Sturheit und Liebe

Revolution Fred Vargas schickt Kommissar Adamsberg nach Island – und in eine ominöse Robespierre-Gesellschaft. „Das barmherzige Fallbeil“ ist prallvoll mit abgründiger Poesie
Thekla Dannenberg | Ausgabe 46/2015

Es gibt unglaubliche Helden in Fred Vargas’ neuem Roman: eine Wirtin, die hervorragende Strohkartoffeln backt und der Polizei auch unter Folter nicht ihr Rezept verraten würde; eine alte Frau, die sich mit letzter Kraft auf ihrem Rollator zum Briefkasten schleppt, um endlich das Geheimnis zu offenbaren, das ein Leben lang auf ihr lastete. Oder Marc, der mit Zähnen und Klauen jene Frau verteidigt, die ihn als Waisenkind aufnahm und großzog: Marc ist die wunderbarste Gestalt in diesem Roman, stark und mutig, liebevoll und treu. Marc ist ein Wildschwein, ein mächtiger Keiler mit borstigen Fell, doch von großer Feinfühligkeit: „Seine Schnauze ist seidenweich wie der Schnabel eines Entenküken.“

Ihm ist Logik unangenehm

Natürlich gibt es auch die professionellen, aber dennoch ganz unheroischen Helden: Jean-Baptiste Adamsberg, Kommissar im 13. Arrondissement von Paris, der Mann aus den Pyrenäen, dem jede Logik und Rationalität so unangenehm ist wie der Beton unter seinen Füßen. Der große Wolkenschaufler gibt nichts auf die Prozedur, er will Wissen sammeln und Phantome befreien. Seine „brigade criminelle“ ist ein Trupp heiterer Kameraden wie aus einem Märchen der Brüder Grimm: Commandant Adrien Danglard ist ein reines Wissensmonster, so unerschütterlich wie würdevoll zugleich, Lieutenant Louis Veyrenc liebt die Poesie, und Lieutenant Violette Retancourt ist groß und mächtig und gibt unverschämte Glatzköpfe am liebsten leicht ramponiert auf der Wache ab. So viel Nonkonformismus wünscht man sich für Vorstandsetagen oder Zeitungsredaktionen.

Kaum eine Autorin besingt ihre Helden so heiter und warmherzig wie Fred Vargas, die Meisterin des versponnenen Kriminalromans, doch erwächst die sympathische Heldenhaftigkeit ihrer Figuren nie aus Stärke, Ehrgeiz oder Überlegenheit. Auch ist ihnen die Schnoddrigkeit und Abgeklärtheit der angelsächsischen „Private Eyes“ völlig fremd. Vargas‘ Figuren sind etwas pikaresk, und sie haben Format: Ihr urfranzösischer Hang zur Revolte speist sich aus blanker Sturheit, zärtlichster Liebe oder einer geradezu körperlichen Unfähigkeit zur Heuchelei.

Im Barmherzigen Fallbeil muss sich Adamsberg mit Kommissar Bourlin aus dem 15. Arrondissement zusammentun, Bourlin ist von rabelaisscher Statur, großer Esser und ein großer Trinker, ein Vulkan von einem Mann und dabei „eigensinnig wie ein junges Lamm“. Denn in und um Paris ereignen sich seltsame Todesfälle, die vereinte Kräfte erfordern: Zuerst wird eine pensionierte Mathematiklehrerin tot aufgefunden, dann ein sehr gelehrter Schlossherr im Wald von Rambouillet, nicht weit von Versailles, und schließlich ein Verleger. Alle drei sollen Selbstmord begangen haben, doch am Tatort findet sich stets das gleiche Zeichen, das an eine Guillotine erinnert. Oder vielmehr an jene Skizze, mit der Ludwig XVI. eine humanere Version des englischen Fallbeils entworfen haben soll. Es gibt noch weitere Verbindungen zwischen den drei Toten: Sie hatten zehn Jahre zuvor an einer Expedition nach Island teilgenommen, wo sie auf einem kleinen unbewohnten Eiland dem sagenumwobenen Afturganga begegneten, einem mächtigen Dämon, der Eindringlinge mit plötzlich aufsteigenden Nebeln erbarmungslos verschlingt.

Eine völlig andere Spur führt Kommissar Adamsberg zur Gesellschaft zum Studium der Schriften Maximilien Robiespierres, der ebenfalls alle Toten angehörten. In der ominösen Gesellschaft versammeln sich die heimlichen Anhänger des Volkstribuns, verrückte Philanthropen und die Nachfahren der Revolutionäre zu ihrer eigenen Form der Dämonenbeschwörung. Kostümiert und unter Perücken stellen sie die Sitzungen des Nationalkonvents nach.

Fred Vargas ist keine explizit politische Autorin, ihre Romane sind eher generelle Interventionen gegen Fantasielosigkeit und Anpassung. Doch können ihre historische Erkundungen gar nicht aktuellen Bezügen entgehen: Auf der Sitzung des 11. Germinal 1794 verlangt Robespierre vom Konvent die Hinrichtung Dantons und Desmoulins’; drohend zitiert er das berüchtigte Gesetz über die Verdächtigen, das die Verhaftung all jener ermöglicht, die sich konterrevolutionärer Umtriebe auch nur verdächtig machen. Und er spricht den furchtbaren Satz, der einem heute, wenn auch in milderer Form, von allen Seiten entgegenklingt: „Ich sage, das jeder, der in in diesem Augenblick zittert, selber schuldig ist; denn noch nie hat Unschuld die Aufsicht durch die Öffentlichkeit gefürchtet.“

Adamsberg wird vom Afturganga gerufen werden, Retancourt wird dessen Nebel aufhalten, der Henker von Paris wird Mitgefühl erleben und zwei wunderbar romantische Königskinder, die sich eigentlich nie verloren hatten, werden sich ... egal – wie Vargas die beiden Stränge zu einer einzigen mitreißenden, völlig unwahrscheinlichen, aber absolut einleuchtenden Erzählung verknotet, ist einfach gekonnt. Sie beherrscht perfekt ihre Sätze, ihren Sound, ihre bildhafte Sprache.

Was macht die Kröte Bufo?

Am Ende wird sie dem Schrecken eine ebenso mythische wie reale Gestalt gegeben haben, zu der sich Afturganga und Robespierre verbinden: „Ein Reptil, das sich spannt und sich aufrichtet, mit einem unbeschreiblich, entsetzlich anmutigen Blick ... was man empfindet ist schmerzliches Mitleid, gemischt mit Grausen.“

Das barmherzige Fallbeil ist Vargas‘ elfter Roman, der achte aus der Reihe mit Adamsberg und der erste, der in Frankreich beim Großverlag Flammarion erschien, unter dem etwas weniger makabren Titel Temps glaciaires (Eisige Zeiten). Die deutsche Ausgabe kommt in der gewohnt musikalischen Übersetzung von Waltraud Schwarze erstmals nicht beim Aufbau Verlag heraus, sondern bei Limes, einem Imprint von Random House, was hoffentlich langfristig gutgeht.

Mit ihren fantastischen Geschichten hat Vargas, die Archäologin und Tochter eines Surrealisten, ihr eigenes Genre geschaffen, den „polar poétique“, den poetischen Kriminalroman. Sie ist die unangefochtene Königin des französischen Krimis, im Durchschnitt verkauft sie eine halbe Million Exemplare.

Angesichts all der schrulligen, aufsässigen und charaktervollen Figuren – was machen eigentlich die drei Evangelisten oder Louis Kehrweiler mit seiner Kröte Bufo? – ist das eigentlich eine unerwartete Rolle. Zumal in ihren letzten Romanen alle Mann an ihrem festen Platz zu sitzen scheinen: Adamsberg in den Wolken, die Brigade am Schreibtisch und der Sohn in der Küche. Würde Commandant Danglard nicht eine kleine Meuterei anzetteln und das Wildschwein Marc durch den Wald von Rambouillet streifen, herrschte fast so etwas wie Ordnung in diesem Königinnenreich.

Info

Das barmherzige Fallbeil Fred Vargas Waltraud Schwarze (Übers.), Limes Verlag 2015, 512 S., 19,99 €

Thekla Dannenberg schreibt die Kolumne Mord und Ratschlag beim Online Kulturmagazin perlentaucher.de

* Bilder der Beilage

Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York zeigt Fotografien von realen Verbrechen im New York der Nullerjahre des vergangenen Jahrtausends. Um 1900 revolutionierte die noch junge Fotografie die Aufklärung von Kriminalfällen. Die Tatortfotografie hatte zu dokumentieren, was vorgefallen war. Die Angehörigen der Opfer, Täter und die beteiligten Ermittler sind verstorben, die Akten vernichtet. Zu einigen der etwa 200 Schwarz-Weiß-Fotografien und original Zeitungsartikel finden sich noch Notizen.

Herausgeber sind der Kölner Filmproduzent und Kameramann Wilfried Kaute und Joe Bausch, der Rechtsmediziner aus dem Kölner Tatort. Die Autoren recherchierten die Kriminalfälle in den Archiven, schrieben die Geschichten dazu und ergänzten so die eigentümliche Dramatik der Bilder. Der Band ist bei Emons erschienen und kostet 39,95 Euro.

06:00 17.11.2015

Ausgabe 08/2020

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