlich letzte Hemd ausgezogen, aber bis auf jedes zweite Gleis demontiert. Das können die Ostdeutschen nicht vergessen, denn sie haben die Zeche für den von den Deutschen angezettelten und verlorenen Krieg gegen die Sowjetunion zahlen müssen.

Den Bewohnern der Westzonen und späteren Bundesrepublik wurde dagegen nichts Vergleichbares aufgebürdet. Sie kamen stattdessen in den Genuss amerikanischer Marshallplan-Gelder, mit denen sich nicht nur ein Wirtschaftswunder, sondern auch die westdeutsche Wiederbewaffnung finanzieren ließ. Um die politische, wirtschaftliche, auch militärische Stärke der zum westlichen Vorposten gegen den Kommunismus exponierten Bundesrepublik nicht zu gefährden, wurden der mit dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 einige Vorkriegsschulden erlassen. Außerdem wurde festgelegt, dass Reparationsforderungen von anderen Ländern, die Deutschland überfallen und besetzt hatte, erst nach Abschluss eines Friedensvertrages mit einem wiedervereinten Deutschland zu bedienen seien.

1990 hätte das geschehen können. Deutschland war wiedervereint und hatte mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges einen Vertrag geschlossen, der den Charakter eines Friedensvertrages hatte, stattdessen aber „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland als Ganzes“ genannt wurde. Mit dieser sprachlichen Mimikry sollten Reparationsansprüche anderer Staaten gegenüber Deutschland abgewehrt werden.

Was bisher gelungen ist, will Athen nicht länger hinnehmen. Es beharrt auf seinen Ansprüchen, auch wenn dem wohl kein Erfolg beschieden sein dürfte. Alle bisherigen finanziellen Forderungen wurden von deutschen und internationalen Gerichten abgeschmettert. Dies gilt sowohl für Reparationen wie eine Entschädigung für Nachkommen griechischer Opfer von SS-Massakern zwischen 1941 und 1944. Noch offen ist jedoch die Frage, ob die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches die oben erwähnte von Griechenland erpresste Zwangsanleihe in Höhe von 476 Millionen Reichsmark zurückzahlen muss. Für den Fall, dass Berlin tatsächlich von irgendeinem Gericht der Welt zu einer Kompensation verurteilt werden sollte, haben deutsche Finanzpolitiker schon vorsorglich mit der Forderung nach einem Ausgleich für die Griechenland von Deutschland gewährten Kredite in Höhe von 63,5 Milliarden Euro gedroht. Allerdings geht es bei diesem Konflikt zwischen Berlin und Athen weniger um Geld und Reparationen als um Recht und Moral in einem Europa, das sich als Wertegemeinschaft versteht.

06:00 01.04.2015

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