Superstar

Porträt Patrick Wagner hat als Kopf der Band Surrogat eine Massenpsychose ausgelöst und mit dem Label Kitty-Yo die Neunziger sexy gemacht. Und was kommt nun?

Der Freitag: Herr Wagner, wie geht’s?

Patrick Wagner:

Sehr gut. Ich hab endlich Zeit. Zum ersten Mal seit 15 verfickten Jahren.

Was machen Sie mit der Zeit?

Die verbring ich mit meinem Sohn. Der ist jetzt sieben.

Das heißt auch: Morgens auf­stehen, Schulbrote schmieren?

Genau. Obwohl ich mir mal geschworen habe, niemals im Leben den Wecker auf sechs Uhr irgendwas zu stellen. Dafür lese ich dann Zeitung, hab ich auch ewig nicht gemacht.

Und sonst?

Ich trainiere eine Fußball-Kindermannschaft, das macht totalen Spaß. Ich mache auch gerade den Trainerschein. Und stelle fest, dass der DFB, was die Lehre angeht, zehn Jahre weiter ist als die Schulen. Entsprechend sind auch die Ergebnisse besser, wenn man den Jugendfußball vergleicht mit den Pisa-Studien.

Sie entdecken also neue Welten. Haben Sie als Popmusiker und Musikmanager die letzten 15 Jahre in einem Ghetto verbracht?

Ja, ich empfinde es so. Ich bin noch am Anfang, die Frage zu beantworten: Wer ist eigentlich Patrick Wagner? Ich habe natürlich gedacht, ich brauch sofort wieder einen Job. Aber das hab ich erstmal hintenan gestellt.

Und wovon lebt die Familie ­Wagner?

Im Moment von Hartz IV.

Keine Perspektive im Musik­geschäft?

Doch, schon. Es gab einen Job in Köln bei der EMI. Mit viel Geld, Dienstwagen und Scheiß.

Die EMI ist doch pleite.

Ja, aber die haben ja noch mal 100 Millionen gekriegt. Damit sie noch eine Woche weitermachen können. Wahrscheinlich hätte ich den Job eh nicht gekriegt. Wie auch immer: Ich war total erleichtert, als es nicht geklappt hat.

Wollen Sie raus aus dem Pop­business?

Ja, da bin ich mir sehr sicher. Da müsste schon was kommen, was mich noch mal inhaltlich total berührt. Die Musikwirtschaft hat sich so entwickelt, dass jemand wie ich darin keinen Platz mehr hat. Oder anders: Ich konnte diese Entwicklung trotz meines Engagements nicht stoppen.

Haben Sie denn einen Beruf, ­einen Plan B?

Ich hab relativ lange Jura studiert. Ich bräuchte noch einen Schein, dann könnte ich das Staatsexamen machen. Aber das werde ich tunlichst lassen. Also eigentlich kann ich nichts. Aber es hat sich in­zwischen auch herausgestellt: Mit meinem Lebenslauf kann ich mich ganz gut auf irgendeinen Marketing-Job bewerben.

Aber bis dahin? Hatten Sie Rücklagen, als Ihr Label Louisville pleite ging?

Nein. Wir haben Schulden. Aber noch in einer Größenordnung, die man wieder zurückzahlen kann.

Noch im September 2007 haben Sie angesichts der damals schon längst ausgebrochenen Krise der Musikindustrie gesagt: 'Ich glaube nicht, dass Louisville Records eingehen wird. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass wir sehr bald sehr erfolgreich sein werden.' Was ist passiert?

Eigentlich war es damals schon katastrophal. Aber tatsächlich war 2007 unser bestes Jahr. Da haben wir die einzigen drei Platten herausgebracht, die auch funktioniert haben.

Was heißt funktioniert?

Dass sie rentabel waren, dass sie mehr eingebracht als sie gekostet haben. Aber von den insgesamt 14 Platten, die wir gemacht haben, haben nur diese drei funktioniert.

Keine tolle Quote. Woran lag’s?

Um das mal marketingtechnisch zu sagen: Unsere Produkte waren nicht für den Markt tauglich. Wir hatten eine Band wie Kissogram, die ich für unglaublich stark halte. Aber bei denen wusste man nie: Ist das Party? Oder doch eher Bob Dylan? Und der Abstand zwischen diesen beiden Polen ist zu groß, das ist eben nicht einfach lesbar.

Also selbst schuld?

Ja. Meine Idee war immer: Ich bin Patrick Wagner, ich veröffentliche meine Lieblingsmusik. Und alle müssen die dann super finden. Sie haben es aber nicht super gefunden.

Es lag also nicht an der Krise ...

Natürlich hilft es nicht gerade, wenn es keinen Markt mehr gibt. Aber grundsätzlich habe ich mich immer stark genug gefühlt, auch gegen einen Markt etwas zu erreichen.

War das schon Größenwahn?

Ich bin immer größenwahnsinnig. [lacht] Als Musikmanager muss man aber leider Kompromisse machen. Und ich bin eigentlich kein Musikmanager.

Dafür waren Sie in dem Job aber recht erfolgreich. Ihre erste Plattenfirma Kitty-Yo war in den mittleren neunziger Jahren das heißeste Label in Deutschland.

Ja, aber Kitty-Yo hätte noch viel erfolgreicher sein können. Ein Beispiel: Da kommt eine Demo-CD rein. Die Band heißt Mia. Totaler Schrott, grässlich, Live-Drum, schlimmer geht’s nicht. Aber ein gutes Lied. Also sage ich der Sängerin: Diese komische Ideal-Nena-Nummer, die machst Du super. Mach das und Du wirst wahnsinnig erfolgreich werden. Mach das, aber auf keinen Fall bei mir. Heute ist Mia eine der erfolgreichsten deutschen Bands und für den Tipp hat sich Frau Mieze Katz auch später noch mal bei mir bedankt. Aber ich bin eben zu eitel. Ich weiß zwar sehr genau, was man mit welcher Methode erfolgreich machen kann. Aber wenn mich das inhaltlich nicht interessiert, ist mir auch egal, ob das zehn Millionen Platten verkauft. Und so darf man als Musikmanager natürlich nicht denken. Jeder andere hätte Mia oder Wir Sind Helden verpflichtet. Ich hab die abgelehnt.

Der Unterhaltungskonzern Universal hat sie trotzdem ein­gestellt, nachdem Sie Kitty-Yo im Streit mit ihrem damaligen Kompagnon verlassen hatten.

Das war ein unerträglicher Job. Ich habe es genau ein Jahr ausgehalten, damit ich das erste Mal in meinem Leben Arbeitslosengeld bekomme.

Was war denn so schlimm?

Eigentlich war ich A, also ich sollte Bands entdecken und fördern. Aber wir durften niemanden unter Vertrag nehmen. Stattdessen sollte ich den Besen spielen.

Den Besen?

Ja. Ich sollte als halbwegs Normaler in dieser kranken Struktur aufräumen.

Haben Sie aufgeräumt?

Zuerst nicht. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, die Füße ruhig zu halten. Also hab ich mir den ganzen Tag Künstlerfotos angesehen. Das war aber doch zu lang­weilig. Dann hab ich ein bisschen gearbeitet, war schon noch drei Monaten zum Abteilungsleiter aufgestiegen und drei Leute waren entlassen worden. Nicht, dass ich wollte, dass die gefeuert werden, aber ich hatte halt mal in einem Meeting laut gesagt, dass die ihren Job nicht gemacht hätten.

Und plötzlich ist man das Kapitalistenschwein.

Ja. Grundsätzlich mag ich das nicht, aber letztlich bin ich total gerne Kapitalistenschwein, wenn ich für die richtige Band, wenn ich für gute Musik arbeiten darf.

Gibt es noch gute Musik?

Sehr wenig. Musik ist unglaublich gerade geworden, funktional und sauber.

Wer hat Schuld?

Die allgemeine Nivellierung, es gibt doch keine Unterschiede mehr, nichts mehr, an dem man sich reiben könnte. Die Homepage von, sagen wir mal, Antony the Johnsons unterscheidet sich nicht wesentlich von der meines Steuerberaters. Es gibt keine Unterschiede mehr, und damit auch kaum noch eine Möglichkeit, eine Haltung zu entwickeln. Musik aber funktioniert nun mal über Haltung. Jetzt müssen auch noch alle auf Facebook und sich dort mit jedem gemein machen. Das entmystifiziert endgültig. Wenn ich eine Band hätte, würde ich niemals Musik von mir ins Netz stellen. Nicht, weil ich Angst hätte, die verkauft sich dann nicht mehr. Sondern weil dann jeder jederzeit Zugriff darauf hat und glaubt, alles zu kennen.

So eine Verweigerungshaltung wäre doch auch nur eine Marketingstrategie.

Vielleicht. Aber es ist auf jeden Fall die spannendere Haltung verglichen mit der üblichen Botschaft: Wir waren im Studio, unsere neue Platte heißt soundso und hier kannst Du einen Song davon herunterladen. Was ist denn das für eine Botschaft? Schlussendlich geht es nur noch um Botschaften: Eine gute lässt sich immer transportieren, eine schlechte eben gar nicht – außer vielleicht mit sehr, sehr viel Geld.

Sie sagen also: Das Netz ist schuld. Hat die Musikindustrie selbst keine Fehler gemacht?

Die Industrie hat alle Fehler gemacht, die möglich waren. Aber, um ehrlich zu sein: Man kann sich dazu auch nicht verhalten. Man hat keine Chance gegen diese alles nivellierende Flachheit des Netzes. Mich hat letztens ein Filmmagazin gefragt, was die Filmindustrie von der Musikindustrie lernen kann. Ich hab gesagt: Früher aufgeben.

Und nun?

Zum Glück habe ich ja einen Draht in die Zukunft. Ein Freund von mir ist Physiker. Und deshalb weiß ich, wohin die Reise gehen wird: Das Netz wird sehr bald durchkommerzialisiert werden. Dann ist es technisch möglich, jeden Klick zu registrieren und in Geld umzurechnen. Musiker werden also keine CDs mehr verkaufen, auch keine Downloads, sondern für jeden Klick bezahlt werden.

Und wo kommt das Geld her? Wie kriegt man die Konsumenten, die gewohnt sind, alles umsonst zu bekommen, wieder dazu, für Musik zu zahlen?

Das wird über Flatrates geregelt werden. Aber grundsätzlich finde ich solche Diskussionen heutzu­tage ja wahnsinnig uninteressant.

Das war mal anders. Nicht nur als Musikmanager, sondern auch schon als Musiker haben Sie mit Marktmechanismen gespielt. Und das so erfolgreich, dass ihre Band Surrogat für einen damals stattlichen Vertrag von einer großen Plattenfirma verpflichtet wurde.

Ja, Surrogat. Gute Band. [lacht] Ich hab die Musik seitdem, ehrlich gesagt, nicht mehr gehört. Aber mein Sohn hat die jetzt gerade entdeckt. Ohne mein Zutun. Dem hat nur das Cover der CD gefallen, er hat sie eingelegt und fand’s super. Dann hat er mir aber nicht geglaubt, dass ich das bin: Ach komm, Papa, hat er gesagt, das bist doch nicht du.

Ein Star sind Sie aber trotzdem nicht geworden, obwohl das die Idee hinter Surrogat war.

Das war Marketing, aber unter uns und ganz ehrlich: Surrogat haben die größtmögliche Massenpsychose ausgelöst, die drin war. Wir haben zum großen Teil 7/8-Takte gespielt, das kann man nicht mal eben in der Indie-Disco auflegen. Das war nicht für die Massen gemacht. Patrick-Wagner-Superstar, das war doch ein Witz.

Den viele ernst genommen haben. Und an dem Surrogat schlussendlich gescheitert sind.

Wir waren inhaltlich leer. Die Band ist einfach eingeschlafen. Ich war Vater geworden und habe mich dann manchmal auf der Bühne gefragt, was ich hier eigentlich mache. Deshalb hatte ich einfach nicht mehr die Kraft, immer wieder die anderen anzutreiben. Also habe ich nach unserer letzten Tournee, die eigentlich unsere erfolgreichste war, gesagt: Wir proben das nächste Mal, wenn Ihr mich anruft. Auf den Anruf habe ich dann anderthalb Jahre gewartet. Also so sehr hat es den anderen nicht unter den Nägeln gebrannt und das muss man dann halt akzeptieren. Für so etwas will ich dann nicht meine Zeit verschwenden.

Das war im Jahr 2003. Haben Sie die Musik seitdem nicht vermisst?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte nichts zu sagen. Ich hab nur ein bisschen für mich Gitarre gespielt. Aber jetzt schreibe ich wieder. Ich mache Musik mit einem Freund. Das soll unglaublich gewaltvoll werden, mit viel Geschrei, un­­­- kon­trolliert. Aber keine klassische Rockband, sondern mit einer ­Maschine.

Klingt nicht gerade nach Altersmilde.

Das fände ich ganz schrecklich. Ich sehe meine Zukunft eher als Flitzer, nackt auf der Straße. Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Bedürfnis, mich zu exhibitionieren. Die neuen Songs hören sich selbst auf der akustischen Gitarre unglaublich böse an. Ich finde, so eine Kompromisslosigkeit fehlt. Nicht, dass das irgendjemand brauchen würde außer mir, aber es fehlt.

Das Gespräch führte Thomas Winkler

Patrick Wagner, geboren 1970 in Karlsruhe, ist eine der schillerndsten und umstrittendsten Figuren der deutschen Musiklandschaft. 1990 ging er nach Berlin und gründete vier Jahre später die Rockband Surrogat. Die mutiert nach atonalen Anfängen zu einer Konzeptband, die mit provokativen Slogans und brutalen Gitarrenriffs die grassierenden Klischees der Rockmusik konterkariert. Wagner verpasst sich selbst das Kürzel gaG für größer als Gott, fordert singend Gib mir alles und fragt sein Publikum: Seid Ihr mit mir?. Manchen gilt er als größenwahnsinniges Großmaul, anderen als missverstandenes Genie.

Um die eigenen Platten veröffentlichen zu können, gründet er mit dem Antiquariatsmitarbeiter Raik Hölzel das Label Kitty-Yo. Die beiden Business-Autodidakten schreiben eine Erfolgsgeschichte und formen die angesagteste unabhängige Plattenfirma der späten neunziger Jahre. Sie gehören zu den ersten, die Rock und Dance-Musik zusammen denken, sind damit auch international erfolgreich, aber zerstreiten sich über die weitere Strategie: Hölzel setzt auf Besitzsstandswahrung, Wagner will größer hinaus und expandieren. Aber er verliert den Richtungsstreit und verlässt Kitty-Yo.

Surrogat unterzeichnen bei einem großen Unterhaltungskonzern, Wagner wird als Verräter beschimpft. Das wird nicht besser, als er auch noch als Manager bei Universal Deutschland anheuert, aber bereits nach einem Jahr wieder geht. Danach gründet er mit seiner Ehefrau Yvonne, die bei Universal als Promoterin gearbeitet hatte, im Jahr 2004 ein neues Label: Louisville Records. Sie setzen radikal auf den Indie-Gedanken, veröffentlichen von der Kritik geschätzte, vom breiten Publikum aber weitgehend ignorierte Musik. Und scheitern. Im März 2010 geben die Wagners die Pleite von Louisville bekannt. tw

13:00 12.05.2010

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