Strohhalme im Krieg

Ausnahmezustand Wie Mehltau liegt der politische Konflikt über der Kunst- und Kulturszene in Palästina. Beobachtungen in Ramallah

In manchen Momenten scheint sich die Stimmung zu überschlagen. Es wird geklatscht, getanzt, mitgegrölt. Enthusiastische Grüppchen hüpfen Arm in Arm zur Musik und schwenken dabei ihre Fahnen, palästinensische Fahnen. Frenetisch jubelt die in Ramallahs Cultural Palace versammelte Menge dem Protestsänger Samih Choukeir zu. Der schüchtern wirkende Musiker ist sichtlich gerührt von den hochkochenden Emotionen seiner Landsleute. Gern, ruft er ihnen zu, stünde er direkt vor ihnen, anstatt sein Konzert per Live-Schaltung aus Beirut auf eine Leinwand zu übertragen. Doch in seinen Liedern über die verlorene Heimat spiegelt sich auch die eigene Biografie: Seit langer Zeit darf der als Nationalheld gefeierte Choukeir nicht nach Palästina einreisen. Er lebt im erzwungenen Exil.

In Palästina entkommt niemand der Politik, auch nicht die Künstler. Im Schatten einer bleiernen Perspektivlosigkeit werden künstlerische Arbeit und kulturelles Engagement zur Sisyphusarbeit. Alles spielt sich im Kontext der israelischen Besatzung und prekärer werdender Lebensbedingungen ab. Im Flickenteppich, der sich Palästina nennt, geht nichts ohne die duldende Zustimmung Israels. In einer abgeschirmten Autonomie isoliert, probt ein Volk in kollektiver Geiselhaft das Überleben. Das Durchschnittsalter der rund 3,5 Millionen Palästinenser, die in den besetzten Gebieten leben, liegt unter 17 Jahren. Seit dem Beginn der neuen Intifada steigt die Arbeitslosigkeit immer weiter an und liegt bereits bei über 30 Prozent.

Solche Lebensbedingungen kreativ zu verarbeiten ist schwer, sie zu vergessen fast unmöglich. Folglich ist das sogenannte "national topic" ganz überwiegend der Stoff, aus dem die palästinensische Kunst gemacht wird. Ein Videofilm, der Musik aus den siebziger Jahren mit Bildsequenzen aus dem Besatzungsalltag kombiniert oder die Fotoserie "The Wall", mit der eine junge Fotografin den so genannten Sicherheitszaun ins Bild rückt, sind dafür typische Beispiele, gezeigt in der Ausstellung "Secrets" im Sakakini Cultural Center.

Das Kulturzentrum, in einer der wenigen erhaltenen Altbauvillen Ramallahs untergebracht, ist eine der wichtigen ortsansässigen Kulturinstitutionen. Faten Farhat, erst seit kurzem die künstlerische Leiterin, versucht dem Haus ein kontroverses Profil zu geben. "Als ich anfing, gab es hier nur ein Angebot für die alteingesessene Elite, die klassische Musik hören wollte. In der Bildenden Kunst war alles auf Malerei fokussiert. Ich will das aufbrechen." Es gebe jetzt mehr Installationen, Videokunst und selbst ein Techno-Konzert stand kürzlich auf dem Programm, was sofort zu Beschwerden führte. Für Farhat eher ein Erfolg: "Das Problem ist, dass du in Ramallah auf allen kulturellen Veranstaltungen die gleichen Gesichter siehst. Aber niemand stellt mehr die richtigen Fragen. Wir haben aufgehört zu debattieren."

Für ein dynamisches kulturelles Leben ist das nicht die beste Voraussetzung. Dabei ist Ramallah der kulturelle Dreh- und Angelpunkt Palästinas, eine Oase in der sonst kargen kulturellen Landschaft. Die Stadt hat ein Theater, ein Musikkonservatorium und einen Kulturpalast, es gibt Ausstellungen und Konzerte. Sogar ein Nachtleben, wenn auch ein äußerst überschaubares.

Ramallah ist mit seinen rund 80.000 Einwohnern allerdings ein außergewöhnlicher Ort in Palästina. Für die offene Atmosphäre sind auf der einen Seite die vielen Ausländer, die ansässigen Nichtregierungsorganisationen und diplomatischen Vertretungen sowie die fast ausschließlich hier angesiedelten Kulturinstitutionen verantwortlich. Andererseits waren die Einwohner von Ramallah immer schon weltoffener als im Rest des Landes. Die ehemals überwiegend christliche Bevölkerung erhielt in den Missionarsschulen der Amerikaner, Franzosen oder Briten oft eine bessere Bildung, Ramallah entwickelte sich wegen seines liberalen Flairs zu einem beliebten Urlaubsort. Bereits in den fünfziger Jahren startete hier das erste palästinensische Tanzfestival. Viele ägyptische Starschauspieler machten in der Stadt Ferien, für die Flitterwochen seiner ersten Ehe reiste sogar Omar Sharif an.

Heute ist das unvorstellbar, niemand macht mehr Urlaub in Palästina. "Seit dem Mauerbau, seit mehr als vier Jahren kann ich nicht einmal mehr ins wenige Kilometer entfernte Jerusalem fahren. Wenn ich einen Israeli sehe, dann ist es immer ein Soldat", erzählt Hadeel Karkar. Sie schlendert über den modernen Campus der Universität in Bir-Zeit, wenige Taximinuten von Ramallah entfernt. Die Universität gilt als drittbeste im arabischsprachigen Raum. Die Institutsgebäude sind wie alle Häuser der Gegend aus dem weißen Sandstein errichtet, der hier abgebaut wird. Ein Gesetz aus der Zeit des britischen Mandats vor 1949 schreibt dies vor. Es herrscht reges Treiben in der Dezembersonne, für das europäische Auge ungewohnt sind nur die vielen Kopftücher. Viele äußerst modische Modelle sind darunter, zum Beispiel von Calvin Klein. Die meisten Studentinnen tragen ein Kopftuch, dazu fast immer hautenge Jeans. Viele sind gewaltig geschminkt.

Hadeel Karkar betreut die Virtual Gallery, ein umfangreiches Archiv und eine Plattform für palästinensische Künstler im Internet. Das Büro befindet sich im Hauptgebäude der Universität. "Eine virtuelle Galerie bietet wenigstens jedem mit Internetzugang die Möglichkeit, sich Werke palästinensischer Künstler anzuschauen. Wir haben ja keine Bewegungsfreiheit. Galerien zu besuchen ist genauso schwer wie alles andere. Oft kommt man nicht von einem Ort in den anderen, überall gibt es Checkpoints, lange Wartezeiten und nie die Garantie, dass man durchgelassen wird. Nach Jerusalem komme ich gar nicht, vom Gazastreifen ganz zu schweigen. Die israelische Besatzung ist nichts anderes als Apartheid."

Die meisten Zugriffe verzeichnet die Webseite allerdings aus dem Ausland. Den Luxus Kunst und Kultur können sich viele in Palästina nicht leisten. Statt dessen erleben, wie in vielen anderen arabischen Ländern, religiöse Traditionen eine Renaissance. "Wenn man nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, dann hilft dir die Religion. Das meinte Marx, als er vom Opium für das Volk sprach." George Khleifi sitzt hinter seinem Schreibtisch und artikuliert mit leiser Stimme sein Missfallen über diesen Trend. Er ist Vizedirektor des Instituts für Neue Medien, das Weiterbildungskurse und Praxistraining für Studenten organisiert.

Das bröckelnde Institutsgebäude muss früher eines der Luxushotels gewesen sein, für die Ramallah bekannt war. Verwaiste Balkons, ein verfallener Swimmingpool und überwucherte Parkbänke im Vorgarten lassen vergangenen Luxus erahnen. Heute quetschen sich kleine Studios, Büro- und Seminarräume in die einstigen Suiten.

So heruntergekommenen das Haus jedoch ist, so motiviert sind die Bewohner. 2007 werden am Institut zum ersten Mal palästinensische Filmstudenten in den Sparten Regie, Schnitt, Kamera und Sound immatrikuliert. Man produziert ein Fernsehprogramm für Ramallah und die umgebenden Dörfer sowie die palästinensische Version der Sesamstraße. Zehn Stunden am Tag wird gesendet. "Unsere Hauptthemen sind Kinder, Bürgerrechte und Geschlechterfragen. Eine Gesellschaft kann sich einfach nicht entwickeln, wenn die Hälfte der Bevölkerung eingesperrt oder inaktiv ist. Deswegen sind die Palästinenser auch an Geschlechterfragen interessiert", meint Khleifi.

Besonders für Frauen mag dies zutreffen, für die palästinensische Gesellschaft im Ganzen sicher nicht. Kollektiv werden unverheiratete Frauen überwacht. Alleinstehend eine Wohnung zu mieten, Männerbesuch zu empfangen, abends allein auszugehen oder gar zu rauchen, ist für palästinensische Frauen ganz und gar nicht selbstverständlich. Zwar kritisieren viele von ihnen diese Zustände rigoros. Aber auch sie kommen an den Konventionen kaum vorbei, wollen sie nicht die soziale Ächtung riskieren.

Viele junge Männer würden sich modern geben und sprächen über aufgeschlossene Beziehungen, erzählt Inas Yassin, die im Goethe-Institut in Ramallah arbeitet. Doch wenn es ans Heiraten gehe, seien sie so altbacken und traditionell eingestellt wie eh und je. Jungfrauentum und Kopftuch seien da die Stichworte. Sie holt Fotos hervor, auf denen ihre Mutter sexy gekleidet mit einem Kassettenrekorder in der Hand spazieren geht - wie aus einem amerikanischen Modekatalog der sechziger Jahre entsprungen. "Heute wäre so etwas undenkbar. Früher waren die Menschen glücklich, doch die Besatzung und die Armut haben die Gesichter einfrieren lassen." Inas gehört zu der Hand voll muslimischer Frauen, die kein Kopftuch tragen. Sie ist geschieden und lebt allein mit ihrem Sohn, doch das hat Seltenheitswert. "So ein Leben kann ich nur in Ramallah führen. Normalerweise müsste eine Frau in meiner Situation zurück zu ihrer Familie ziehen". Trotzdem liebt sie ihr Land und kann sich keinen anderen Ort zum Leben vorstellen.

Schlimm sei es, wie religiöser Fundamentalismus und Dogmatismus seit den siebziger Jahren anwüchsen, bedauert Ziad Khalaf den gesellschaftspolitischen Rollback, der in vielen arabischen Ländern anhält. Als Geschäftsführer der unabhängigen Qattan Foundation setzt er sich für einen von ihm erhofften demokratischen Wandel ein. Die von einem reichen Exilpalästinenser gegründete Qattan-Stiftung verfolgt das Ziel nachhaltiger kultur- und gesellschaftspolitischer Entwicklungsarbeit.

Auf dem orientalischen Kachelboden von Khalafs Büro stehen Bilderrahmen, die Flügeltüren aus Holz sind sorgsam restauriert. "Das Haus wurde in den zwanziger Jahren gebaut und gehörte einem der ersten Zahnärzte Ramallahs. Die meisten dieser Häuser wurden 1949 von den Israelis zerstört. So wie sie ganze 80 palästinensische Dörfer dem Erdboden gleich gemacht haben." Fast 40 Jahre lang wurde die alte Villa dann als Waisenhaus genutzt, bevor die Qattan Foundation einzog und behutsam renovierte.

Schulbildung und Kindererziehung sind zwei der wichtigsten Arbeitsfelder der Stiftung. "Mit Kurzzeitprogrammen bewegt man nichts, deswegen versuchen wir, langfristig mit Lehrern zusammen zu arbeiten", erläutert Khalaf. Um die Lesefähigkeit zu fördern, unterhält die Stiftung zwei Kinderbibliotheken in Ramallah und Gaza. Kultur und audiovisuelle Medien sind weitere Säulen der Stiftungsarbeit.

Was im Ausland auf Interesse trifft, ist manchen Palästinensern allerdings ein Dorn im Auge. Vor allem bei religiösen Fanatikern regt sich schnell Widerspruch. Samer Makhlouf, Sprecher des Al Kasaba-Theaters, bekommt dies häufig zu spüren. Das Al Kasaba, kleinerer Ableger eines 1970 in Jerusalem gegründeten Kulturvereins, beherbergt einen Kino- und einen Theatersaal. Das Kino ist das einzige derzeit funktionstüchtige in ganz Palästina. Mindestens drei Filme werden pro Tag gezeigt.

Die aktuelle Theaterproduktion Blood Wedding adaptiert ein Stück von García Lorca und setzt sich mit den noch verbreiteten Zwangsheiraten und Ehrenmorden auseinander. Die Inszenierung gewann Preise auf internationalen Theaterfestivals, doch in konservativ geprägten Städten wie Nablus oder Jenin scheitert ihre Aufführung an den Widerständen reaktionärer Sittenwächter. "Auf solche Produktionen reagiert die Gesellschaft sehr sensibel. Viele wissen nichts über andere Kulturen. Wir müssen trotzdem dafür kämpfen, in der palästinensischen Gesellschaft ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass nicht jeder dasselbe denken muss und nicht jeder, der anders lebt, ein Krimineller ist."

Die engagierten Darsteller haben alle im Ausland studiert, denn eine Schauspielschule gibt es in Palästina nicht. Neben Stücken wie Blood Wedding sind Theaterproduktionen für und mit Kindern ein wichtiger Teil der Arbeit des Al Kasaba-Teams. "Wir gehen mit mobilen Minikompagnien in jedes Dorf. Die Truppen brauchen keine großen Bühnen und können überall spielen", erklärt Makhlouf. Mit ihren Stücken leisteten sie in erster Linie Erziehungsarbeit. Ein Aschenbrödel im Rollstuhl wirbt dafür, behinderte Menschen zu integrieren, die in Palästina stark stigmatisiert und nicht selten zu Hause versteckt werden.

Das geflügelte Wort für den dauerhaften politischen Ausnahmezustand in Palästina aber ist "Die Situation". Sie ist für alles verantwortlich. Wer genügend Galgenhumor aufbringt, dem dient sie selbst für persönliches Zu-Spät-Kommen als Ausrede: "It´s the situation". Auch für die palästinensischen Schriftsteller ist sie das Thema Nummer eins. Den größten Teil der arabischen Literatur nimmt traditionell die Lyrik ein. "Fast alle derzeit in Palästina geschriebene Lyrik beschäftig sich mit der nationalen Frage", erklärt der Literaturredakteur Maher Al Sheik der Traditionszeitung Al Quds. Auf den wöchentlich erscheinenden Literaturseiten des Blattes werden solche Gedichte veröffentlicht. Seit 25 Jahren arbeitet Al Sheik für das Blatt, in dem abgedruckt zu werden für arabischsprachige Autoren eine Ehre bedeutet. Ein Gebetskranz gleitet durch die Finger seiner linken Hand während er wichtige palästinensische Gegenwartsautoren aufzählt. "Es gibt viele kreative Schriftsteller in Palästina, aber leider ist es nur wenigen anerkannten Autoren möglich, Bücher zu veröffentlichen."

In den engen Kreis anerkannter Künstler aufzusteigen, ist nicht nur für Schriftsteller eine riesige Hürde. Häufig geht es in Ramallahs Kulturbetrieb weniger um anregende Ideen und ungewohnte Impulse, als um den dünkelhaften Nimbus einer Stadtelite. "Wenn du einmal drin bist, ist alles klar", erzählt Mohanad Yaqoubi. Er gehört zu der Künstlergruppe "Idioms", die nicht "drin" ist und sich der institutionalisierten Kunstszene bewusst verweigert. "Andere als die bekannten Künstler werden nicht ausgestellt. Sie wollen gar keine anderen Leute, sie gehen keine Risiken ein. Für so etwas wie Underground gibt es keinerlei Anerkennung."

Daher auch keine Weiterentwicklung, so Yaqoubi. Ob Institutionen oder die mit ihnen kooperierenden ausländischen Sponsoren, alle kämen mit vorgefertigten Ideen. Die fehlende Unabhängigkeit sei das größte Problem der palästinensischen Kunst. "Am Ende bestimmen andere, was du machst." Besonders der ewig politische Anspruch stört sie. "Wir wollen die Idee brechen, dass alle palästinensische Kunst politisch ist." Allgemeine Phänomene wie das Warten hätten letztendlich auch mit der Besatzung zu tun, kämen aber weniger plump daher. Zu solchen Themen produzieren die Mitglieder von "Idioms" audiovisuelle Medienkunst oder Installationen, für sie klar der Kunsttrend der Zukunft. Nebenher müssen sie regulär arbeiten, denn finanziell kommt man in Palästina damit schwer auf die Beine.

Die Aktivität der ohnehin kleinen Kunstszene habe stark abgenommen, seitdem im Jahr 2000 erneut die Intifada begonnen hat, erzählt Yaqoubi. Er zieht an seiner x-ten Zigarette und schaut aus dem Fenster der loftartigen Neubauetage, in der sich die jungen Künstler gerade ein großes Atelier und Studio ausbauen. Schwer sei es, ohne Sponsoren oder institutionelle Unterstützung zurecht kommen zu müssen, resümiert er. "Sehr schwer."

Nicht aufzugeben, ist in Palästina eine Leistung für sich. Wie ein Schimmelpilz hat sich der übermächtige politisch-religiöse Konflikt in die letzten Poren der Gesellschaft gefressen und vergiftet das Leben der Menschen. Er drückt das Land in die Knie und wenige halten diesem Druck stand, versuchen, der finsteren und unversöhnlicher werdenden Stimmung mit friedlichen künstlerischen Mitteln zu begegnen. Sie wissen, dass sie sich mitten in einem Krieg an Strohhalme klammern. Die Gewehrläufe, die sie jeden Tag anstarren, erinnern sie daran.


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00:00 11.05.2007

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